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Jahrgang 2016 Nummer 38

Das »Brixental« am Hochgern

Ein römisch-keltisches Zufluchtsgebiet bei Staudach-Egerndach – Teil I

»Brixental« – ursprünglich ein Name aus der Zeit der Kelten und Römer, in der Nähe der heutigen Almen. (Foto: Walter Stiegler, Traunstein)

Vor einigen Jahren (2011) wurde in Staudach-Egerndach, nahe der Achenbrücke, auf Initiative des Steinmetzmeisters Fritz Seibold jr. (Grassau) eine von ihm und der Malerin und Bildhauerin Linda Blüml (Grassau/Berlin) verfertigte Nachbildung eines Grabsteins aus der Römerzeit als öffentliches Kulturdenkmal aufgestellt. Das Original war bereits 1808 an der Außenmauer der Egerndacher Kirche vorgefunden und nach München in die Prähistorische Staatssammlung gebracht, aber im 2. Weltkrieg zerstört worden. Doch Fotonegative und eine Beschreibung waren noch erhalten. Der – aus dem späten 1. oder Anfang des 2. Jahrhundert stammende – Grabstein ist vor allem auch deshalb besonders interessant, weil er die Reliefbüste eines Ehepaars romanisierter Kelten zeigt – ehemals Sklaven, dann Freigelassene, die Frau noch in der norischen Landestracht. Der Stein soll in den Ruinen der mittelalterlichen Burg Hohenstein (bei Staudach) gefunden worden sein. August Obermayr hält es in seinem Buch »Römersteine zwischen Inn und Salzach«(1) für am wahrscheinlichsten, dass der Grabstein aus den Ruinen einer römischen Villa in Bernau am Chiemsee stammt. Er zweifelt dabei überhaupt Hohenstein als Fundort an. Doch kann der Stein natürlich sehr wohl aus dem nahen Bernau nach Hohenstein gebracht worden sein. Der Anlass dazu könnte der Bau der Burg Hohenstein gewesen sein (kurz nach der Mitte des 12. Jahrhunderts, wie der Verfasser in einer bisher unveröffentlichten Arbeit aufgewiesen hat). Denn die Ruinen der römischen Villa könnten eine günstige Möglichkeit geboten haben, von dort geeignetes Baumaterial, also bereits zubehauene Steine, zu beschaffen. Dabei könnte auch der römische Grabstein nach Hohenstein gekommen sein. Offenbar bestand damals ohnedies eine engere Verbindung zwischen Hohenstein und Bernau, denn bei einer der allerersten Nennungen von Hohenstein, einer Schenkung Konrads I. von Aschau an das Chorherrenstift Herrenchiemsee, trat ein Herrand von Hohenstein als Zeuge auf. Der Bruder Konrads war aber Otto von Bernau.

Ein Beweis, »daß dieser Platz (der Burg Hohenstein) schon zu Römerzeiten bewohnt war«, wie etwa Max und Adelheid Brunner in ihrer Chronik von Übersee am Chiemsee(2) annahmen, ist er deshalb nicht. Nun gibt es aber auf Staudach-Egerndacher Gebiet einen Flurnamen unzweifelhaft »romanischen«, also keltisch-römischen Ursprungs – »Brixental« –, der darauf hindeutet, dass die nähere Umgebung hier tatsächlich von Romanen besiedelt war, wenn auch gewiss nicht annähernd so dicht wie östlich und nördlich des Chiemsees oder gar im Nahbereich der Römerstadt Juvavum (Salzburg). Die hier gemeinte Stelle liegt an einem heute viel begangenen Weg zu den Almen auf der Nordseite des Hochgern (Vorder-, Staudacher- und Brachtalm), auch zum oder vom Schnappenkircherl als Rundweg kommt man hier vorbei. Von unten am Bergfuß, den Alplbach (mundartlich Aiblbach) entlang aufwärts, unter der Westseite des »Schloßbergs« mit den Ruinenresten der Burg Hohenstein vorbei, erreicht man nach längerem Aufstieg, zum Teil durch die Schlucht des Baches, schließlich an seinem Oberlauf, diese Örtlichkeit. Hier fließen die beiden Bäche von der Vorder- und Staudacher Alm zum Alplbach zusammen, und hier stößt der Steig bei der Bachbrücke auf die Forststraße. Hier ist also das »Brixental« (bis 1985 stand hier auch an der alten Brücke die »Brixentalstube« des Forstamts).

