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Jahrgang 2008 Nummer 23

Das Haberfeldtreiben, die Volksjustiz im bayer. Oberland

Auch im Umkreis von Traunstein zogen die Haberer über die Felder

Die Zeichnung von Oscar Gräf von 1895 zeigt Haberer vor einem Anwesen mit ihrem »Opfer«

Die Zeichnung von Oscar Gräf von 1895 zeigt Haberer vor einem Anwesen mit ihrem »Opfer«
So erinnert man sich in Altbayern gern und etwas verklärt an die Tradition des Haberfeldtreibens: Ein Bauer als kräftiger Vertre

So erinnert man sich in Altbayern gern und etwas verklärt an die Tradition des Haberfeldtreibens: Ein Bauer als kräftiger Vertreter des Volkes zahlt der Obrigkeit manche Unbill heim. Das Bild stammt aus einem alten Bauernkalender. (Archivbild).
Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts hatten die Bauern im bayerischen Oberland, dem Land zwischen Inn, Isar und den Bergen, im Haberfeldtreiben eine eigenständige Volksjustiz begründet. Schauplätze der Haberfeldtreiben waren auch Ortschaften im Traunsteiner Umland und in den angrenzenden Gebieten. So sind Treiben für die im Folgenden angeführten Orte historisch nachgewiesen, die hier nur beispielhaft angeführt sind: Aschau im Chiemgau und Stephanskirchen bei Rosenheim 1834 – Rott am Inn 1846 – Nußdorf im Chiemgau 1847 – Rosenheim und Niederaschau im Chiemgau 1848 - Stephanskirchen und Tattenhausen bei Rosenheim 1863 – sowie Rosenheim selbst 1866. Eine vollständige Übersicht mit einer Karte ist dem Buch von Otto Breibeck »Nacha treibt’s zua« zu entnehmen, das auch als Quelle für diesen Bericht gedient hat. In der Chronik zu diesem Buch sind Treiben von 1675 bis 1922 in jahreszahlenmäßig ausgewiesenen Orten angeführt.

Ein Blick auf die Geschichte der Haberfeldtreiben ist heute wohl nicht nur von historischem Interesse. Er zeigt vielmehr auch, wie eine vom Volk getragene Widerstandsbewegung gegen die Obrigkeit ihre Eigendynamik entwickelt hat, zuerst allgemein toleriert wurde und erst später Auswüchse zeigte. Diese gingen so weit, dass das Einschreiten der Obrigkeit unabdingbar wurde. In den Jahren 1896 und 1897 kam es vor dem Landgerichten München und Traunstein zu einer Reihe von Strafprozessen, in denen 361 Angeklagte wegen ihrer Beteiligung an Haberfeldtreiben angeklagt wurden. Körperverletzung, Sachbeschädigung und schwerer Landfriedensbruch wurden ihnen zur Last gelegt. Die Prozesse hatten in der Öffentlichkeit großes Aufsehen erregt.

In seiner Sitzung vom 12. Oktober 1897 befasste sich auch der Bayerische Landtag mit den Haberfeldtreiben. Durch die von den Gerichten verhängten, drakonischen Strafen wurden vor allem die Familien der Haberer hart betroffen. Mancher Bauernhof im Oberland musste verkauft oder gar versteigert werden. Frauen und Kinder der einst im Volk hoch geachteten Haberer mussten betteln gehen. Auch ein Amnestieantrag für die verurteilten Haberer wurde vom bayerischen Landtag abgelehnt. Die Abgeordneten hielten dabei nichts von soviel sozialem Engagement der Haberer. Vornehmlich der in den späteren Filserbriefen zitierte Abgeordnete Dr. Orterer setzte sich vehement für die Ablehnung des Amnestieantrages ein. Eine generelle Begnadigung der Haberer sei undenkbar. Die Zotenhaftigkeit ihrer Verse zu entschuldigen, sei unerhört. Damit wurde der Antrag in der Kammersitzung vom 24. November 1897 abgelehnt. Die Urteile der Landgerichte in München und Traunstein und der Ablehnungsbeschluss des bayerischen Landtages markieren das Ende der Haberer-Volksjustiz im bayerischen Oberland.

