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Jahrgang 2016 Nummer 47

Das Kaufhaus Barasch in Traunstein

Antisemitismus an der Schwelle zum 20. Jahrhundert – Aus der Reihe »Wöchentlicher Anschlag« / Teil I

Joseph Ritter von Seuffert, Bürgermeister der Stadt Traunstein 1878 bis 1909, hält eine Zeichnung mit den Porträts seiner drei Vorgänger in Händen. Das Gemälde befindet sich im Alten Ratssaal. (Stadt Traunstein, Gemäldesammlung)
Die Bahnhofstraße, damals »Königsstraße«, von jungen Alleebäumen gesäumt. Rechts das von Fintan Leutenegger erbaute Haus. (Stadtarchiv Traunstein, Fotosammlung)
»Unterforsthubers Volksbazar« im Haus Bahnhofstraße 16. (Stadtarchiv Traunstein, Fotosammlung)
Inserat des Kaufhauses Tietz. (Traunsteiner Wochenblatt, 15.3.1894)
Baumeister Georg Zeitler (1841-1919), Vorsitzender der Antisemitischen Volkspartei für den Chiemgau in Traunstein. (Foto: Privatbesitz)

Traunstein im Herbst 1894. Vor wenigen Wochen war der neuerrichtete Truna- oder Luitpoldbrunnen am Stadtplatz eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben worden. Für den 1. Oktober hatte »Seine Königliche Hoheit« höchstselbst sein Erscheinen angekündigt, um das ihm gewidmete, monumentale Denkmal persönlich in Augenschein zu nehmen. Fieberhaft bereitete man sich auf den Besuch des Prinzregenten vor.(1) Passend dazu hatte das »Café Luitpold« in der Königstraße einen neuen Pächter gefunden. Carl Lechner, zuvor Oberkellner im renommierten Münchner Grandhotel Leinfelder am Lenbachplatz, kündigte an, mit »Führung einer vorzüglichen Küche [...] mir die Zufriedenheit meiner werthen Gäste zu erwerben und zu erhalten«.(2) Traunstein war auf dem besten Weg, sich als Kurstadt, malerisch zwischen Chiemsee und den Alpen gelegen, zu etablieren. Die Saline in der benachbarten Au stand nach der Errichtung einer fünften Pfanne im Jahr 1870 dem »Mutterhaus« in Reichenhall kaum nach, was den Ausstoß des »Weißen Goldes« betraf. Bürgermeister Joseph Ritter von Seuffert führte die Stadt umsichtig, vorausschauend und mit ruhiger Hand auf ihrem Weg in die Moderne, ohne dabei die gewachsene bürgerliche Beschaulichkeit zu vernachlässigen oder gar zu opfern. War also doch »vor anno 14 [...] noch vieles in Ordnung damals«?(3)

Mitnichten! Der treue Leser dieser Serie, dem die Meinung des Autors über die »gute, alte Zeit« geläufig ist, kennt diese Antwort. Und wer seine Auffassung bislang nicht teilt, den sollte der folgende Beitrag nachdenklich machen.

»Möchten doch endlich unsere deutschen Frauen bei ihren Einkäufen nicht immer nur gedankenlos auf die (scheinbare) Billigkeit der Judenware sehen, sondern der sittlichen Erwägung Raum geben, wie sehr die deutsche Mitschwester oder der deutsche Mitbruder, welche als Näherin oder Arbeiter die angestaunte Billigkeit mit hervorbringen helfen, unter dieser Billigkeit leiden müssen, und woher denn die Töchter Israels den Staat nehmen, in welchem sie in Samt und Seide, schwerem Goldgehänge und Bänderpracht umherstolzieren. Es kann kein Glück und Segen bei unserem Volke sein, wenn es durch Gedankenlosigkeit die eigenen, armen Arbeiter den Juden und Genossen zur Ausbeutung freigibt. Wir können unseren Lesern nicht warm genug an’s Herz legen, auf ihre Frauen einzuwirken, sich zur moralischen Pflicht zu machen, aus obigen und vielen anderen Gründen, welche wir vielleicht noch Gelegenheit haben werden zu beleuchten, nur bei christlichen, soliden Geschäften ihren Bedarf zu decken.« Dieser »drastische Kommentar«(4) lässt aufhorchen. Fassen wir zunächst die Fakten zusammen, die für das sich Ende November 1894 dramatisch zuspitzende Geschehen maßgeblich sind. Hierbei sind drei, teilweise parallel verlaufende Handlungsstränge zu betrachten.

