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Jahrgang 2015 Nummer 52

Das Christkind ist doch noch gekommen

Erst bei den Großeltern ist es richtig Weihnachten geworden

Es war an einem 12. Dezember, als das »Pittersdorfer-Dirndl« von daheim fortgehen musste. Ihr Daheim, das war der abgelegene Einödhof der Großeltern, von dem es mit gerade siebeneinhalb Jahren Abschied nehmen musste. Zusammen mit der Mutter sollte es in einem ihm fremden Dorf beim Stiefvater ein neues Zuhause finden. Dieses Dirndl, das sich von allem, was ihm lieb war, trennen musste, war ich.

Wie im Traum ging ich damals an der Hand meiner Mutter die Dorfstraße entlang zu dem kleinen Hof meines Stiefvaters. Jemand öffnete die Haustür und scheu machte ich hinter der Mutter die ersten Schritte in das fremde Haus hinein. Nicht nur im Hausgang war es kalt, sondern auch in der Stube, in der ich nun stand. Unwillkürlich dachte ich an den Großvater daheim, der jetzt bestimmt in unserer bacherlwarmen, heimeligen Stube drinnen seine Pfeife rauchte.

Meine Mutter nahm mich gerade mit in die Küche, als eine junge Frau mit einem Melkeimer vom Stall draußen hereinschepperte. Es war Dora, eine Nichte meines Stiefvaters, die mich von oben bis unten betrachtete.

Schon nach einigen Tagen bekam ich fürchterliches Heimweh, ich schrieb mit ungelenkiger Schrift einen Brief nach Pittersdorf. Darin bat ich den Großvater, es solle mich doch jemand abholen. Dann kam ein Brief von Tante Amalie. Sie schrieb, dass auch die Großeltern zeitlang nach mir hätten und ich solle halt an Weihnachten bestimmt kommen.

Endlich stand das Weihnachtsfest vor der Tür. In dieser einstmals für mich so heimeligen Zeit, hatte die Großmutter schon einen großen Waschkorb voll Guatln für unsere große Familie gebacken. Meine Mutter dagegen backte kurz zuvor nur einige davon.

Dann am Heiligen Abend brachte der Postbote endlich den ersehnten Brief. Sofie, meine jüngste Tante, würde am Weihnachtstag mit dem Zug kommen, um mich abzuholen.

Dieser Heilige Abend unterschied sich kaum von einem anderen Tag und traurig dachte ich daran, wie ich die Jahre vorher im Einödhof der Großeltern immer geduldig wartete, bis ein feines Glöcklein läutete und drinnen in der Stube das Christkindl gekommen war.

In meinem neuen Zuhause heizte meine Mutter zwar am Nachmittag in der Stube ein, doch in dem sonst kalten, kaum benützten Raum wollte keine richtige Wärme aufkommen. Mein Stiefvater kam erst spät vom Stall draußen in die Stube herein, als meine Mutter die Kerzen am Christbaum schon angezündet hatte. Es lagen nur wenige Geschenke darunter, schafwollene Socken und Handschuhe und für Dora ein Kopftuch. Für mich hatte meine Mutter ein Kleid genäht, den Stoff dafür hatte sie noch bei der Kramerin in unserem Pfarrdörfchen, in dem ich in die Schule ging, gekauft. Als mein Stiefvater das Kleid sah meinte er: »Des hätt's aber net braucht, s'Dirndl hat eh so vui Gwand«.

Ich setzte mich still in eine Ecke und dachte an daheim, wie sie alle vor dem Christbaum stehen würden – nur ich war nicht dabei und konnte nicht die Hand des Großvaters nehmen. Ich konnte auch der Großmutter nicht das neue, schwarze Samtband vor ihre Zöpfe legen. Als meine Mutter mich aus meinen Gedanken riss, wischte ich mir schnell die Tränen von den Augen und sagte leise zu ihr: »I möcht ins Bett geh'n, morg'n fahr i ja mit der Sofie hoam«.

Fast glaubte ich, dass meine Mutter mich traurig ansah, als ich nun leise hinausging. Lange dauerte es, bis an jenem Heiligen Abend der erlösende Schlaf meine Tränen trocknete.

