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Jahrgang 2008 Nummer 26

Das Ende für Saline und Soleleitungen

Vor 50 Jahren verlöschten die Feuer unter den Rosenheimer Sudpfannen

Die Brunnhausanlage Klaushäusl um 1950 von Westen mit Nieder- und Hochreserve. Bemerkenswertes Beispiel einer in die Landschaft

Die Brunnhausanlage Klaushäusl um 1950 von Westen mit Nieder- und Hochreserve. Bemerkenswertes Beispiel einer in die Landschaft harmonisch eingebundenen Industrieanlage
Die Reichenbach’sche Solehebemaschine der Brunnhausanlage Klaushäusl um 1950, Zeugnis von Ingenieurkunst und Ökologie.

Die Reichenbach’sche Solehebemaschine der Brunnhausanlage Klaushäusl um 1950, Zeugnis von Ingenieurkunst und Ökologie.
Sole-Einlauf bei der Saline Rosenheim.

Sole-Einlauf bei der Saline Rosenheim.
Heute, auf den Tag genau vor 50 Jahren – es war auch damals ein Samstag – verlöschten die Feuer unter den Sudpfannen der Rosenheimer Saline. Es war das Aus für damals 70 Arbeiter, Angestellte und Beamte der Bayerischen Berg-, Hütten- und Salzwerke Aktiengesellschaft.

Es war aber auch das Ende für zahlreiche Brunnwärter und ihre Gehilfen, die zuletzt die 108 km lange Soleleitung zwischen Berchtesgaden und Rosenheim betreut hatten. Die wöchentlichen Kontrollgänge waren nicht mehr notwendig und die Brunnpost, bei der ein Teil des Schriftwechsels zwischen den salinarischen Einrichtungen befördert wurde, war Geschichte. Die letzten Brunnwärter wie Johann Gnadl im Klaushäusl und Johann Bergmaier im benachbarten Brunnhaus Bergham hörten jetzt nicht mehr den Glöckchenschlag nach jedem Hub der Solehebemaschine.

Rasch ging man in Rosenheim daran, das mitten in der Stadt befindli-che Gelände der Saline mit einer Fläche von circa 70 000 Quadratmetern von Bauwerken frei zu machen. Am auffälligsten war das Sprengen des 42 m hohen Kamins am 22.03.1960, wobei es Verletzte und Tote gab. Bis auf den sogenannten Beamtenstock war nun in Rosenheim nichts mehr vorhanden, was an die stolze Geschichte des Salzwesens von 1810 bis 1958 erinnern konnte.

Die Grundstückseigentümer entlang der Soleleitung entfernten nach und nach Strecken kaum abgedeckter hölzerner Deicheln und offen liegender gußeiserner Rohre. Mancher Bauer war jetzt froh, dass seine Rinder jetzt nicht mehr Sole saufen konnten, die zuvor Spitzbuben durch angebohrte Deicheln ins Gelände sprudeln ließen.

Aus den Brunnhäusern wurden nacheinander die Reichenbach’schen Solehebemaschinen abgebaut, die bis auf eine Ausnahme als technik-geschichtliche Exponate erkannt wurden und deshalb so begehrt waren. So wanderte die Pumpe des Brunnhauses Ilsank in das Deutsche Museum, die Pumpe aus Siegsdorf in den Untergrund des historischen Quellenbaues der Saline Bad Reichenhall und die Pumpe aus Bergham nach Gendorf in das dortige Chemiewerk.

Zur Geschichte des bayerischen Salinenwesens gab es nach deren Ende zahlreiche Veröffentlichungen. Im Landkreis Traunstein waren es etliche heimat- und geschichtsbewusste Personen, die sich jetzt auf die Suche nach Spuren dieser großartigen Leitung – man spricht auch von der zweiten Pipeline – machten. Für das Traunsteiner Gebiet ist das nicht verwunderlich, musste doch die Bevölkerung der Stadt das Ende der Saline im Jahr 1912 und den danach folgenden Abbruch zahlreicher Gebäude auf dem einstigen Werksgelände mit 30 000 Quadratmetern miterleben. Frau Dr. Viktoria Wittmann behandelte in drei umfangreichen Aufsätzen, die in den Chiemgaublättern des Traunsteiner Wochenblattes im Frühjahr 1983 veröffentlicht wurden, die Geschichte und den Verlauf der einstigen Soleleitungen von Reiffenstuel und von Reichenbach.

