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Jahrgang 2015 Nummer 47

Das Drama des Martyriums

St. Kathrein bei Völs: Einem Gönner sind 600 Jahre alte Fresken zu danken

Katharina wird gegeißelt. (Alle Fotos: Hans Gärtner)
Katharina verweigert den Götzendienst und muss sich vor dem Kaiser verantworten.
Alle Folterungen blieben erfolglos – so wird Katharina enthauptet.
Engel betten den Leichnam der Heiligen zur letzten Ruhe und singen aus einem Missale.
Das Kirchlein St. Kathrein in Breien, Gemeinde Völs am Schlern/Südtirol.

Eigentlich spielt es keine Rolle, unter welchem römischen Kaiser Katharina von Alexandria zu Tode gequält wurde; ist doch das Lebensbild der großen Heiligen des Christentums stark legendär eingefärbt. Um 305, so wird angenommen, starb die selbstbewusste, schöne, angeblich zypriotische Königstochter im ägyptischen Alexandria. Nicht nur Klugheit und Weisheit werden der mit dem Jesuskind vermählten Jungfrau zugesprochen, sondern auch eine außergewöhnliche philosophische Begabung und Gelehrtheit. Einem Einsiedler soll sie es verdankt haben, in der christlichen Lehre heimisch, nein sogar fest verankert worden zu sein. Christus allein war ihr Idol – da konnte Roms Kaiser noch so machtbewusst und fordernd auftreten. Katharina soll ihm die Gefolgschaft öffentlich verweigert haben. Einem Menschen, und wäre es auch der Kaiser, verwehrte sie die Verehrung. Sie dachte nicht daran, Zeus und Aphrodite zu opfern, wie der Kaiser es von ihr verlangte.

Er »ließ sie geißeln. Zwölf Tage lag sie schwer verwundet, ohne Hilfe, ohne Speise und Trank im Kerker, dann heilte sie Christus durch seinen Engel. Der Imperator gebot, sie durch das Rad zu richten, aber die Speichen zerbrachen, als man den Befehl ausführte. Da tötete sie der Henker mit dem Schwert.« So steht es in Traudl Seiferts Buch »Heilige in Kunst und Legende«. Im »Ökumenischen Heiligenlexikon « ist ausführlicher vom Drama des Martyriums der heiligen Katharina von Alexandria die Rede. Weil sie sich weigerte, ihn auf sein Verlangen hin zur Frau zu nehmen, soll der Kaiser ihr die Kleider vom Leib gerissen und, gegeißelt, ins Gefängnis geworfen haben. Eine Taube soll sie mit Nahrung versorgt, ein Engel sie getröstet haben. Als die mit metallenen Dornen bestückten Räder, mit denen sie zu Tode gebracht werden sollte, zerbrachen, sollen die Folterer von ihnen getötet worden sein. Der Kaiser ließ, nachdem sich seine Gattin auf Katharinas Seite gestellt hatte, deren Brüste abreißen »und seine ganze von ihr bekehrte Garde umbringen. Wenig später ließ er Katharina enthaupten, doch aus ihrer Halswunde strömte kein Blut, sondern Milch …«

Ob es stimmt, dass daraufhin Engel Katharinas Leichnam zum Berg Sinai getragen haben? Sicher ist, dass das dortige Kloster »zum brennenden Dornbusch« fortan – es war im 6. Jahrhundert – nach ihr benannt wurde. Es ist eine der weltweit bekannten Wallfahrtsstätten. Angeblich, so mutmaßt »Das Buch der Heiligen«, wurde hier im Jahr 800 Katharinas Leichnam wiederentdeckt. »Ihr Haar wuchs noch, und aus ihrem Körper floss heiliges Öl. Dies war der Beginn der Verehrung…«

Wenn diese auch von Frankreich ausging – Rouen, die Stadt der Jungfrau von Orléans, wurde zur »bedeutendsten Stätte des Katharinenkultes im Westen« (wo der Heiligen nicht verweste Hand aufbewahrt wird), – so verbreitete sie sich bald in alle Himmelsrichtungen. Zahlreich sind die geformten und gemalten Bilder der leicht an Krone, zerbrochenem Rad, Schwert und Buch zu erkennenden Heiligen, die in die Reihe der 14 Nothelfer einging.

