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Jahrgang 2007 Nummer 36

Das Arntfest in Kößlarn

Die niederbayerische Marktgemeinde feiert am Sonntag wieder ihr Erntedankfest

Kößlarn und seine Wallfahrt
Mitten im fruchtbaren Rottal, in nächster Nähe des niederbayerischen Bäderdreiecks, dort, wo die Landkreise Passau und Pfarrkirchen sich berühren, liegt die stolze Marktgemeinde Kößlarn. Sie ist eingebettet in die fruchtbare Hügellandschaft und lässt in der Geschlossenheit des Ortskerns gut ihre geschichtliche Tradition erahnen. Der weiträumige Marktplatz, eingesäumt von dicht aneinander gereihten Gast- und Bürgerhäusern, deren Architektur schon die bekannte Innstädte-Bauweise zeigt, ist der Mittelpunkt des stolzen Marktes. Kößlarn hat bis heute sein eigenes Gesicht in der niederbayerischen Baulandschaft.

Überragt werden die schmucken, in kräftigen Farben gehaltenen Häuser des selbstbewussten Marktes von der Pfarrkirche, die der Heiligen Dreifaltigkeit geweiht ist, und ihrem 50 Meter hohen Kuppelturm. Seine sieben Geschoße werden von einer schwungvollen zwiebelförmigen Kuppel gekrönt.

Die prächtige Kirche steht an der Stelle, wo im 14. Jahrhundert eine kleine Wallfahrt zu einem wundertätigen Marienbild entstanden ist. An der Stirnseite des Chores wird außen in einem großen Fresko die Entstehung und Geschichte der Wallfahrt erzählt. Aus den reichen Opfergaben der Wallfahrer konnte nach 1400 ein steinernes Kirchlein errichtet werden, das aber bald vergrößert werden musste, denn Kößlarn war im ausgehenden Mittelalter zu einer blühenden Wall-fahrt geworden. Aus Aufzeichnungen weiß man, dass im Jahre 1448 nicht weniger als 137 Pfarreien aus ganz Niederbayern und dem benachbarten, zu Bayern gehörigen Innviertel hierher pilgerten. Kößlarn, der kleine Ort im Rottal, war im 15. Jahrhundert der meistbesuchte Mariengnadenort im »Unterland Bayern«. Die Spenden der Pilger müssen so reichlich geflossen sein, dass 1488 beim Passauer Goldschmied Balthasar Waltenberger eine Madonna in Silber in Auftrag gegeben werden konnte.

Die größten Wohltäter der Kößlarner Wallfahrt waren die niederbayerischen Herzöge Ludwig der Reiche und Georg der Reiche. Sie machten großzügige Schenkungen. So konnte im Jahre 1518 auch die heutige stattliche Kirche eingeweiht werden.

Infolge von Reformation und 30-jährigem Krieg kam die Kößlarner Wallfahrt im 16./17. Jahrhundert fast zum Erliegen. Sie blühte erst in der Barockzeit wieder auf. Nun wurde auch die spätgotische Kirche im Stil der Zeit prunkvoll umgestaltet. Nach der Säkularisation wurde es wieder ruhig in Kößlarn. Die Aldersbacher Zisterziensermönche, die die Wallfahrt betreuten, wurden vertrieben, die Wallfahrer blieben aus. Eine letzte Blüte erlebte die Wallfahrt ab der Mitte des letzten Jahrhunderts. Zum Stillstand kam sie erst im 1. Weltkrieg. In jüngster Zeit findet die Pfarr- und Wallfahrtskirche wieder ein neues In-teresse. Es kommen viele Besucher, die sich an dem lichtdurchfluteten Gotteshaus und seiner Schönheit erfreuen.

Wie das Kößlarner Erntedankfest entstanden ist

Das Wiederaufleben der Kößlarner Wallfahrt im 17. Jahrhundert wurde vor allem von den Mönchen aus dem nahen Kloster Aldersbach gefördert. Ganz im Geist der Barockzeit wollten sie den Gläubigen die Heilige Schrift möglichst sinnenhaft nahebringen. Und so entstand in Kößlarn, wie auch an anderen Orten, auch ein Umzug mit dem aus dem Jahre 1481 stammenden Palmesel, ein Brauch, an dem die Bürger trotz Verbot in der Aufklärungszeit festgehalten haben und der bis in unsere Tage lebendig ist.