Bleibt die Frage nach dem Ursprung des Haberfeldtreibens der Oberländer Bauern? Ganz genau wird die Bedeutung des Wortes wohl nicht mehr zu eruieren sein. Steckte doch ein Geheimbund hinter dem Treiben, der seine Mitglieder mit dem Tode bedrohte, wenn sie Haberergeheimnisse verrieten. Eine Worterklärung stellt das Haferfeld heraus, über das die einer Schandtat Bezichtigen getrieben wurden. Tatsächlich wurden die meisten Treiben im Herbst nach der Ernte abgehalten. Zu dieser Zeit war im bäuerlichen Alltag Ruhe eingekehrt. Außerdem konnte der Flurschaden gering gehalten werden, den die über die Felder ziehenden Haberer anrichteten.

Nach dem Duden bedeutet das Wort »Ziegenfelltreiben«. Seiner Wortbedeutung nach ist im Haberfell das Fell der Ziege zu sehen. Schuldige wurden in das Fell einer Ziege eingeschlagen und umhergetrieben. Auch die Haberer selbst bedienten sich der Felle von Ziegen oder Böcken, um ihre Identität zu verbergen. Nach allem dürfte wohl dieser Auslegung der Vorzug zu geben sein.

Wie das erste Treiben, das die Chronik schon 1760 datiert, entstand, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Archivalisch sind im 18. Jahrhundert 6 und im 19. Jahrhundert 146, also die meisten Treiben verzeichnet. Allein im Jahre 1834 wurde 12 Mal getrieben. Betrachtet man die Haberfeldtreiben auf dem historischen Hintergrund der Zeit, so wird deutlich, dass dieser Brauch als Folge des sozialen Umbruches gesehen werden kann, der das 19. Jahrhundert kennzeichnet.

Aufklärung und Revolution hatten das bisherige Machtgefüge, in dem der Herrscher oben stand und das Volk zu gehorchen hatte, ins Wanken gebracht. Die Fragwürdigkeit der neuen konstitutionellen Monarchie, die in der übereifrigen Reform eines Grafen Montgelas und in dem durch seine Affären vom Thron vertriebenen König Ludwig I. zum Ausdruck kam, hatte sich auch im Oberland herumgesprochen. Die noch nicht gefestigte Herrschaft der neuen Monarchie und die übertriebenen Machtansprüche von Adel und Besitzbürgertum gegen Ende des 19. Jahrhunderts riefen den Geist des Widerstandes wach.

Die Bauern fühlten sich dazu berufen, als Wächter über Sitte und Moral im Dorf eine eigenständige Volksjustiz zu betreiben. Man wollte es »denen da oben« zeigen, wozu man noch fähig war. Und als die Haberer wenigstens zu Anfang auch von der Geistlichkeit unterstützt wurden, und die staatliche Gerichtsbarkeit wegschaute, bestärkte dies das Selbstbewusstsein der Haberer beträchtlich. Selbst auf die Nachsicht seiner Majestät Ludwigs I. konnten die Haberer zählen. In einem Erlass hatte dieser festgelegt:

»Künftiges Einschreiten gegen die alte Sitte des Haberfeldtreibens hat nur insoweit stattzufinden, als solches der öffentlichen Ordnung wegen absolut notwendig ist.«

Das war zwar kein Freibrief, aber doch ein weitgehendes Toleranzedikt.

