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Jahrgang 2016 Nummer 39

Das »Brixental« am Hochgern

Ein römisch-keltisches Zufluchtsgebiet bei Staudach-Egerndach – Teil II

Die Vorderalm, eine der heutigen Almen auf der Hochgern-Nordseite: In alter Zeit erfolgte der Zugang von Norden über den nach links abfallenden Bergkamm an seiner tiefsten Einsenkung (außerhalb des Bildes). Foto: Walter Stiegler, Traunstein

In Teil I hatte sich bei unseren Erkundungen zum Flurnamen »Brixental« ergeben, dass die Bezeichnung »Brixen« auf ein keltisch-romanisches Wort zurückgeht. Anscheinend bedeutete es »eine kleine, befestigte Anhöhe« oder »einen befestigten Berg«. Überall wo sonst der Name »Brixen« vorkommt, bezieht er sich auf eine (Dauer-)Siedlung. Umso überraschender, dass er sich hier an dieser doch ganz abseitigen, unwirtlichen Stelle im Gebirge findet, wo gewiss nie eine Dauersiedlung bestanden hat! Dies ist nur so zu erklären, dass hier damals die nahen (heutigen) Almen für die Bevölkerung – vor allem romanisierten Kelten – ein Zufluchtsgebiet waren, wenn in Kriegszeiten das Leben im Tal zu gefährlich wurde. Durch Befestigungen, das heißt errichtete Verschanzungen, konnte es auch verteidigt werden. Daher also der Name »Brixental«.

Der Zugang von Norden her (Staudach-Egerndach) erfolgte sicherlich anders als heute, nicht durch die Alplbachschlucht, sondern weiter östlich: am Schloßberg vorbei, durch die Scheffau und über die Kammhöhe am ehesten an der »Hochwurz«. Dies war jedenfalls in alter Zeit »der ursprüngliche, allgemeine Almweg, bevor ein neuer, kürzerer, durch die Schlucht . . (des Alplbachs) . . erbaut wurde«.(1) Dieser – bereits in Teil I erwähnte, heutige – Weg ist übrigens anders als der alte, immer wieder von Hochwasser, Muren, herabstürzenden Bäumen usw. bedroht. Was dieses Almgebiet aber als Zuflucht in Kriegszeiten wohl besonders geeignet machte, war seine versteckte Lage. Es ist – anders als etwa die Grassauer Almen auf der Westseite des Achentals – vom Tal aus völlig unsichtbar. Einer kleinen Gruppe, aber doch auch groß genug, um gemeinsam mit den äußerst harten Lebensbedingungen damals hier oben in der Wildnis fertig zu werden und notfalls auch ihr Gebiet verteidigen zu können, wurde so – wenngleich am Rande des Existenzminimums – das Überleben ermöglicht. Zeiten, in denen ständig feindliche Überfälle drohten, hat es damals in den Jahrhunderten, in denen hier im Umland Romanen bzw. Kelten siedelten, nicht wenige gegeben. Solche waren während der Römerherrschaft vor allem die der Germaneneinfälle, auch hier im Chiemgau der »Alamannenstürme«: zuerst jener von 241/242, bei dem auch die römische Villa in Bernau (von welcher der römische Egerndacher Grabstein noch des 1./2. Jahrhunderts stammen soll) zerstört wurde, dann auch die von 259/260 und 276.(2) Damals stand Südbayern mehrere Jahrzehnte lang alamannischen Verwüstungsund Beutezügen offen; es war eine Zeit dauernder Unsicherheit und Gefahr. Erst gegen Ende des Jahrhunderts besserte sich allmählich die Lage.(3)

Im folgenden Jahrhundert wurde 357 auch der Chiemgau von einem Einfall des alamannischen Stammes der Juthungen heimgesucht.(4)