Handlungsstrang 1: Im Verlauf des Jahres 1893 hatte Fintan Leutenegger(5), Maler, Hotelier und Kaufmann, an der Königstraße ein großzügiges, villenartiges Gebäude errichten lassen (heute Bahnhofstraße 18). Im Erdgeschoß eröffnete er das vorgenannte Café Luitpold. Am 6. April 1893 wurde ihm hierzu die »persönliche Concession zum Ausschank von Weinen, Liqueuren und Flaschenbieren erteilt«. Wenige Wochen später verpachtete Leutenegger das Café an Johann Seywald, den Besitzer des Wildbades in Empfing, der es zu einem Restaurant erweitern wollte. Das rief unverzüglich die geballte Konkurrenz auf den Plan. Angeführt von Magistratsrat Peter Scheicher, dem Erbauer und Betreiber des benachbarten Parkhotels, unterzeichneten 39 Gastronomen eine Petition, die erforderliche Genehmigung zu verweigern – »sowohl in ihrem persönlichen als auch im allgemeinen Interesse«. Mit über 60 Wirtschaften sei der Bedarf in Traunstein bereits mehr als gedeckt. »Außerdem sind in den letzten Jahren mit großen und schweren Opfern neue Etablissements entstanden [...], die [...] hinreichend Sorge tragen, daß auch im neuen Villenviertel kein Mangel an Wirthschaften besteht.« Angesichts des massiven Gegenwindes veräußerte Leutenegger das neue Haus am 30. Dezember an Eugen Rosner, einen der wohlhabendsten und einflussreichsten Bürger der Stadt.(6)

Für Rosner war klar, dass dieses »große und schön ausgestattete Café [...], das selbst in größeren Städten [...] seinesgleichen sucht, der aufstrebenden Stadt Traunstein zur Zierde [und] den Cur- und Sommergästen, ebenso auch den Einheimischen, zum erwünschten Aufenthalt dient«. Außerdem deutete er an, dass er als »Unternehmer [...] möglicherweise auch einem dringenden Bedürfnisse in Traunstein, nämlich der Erbauung eines größeren, entsprechend ausgestatteten Gesellschafts-, Conzert-, Theater- und Ballsaales, Rechnung tragen« könnte. Tatsächlich erlaubte ihm der Magistrat am 11. Januar 1894 »die Verleitgabe [Ausschank] von Café, Thee [und] Chocolade«. Zudem durfte er »Spirituosen wie Cognac, Liqueure, neuere Getränke, Flaschenweine und Flaschenbiere an die Gäste [...] verabreichen«. Die Zubereitung »von kalten und warmen Speisen [...] war von einer gewerbspolizeilichen Bewilligung nicht abhängig« und damit ebenfalls möglich. Nicht gestattet waren Bier und Wein vom Fass, die Beherbergung von Übernachtungsgästen sowie die »Bezeichnung Restauration oder Restaurant in Inseraten, Reclamen oder Aufschriften«. Zweifellos war dies eine Entscheidung im Sinne des »Schloßgutsbesitzers«; eine andere allerdings hätte die geltende Rechtslage kaum zugelassen.

Rosner aber ging das Entgegenkommen nicht weit genug. Eine »Gastwirtschafts-Conzession in vollem Umfang«, das war es, was er und sein mittlerweile auf den Plan getretener Kompagnon, der königliche Regierungsbeamte [»Stabsbuchhalter«] Max Urban aus München, unbedingt haben wollten. Zudem dachten sie daran, den Betrieb mit »Saallokalitäten im Anschluss an das Anwesen« zu erweitern. »41 der angesehensten Einwohner Traunsteins« unterstützten den Antrag mit ihrer Unterschrift, darunter der Landgerichtspräsident und spätere Ehrenbürger Karl Gebhard. Dieses Mal spielte die Stadt nicht mehr mit. Auf »5407 Seelen treffen sonach 51 Lokale, in welchen Bier ausgeschenkt wird; mithin trifft auf 106 Köpfe der Bevölkerung, Frauen und Kinder eingerechnet, je ein Bierlokal.« Und im neu entstandenen Stadtviertel vom Maxplatz zum Bahnhof stieß man, so der städtische Polizeioffiziant Max Stockbauer, alle 131 Schritte auf eine Gastwirtschaft; 300 Schritte waren die längste, 13 die kürzeste Distanz. Das musste genügen! Der Magistrat lehnte ab. Auch das Katholische Stadtpfarramt und die Kirchenverwaltung wandten sich gegen die Planungen. »Unmittelbar neben dem Gottesacker mit seiner Kirche und neben dem Leichenhause« war für eine neue Vergnügungsstätte kein Platz.

