Jahrgang 2020 Nummer 52

Christkindl auf der Suche nach dem Glück

Kaiserin Sisi an Heiligabend 1837 geboren – Höfische Weihnachten vom Protokoll regiert

Bei der Weihnachtsfeier mit Kronprinz Rudolf, dessen Frau Stefanie und dem Kaiserpaar (von rechts) ging es besonders steif zu, wie Marie Valerie (links) in ihrem Tagebuch schrieb. Im Vordergrund die kleine Elisabeth, Tochter des Kronprinzenpaars. (Repro: Mittermaier)
Weihnachtspräsent für den Kaiser: 1853 schenkte Sisi als Verlobte Franz Josef dieses Gemälde von sich, gemalt von Carl Theodor von Piloty und Franz Adam. (Foto: Dorotheum)
»Schloss Possenhofen am Starnberger See. Geburtshaus der Kaiserin Elisabeth« ist dieser Holzstich – historisch falsch – untertitelt. Tatsächlich kam »Sisi« in München zur Welt. (Repro: Mittermaier)

Als »Christkindl« an Heiligabend 1837 zur Welt gekommen, der damals auf einen Sonntag fiel, und das auch noch mit einem Milchzahn im Mündchen. Elisabeth Amalie Eugenie hätte kaum unter besseren Voraussetzungen das Licht der Erde erblicken können. Dem Volksglauben zufolge verhieß eine Sonntagsgeburt Reichtum und Schönheit – an beidem sollte es dem kleinen Mädchen, das als bayerische Herzogin geboren wurde und später zur Kaiserin von Österreich aufsteigen wird, wahrlich nicht mangeln. Als Glückskind hätte sich Elisabeth, auch bekannt als »Sisi«, allerdings kaum bezeichnet. Obwohl sie sich jeden Luxus leisten konnte und als eine der attraktivsten Frauen ihrer Zeit galt, war die gebürtige Wittelsbacherin ständig auf der Flucht, vor ungeliebten Menschen, lästigen Pflichten – und vor sich selbst. Entsprechend konnte sie auch zu Festen wie Weihnachten und ihrem gleichzeitigen Geburtstag nur selten das erleben, was diese Ereignisse eigentlich ausmachen, nämlich Freude und Geborgenheit im Kreise der Liebsten.

Von ihrem unglücklichen Leben ahnte die kleine Elisabeth bei ihrer Geburt freilich nichts, die in der »Bayerischen Nationalzeitung« am 28. Dezember 1837 mit dieser überschwänglichen Meldung verkündet wurde: »Die Weihnachtsfeiertage sind vorüber und die Bescherungen des Christkindleins werden auf den Köpfen, an den Armen, Händen und Füßen zur Schau getragen. – Unserm allgemein verehrten und geliebten Herrn Herzog Max, Hoheit, wurde aber unstreitig das schönste Christkindlein beschert; Höchst-Dessen Frau Gemahlin, Königliche Hoheit, genasen gerade in der Weihnachtsnacht in der zwölften Stunde von einer holden Prinzessin. – Die hohe Wöchnerin nebst dem Kinde befinden sich wohl.«

Die in manchen Quellen kolportierte Behauptung, Herzog Max hätte die Weihnachtsfeiertage und damit auch die Geburt seiner Tochter gar nicht mitbekommen, weil er auf einer seiner Reisen unterwegs war, stimmt übrigens nicht, denn am 31. Dezember ist der frischgebackene Vater neben Kronprinz Max und Prinz Karl Gastgeber eines prächtigen Silvesterballs im Münchner Odeon. Für die bayerische Herrscherfamilie und damit auch die neugeborene Erdenbürgerin ist Weihnachten kein rein privates Fest: Neben diversen Gottesdienstbesuchen finden um Neujahr traditionsgemäß formelle Essen, Empfänge und Audienzen statt. Kinder nehmen daran zwar nicht teil, doch sie werden schon in jungen Jahren aufs Protokoll und ihre späteren Pflichten getrimmt. Für Sisi werden das Christfest 1853 und damit auch ihr 15. Geburtstag zum Scheideweg von der Kindheit zum Erwachsenenleben.

Im Sommer jenes Jahres hatte sie der österreichische Kaiser Franz Joseph überraschend als Braut ausgewählt. Durch die Verlobung war die zweitälteste Tochter von Herzog Max und Herzogin Ludovika von einem Tag auf den anderen ins Rampenlicht katapultiert worden, das in jenen Weihnachtstagen besonders hell auf sie schien, denn ihr Zukünftiger hatte sich als Besucher im Münchner Herzog-Max-Palais angesagt. Franz Joseph kam zwar in erster Linie als verliebter Bräutigam, der es nicht erwarten konnte, seine Auserwählte wiederzusehen, doch der 23-Jährige war auch Herrscher eines der mächtigsten Reiche in Europa und musste deshalb auch bei privaten Besuchen standesgemäß empfangen und unterhalten werden: Mit den protokollarisch vorgeschriebenen Begrüßungs- und Abschiedsvisiten, Soupers, Diners, Audienzen, einem Tanztee und verschiedenen Gottesdiensten hatte der Kaiser einiges auf dem Programm, die ihm nicht viel private Zeit mit seiner Braut ließen.

