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Jahrgang 2016 Nummer 48

Das Kaufhaus Barasch in Traunstein

Antisemitismus an der Schwelle zum 20. Jahrhundert – Aus der Reihe »Wöchentlicher Anschlag« / Teil II

»Neuestes Preis-Verzeichnis für die Sommersaison 1894 von Joseph Rieder Bazar Nachfolger« (Plakat Nr. 957); beige mit schwarzer Schrift, beidseitig im Mittelteil mit verschiedenen Angeboten bedruckt, dabei oben und unten identisch, Herausgeber: Georg Barasch, Druck: B. Heller, München, 49 mal 65 cm, beschädigt.
Ein Blick in die Bahnhofsgasse um 1890, wo der Anschlag auf das Geschäft des jüdischen Kaufmanns Georg Barasch stattfand. (Heimathaus Traunstein, Fotosammlung)
Werbung des Georg Barasch für sein neues Geschäft im Haus Bahnhofstraße 18. (Traunsteiner Wochenblatt, 14. 2. 1895)
Das Breslauer Kaufhaus Barasch im Rohbau (1902). Die kleinere Tafel oben rechts warb für die Traunsteiner Dependance der Warenhauskette. (Foto: Privatbesitz)
Das Warenhaus der Gebrüder Barasch in Breslau kurz nach seiner Eröffnung am 4. Oktober 1904. (Postkarte, Digitalisat erworben bei Ansichtskarten-Lexikon)

Am 15. April 1894 kam Georg Barasch, Agent und Geschäftsführer, geboren am 5. November 1866 in Stein an der Oder (Niederschlesien, heute Polen), zusammen mit seiner Frau Ida, geborene Guggenheimer, die am 12. Januar 1871 in Wiblingen bei Ulm das Licht der Welt erblickt hatte, nach Traunstein; unter Religion vermerkt der Familien-Bogen bei beiden »israelitisch«. Barasch hatte von Hermann Tietz dessen Geschäft übernommen und ließ es am 2. Mai auf seinen Namen gewerblich registrieren. Er war nun in der Bahnhofsstraße 8, wo er auch wohnte, »Joseph Rieder[s] Bazar Nachfolger« und warb unter dieser bekannten Firmenbezeichnung unverzüglich um Kundschaft: »Dem verehrlichen Publikum von Traunstein und Umgebung mache ich die höfliche Mittheilung, daß ich, um allen Anforderung genügen zu können, mein Lager weitaus vergrößert habe und füge ich der heutigen Nummer der Zeitung mein neuestes Preisverzeichnis bei. Ich bitte, die so bedeutend herabgesetzten Preise gütigst zu beachten.«(16) Das angekündigte Prospekt war ein beidseitig bedrucktes Plakat. Es wurde von einem Zeitgenossen mit folgendem Bleistiftvermerk versehen: »Das erste Judengeschäft in Traunstein verursachte unter den Geschäftsleuten gewaltige Aufregung«; eine harmlose Umschreibung der sich anbahnenden Vorkommnisse.

Die Atmosphäre war vergiftet. »Um die in der letzten Zeit mehrfach wieder hervortretenden, auf Irrthum beruhenden Meinungen zu zerstreuen, erkläre ich hiemit, daß ich nicht Jude [hervorgehoben], sondern mit meiner Familie katholisch bin, auch keine jüdische Firma vertrete, vielmehr mein Geschäft auf eigene Rechnung führe, was ich jederzeit durch meine Bücher nachweisen kann. Ferdinand Binder, Putzgeschäft.«(17) Dies ist nur eines von mehreren Beispielen, die auf Anfeindungen gegen alles Jüdische schließen lassen. Barasch versuchte dem zu begegnen, indem er sich selbst als Person zurücknahm. In keinem seiner Inserate erschien sein Name, stets war er nur »der Nachfolger«. Am 3. November eröffnete er »in den rückwärts gelegenen Räumen meines Geschäftslokals, Bahnhofgasse, einen 10-, 20-, 35-, 50-Pfennig- und 1-Mark-Bazar und [empfahl] die der heutigen Nummer dieses Blattes beigefügte Preisliste einer gütigen Beachtung«.(18) Dass »die Landwirthsfrauen fleißig zu ihm in’s Einkaufen«(19) gingen, belegt, dass sein Geschäft gut angenommen wurde. Allein, es half nichts. Der Erfolg verstärkte nur den Hass seiner Gegner. Planmäßig und systematisch agitierten sie gegen ihn. Und er war nicht der Einzige, dem das widerfuhr.