Auch die Entschuldigung des Landgerichtes Miesbach ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert. Dieses Gericht rechtfertigte die Einstellung eines gerichtlichen Verfahrens mit der Bemerkung, dass »das Haberfeldtreiben polizeilich noch unerforscht und noch kein Unglück daraus entstanden ist.« Eine Anzeige wegen »der Albernheit ist daher untunlich.« Dieses geringe Engagement der Justizbehörden mag vielleicht auch daraus zu erklären sein, dass die Aufklärungsquote in der ersten Zeit der Haberfeldtreiben äußerst gering war. Die Zeugen trieb die Angst vor der Rache der Haberer um. Mancher Haberereid zur absoluten Verschwiegenheit zählte mehr als die Strafandrohung wegen Falschaussage und Meineid.

Unter diesen äußeren Umständen festigte sich die Organisationsstruktur der Habererbünde. Jeder Bund hatte einen festen Mitgliederbestand, der durch Eid auf den Bund eingeschworen war. Es galt das Prinzip von Befehlen und Gehorchen. Die Haberer schuldeten dem Bund und seinen Führern absoluten Gehorsam. An der Spitze eines Bundes stand der Haberermeister, der sich vom Habererrat mit 12 Mitgliedern beraten ließ.

Ihr Betätigungsfeld sahen die Haberer zunächst in der Anklage von Verfehlungen sehr häufig auf sexuellem Gebiet. Die Zielscheibe des Habererspottes waren die Hure im Dorf und der Bauer, der sich mit der Magd eingelassen hatte. Der Ablauf des Treibens war von einem festen Ritual bestimmt. Tag und Anlass des Treibens wurden im Habererrat festgelegt. Die Haberer wurden eingeschworen, wobei sich jeder sein Erkennungswort merken musste.

Für die Ausrüstung als Treiber hatte jeder Haberer selbst aufzukommen. Dazu zählte ein spitzer Stopselhut, ein falscher Bart und Ruß für das Gesicht. Die Flinte durfte ebensowenig fehlen wie das Lärmzeug, bestehend aus einer Trommel, Pfeife oder Trompete. Damit wurde das »Grewöi«, der Haberer-Krawall, bestritten. Jeder Haberer musste nachts bei Neumond unerkannt seinen Hof verlassen. Der Eid verpflichtete ihn zur Verschwiegenheit gegen jedermann. Ob dabei die Ehefrauen nichts über das nächtliche Treiben ihrer Männer erfuhren, bleibt wie vieles andere auch ein Haberer-Geheimnis.

Nach dem Sammeln der Meute an einem geheimen Treffpunkt begab sich diese möglichst lautlos zum Treibort. Das war das Haus der liederlichen Weibsperson, der in aller Regel das Treiben galt. Auf ein Zeichen des Anführers hin brach das große »Grewöi« los, ein ohrenbetäubender Lärm, mit dem die Haberer mit ihrem Lärmzeug die nächtliche Stille unterbrachen. Vor den als Zeugen erschienenen Dorfnachbarn wurden die Schandtaten der Delinquentin, es konnten auch meh-rere sein, in Reimen verlesen. Jeder Absatz wurde von einem »Grewöi«, dem Lärmkonzert der Haberer, unterbrochen. Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei und die Meute war verschwunden, so als habe sie der Erdboden verschluckt.

Nach dem Treiben wurde der Gendarm gerufen und die Dorfnachbarn als Zeugen befragt. Aber niemand wollte einen der Haberer erkannt haben. Und so verliefen die polizeilichen Ermittlungen in der Regel im Sande. Die von den Haberern mit Spott überschüttete war in Dorfgemeinschaft unmöglich gemacht worden. Meist tat sich eine tiefe Kluft zwischen ihr und der Dorfgemeinschaft auf, die nicht mehr überbrückbar war und nicht selten tragische Folgen, wie Flucht oder gar den Selbstmord nach sich zog. In den meisten Fällen achteten die Haberer darauf, dass das Treiben als Schauspiel in Szene gesetzt wurde. Im Grunde fühlte sich jeder Teilnehmer gehalten, seine Rolle als Vorleser der Verse, als Bewacher der Meute oder als Melder der unerwünschten Gendarmen mit Hingabe zu spielen.