Ein Anwalt und die Regierung von Oberbayern wurden eingeschaltet. Der Magistrat musste erneut über die leidige Angelegenheit beraten. Und abermals signalisierte er seine Kompromissbereitschaft. Der Ausschank vom Fass wurde genehmigt. Die »volle Gastwirtschaft« einschließlich Übernachtungsmöglichkeit hingegen wurde endgültig abgelehnt, da »gegenüber [...] ein größeres Hotel mit Saalzimmern und großem Garten [...] zur Fremdenbeherbergung besteht«. Dessen Besitzer, der vorgenannte Peter Scheicher, hatte zwar, ebenso wie drei andere, »als Hotel- und Gastwirtschaftsbesitzer beteiligte« Räte, an der Abstimmung nicht teilgenommen; gleichwohl hatten sie im Vorfeld ihre Truppen augenscheinlich gesammelt und auf den ihnen zuträglichen Beschluss eingeschworen.(7) Bei Gefahr im Verzug musste man einfach zusammenhalten!

Für das »Luitpold« war dies nach nicht einmal zwei Jahren das Ende, obwohl seine »hübschen Localitäten« gut frequentiert wurden. Allein von November 1893 bis April 1894 waren über 4000 Liter Braunbier und an die 5000 Liter Weißbier ausgeschenkt worden. Doch Eugen Rosner war kein Mann, der gerne mit Niederlagen lebte. Sein groß angelegtes (Hotel-) Projekt war gescheitert, und damit ging auch sein Interesse an dem Lokal verloren.

Handlungsstrang 2: »Wegen Übernahme eines Postens in meinem Lieblingsfache Electricität habe ich mein Geschäft [...] an die Firma Hermann Tietz, München, käuflich übertragen. [...] Josef Rieder, Bazar, Bahnhofgasse 160 1/5.«(8) Bazar war als Begriff damals weit verbreitet und hatte weder etwas mit einem orientalischen Markt noch mit einer Wohltätigkeitsveranstaltung (»Weihnachtsbazar«) zu tun. Auch ein Franz Unterforsthuber rief 1908 im Haus des Weinhändlers Müller, Bahnhofstraße 16, das heute noch am Stadtplatz bestehende Kaufhaus unter dem Namen »Volksbazar« ins Leben. Gemeint war schlicht und ergreifend ein (noch) nicht allzu großer Laden mit einem breit gefächerten Angebot von Handelswaren aus einer oder mehreren verschiedenen Warengruppen. Und einen solchen hatte Josef Rieder am 25. April 1891 im (nach heutiger Zählung) Haus Bahnhofstraße 8 eröffnet. Nach drei Jahren beendete er das Experiment und auch seinen Aufenthalt in Traunstein, ohne große Spuren zu hinterlassen.

Sein Nachfolger aber hatte es in sich! Hermann Tietz (1837 - 1907), ein deutscher Kaufmann jüdischen Glaubens, hatte zwei Jahrzehnte in Amerika verbracht und Erfahrungen mit dem dortigen Wirtschaftsleben gesammelt. 1882 finanzierte er seinem Neffen Oscar (1858 - 1923) in Gera das »Garn-, Knopf-, Posamentier-, Weiß- und Wollwarengeschäft Hermann Tietz« [Posamentierwaren = Nähwaren]. Hermann Tietz selbst zog sich noch im gleichen Jahr als Teilhaber zurück. Ungeachtet dessen standen sowohl sein Name wie auch sein Kapital hinter der nun folgenden Expansion. Weimar (1886), Bamberg, München (1889) und Hamburg (1896) machten den Anfang. 1900 wurde der Firmensitz nach Berlin verlegt. Der Grundstein für »Hertie« – der Firmenname entstand aus den Anfangsbuchstaben des Gründervaters – war gelegt. Gleichzeitig begann Oscars Bruder Leonhard (1849 - 1914) mit dem Aufbau der Warenhauskette Kaufhof. Beide Unternehmen wurden nach 1933 von den Nationalsozialisten arisiert.(9)

Ein modernes Kaufhaus streckte seine Fühler von München in den Chiemgau aus, noch bevor es sich auf den Weg nach Hamburg und Berlin machte. »Was für eine Chance für Traunstein!« Nur allzu gerne wäre man geneigt, dies auszurufen.