Der Besuch in der Menagerie eines gewissen Herrn Kreuzberg am Nachmittag des Heiligabends war für den Bräutigam und seine jugendliche Braut dann eine willkommene Abwechslung vom Händeschütteln und Small Talk. »Mit dem Ausdrucke Ihrer vollsten Zufriedenheit über die so ungemein reichhaltige Sammlung seltener Tiere wie über die außerordentliche Dressur derselben« hätten die hohen Herrschaften die Lokalitäten des Herrn Kreuzberg nach einem längeren Aufenthalte wieder verlassen«, berichtet das österreichische »Fremden-Blatt« von diesem Termin.

Beim anschließenden Abendessen im Herzog-Max-Palais tauschten Franz Joseph und Sisi dann ihre Weihnachtsgeschenke aus, wobei die »Leipziger Zeitung« ihre Leserschaft schon vorab informiert hatte, dass sich im Gepäck des Gastes »höchst kostbare Einkäufe befänden – ein Beweis, dass Klatsch und Tratsch aus königlichen Kreisen auch vor Erfindung der modernen Regenbogenpresse schon ein beliebtes Thema in der Presse waren. Unter den Präsenten für die Braut befanden sich ein Gemälde, das den jungen Kaiser hoch zu Ross zeigte, sowie ein üppiger Strauß frischer Rosen aus den kaiserlichen Gewächshäusern, der, mitten im Winter, gut verpackt worden war, um die Reise von Wien nach München heil zu überstehen. Elisabeth überreichte ihrem Bräutigam ebenfalls ein Gemälde von sich, ebenfalls auf einem Vierbeiner, wobei an diesem Werk gleich zwei namhafte Künstler gepinselt hatten: Carl Theodor von Piloty durfte die zukünftige Kaiserin malen, Franz Adam das Pferd. Sisis Geschenk hing dann 60 Jahre lang im Schlafzimmer Franz Josephs in der Wiener Hofburg, was zum kuriosen Umstand führte, dass der Kaiser seine bessere Hälfte weit öfter in Öl als in Natura zu Gesicht bekommen sollte.

Das folgende Weihnachtsfest und gleichzeitig ihren Geburtstag feierte Sisi dann schon als junge Ehefrau in Wien, fern von der Heimat und der Familie, die sie sehnlichst vermisste. Stattdessen musste die 17-jährige Kaiserin ihr Wiegenfest mit dem belgischen Thronfolger Leopold und dessen Gattin Maria Henriette feiern, die sich zuvor in Triest aufgehalten hatten und auf der Heimreise nach Belgien in Wien Halt machten, um die Feiertage bei der österreichischen Verwandtschaft Maria Henriettes zu verbringen.

Wie bei Franz Josephs Besuch in München musste auch für die belgischen Hoheiten das übliche offizielle Programm abgespult werden, das für Sisi zeitlebens eine Plage war. Immerhin sollten die Weihnachtsfeste in den folgenden Jahren durch die Geburt der kaiserlichen Sprösslinge Sophie 1855, Gisela 1856 und Kronprinz Rudolf 1858, einen etwas familiäreren Charakter erhalten. Kaiser Franz Joseph entpuppte sich dabei als liebevoller Vater, der viel Zeit mit seinen Kindern verbrachte und besonders die Ruhe der Feiertage genoss.

Die Idylle unterm Christbaum sollte allerdings nicht langfristig anhalten. Sisi fiel es immer noch schwer, sich in ihre Rolle als Ehefrau, Mutter und vor allem als erste Frau im Staat, einzufügen. Sie begann zu kränkeln und als sich ihr Gesundheitszustand mehr und mehr verschlechterte, rieten ihre Ärzte zu einem Klimawechsel. Im Winter 1860 reist sie nach Madeira – und verbringt dort das erste von zahlreichen weiteren Christfesten und Geburtstagen fern vom Wiener Hof. Das Weihnachtsfest ein Jahr später wird in Venedig, damals Teil des Habsburger Reichs, gefeiert, wo sie von ihrer Rückreise von Madeira länger Station macht. Bei dieser Gelegenheit sieht sie auch ihre Kinder Gisela und Rudolf – die kleine Sophie war 1857 gestorben – und ihren Mann wieder.