Wenn der Abgeordnete von Vollmar im bayerischen Landtag die Treiben als altes Herkommen der oberländischen Bauern und als »Gaudi« charakterisierte, so mag dies allenfalls für die Treiben im 18. Jahrhundert gegolten haben. Die späteren Treiben etwa von der Mitte des 19. Jahrhunderts an waren jedenfalls alles andere als eine Gaudi. Allzu oft benutzten die Haberer die Treiben als Vorwand, um ihren Übermut an wehrlosen, oft unschuldigen Opfern auszulassen. Auch der Anlass für ein Treiben war nun nicht mehr die gefallene Dorfmagd. Die Haberer fanden sich auch bei Bauern ein, die beim Viehhandel betrogen hatten oder schlechtes Bier gebraut hatten. Es genügte schon der Verdacht. Ob dieser immer auf Wahrheit beruhte, war den Habereren nicht so wichtig.

Auch alle möglichen anderen Straftaten, auch solche, die nur in den Augen der Haberer dazu zählten, konnten Anlass für ein Treiben sein. 1849 galt ein Treiben einem Lehrer, der als Gründer des örtlichen Arbeitervereins aufgefallen war. Längst achteten die Haberer auch nicht mehr das Eigentum der betroffenen Bauern. Früher lag das Geld für einen beim Treiben beschädigten Zaun am anderen Morgen vor der Haustür. Nun waren Sachbeschädigungen und Brandstiftungen, unentgeltlich natürlich, an der Tagesordnung. Der Charakter der Haberfeldtreiben hatte sich grundlegend geändert. Die Sittengerichte waren zu einer Art Lynchjustiz umfunktioniert worden. Das Haberfeldtreiben wurde politisiert. Der Unmut einer kleinen Randgruppe unter den Bauern gegen Adelige und Besitzende fand hier ein Ventil.

Wie das Volk hatte nun auch die Kirche den Haberern die Gunst entzogen. Am 30. November 1866 sprach der Erzbischof von München und Freising den Kirchenbann gegen alle aus, die »den Frevel des sogenannten Haberfeldertreibens durch Wort oder Tat eingeleitet oder bei der Ausführung beteiligt waren«. Nicht nur die Geistlichkeit, auch die weltliche Gewalt hatte mit aller Macht zugeschlagen. In der denkwürdigen Landtagssitzung vom 12. Oktober 1897 gab der Regie-rungkommissar eine Übersicht über die Habererprozesse bei dem Landgericht München II und Traunstein. 551 Verurteilungen, verteilt auf 361 Perso-nen, hatte es gegeben Der Abgeordnete von Vollmar hatte eine Gesamtstrafe von 281 3/4 Jahren errechnet.

Das Pendel hatte also kräftig zur anderen Seite hin ausgeschlagen. Was als ein tief im Volk verwurzelter Brauch, von vielen geduldet und bewundert, angefangen hatte, war zur bösartigen Lynchjustiz entartet. Durch die harten Urteile, gegen die eine Amnestie auch im Landtag nicht erreicht werden konnte, wurde das Haberfeldtreiben bis in seine Wurzeln ausgerottet.

Damit ist das Haberfeldtreiben Geschichte geworden. Trotz seiner Anfeindungen ist es ein Beweis für das Selbstverständnis der Oberländer Bauern geblieben, die Ordnung in ihrem Dorf schaffen wollten. Erhalten geblieben sind auch noch die holprigen Knittelverse. Der oft gebrauchte Endreim könnte über der Geschichte der Haberfeldtreiben selbst stehen:

»Manna, ja is dös denn wahr? Ja, wahr is. Treibt’s zu.«

Dieter Dörfler

Benutzte Literatur: Otto Breibeck »Nacha treibt’s zua« – Ehrenwirt Verlag 1979



23/2008