Im Jahr 1985 war es Anton Grassler aus Traunstein, der in einer Ausstellung auf den drohenden Verfall von Triftklausen und von Soleleitungswegen aufmerksam machte. Als Techniker im Wasserwirtschaftsamt Traunstein gelang es ihm, Verlauf und Höhenlage der zweiten Soleleitung zu erfassen und zu kartieren. Diese Arbeit wurde vom damaligen Landrat Leonhard Schmucker maßgeblich unterstützt. In der Ausstellung vom Mai 1985 zu der auch eine interessante Schrift erschien, wurde dem damaligen geschäftsleitenden Beamten des Marktes Grassau durch ein Farbfoto der Brunnhausanlage Klaushäusl bewusst, auch dieses Baudenkmal auf Dauer erhalten zu müssen.

In der Stadt Rosenheim war es der unermüdliche Heimatforscher Stefan Freundl, der daran ging, sich eingehend mit der Salinengeschichte in unserer Region und natürlich mit dem Schicksal der Saline in Rosenheim zu befassen. Das Ergebnis war Band IX im Verlag des historischen Vereins Rosenheim und Umgebung von 1978 mit dem Titel »Salz und Saline«, das noch heute als Standardwerk gilt. Im Landkreis Rosenheim befassten sich einige Jahre später verschiedene Privatpersonen näher mit den zusehends verlorengehenden Resten der Soleleitung, unter anderem der Kreisheimatpfleger Karl J. Aß sowie Herr Siegfried Seidel vom Wasserwirtschaftsamt Rosenheim. Laufende Kontakte mit dem 1989 gegründeten Verein für Industrie- und Technikgeschichte im südlichen Chiemgau mit Sitz in Grassau blieben nicht aus.

Was erinnert noch heute in den Landkreisen Rosenheim und Traun-stein an diese für die bayerische Wirtschaft so bedeutende Geschichte? In der Stadt Rosenheim ist es neben dem Beamtenstock ein ziegelgemauertes unauffälliges Gebäude an der Kufsteiner Straße über dem früheren Zulauf der Sole zum Hauptsudhaus. Darin ist seit 1995 eine Dauerausstellung untergebracht, in der Wesentliches zur Salinengeschichte von Rosenheim erzählt wird.

Im Landkreis Rosenheim ist von Bauwerken an der einstigen Solelei-tung kaum noch etwas vorhanden. Die Ausnahme ist das einstige Brunnhaus Bergham, das inzwischen privat genutzt wird. Alle übrigen Brunnhäuser wurden abgebrochen oder baulich so verändert, dass sie als solche kaum mehr zu erkennen sind.

Erfreulicherweise ganz anders die Verhältnisse im Landkreis Traun-stein. Dank der Pionierarbeit von Anton Grassler wurden etliche Strecken des Soleleitungsweges von Inzell bis Siegsdorf und von Grassau bis Bernau instandgesetzt. In Grassau befindet sich schließlich das am Besten erhalten gebliebene Bauwerk der gesamten Soleleitung, nämlich die Brunnhausanlage Klaushäusl. Seit 1987 wurden die vom Markt Grassau ein Jahr zuvor erworbenen ehemaligen Betriebsgebäude umfassend restauriert. Nachdem es im Jahr 1988 gelang, die ver-schollen geglaubte Reichenbach’sche Pumpe zu erwerben, zu restaurieren und im Pumphaus, also am Originalplatz, wieder aufzustellen, kommt dieser Gesamtanlage eine herausragende technikgeschichtliche Bedeutung zu. Mitte der 90er Jahre wurden vom Markt Grassau noch die ehemaligen Wohngebäude erworben. Durch die unmittelbare Lage am Südrand der Kendlmühlfilzen wurde zwischenzeitlich im einstigen Brunnwarthaus eine Dauerausstellung über dieses Hochmoor eingerichtet.

Die Brunnhausanlage Klaushäusl darf somit als Zeugnis der Ingenieurkunst Georg von Reichenbachs unter der Leitung der Königl. General-Administration der Salinen angesehen werden. Damit wird an eine Leistung erinnert, die es ermöglichte, fast 150 Jahre lang die Saline Rosenheim zu betreiben und zahlreichen Einheimischen einen Arbeitsplatz dieser Großindustrie im Südosten Bayerns zu sichern.

Claus-Dieter Hotz



26/2008