Dem großen Bedürfnis nach einer sinnlichen Veranschaulichung des Glaubens dienten in der Barockzeit neben einem Passionsspiel auch eine Erntedankprozession. Diese wird erstmals im Jahre 1671 in einer Urkunde erwähnt, ebenso in einer Erzählung »Der Herrgott von Tann« aus dem Jahre 1695. So kann Kößlarn heuer auf eine über 300-jährige Tradition der Erntedankfeier zurückblicken. In einem Eintrag in Kirchenrechnungen werden bereits in den Anfangsjahren Brot- und Geldspenden an Kinder für einen »besunderen Umgang« vermerkt, aus dem sich die Erntedankprozession in der heutigen Form entwickelte.

Das Erntedankfest wird in Kößlarn jeweils am 2. Septembersonntag, heuer am 9. September, mit einer in ihrer Art einmaligen Prozession gefeiert. Damit soll auch für das Auge der Dank für die Ernte des Jahres zum Ausdruck gebracht werden. Und wie in der Barockzeit tun dies die Kößlarner bis heute in einer eindrucksvollen Schau.

Die Erntedankprozession – ein Fest in barocker Prachtentfaltung

Das Arntfest beginnt mit einem feierlichen Pfarrgottesdienst in der Pfarrkirche. Zahllose Helfer werden den barocken Kirchenraum in einer Gemeinschaftsleistung prächtig schmücken. Von der Decke des Altarraumes wird eine riesige Erntekrone schweben, vor dem Volkaltar werden, kunstvoll angeordnet, Früchte aus Feld und Garten lagern, eingerahmt von Getreidegarben und Herbstblumen. Nach dem feierlichen Amt formieren sich die vielen Teilnehmer in den Straßen rund um die Kirche zur großen Prozession. Der gesamte Prozessionsweg ist festlich geschmückt: An den Fenstern der Häuser flattern rote Tücher im Septemberwind, überall wehen bunte Fahnen.

Angeführt wird die große Prozession von einem Fahnen- und Kreuzträger. Damit soll der religiöse Charakter dieser Prozession deutlich gemacht werden. In der traditionellen Ordnung folgen nun viele Gruppen von Kindern und Jugendlichen, gekleidet in farbenfrohe Gewänder und Kostüme alter Gewerbe und Zünfte. Den Anfang macht eine Gruppe von Schäfern mit lebenden Schafen und Ziegen. Mehrere Gruppen erinnern, wie früher die Ernte eingebracht wurde mit Sensen, Sicheln, Holzgabeln und -rechen und Dreschflegeln. Und sogar ein Modell einer rauchenden Dampfdreschmaschine aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts ist dabei. Eine große Erntekrone symbolisiert den Dank für das tägliche Brot.

Dass zum ländlichen Leben früher auch das heimische Gewerbe und Handwerk gehörten, demonstrieren viele Kindergruppen, verkleidet als Bäcker, Metzger, Fischer, Holzfäller, Imker, Brauer, Seiler und Jäger. Sie führen diverse Gerätschaften und Erzeugnisse mit sich. Ein besonderer Blickfang sind jene Teilnehmer, die in großen Holztragen und -steigen lebende Tiere, Hühner, Gänse, Enten, Hasen, Tauben und Ferkel, in der Prozession mit sich führen.

Eine Reminiszenz an frühere Zeiten stellen auch die Schnitterinnen, Erntehelferinnen und Köchinnen in ihren festlichen Gewändern und in der traditionellen Rottaler Tracht dar. Eine besondere Augenweide sind die Bäuerinnen in ihren schwarzen Kopftüchern (»Schwaiberln«) und kostbaren, selbstgefertigten Goldhauben.

Dr. Albert Bichler



36/2007