»Zur Beruhigung unserer Wirthsleute und einer gewissen Partei zeigen wir hiemit an, daß die angekündigte Kleiderhandlung des Herrn Walter, München, nicht bei uns einzieht. Wir hoffen, uns nun in Ruhe zu lassen.«(20) Die Hausbesitzerin Katharina Lecher sah sich zu dieser öffentlichen Bekanntmachung gezwungen. Sie hatte ihren unmittelbar neben Barasch in der Bahnhofstraße 10 gelegenen Laden zunächst an den genannten jüdischen Kaufmann vermietet. »Die Vermieterin erhielt jedoch Drohbriefe und verweigerte darauf die Abgabe des Ladens an den Miether. Dieser klagte, und die Frau erhielt Recht, da ihr Leben bedroht sei, wenn sie den Vertrag erfüllen würde.«(21) Kurze Zeit später schaltete sie erneut eine Anzeige: »Es ist an einen Katholiken vermietet und vertritt auch kein Juden-Geschäft.«(22) Und dieser neue Mieter war eilig darum bemüht, sämtlichen Anfeindungen zuvorzukommen: »Hiermit beehre ich mich dem geehrten Publikum bekannt zu machen, daß ich mein Herren- und Knaben-Confektions- und Maaß-Geschäft unter der Firma Franz Xaver Maurer, Bahnhofstraße 160 1/6 […] etablirt habe. (Christliches Geschäft).(23)

Wenige Tage, nachdem Barasch sein Sortiment mit einer »Weihnachts-Ausstellung in Spiel-Waaren«(24) erweitert hatte, eskalierte die Situation. In der Nacht auf den 29. November »wurde in der Bahnhofstraße abermals eine Bombe gelegt und die Auslagenfenster des Herrn Barasch« zerstört. – »Zu der Nachricht, welche wir in voriger Nummer [...] nur kurz gebracht hatten, wollen wir noch beifügen, daß die Thür und das Ladenfenster ganz zertrümmert wurden und Stücke auf einen Baum vom Pfarrhof hinüber schleuderten. Außer dieser Verwüstung wurden noch sehr viele Kleiderstoffe, Regenschirme etc. sehr beschädigt. Ein großes Glück war es, daß kein Menschenleben zu beklagen ist, was sehr leicht hätte der Fall sein können, da einige Minuten vorher die diensthabenden Postboten vorüber gingen.«(25)

Allem Anschein nach ist das nicht das erste Mal. »Vor einigen Monaten wurde ein Pulverattentat auf seine Wohnung verübt. Später folgte ein vereiteltes Attentat, das seinem Leben gegolten zu haben scheint. Das vorgestrige ist das dritte. Jedesmal ging eine antisemitische Versammlung voraus. Das [...] Attentat scheint mit Dynamit verübt worden zu sein. [...] Der Schaden beträgt etwa 600 Mark. Es ist, wie man uns mittheilt, die ausgesprochene Absicht der antisemitischen Helden, Herrn Barasch, welcher der einzige israelitische Kaufmann in Traunstein sein soll, aus der Stadt hinauszuekeln, und die Antisemiten sind in ihrem verabscheuungswürdigen Treiben so brutal, daß angesehene Damen Herrn Barasch dringend baten, niemandem zu sagen, daß sie seine Kunden seien. Männer, deren Frauen bei Barasch einkaufen, haben Drohbriefe bekommen! Der Kaufmann erhielt zahlreiche Sympathie-Kundgebungen. Heute Nacht hatte er auf eigene Kosten Wächter aufgestellt.(26)