Die Realität sah anders aus. Am 28. Februar 1894 verkündete Tietz, dass er Rieders Bazar als »Kurz, Posamentier- und Wollwarengeschäft [...] in gleichem Umfange« weiterbetreiben werde. Werbeannoncen in der lokalen Presse folgten. »Die bei Übernahme des Geschäfts zurückgesetzten Artikel kommen Donnerstag, Freitag und Samstag dieser Woche, zum Theil bis unter die Hälfte des Herstellungspreises reduziert, zum Verkauf.« – »Mein Lager ist auf's Reichhaltigste wieder sortiert und gebe ich die Waren genau zu denselben Preisen, wie in meinen Hauptgeschäften in München, ab. Wiederverkäufern und Näherinnen Extra-Vergütung. Täglich Eingang von Neuheiten.« – »Gardinen [...] sind wieder neu eingetroffen. In Cravatten, Handschuhen und Schirmen ist mein Lager aufs Beste sortirt.«(10) Schon Mitte April war damit Schluss. Hermann Tietz gab seine gerade erst erworbene Filiale wieder auf.

Was war der Grund für diesen Rückzug nach nicht einmal drei Monaten? Die Scheu vor dem unternehmerischen Risiko wird es kaum gewesen sein. Das darf man mit Fug und Recht behaupten, wenn man einen Blick auf die Firmengeschichte wirft. Somit verbleiben zwei Möglichkeiten. Erstens: Das Geschäft ist einfach nur schlecht gelaufen. Zweitens: Hermann Tietz hatte ähnliche Schwierigkeiten erfahren, wie sie seinem Nachfolger bald schon bevorstanden. Keine der beiden Thesen kann belegt werden. Der weitere Fortgang der Ereignisse aber wird dem Leser einen deutlichen Fingerzeig geben.

Handlungsstrang 3: Am 19. November 1894 wurde der »Verein zum Schutze gegen unlauteren Wettbewerb« gegründet. Er hatte »den Zweck, alle im Handel und Gewerbe sich zeigenden, unsoliden Unternehmungen zu bekämpfen und allen schwindelhaften, auf Täuschung des Publikums berechneten Reklamewesen durch Selbstthätigkeit der Mitglieder entgegenzutreten in Verfolgung aller Geschäfte, welche durch Vorspiegelung falscher Thatsachen das Publikum zu täuschen suchen, und in Verfolgung aller derjenigen Ziele, welche zwingend erscheinen, um den Mittelstand, den kaufmannischen und gewerblichen, zu erhalten und zu kräftigen. [...] Jedes Mitglied verpflichtet sich, nichts in einem Geschäfte zu kaufen, das des unlauteren Wettbewerbes überwiesen ist, und nichts auswärts zu kaufen, was man hier um annähernd gleichen Preis haben kann, keinen Juden in Miete zu nehmen und keinem Juden einen Grund oder ein Haus zu verkaufen. Mitglied kann jeder unbescholtene, majorene [erwachsene] Mann werden, welcher das Interesse des Vereins fördern will. Juden oder deren Stellvertreter sind ausgeschlossen.«(11)

Unter dieser Prämisse hatten sich Traunsteins alteingesessene Kaufmänner zusammengetan. Die Vorstandschaft war prominent besetzt und das Ziel offensichtlich. Man wollte sich und seine Pfründe schützen vor den Folgen, die der Wirtschaftsboom der Gründerzeit, ausgelöst durch die Einführung der Gewerbefreiheit im Jahre 1868, mit sich brachte. Die Macht der Handwerkszünfte war gebrochen, neue Geschäfte und Geschäftsmodelle entstanden in kaum überschaubarer Zahl. Der Preiskampf war eröffnet, wie immer in der freien Wirtschaft gab es Gewinner und Verlierer. Es war objektiv betrachtet sicher notwendig, die negativen Auswirkungen zu begrenzen und die - zwingend erforderliche - Modernisierung in geordnete Bahnen zu lenken. Eine erste darauf abzielende Rechtsnorm wurde im Mai 1894 erlassen, bevor am 1. Juli 1896 das »Gesetz zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbes« mit Einzelfallregelungen in Kraft trat.