Am nächsten Morgen, dem Christtag, war es noch stockdunkel als ich aufwachte, aber das Bett nebenan, in dem Dora schlief, war schon leer. Sie ist schon im Stall, dachte ich mir und lief die Stiege hinunter in die Küche. Ich hatte keinen Hunger, trank jedoch auf Drängen der Mutter wenigstens ein Haferl warme Milch.

Endlos langsam schlich an diesem Vormittag, so kam es mir vor, die Zeit dahin. Der große Rucksack war schon lange gepackt, doch immer wieder musste ich nachschauen, ob ich auch ja nichts vergessen hatte. Endlich sah ich Sofie aufs Haus zukommen und begrüßte sie freudig: »Sofie i hab scho alles einpackt, mir könnan glei geh'n, de Großeltern wart'n g'wiss scho«.

Meine Mutter, die das Mittagessen kochte, wurde nun fast ärgerlich. Sie habe mir doch schon ein paarmal gesagt, dass der Zug erst in gut einer Stunde fuhr. Beim Mittagessen brachte ich von dem guten Schweinebraten, den es heute ausnahmsweise gab, kaum etwas hinunter.

Endlich machten wir uns auf den Weg, mit einem: »Pfüadi und tu schön folgen daheim«, verabschiedete sich die Mutter von mir. Zu Sofie meinte sie noch, während wir schon am Gehen waren: »Richt in Pittersdorf allen an schönen Gruß von mir aus.

»Is scho recht«, rief diese zurück, so strebten wir dem Dorfende zu. Beide waren wir froh, als wir endlich den kleinen Zug heranpfauchen hörten und sogar einen freien Sitzplatz fanden. So fuhr ich aufgeregt mit Sofie in Richtung Traunstein, dort mussten wir in den Zug nach Matzing, unserer Endstation umsteigen. Obwohl an diesem Weihnachtstag viele Leute unterwegs waren, stiegen außer uns beiden nur ein Mann und eine Frau bei dem hölzernen Bahnhofhäuschen aus. Es hatte heftig zu schneien angefangen, als wir den Weg hin zu dem langgezogenen Waldstück einschlugen. Hier im Holz drinnen fing es schon an zu dunkeln, auch wurde das Gehen auf dem zugeschneiten Holzstrasserl immer beschwerlicher.

Meine Tante stülpte sich den Mantelkragen fest über ihr dickes Kopftuch, ich selbst zog meine Kapuze tief ins Gesicht und nahm Sofies Hand ganz fest. So stapften wir mühsam durch den, wie ich mir einbildete, immer länger werdenden Wald. Beide waren wir heilfroh, als sich nach einer Wegbiegung das Holz langsam zu lichten begann und wir den großen Hof unterhalb des Berges sehen konnten. Schnell ließ ich die schützende Hand los und rutschte freudig den Berg hinunter, von wo wir unseren Weg fortsetzten. Es war inzwischen fast dunkel geworden, als ich endlich von Weitem den matten Lichtschein von meinem Heimathaus erkennen konnte.

Jetzt spürte ich die immer mehr aufkommende Müdigkeit kaum noch und stapfte, so schnell meine kurzen Füße es vermochten, durch den tiefen Schnee. Stockfinster war es, als wir endlich die Anhöhe zu dem einsamen, verschneiten Gehöft hinauf wateten: »Sofie, mir san endlich Dahoam«. Mehr Worte brauchte es nicht. Jetzt konnte ich in dem spärlichen Schein der Stalllaterne eine Gestalt erkennen, es war der Großvater, der schon sorgenvoll auf uns gewartet hatte.

»Großvater, i bin's«, sagte ich mit leiser Stimme.

»Ja Dirndl, weilst no endlich da bist, komm eina, de Großmutter wart scho lang auf di«.

Wie ich drinnen in der bacherlwarmen, heimeligen Stube vor dem von Kerzen erleuchteten Christbaum stand, da ist endlich auch zu mir das Christkind gekommen.


Elisabeth Mader

 

52/2015