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Jahrgang 2007 Nummer 12

Das Gnadenbild des gegeißelten Heilands in der Wies

Ein bisher unbekanntes Bild dokumentiert die Übertragung im Jahr 1738

Dieses bisher unbekannte Bild zeigt die beiden Söhne der Familie Lory, wie sie im Jahr 1738 die Figur des gegeißelten Heilands a

Dieses bisher unbekannte Bild zeigt die beiden Söhne der Familie Lory, wie sie im Jahr 1738 die Figur des gegeißelten Heilands auf den Schultern in die Wies bringen.
Im Kreis der bayerischen Wallfahrtsorte nimmt die berühmte Rokokokirche in der Wies bei Steingaden in Oberbayern eine besondere Stellung ein. Kunstfreunde schwärmen von diesem einzigartigen Juwel bayerischen Kirchenbaues. Rund eine Million Besucher kommen alljährlich in den einsamen Ort vor den Trauchbergen. Nicht wenige vergessen oder wissen freilich nicht, dass die Wies kein Museum, sondern ein Gotteshaus ist, in dem seit Jahrhunderten Menschen in gläubiger Hingabe beten. Das Herz der äußerlich unscheinbaren Kirche ist eine Figur, die in ihrer Erbärmlichkeit gar nicht zum Glanz und Jubel dieses Gotteshauses passen will. Es ist die Figur des gegeißelten Heilands.

Eine erbärmliche Figur in der Prozession

Man schrieb das Jahr 1730, als sich der Abt des Prämonstratenserklosters Steingaden, Hyazinth Gassner, entschloss, wie auch an anderen Orten in seiner Hofmark eine Karfreitagsprozession durchzuführen. Dabei trug man zur eindringlichen Veranschaulichung der Passion eine Holzfigur eines gegeißelten Heilands beim Umzug mit. Man entschied sich für eine ziemlich ramponierte Figur, die in einer Klosterkammer abgestellt war. Pater Magnus Straub setzte sie aus alten Teilen zusammen, ein Klosterbruder bemalte sie mit Ölfarbe. Wegen des erbärmlichen Aussehens wurde die Figur aber schon bald nicht mehr bei der Prozession mitgenommen und kam auf den Speicher des Klosterwirtshauses.

Übertragung des Bildes in die Wies

Die missachtete Figur des gegeißelten Heilands blieb nicht lange in der Klosterwirtschaft, denn Maria Lori, eine Bäuerin aus dem nahe gelegenen Weiler Wies, erbat den gegeißelten Heiland an der Martersäule zur persönlichen Andacht. Seit zwei Jahren weiß man genau, wie der außergewöhnliche Transport damals ge-schah. Zu verdanken ist dies einem bislang unbekannten Bild, das völlig überraschend dem Wallfahrtspfarrer Prälat Georg Kirchmeir von einem Antiquitätenhändler angeboten wurde. Das querformatige Bild hat keinen großen künstlerischen Wert, zeigt aber sehr anschaulich, wie die beiden Söhne der Familie Lori die Figur des gegeißelten Heilands auf den Schultern in die Wies brachten. Das bislang unbekannte Gemälde in den Ausmaßen 171 mal 90 cm – als Maler kommt wohl ein Mönch des Klosters Steingaden in Frage – dokumentiert die »wahre Übertragung des Gegeißelten Heilands«, geschehen am 4. Mai 1738. Maria Lori bewahrte das Bild in ihrer Schlafkammer auf. Und da geschah es: Am 14. Juni anno 1738, »verspürte« sie, wie es in der Chronik heisst, »einige Tropfen in dem Angesicht des Bildnus«. In großer Erregung berichtete die fromme Bäuerin ihr Erlebnis dem Steingadener Abt Hyazinth Gassner, der über das ihm mitgeteilte Tränenwunder keineswegs begeistert war und der Wiesbäuerin verbot, jemand etwas davon zu erzählen. Beeinflusst vom heraufziehenden Geist der Aufklärung stand er den Aussagen der frommen Frau recht reserviert gegenüber.

Die Erwartung des Prälaten sollte sich nicht erfüllen. Trotz Verbot suchten fromme Bauern aus der nächsten Umgebung die unscheinbare Figur auf und manche fanden sogar eine Erhörung ihrer Gebetsanliegen, was sich schnell herumsprach. Da blieb dem Abt nicht anderes übrig, als den Bau einer kleinen Feldkapelle gegenüber dem Wieshof zu genehmigen, wo die Figur des gegeißelten Heilands aufgestellt wurde. Das war im Jahr 1740.

Eine große Wallfahrt entsteht

Was niemand ahnen konnte, trat nun ein: Es kamen immer mehr Beter, aus nah und fern. In kürzester Zeit entstand eine Wallfahrt. Ihr Ruf verbreitete sich in Windeseile in ganz Deutschland.