Natürlich wiesen sowohl die selbsternannten Wächter des Wettbewerbs als auch die Judenfeinde umgehend jede Schuld von sich. »Unter Bezugnahme auf das Attentat in der Bahnhofgasse und die verbreiteten Gerüchte, als hätte der Verein zum Schutze gegen unlauteren Wettbewerb seine Hand dabei im Spiele, erklärt der unterfertigte Ausschuß hiemit offen, daß der Verein die Bekämpfung jedweder unsolider Geschäftspraxis unternimmt, aber mit derlei Mitteln sein Ziel nicht zu erreichen sucht; das beweisen die Statuten, welche vom Stadtmagistrat ohne Erinnerung genehmigt wurden und welche den Handlungen des Vereins zur strikten Richtschnur dienen [...] und muß der Verein die Urheber und Verbreiter solcher Gerüchte gerichtlich verfolgen.«(27) – »Heute nachmittags drei Uhr fand die angekündigte Antisemiten-Versammlung in Hutters Kellersaal bei starker Betheiligung statt. Der Einberufer, Herr Baumeister Zeitler, eröffnete die Versammlung mit einem Protest gegen die Verleumdung [...], als wäre der Verein Ursache und Anstifter des letzten Attentates [...]«(28)

Doch es war nicht zu übersehen: Die Stimmung kippte! »Durch solche Buberei macht sich die Stadt einen schlechten Namen. Wissen denn die Verursacher solcher dummen Gemeinheiten nicht, daß für jeden Schaden der Stadtsäckel haften muß?« – »Es wäre sehr zu wünschen, das der Thäter namhaft gemacht werden könnte, sonst ist es weit gefehlt um den guten Ruf unserer Stadt, denn, wenn eine Wiederholung im Mai stattfinden würde, dann können wir sicher annehmen, daß unsere Sommergäste Traunstein als Aufenthaltsort meiden. Wolle jeder Bürger sein Möglichstes beitragen, damit der Attentäter eruiert werden kann.«(29) 500 Mark Belohnung lobte der Stadtmagistrat für denjenigen aus, »welcher über den Urheber der [...] Explosion so bestimmte Angaben machen kann, daß dessen gerichtliche Verurtheilung erfolgt«.(30)

Ob der oder die Täter tatsächlich gefasst werden konnte(n), ließ sich nicht feststellen. Kam(en) er oder sie aus den Reihen der Vereine oder war es deren unsägliche Propaganda, die einen oder mehrere fehlgeleitete Sympathisanten angestachelt hatte? Die Antwort auf diese Frage ist unerheblich. Beiden Gruppierungen war jedes Mittel recht, um ihr menschenverachtendes Ziel zu erreichen. Ohne Unterlass hatten sie die Traunsteiner Bevölkerung aufgewiegelt. Bei ihnen lag die Verantwortung, ohne Wenn und Aber. Das war wohl auch die mehrheitliche Meinung. Leider stand dabei weniger das Mitleid mit dem Geschädigten sondern vielmehr die Sorge um das Ansehen der Stadt im Vordergrund.

Georg Barasch und seine Frau hatten zu allem Überfluss auch ein schweres persönliches Schicksal zu tragen. Am 18. Oktober war die Tochter Henriette nur zwei Tage nach ihrer Geburt verstorben. Und am 5. Juli 1895 verlor das Ehepaar ein weiteres Kind, wiederum ein Mädchen, dem es nicht einmal mehr einen Namen geben konnte; es hatte nur eine Stunde gelebt. Der gegen ihn und sein Geschäft gerichteten Gewalt aber wich der aufrechte Kaufmann nicht, im Gegenteil. Ruhig und sachlich stellte er zunächst seine Sicht der Dinge dar:

»Durch die verschiedenen, völlig unbegründeten Angriffe, welche der sich hier neu gebildete Verein zum Schutze gegen den unlauteren Wettbewerb in Handel und Gewerbe gegen mein Geschäft unternimmt, fühle ich mich veranlaßt, eine Erwiderung zu bringen. Die Tendenzen des Vereins kann ich nur gutheißen, wenn derselbe, da mir die Statuten nicht bekannt sind, seinem Namen entspricht. Was ich jedoch bis jetzt von den Tendenzen des Vereins wahrgenommen [habe], ist sein Name ein nur vorgeschobener, sein Prinzip ist: mein Geschäft zu ruinieren. Wenn mein Geschäftsgebaren ein solches wäre, daß der Verein seinem Namen entsprechend gegen mich gerichtlich hätte vorgehen können, so wäre dies ganz gewiß geschehen.