»Ein zeitgemäßerer Gesetz-Entwurf wie jener zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs könnte dem Reichstage gar nicht in Vorlage gebracht werden, denn die durch die schrankenlose Gewerbefreiheit nur allzu üppig in die Halme geschossene Schmutzkonkurrenz droht nachgerade den noch reellen Handels- und Gewerbestand zu erdrücken. […] In den großen Städten sind es hauptsächlich jüdische Geschäfte, welche ihre Schundwaare zu Preisen feilbieten, welche allein schon dazu angethan erscheinen, das Publikum einen richtigen Schluß auf die Qualität der Waare ziehen zu lassen; trotzdem [...] strömt dasselbe Tag für Tag nach jenen Geschäften, während der reelle Geschäftsmann oftmals kaum mehr das Nöthigste zum Lebensunterhalt verdient.«(12)

Das Thema zog sich wie ein roter Faden durch die Zeitungen. Und es war, wie gesagt, ohne jeden Zweifel richtig, Missstände anzuprangern und mit den Mitteln des Rechtsstaates zu bekämpfen. Nicht richtig war es, das »Geschäft mit der Angst« zu betreiben und eine ohnehin verunsicherte Gesellschaft, die unter sozialen Verwerfungen litt, noch weiter aufzuwühlen und bewusst aus dem Gleichgewicht zu bringen. Genau dies aber wurde gemacht, regional - und dabei beileibe nicht nur in Traunstein - wie auch auf Reichsebene. Der passende Sündenbock, den man für dieses gängige Strickmuster brauchte und dem man mit Unterstellungen und unbewiesenen, zum Teil irrwitzigen Anschuldigungen die Verantwortungen zuschob (und damit von den eigenen Unzulänglichkeiten ablenkte), war rasch gefunden: Die Juden, wahlweise die jüdischen Kaufleute bzw. die jüdischen Geschäfte.

Passend dazu hatte sich schon Anfang März 1893 eine »Antisemitische Volkspartei für den Chiemgau in Traunstein« formiert. Die schriftliche Überlieferung ist äußerst spärlich.(13) Vorstand in den sieben Jahren bis zur Auflösung des Vereins 1899 war Georg Zeitler, bekannt als Gründungsmitglied des Hochfellnhausvereins, »Baumeister und ausführender Bauleiter« des Unterkunftshauses und der Taborkapelle.(14) Sein beachtliches berufliches Wirken in Traunstein dokumentieren unter anderem der Höllbräukeller, das Schülerheim an der Herzog-Friedrich-Straße und eine Reihe prachtvoller Villengebäude. Dem frommen Mann traut man nur ungern zu, einen Verein zu führen, der sich Verleumdung und Hetze auf seine Fahnen geschrieben hatte. Eine andere Einordnung lassen die Berichte über dessen öffentliche Zusammenkünfte nicht zu.

»Bei der gestrigen antisemitischen Versammlung im Hutterschen Saale zeichneten sich einige Arbeiter durch Zwischenrufe aus, daß einer derselben (dessen Frau ist Putzerin in einem Judengeschäft) polizeilich entfernt werden mußte. Es ist möglich, daß man es hier mit bezahlter Judenarbeit zu thun gehabt hat; so viel politischen Anstand sollte man jedem Erwachsenen, der seine 5 Sinne beisammen hat, zutrauen dürfen, daß die Redefreiheit geachtet werde, denn sonst ist überhaupt keine Versammlung möglich. Wir möchten hier lediglich auf eine dabei vorgekommene Äußerung zurückkommen, daß die Kaufleute hier gegen die Tietzsche Filiale mit 100 Prozent Nutzen arbeiten. Ein solcher Unsinn kann nur von Leuten gesagt werden, welche jeder Waarenkenntnis entbehren und welche sich nicht in Obacht, nehmen, wie lange etwas hält. Schund zu verkaufen, ist keine Kunst, wer es als Verkäufer ehrlich meint mit seiner Kundschaft, wird ihr nie das minderwerthigste Fabrikat empfehlen, aber zu verdienen ist daran entschieden mehr für den Verkäufer als an der bessern Qualität, weil diese schon im Einkauf theurer ist.«(15) Diese drei langen Vorreden – jede wäre für sich schon eine eigene Geschichte – bilden die Grundlage für das, was folgte. (Zweiter Teil folgt nächste Woche).