Franz Joseph ist überglücklich, zumindest ein paar Tage in Gesellschaft seiner »Engels-Sisi« zu verbringen. Doch die Pflicht ruft ihn bald wieder zurück an den Schreibtisch. Die Kaiserin wird erst im Verlauf des folgenden Jahres nach Österreich zurückkehren – und dort prompt wieder von allerlei Malaisen befallen, die sich nur dann zu bessern scheinen, wenn sie sich möglichst weit weg vom Hof aufhält. Zu einem wirklichen Familienleben kommt es deshalb auch in Zukunft nicht, und Kaiser wie Kinder müssen immer mehr Zeit ohne die Ehefrau und Mutter verbringen, die sich schließlich nur noch sporadisch in Wien aufhält.

Die langen Trennungen wirken sich entsprechend auf das zwischenmenschliche Klima am Hof aus, und das gilt nicht nur im Kontakt mit den vielen Funktionsträgern, sondern auch den Verwandten der kaiserlichen Familie. Die jüngste Tochter Marie Valerie berichtet in ihren Tagebüchern über die verkrampfte Stimmung, wenn sich Franz Joseph und Sisi, umgeben von der Hofgesellschaft, mit ihren Kindern unterm Weihnachtsbaum versammelten, jeder um die richtigen Worte verlegen. Über die Feier 1887 – dem 50. Geburtstag der Kaiserin – gemeinsam mit ihrem Bruder, dem Kronprinzen und dessen Frau, notierte Marie Valerie: »Steif und kühl geht man von Tisch zu Tisch, speist dann in peinlicher Ungemütlichkeit und ist froh, wenn man sich um ½ 7 Uhr von Rudolf und Stephanie trennen und den heiligen Christabend wie jeden anderen beschließen kann.«

Das Weihnachtsfest ein Jahr später ist eine Ausnahme: Marie Valerie feierte damals Verlobung mit Erzherzog Franz Salvator und die Stimmung ist ungewohnt harmonisch. Die Ruhe vor dem Sturm, wie sich herausstellen sollte, denn nur einen Monat später erschießt Kronprinz Rudolf zunächst seine Geliebte Mary Vetsera und dann sich selbst. Die Kaiserin ist von da an noch getriebener und verbringt die Jahre bis zu ihrem eigenen gewaltsamen Tod 1898 praktisch nur noch unterwegs. Kaiser Franz Joseph sollte dagegen in seinen späteren Jahren doch noch die Art von Weihnachtsfesten erleben, nach denen er sich als junger Ehemann so gesehnt hatte, nämlich bei seinen Töchtern Gisela, mit dem bayerischen Prinzen Leopold verheiratet und Marie Valerie, die mit ihrer Familie ab 1897 auf Schloss Wallsee in Niederösterreich lebte. Beide haben eine große Kinderschar und der Opa ist ein gern gesehener Gast bei den Kleinen.

Über ihr erstes Weihnachtsfest als verheiratete Frau 1890 hatte Marie Valerie geschrieben: »Die frohe Gemeinsamkeit mit der Dienerschaft machte den Heiligen Abend zu einem so glücklichen, wie ich ihn noch nie erlebt. Welch ein Kontrast gegen die Christbäume in der Burg, wo alles so steif und peinlich war!«

Kaiserin Sisi verbrachte die Winter und damit auch die Weihnachtsfeste und ihre Geburtstage im Ausland, 1895 und 1896 an der Riviera und 1897 in Paris, wo sie zumindest ihre beiden Schwestern Marie und Sophie trifft. Dem ungemütlichen Wetter und der kalten Atmosphäre am Wiener Hof kann sie mit ihrer Abwesenheit auch während der Feiertage zwar entfliehen, ihre seelische Einsamkeit mindert das kaum. Schönheit und Reichtum hatte es bekommen, das »Christkindl« aus dem Hause Wittelsbach, doch das wahre Glück fand Sisi trotz der guten Omen bei ihrer Geburt bis zu ihrem tragischen Tod 1898 nicht.

Nicht alles, was über Königs und andere Prominente schwarz auf weiß geschrieben steht, entspringt der Wahrheit, und das galt gestern offenbar genauso wie heute. Die folgende Geschichte ist zwar in diversen Zeitungen erschienen, unter anderem am 1. Oktober in der »Kärntner Zeitung« als Erinnerung an Kaiserin Sisi, die drei Wochen zuvor in Genf bei einem Attentat getötet worden war. Doch mit der Akuratesse stand der namentlich nicht bekannte Verfasser nicht auf allerbestem Fuß. Das »Possenhofer Christkindl« kam in Wirklichkeit in München zur Welt und eine ältere Schwester namens Amalie gab es auch nicht. Ob die Familie Gangelhuber existiert hat, ist an dieser Stelle nicht nachzuprüfen. Vielleicht ist das alles aber auch nebensächlich, denn den für eine gute Weihnachtsgeschichte nötigen Kitsch liefert die Erzählung allemal.