Der Name »Brixen« – wie Brixen in Südtirol, Brixen im Thale (zwischen Kitzbühel und Wörgl), Brixlegg im Inntal (nahe Wörgl) und Brixen an der Salzach (Pongau) – stammt, wie gesagt, ursprünglich aus der Römerzeit.(3) »Brixen« ist eine Umformung ins Altbayerische durch die Bajuwaren. Die romanische Herkunft unseres Flurnamens hier, »Brixental«, ist bisher unbemerkt geblieben. Die Bezeichnung »Brixen« leitet sich vermutlich vom römischen, also lateinischen Wort »Prixina« ab, dieses vom keltischen »brigsina« (Stammwort »brigs« »briga«), und bedeutet so viel wie »kleine (befestigte) Anhöhe« oder »Berg«.(4) Auch Brixia (heute Brescia) in der Lombardei und Brixellum in der Emilia haben demnach diese keltischrömische Namenswurzel. Wie man sieht, ist es eigentlich ein rein keltisches Wort, das unserem »Brixen« zugrunde liegt. Denn bei der Übernahme in die lateinische Form, ins Romanische, wurde es kaum oder überhaupt nicht verändert. Bei all diesen Beispielen, wie aus Italien, aber auch den vorhin genannten aus dem Raum des frühen Bayern, handelt es sich durchweg um Ortsnamen, also heute wie wohl auch ehedem von größeren und kleineren (Dauer-)Siedlungen. Auch ein anderes »Brixental« im benachbarten Tirol, das aber ungleich bedeutender und bekannter ist als unser »Brixental« hier, folgt ganz dieser Regel. Es wird von der »Brixentaler « (auch Brixenthaler) Ache durchflossen, die bei Brixen im Thale entspringt und weite Teile der westlichen Kitzbühler Alpen westwärts durchfließt, ehe sie bei Wörgl in den Inn mündet. Südlich von Brixen im Thale liegt die Brixenbach-Alm, nach einem Quellbach der Ache benannt. Offensichtlich hat dieser wie auch der Bergfluss im Haupttal, die Brixent(h)aler Ache, den Namen von der Siedlung Brixen im Thale. »Brixental« und die anderen mit »Brixen« verbundenen Namen sind also auch hier wieder auf eine Siedlung bezogen und von deren Namen abgeleitet. Ganz im Gegensatz dazu, und umso auffallender und ungewöhnlicher, ist der Name »Brixen« bei unserem »Brixental« an dieser so ganz und gar entlegenen, unwirtlichen Stelle im Gebirge, an der eine Dauersiedlung von jeher ganz abwegig gewesen wäre. Auf den »Schloßberg« und mittelalterlichen Burgberg kann sich die Bezeichnung »Brixen« auch nicht beziehen, denn dieser ist zu weit entfernt und auch vom Gelände her räumlich von der Stelle hier deutlich abgesetzt. Jedenfalls müsste hier aber ganz in der Nähe eine befestigte Anhöhe oder ein Berg, der befestigt war, gewesen sein. Dies lässt sich meines Erachtens wohl nur so erklären, dass damals die hier nahen Almgebiete um Vorder-, Staudacher- und Brachtalm Flucht- und Rückzugsorte in Zeiten erhöhter Feindesgefahr unten im Tale waren. Der Zugang musste an entscheidender Stelle durch entsprechende Verschanzungen so befestigt werden, dass feindliche Eindringlinge abgewehrt werden konnten. Darauf verweist also hier wohl der Name »Brixental«.


Walter Reicherseder


Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 39 vom 24. 9. 2016


Anmerkungen:
(1) Freilassing 1974, S. 118.
(2) Übersee a. Chiemsee, 1967, S. 20.
(3) Vgl. Heinz Dopsch / Zum Anteil der Romanen und ihrer Kultur an der Stammesbildung der Bajuwaren, in: Hermann Dannheimer / Heinz Dopsch (Hg.), Die Bajuwaren. Von Severin bis Tassilo (488-788), Ausstellungskatalog Salzburg/ München 1988, S. 48 Abb. 2 Karte »Walchenort und romanische Mischnamen in Bayern« (nach E. Schwarz).
(4) Vgl. wikipedia. org./wiki Brixen im Thale.

 

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