Franz Haselbeck

 

Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 48/2016 vom 26. 11. 2016

 


Anmerkungen:
(1) Siehe Nr. 40 dieser Serie v. 1. Oktober 2016.
(2) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 117 v. 29.11.1894, S. 4 (Inserat).
(3) Zitiert aus dem Vorspann zur Fernsehserie »Königlich Bayerisches Amtsgericht«.
(4) Er erschien im Original im »Deutschen Volksblatt«, 1889-1922 die bedeutendste deutschnationale und antisemitische Tagezeitung Österreichs, und wurde vom Traunsteiner Wochenblatt in Nr. 107 v. 6.9.1894, S. 2, unter der Frage abgedruckt: »Woher stammt der große, stetig zunehmende Reichtum der jüdischen Geschäftsleute?« Folgender Kommentar leitete die zitierte Passage ein: »Weiter unten fährt es ganz richtig und treffend fort, was wir wegen seiner Wichtigkeit unseren Lesern nicht vorenthalten wollen.«
(5) Leutenegger wurde am im Dorf Wetzikon, Kanton Thurgau, Schweiz, als Sohn eines Landwirts geboren. Am 30. Januar 1888 heiratete er in Traunstein Kunigunde, geborene Ursprung (1847-1918), Witwe des Malermeisters Georg Sollinger. Sie brachte die Söhne Georg (1873-1934) und Josef (1874-1955) mit in die Ehe. Der Sohn des Letzteren, Josef (1899-1979), Antiquitätenhändler, war in den 1950er und 60er Jahren Kustos des Heimathauses als Vorgänger von Dr. Editha Habersetzer. Leuteneggers geschäftliche Aktivitäten waren mannigfaltig und sprunghaft. 1894 besaß für kurze Zeit auch das Hotel »Wispauer« am Stadtplatz. Auch führte er einen Bazar in der Bahnhofgasse (s. Inserat im Traunsteiner Wochenblatt Nr. 46 v. 17.4.1894, S. 4). 1898 baute er eine Villa in der Crailsheimstraße (Hausnummer 4, abgebrochen 1995) und betrieb zu dieser Zeit einen Farbenhandel. Mit Beschluss der Regierung von Oberbayern vom 22. September 1905 wurde er eingebürgert und erhielt am 23. Oktober desselben Jahres Heimatrecht in der Stadt Traunstein. Fintan Leutenegger starb am 9. Juni 1912 als »Privatier«, zuletzt wohnhaft Bahnhofstraße 10. Der ungewöhnliche (irische) Vorname bedeutet »weißes Feuer«. Sein gleichnamiger Sohn (1889-1960) war praktischer Arzt in Traunstein; siehe »100 Jahre alter Arztkoffer aus Traunstein bereichert Ausstellung«, in: Traunsteiner Tagblatt v. 13.08.2016, S. 9.
(6) Zu Eugen Rosner vgl. Nr. 3 dieser Serie v. 16.1.2016.
(7) Stadtarchiv Traunstein, A 823/10: Gaststättenakt Fintan Leutenegger, 1893-1894.
(8) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 26 v. 1.3.1894, S. 4 (Inserat).
(9) Die Galeria Kaufhof GmbH besteht nach wie vor; Hertie hingegen wurde 1994 von der Karstadt AG erworben. Vgl. Wikipedia: Hermann Tietz (Kaufmann), URI: <https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Tietz_(Kaufmann)>; Oscar Tietz, URI: <https://de.wikipedia.org/wiki/Oscar_Tietz)>; Leonhard Tietz, URI: <https://de.wikipedia.org/wiki/Leonhard_Tietz> (alle 17.08.2016).
(10) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 29 v. 6., Nr. 32 v. 15. u. Nr. 36 v. 24.3.1894, jeweils S. 4 (Inserate).
(11) Stadtarchiv Traunstein, A 134/3-126: Verein zum Schutze gegen unlauteren Wettbewerb, 1894.
(12) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 123 v. 13.10.1894, S. 1.
(13) Stadtarchiv Traunstein, A 134/3-9: Gründung einer antisemitischen Volkspartei für den Chiemgau in Traunstein, 1893 (1904). Der Akt beschränkt sich auf zwei Schriftstücke, die Anzeige der Vereinsgründung und die Feststellung seiner Auflösung.
(14) Hans Helmberger, Die »Bauunternehmer« vom Hochfelln, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein 24/2012, S. 160-174.
(15) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 145 v. 4.12.1894, S. 2 (eingesandten Bericht).

 

47/2016