Eine Art Niemandsland wurde dann das Voralpenland nach dem Ende der Römerherrschaft mit dem Abzug der römischen Truppen im Jahr 488. Nur die ärmere Bevölkerung war zurückgeblieben und nun jahrzehntelang immer wieder durchziehenden, plündernden und mordenden Horden preisgegeben. Trotzdem hat offensichtlich ein Teil dieser Romanen, größtenteils romanisierter Kelten, diese schweren Drangsale überlebt. Dies zeigen die gehäuften »Walchen«-Orte und Ortsnamen mit romanischer Wurzel hier in weiterem Umkreis, vor allem dort, wo von vornherein eine dichtere Besiedlung gegeben war. Inzwischen wurde unser Gebiet von den Bayern beherrscht. Hier ist nun interessant, dass der keltisch- römische Name »Prixina«, oder auch »Brixia«, wie aus der in Teil I erwähnten Karte von E. Schwarz bei Dopsch(5) hervorgeht, nicht überall zur gleichen Zeit als »Brixen« ins Altbairische übernommen wurde. Während dies etwa bei Brixen in Südtirol und Brixlegg im Inntal, wie auch nicht weit von diesem, Brixen im Thale, bereits bis ca. 750 erfolgte, setzte sich diese Umwandlung in den weiter nördlichen und östlichen Gebieten erst nach circa 750 durch, wie auch bei dem Brixen südlich von Salzburg. Anscheinend besetzten die Bayern zunächst nur die Hauptorte, wie Brixen in Südtirol, oder auch für sie strategisch wichtige Gebiete, wie das Tiroler Inntal. In den anderen Teilen der früheren Provinz Noricum war hingegen die lateinische Umgangssprache noch weiter in Gebrauch, die dann erst nach und nach mit zunehmender bayerischer Besiedlung verschwand.(6) Dies gilt auch für unser »Brixental«. Man darf annehmen, dass auch hier von den Romanen noch längere Zeit ihr »Vulgärlatein« gesprochen wurde, bis schließlich »Brixen« und damit auch das auch noch heutige »Brixental« üblich wurde.

Nun stellt sich hier aber doch auch noch die Frage: Nutzten diese Romanen ihre Schlupfwinkel auf dem Berg auch außerhalb der Gefahrenzeiten – als Almen, im Sommer? Vielleicht schon lange, bevor jene so drastisch einsetzten? Wir wissen dies nicht sicher, doch liegt es eigentlich recht nahe. Denn vor allem was die unmittelbaren Anwohner hier im Tal betrifft, so gab es für sie hier im Achental nur recht wenige, kleinere und meist nur kärgliche, landwirtschaftlich nutzbare Flächen, allenfalls als Viehweide. Sonst war weithin nur sumpfiges, mooriges Land, großenteils auch den Hochwassern der Ache ausgesetzt. Dagegen waren die Voraussetzungen für die Fischerei günstig – am Achenfluss und dessen Altwassern, den größeren Bächen, die vor allem der damaligen Alm, und natürlich am Chiemsee. Dass die Romanen überhaupt gern an Seen siedelten und Fischerei für sie eine wichtige Rolle spielte, zeigen nicht nur der romanisch-bairische Mischname »Irschen« und »Irschener Winkel« für den Bernauer Ortsteil am Chiemsee – vom römischen Namen »Ursus« abgeleitet, sondern auch die auffallend häufig nach den »Walchen« benannten Seen (Walchsee, Walchensee, Wallersee usw.). Waren die Romanen doch nicht nur, wie bekannt, in der Almwirtschaft die »Lehrmeister der Bajuwaren«, sondern vermittelten diesen auch den Fischfang »mit großen Schleppnetzen von speziellen Fangschiffen aus« an den Seen.(7)

Was aber nun den Namen »Brixental« auf den Bergen oberhalb Staudach-Egerndach anbetrifft, ist dies nur Zufall? Oder spricht es nicht vielmehr dafür, dass der Name für die Menschen damals hier zuzeiten große Bedeutung hatte und die Erinnerung daran noch lange lebendig blieb.


Walter Reicherseder


Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 38 vom 17. 9. 2016


Anmerkungen:
(1) Anna Kroher, Im Bannkreis der Großen Ache, 3A., 1971, S. 41.
(2) (Wie Teil I/Anm. 1) August Obermayr, Römersteine zwischen Inn und Salzach, Freilassing 1974, s. 11.
(3) Vgl. u. a. Wolfgang Czysz/Erwin Keller, Bedaium. Seebruck zur Römerzeit, Hg. Gemeinde Seebruck am Chiemsee in Verbindung mit dem Landkreis Traunstein, 1978, S. 20.
(4) Vgl. ebd. S. 25 (wie Teil I, Anm. 3).
(5) Vgl. Heinz Dopsch, Zum Anteil der Romanen und ihrer Kultur an der Stammesbildung der Bajuwaren, in Hermann Dannheimer/Heinz Dopsch (Hg.) Die Bajuwaren. Von Severin bis Tassilo (488/-788), Ausstellungskatalog Salzburg/ München 1988, S. 48, Abb. 2, Karte »Walchenorte und romanische Mischnamen in Bayern« (nach E. Schwarz).
(6) Vgl. ebd. S. 50 f.
(7) Vgl. ebd. S. 53.


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