Im Alpenraum ist Katharina gern als eines der drei heiligen »Madl – mit dem Radl« genannt, neben Barbara (mit dem Turm) und Margaretha (mit dem Drachen). Angerufen wird sie, ungeachtet dessen, dass sie 1969 wegen zu starken Legenden-Bezugs ihrer Vita aus dem römischen Heiligenkalender flog und erst 2001 wieder aufgenommen wurde, von gläubigen Anwälten, Bibliothekaren, Lehrern aller Kategorien ebenso wie von Krankenpflegern, Näherinnen, Wissenschaftlern und einer bunten Reihe weiterer Berufsangehöriger. Katharina von Alexandria ist die Patronin lediger Damen, Studierender, Frisöre und Reisender.

»Wie Kathrein, so wird‘s Neujahr sein«, sagt man noch heute in der einen Gegend, während es in der anderen heißt: »Ist an Kathrein das Wetter matt, wartest du lange aufs grüne Blatt«. Dem feierfreudigen jungen Landvolk, auch den Gastwirten und Musikanten mochte wohl der St. Katharinentag, der 25. November, noch nie so recht gepasst haben; hieß es doch strikt: »Sankt Kathrein stellt den Tanz ein« – und das immerhin bis zu Fasching.

In Südtirol redet in der Tat niemand von der heiligen Katharina, sondern nur dialektal von »Sankt Kathrein«. Zahlreich sind ihre Heiligtümer in diesem Land. An einem seit alters befahrenen Fernweg – er führt über Nigerund Karerpass ins Fassatal – liegt ein Kirchlein, zusammen mit ein paar wie hingestreut wirkenden Häusern, das zum Gemeindegebiet Völs am Schlern gehört. Es ist seit dem Jahr 1293 archivaisch nachweisbar. Ursprünglich war es höchstwahrscheinlich dem heiligen Michael geweiht – noch heute heißt das dem Gotteshaus am nächsten liegende Haus »St. Michael«. Die Heimatkundler führen den hier vorgenommenen Patronats-Wechsel vom Erzengel zur Nothelferin darauf zurück, dass Katharina von Alexandria seit alters die Schutzpatronin der Wagner und Fuhrleute ist, überhaupt so gut wie aller Berufszugehöriger, die es mit dem Rad zu tun haben.

Warum geht es hier gerade um dieses eher unscheinbare Katharinen-Kirchlein, wo es doch – nicht nur in Frankreich und Tirol, Belgien und Bayern, in der Schweiz und in Österreich – so viele und bekannte der heiligen Katharina von Alexandria geweihte Gotteshäuser gibt, und noch dazu entschieden größere, mächtigere? Die Völser Aicha-Kathrein-Kirche, dicht an der steil ansteigenden Straße beim Weiler Breien (Brie) gelegen, die von Blumau (Prato all‘ Isarco) bei Bozen (Bolzano) nach Tiers (Tires) führt, ist ein kunsthistorisches Kleinod. Das Schöne daran: Man muss das Gebäude gar nicht betreten, um das zu erfahren; denn die Fresken, die es so besonders macht und von anderen, nicht nur der hl. Katharina von Alexandria geweihten Heiligtümern unterscheidet, befinden sich, für den Wanderer womöglich nicht sofort sichtbar, an der äußeren Südwand. Diese ist über und über, in leuchtenden, wie soeben aufgetragenen Farben, mit Bildern bedeckt, die dem Auge zentral das Drama des Martyriums der großen Christen-Heiligen darbieten.