Mein Prinzip ist: die Waare vom Fabrikanten dem Publikum so billig als nur möglich zuzuführen, dies ist nicht nur mein Prinzip, sondern Pflicht und Schuldigkeit eines jeden Kaufmannes. Ich muß nun leider die Behauptung aufstellen, daß diese Thatsache der einzige Grund ist, welcher den Verein veranlaßt, gegen mich zu Felde zu ziehen. Da ich nun nicht meine Konkurrenz zu meinen Kunden zähle, werde ich meinem Prinzip, nur auf reellem Wege billig zu verkaufen, nach wie vor treu bleiben; es gibt also für den wohllöblichen Verein kein anderes Kampfwerkzeug, als sich der Pflichten eines Kaufmannes zu erinnern.

Nicht unbeachtet will ich den Vorwurf lassen, welchen mir der Verein darin macht, daß ich mir neue Artikel zugelegt habe. Hierin bin ich nur lediglich den Wünschen eines Theiles meiner werthen Kundschaft, welche zu den weniger bemittelten Klassen zählt, gerecht geworden; ebenso einem Theile, welche ausschließlich ihren Bedarf in München gedeckt hat. Auch verweise ich diesbezüglich auf die Geschäfte der verehrlichen Vorstandschaft des Vereins, da schaut es noch bedeutend mannigfaltiger aus.«(31)

Man kann ihm nur beipflichten. Warenhäuser waren ein neues Geschäftsmodell, geschuldet den Erfordernissen des industriellen Zeitalters. Sie hatten gewiss auch ihre Schattenseiten, aber ihr Angebot und ihre Preisgestaltung kamen der Kundschaft zugute, und dabei vor allem der einfachen und mittleren Bevölkerungsschicht. »Obwohl Warenhäuser im Kaiserreich noch eher einer bürgerlichen, bessergestellten Käuferschaft vorbehalten waren, vollzog sich zu Beginn der Weimarer Republik rasch eine Demokratisierung des Konsums. Neben den großen Warenhäusern, die sich durch repräsentative Fassaden und Treppenhäuser, großzügige Lichthöfe, Glaskuppeln, Dachgärten und durch eine luxuriöse Ausstattung auszeichneten, wurden kleinere Warenhäuser in den Einkaufszentren der Stadtteile errichtet, die nahezu den gesamten Kosmos von Gebrauchsgütern unter einem Dach anboten und diese stärker an den häufig über wenig Einkommen verfügenden Käuferschichten des Einzugsgebiets ausrichteten. Industriell gefertigte Massenprodukte konnten für breitere Schichten hergestellt werden. Die vorher wenigen Wohlhabenden vorbehaltenen Luxusgüter wurden zu preiswerten Serienprodukten, und auch seltene Importgüter waren nun in großen Mengen für immer mehr Käufer erschwinglich.«(32)

Und den Vorwürfen, die man den Juden immer wieder hinsichtlich schlechter Behandlung, übler Bezahlung und Ausbeutung ihrer Mitarbeiter machte, sei allgemein nur Folgendes entgegengestellt. »Den Angestellten des Konzerns [von Hermann Tietz] standen beispielsweise zwei Urlaubstage mehr zu, als der Tarif vorsah. Während des Urlaubs erhielten sie die ersten zwölf Tage zusätzlich 3,50 Reichsmark. Die Einrichtung eines Ferienheims [...] bot zahlreichen Angestellten ein preiswertes Urlaubsquartier. Der Schocken-Konzern(33) versorgte außerdem unterernährte und geschwächte Lehrlinge und Arbeiter mit Frei-Abgaben von Verpflegung und Milch. Bei Bedarf wurden auch Kakao und Mittagessen kostenlos zur Verfügung gestellt. In den größeren Zweigstellen [...] gab es die sogenannten Betriebspflegerinnen. Ihre Aufgabe war es, die Angestellten vor allem in hygienischen und gesundheitlichen Angelegenheiten zu betreuen. Im Laufe ihrer Arbeit wurden dann entsprechende Maßnahmen [...] von der Geschäftsführung eingeführt. Zur Förderung des kulturellen Interesses der Mitarbeiter erhielten diese vergünstigte Eintritte für Konzertveranstaltungen [...]. Durch spezielle Instrukteurinnen wurde die Weiterbildung der jüngeren Angestellten gewährleistet. [...] Für länger beschäftigte Angestellte wurde eine spezielle Pensionskasse eingerichtet. Diese sollte den Mitarbeitern und ihren Angehörigen eine finanzielle Absicherung bei Erwerbsunfähigkeit und im Todesfall bieten.«(34)