Um die Pilger aufnehmen zu können, vergrößerte man die kleine Kapelle um einen hölzernen Vorbau. Aber auch das half nur für kurze Zeit, so dass sich das Steingadener Kloster zum Bau einer Kirche entschließen musste. Als Baumeister verpflichtete Abt Marianus II. Mayer 1743 den Wessobrunner Baumeister Dominikus Zimmermann, den schon betagten großen Meister des Rokoko. Am 10. Juli 1746 wurde feierlich der Grundstein für die Kirche gelegt.

Nach der Fertigstellung der herrlichen Kirche wuchs der Zustrom der Pilger sprunghaft an. Es kamen Wallfahrer nicht nur aus der engeren Umgebung, sondern auch aus Franken, Böhmen und der Oberpfalz, aus Niederösterreich, Kärnten und Südtirol, ja sogar aus Schlesien und Frankreich.

In der Barockzeit fühlten sich die Menschen in ganz besonderer Weise vom Leiden des Herrn beeindruckt. Deshalb kamen sie in Scharen zu einer so wenig kunstvollen Christusfigur in der Abgeschiedenheit der Wies. Sie scheuten dabei nicht weite, beschwerliche Wege, um dem gegeißelten Heiland an der Martersäule ihre Anliegen vorzutragen.

Mirakelbücher und Votivbilder

Hatte einer nach einem Verlöbnis Hilfe in seinen Nöten gefunden, so war ihm an einer »Promulgation«, an einer Veröffentlichung der Erhörung seiner Gebetsbitte und auch seines Dankes gelegen. Die Guttaten wurden von Magnus Straub, einem schreibgewandten Ordensmann aus dem Steingadener Kloster in drei Mirakelbücher aufgeschrieben. Die Bücher mit den empfangenen Guttaten hatten, ganz im Stil der Rokokozeit recht blumige Titel. Die Bücher hießen »Neuentsprossene Gnaden-Blum auf der Wies«, »Fernerer und mehrer sich ausbreitender Geruch der neuentsprossenen Gnadenblumen auf der Wies« und »Fortdauernd-Lieblicher Geruch der neuentsprossenen Gnadenblumen in der Wies«.

Viele Wieswallfahrer wollten ihre Bitten und ihren Dank für erlangte Guttaten aber auch bildhaft zum Ausdruck bringen. Deshalb beauftragten sie einen Taferlmaler, nach ihren Wünschen ein Votivbild zu malen. Die Taferlmaler waren keine großen Künstler, sondern einfache Handwerker, die ein bisschen malen konnten.

Die Votivbilder, immer versehen mit dem Zeichen »Ex voto« für das Gelöbnis, wurden in der Wieskirche an den Wänden innen oder außen aufgehängt. Oft wurde natürlich des Guten zu viel getan. Die Aufklärer des beginnenden 19. Jahrhunderts hatten für diese Frömmigkeitsformen überhaupt kein Verständnis. So kam es, dass die einfachen Bildtaferl allesamt entfernt, verschenkt und verbrannt wurden. Da war es schon ein Glücksfall, dass das älteste Votivbild aus dem Jahre 1743 die Bilderstürme überstand.

Erhalten blieb auch das persönliche Votivbild von Baumeister Dominikus Zimmermann, das er im Jahre 1757 zum Dank für die glückliche Vollendung der Wieskirche gemalt hatte. Zimmermann kniet in großer Dankbarkeit betend vor dem gelungenen Werk. Sein Blick ist gerichtet zum darüber schwebenden Gnadenbild, zum gegeißelten Heiland in der Wies.

Eine Wieskirche bei Freising

Zu den ersten Wallfahrern in die noch unbekannte Wies gehörten auch einige Leute aus Freising. Unter ihnen war der bischöfliche Forstaufseher Sylvester Hupf, der nach seiner Rückkehr von dem Maler Johann Jäger ein Holztafelbild des Wiesheilands anfertigen ließ. Am 6. Mai anno 1745 hängte er es an einen Baum in seinem Forstbezirk. Das kleine Bild, eine Kopie des Wiesheilands, suchten viele Beter auf. Gegen den Willen des Freisinger Bischofs entstand eine kleine Holzkapelle und schon bald eine steinerne Kirche. Um den Strom der Wallfahrer aufnehmen zu können, wurde sie 1760 vergrößert zu einem prächtigen Bau in herrlicher Rokokoausstattung. Sein Mittelpunkt ist das Gnadenbild des gegeißelten Wiesheilands.

Die Verehrung des Wiesheilands fand in wenigen Jahren eine große Verbreitung. So entstanden wie in Freising auch an anderen Orten Wieskapellen und Wieskirchen, so in Moosbach bei Vohenstrauß in der Oberpfalz, in Fürstenfeld, in Mettenbach bei Landshut, in der Steiermark und in Eger in Böhmen.

Albert Bichler



12/2007