Einige Bilder fallen aus der »Katharinen-Geschichte« heraus. Neben einer beeindruckenden Kreuzigung Christi (mit Maria und Johannes) sind das ein überlebensgroß gemalter heiliger Christophorus, der sich auf eine ausgerissene Palme als Wanderstab stützt und das Jesuskind auf der Schulter trägt und ein heiliger Michael, der als Seelenwäger dargestellt ist. Beide Heilige sind ja als Schutzpatrone der Wanderer und Reisenden geläufig.

Dietrich Höllhuber rät in seinem »Südtirol«-Führer zu einem »Spaziergang zur Kirche St. Katharina in Breien. Im engen Tal zwischen Blumau und Tiers liegt der Weiler Breien. Nichts Aufregendes ist zu sehen, bis auf ein Kircherl, 200 m über dem Ort auf der Sonnenseite, das der hl. Katharina von Alexandria gewidmet ist. Die gotischen Wandgemälde an der südlichen Außenwand erzählen von Martyrium und Tod der Heiligen. 40 Minuten auf dem Weg ab der Bushaltestelle bei der Gabelung links halten. Oberer Freskenbereich liegt unter Umständen im Schatten, da die Malereien durch ein vorspringendes Flugdach geschützt werden. Beste Fotozeit ist mittags.« Ein Tor, wer, als Fotograf, diesen Hinweis unbeachtet ließe!

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts soll, so weiß man, ein namenlos gebliebener Gönner die Bozner Malschule engagiert haben, damit sie hier oben dieses Wunderwerk vollbringe und es zu einer Attraktion im ohnehin schon so anziehenden Rosengartengebiet mache – einen Freskenzyklus mit elf Szenen aus dem Leben der Heiligen. Wunderwerk auch deshalb, weil sich die Bilder bis auf den heutigen Tag, also geschlagene 600 Jahre lang, erhalten haben, ohne je ernsthaft Schaden genommen zu haben. Auch wenn das wohl bereits zur Entstehungszeit der Malereien angebrachte Vordach einen guten Schutz bietet, ist die Original-Bewahrung wahrlich ein Mirakel.

Der Südtirol-Reisende, der im nahe gelegenen Weißlahnbad für einige Tage Quartier nahm, hätte mit Sicherheit das Katharinen-Kleinod übersehen, wäre ihm nicht Dietrich Höllhubers Reisebuch zur Verfügung gestanden und, ob Zufall oder Fügung, auf dem nachbarschaftlichen Schloss Prösels das Heft »Cultura Fellis – Objekte von kunsthistorischem Interesse in Völs am Schlern« (2010) in die Hände gefallen. Mit ein paar nützlichen Zeilen und einigen Fotos auf »St. Katharina (Völser Aicha, Breien)« geht Dr. Hermann Vötter auf die Besonderheit ein: »Der Freskenzyklus besticht durch die zeitgenössische und realistische Darstellungsweise, die dramatische Gestaltung, das klare Kolorit und den guten originalen Erhaltungszustand; dies macht ihn zum bedeutendsten Zeugnis gotischer Malerei im Gebiet von Völs«.

Wenige in die Bilder integrierte oder auch zusätzlich hineingeratene Wörter und Ziffern, auch einzelne Buchstaben oder Embleme, kaum lesbar für den Laien, sind auszumachen. Wie in vielen anderen öffentlich zugänglichen Wandbildern fehlen auch hier Kritzeleien nicht, die wohl von unachtsamen, sorglosen Spaziergängern stammen. Wie die Schriftzeichen sind auch nicht alle Bilder eindeutig zu erklären. Dort, wo Regen und Schnee trotz des Schutzdaches an die Malereien herankamen, sind diese – für immer – beschädigt. Gottlob trifft das keine wichtigen Bilder. Sie alle sind freigegeben – dem Staunenden und Gläubigen, der sich kaum lösen kann von der Pracht dieses einzigartigen Kunstwerks.


Dr. Hans Gärtner

 

47/2015