Kehren wir abschließend noch einmal nach Traunstein zurück. »Wegen Verkauf des Hauses muß ich mein Lokal räumen und unterstelle ich mein Waaren-Lager einem soliden Ausverkauf. Sämtliche Waaren werden fast zum Selbstkostenpreis abgegeben.«(35) Diese Annonce war nicht das Ende, sondern vielmehr der Anfang einer Erfolgsgeschichte. Georg Barasch hatte sein Geschäft gegen alle Widrigkeiten behauptet, der Zuspruch seiner Kundschaft war bemerkenswert und ungebrochen; er gab es nicht auf – er vergrößerte es! Am 4. Februar 1895 erwarb er von Eugen Rosner (der keinen Gedanken daran verschwendete, nicht an einen Juden zu veräußern) dessen repräsentatives Haus in der Bahnhofstraße, »das Anwesen Hs. Nr. 167 1/48, [bestehend aus] Plan-Nr. 842 1/5a, Wohnhaus mit Nebengebäude und Hofraum, [und] Plan-Nr. 842 1/5b, Büchelehausanger (Wiese)«. Der gegen Brand zu versichernde Wert betrug 55 500 Mark.(36) Zusätzlich zum Café Luitpold war dort für kurze Zeit bereits von »J. Silber und Kreipl« ein Gemischtladen betrieben worden, der neben verschiedenen textilen Artikeln auch »Pfeifen, Spazierstöcke und Cigarren« feilgeboten hatte.(37) Jetzt wurde das Gebäude zum »Kaufhaus Barasch«.

1896 verzog Georg Barasch nach Breslau. Sein Traunsteiner Kaufhaus wurde ab dem 21. September 1909 von Georg Conrad, als »gem[ischtes] Manufakturwarengeschäft mit Damenputz« geführt. Conrad, geboren am 22. September 1862 in Bialla (Ostpreußen), war ebenfalls Jude und von Beruf Kaufmann, wie schon sein Vater Jakob. Verheiratet war er in erster Ehe mit Elise, geborene Wertheimer (1854 bis 1916). 1902 zogen sie mit ihren beiden Kindern nach Traunstein. Die Tochter Elsa ging bei Barasch in die Lehre. Nach dem Tod seiner Frau heiratete er die wesentlich jüngere, evangelische Margareta Frank, geboren am 13. Mai 1900 in Klosterlausnitz (Thüringen). Georg Conrad verstarb am 6. Dezember 1923 in Rosenheim.

Eigentümer aber waren und blieben Georg Barasch und seine Frau Ida bzw., nach deren Tod 1911, eine Erbengemeinschaft, bestehend aus ihm selbst und den Kindern Hertha, verehelichte Krotoschiner (* 1898) und Erich (* 1905); später trat auch sein Bruder Artur der Firma bei. Erst 1925 verkauften sie es dem Kaufmann Konrad Sachs.(38) Zu diesem Zeitpunkt waren die »Gebrüder Barasch« zu einer bedeutenden deutschen Warenhauskette aufgestiegen, mit Dependancen in Beuthen (Oberschlesien), Braunschweig, Breslau, Gleiwitz, Kattowitz, Königsberg und Magdeburg. Das 1904 eröffnete Kaufhaus in Breslau war ein prachtvolles Jugendstilgebäude, dessen Eckwinkel ein beleuchteter Erdball aus Glas schmückte.(39) Auf einer 1902 entstandenen Aufnahme sieht man den Rohbau, versehen mit Werbetafeln der anderen Barasch-Standorte, darunter auch Traunstein! Georg Barasch hatte am 18. Dezember 1916 in Breslau mit Betti Rosenthal (* 1872), geborene Brinnitzer, ein zweites Mal den Bund der Ehe geschlossen. Ab 1920 bis 1939 ist er mit der Wohnadresse Lützowufer 23 in den Berliner Telefonbüchern aufgeführt. Zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern aus erster Ehe gelang es ihm, Deutschland noch rechtzeitig zu verlassen, bevor der Holocaust der Nazis dies unmöglich machte. Nach langem, schweren Leiden starb er am 28. August 1943 in Quito, der Hauptstadt Ecuadors. Dort lebten auch seine Frau und sein Sohn; die Tochter Herta Krotoschiner, ihr Mann Joachim und ihre beiden Kinder Hani und Lilli werden auf der Todesanzeige mit der Adresse »2528 Broadway, N.Y.C.« [Ney York City] genannt.(40) Seinem jüngeren Bruder war dieses Glück nicht beschieden. Artur Barasch, geboren am 28. Januar 1872, Inhaber des Eisernen Kreuzes und Kunstmäzen, wurde am 6. April 1942 im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet. Ein Stolperstein, verlegt an seinem letzten Wohnort in Berlin-Grunewald, Wissmannstraße 11, erinnert an sein Schicksal.(41)


Franz Haselbeck


Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 47/2016 vom 19. 11. 2016


Anmerkungen:
(16) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 55 v. 8. 5. 1894, S. 4 (Inserat).
(17) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 138 v. 17. 9. 1894, S. 4 (Inserat).
(18) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 131 v. 1. 11. 1894, S. 4 (Inserat).
(19) Wie Anm. 15 (Teil I).
(20) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 106 v. 4. 9. 1894, S. 3 (Inserat).
(21) Zeitschrift »Der Israelit«, 3. 12. 1894; URI: <http://www.alemannia-judaica.de/traunstein_juedgeschichte.htm> (18. 8. 2016).
(22) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 141 v. 24. 11. 1894, S. 3.
(23) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 146 v. 6. 12. 1894, S. 4.
(24) Wie Anm. 22.
(25) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 143 v. 29. 11. u. Nr. 144 v. 1. 12. 1894, jew. S. 2.
(26) Wie Anm. 21.
(27) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 144 v. 1. 12. 1894, S. 4.
(28) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 146 v. 6. 12. 1894, S. 1.
(29) Wie Anm. 25.
(30) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 146 v. 6. 12. 1894, S. 2.
(31) Wie Anm. 28, S. 2.
(32) Klaus Strohmeyer, Warenhäuser, in: Lebendiges Museum Online (LEMO), URI: <https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/alltagsleben/warenhaeuser> (19. 8. 2016).
(33) Warenhauskonzern der jüdischen Brüder Salman und Simon Schocken, 1904 gegründet, bis 1930 die viertgrößte Warenhauskette Deutschlands, 1938 arisiert, 1949 für die westliche Besatzungszone an die Familie Schocken rückübereignet, 1953 veräußert und später in der Horten AG aufgegangen.
(34) Katrin Gründling, Jüdische Kaufhäuser; URI: <http://www.judentum-projekt.de/geschichte/neuzeit/versch/kauf.html> (18. 8. 2016).
(35) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 18 v. 9. 2. 1895, S. 4.
(36) Staatsarchiv München, Grundbuch Traunstein, Bd. 19, Bl. 1116.
(37) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 54 v. 5. 5. 1894, S. 4 (Inserat).
(38) Wie Anm. 36.
(39) Heute findet man in dem umgestalteten Gebäude das Kaufhaus »Feniks«.
(40) Todesanzeige in dt.-jüdischer Zeitung »Aufbau« (New, York, gegr. 1934) vom 24. 9. 1943, S. 17, URI: <http://freepages.genealogy.rootsweb.ancestry.com/~alcalz/aufbau/1943/1943pdf/j9a39s17.pdf> (19. 8. 2016).
(41) Vgl. Wikipedia: Gebrüder Barasch, URI: <https://de.wikipedia.org/wiki/Gebr%C3%BCder_Barasch> und: Warenhaus Gebrüder Barasch (Breslau), URI: <https://de.wikipedia.org/wiki/Warenhaus_Gebr%C3%BCder_Barasch_(Breslau)> (beide 18. 8. 2016).


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