 

s Possenhofer Christkindl

 

»Es war zu Weihnachten 1837, am 24. Dezember. Die Glocken der Schlosskapelle von Possenhofen in Bayern haben eben Mittag geläutet, als ein Herr von hoher, echt ritterlicher Gestalt den Park verließ und elastischen Schrittes dem nahen Starnberger See zuschritt, um an dessen herrlichen Ufern eine Promenade zu machen. Von der entgegengesetzten Seite kam ihm, keuchend unter der Last eines großen Bündels gesammelten Reisigs, ein altes Mütterchen entgegen und entbot ihm ihr »Gelobt sei Jesus Christus.«

»In Ewigkeit, Amen«, antwortete der Begrüßte. »Na wohin denn, gutes Frauchen«, setzte er fort, » es is' wohl recht schwer euer Bündel?«

»Ja, – s'is freilich arg schwer für so a altes Weib als wie ich. Aber, du lieber Gott, es hat halt a jeder sein Packerl zu tragen, der eine a großes, der andere a kleineres. Wo i hin will? Rüber nach Mairingen, zu meiner Tochter.«

»Nach Mairingen?« sagte der Herr, »da brauchts Ihr euch doch nur vom Fährmann übersetzen lassen.«

»O du lieb's Herrgöttl. Das kost' ja an ganzen Kreuzer – das ist nur was für reiche Leut', nein, nein, i muss schon am Ufer lang rumgeh'n, werd scho zurechtkommen mit meinen großen Weihnachtspräsentern.«

»Und was sind denn das für Präsenter, wenn man fragen darf?«

»Na, hier das Reisig und hier in dem Sackerl a Gugelhupf und a paar Eier, die hat mir der hochwürdige Herr Pfarrer für die fünf Kinder mitgeb'm. Es ist gar große Armut, Jammer und Not in den Hütten drüben. Der Tochtermann ist erst kurz aus dem Spital gekommen, und meine Tochter, die Toni selbst is a net recht g'sund und die Kinder sind alle noch ganz jung. Ja, ja, gnädiger Herr, bei Ihnen wird sich's Christkindl wohl ganz anders einstellen.«

»Da könnt Ihr Recht haben. Das Christkindl hat sich sogar schon heute in aller Frühe bei mir persönlich eingestellt. Meine liebe Frau hat mir ein solches beschwert.«

»Ahso, ich begreif' schon, is denn a Bua oder a Madel?«, fragte die Alte neugierig.

»Es is a Madel«, erwiderte der Herr lächelnd, »und zwar a arg sauberes Madel, das Lisl!«

»Na, da wünsch ich recht viel Glück euer Gnaden, und wünsch', dass, wenn das Madel erst groß ist, dass sie auch an recht guaten Mann kriegt, der's auch ordentlich ernähren kann.«

»Nun, das wollen wir hoffen«, sagte der Herr lächelnd, »und nun gute Frau, nehmt wieder euer Bündel auf, da habt Ihr einen Silbergulden und lasst euch getrost vom Fährmann übersetzen. Und wenn Ihr im Dorfe bei eurer Tochter angelangt seid, so sagt ihr, dass das Christkindl heute gar so viel zu tun hat und noch keine Zeit hat, hinüberzukommen über'n Starnberger See, sie möchte mit ihren fünf Kindern noch heute herüberkommen nach dem Schloss – und soll nach dem Christkindl, dem Lisl von Possenhofen, fragen, da wird ihr schon Bescheid zuteilwerden.«

»Mein Gott, mein Gott, a richtiger Silbergulden« rief die Alte ein übers andere Mal. »Ja tut's Ihnen denn nicht weh, soviel Geld zu verschenken?«

»Darüber beruhigt euch, Frauchen, und tut so, wie ich euch sagte. Grüß Gott, guten Weg.«

»Vergelt's Gott tausendmal!«, stammelte die Alte.

Einige Stunden später stellte sich pünktlich die Gangelhuber Toni im Possenhofener Schloss ein, und in ihrer bäuerlichen Einfalt fragte sie in der Tat direkt nach dem Christkindl, dem Lisl von Possenhofen. Ein Diener, der von der Sache unterrichtet war, führte die Frau samt den ängstlich an der Mutter haltenden Kindern nach einem im Parterre gelegenen, glänzenden Saal, in dem sich eine Dame und ein etwa sechsjähriges, allerliebstes Mädchen befand.

Die Dame sagte, dass das Christkindl heute noch nicht zu sprechen sei, es habe aber sein Schwesterchen hier beauftragt, die Frau und ihre Kinder zu beschenken.

»Ja du mein Jesus, wem dürfen wir denn auf unseren Knien danken dafür, dass wir auf lange Zeit aus aller Not gerettet sind?«, fragte die Bäuerin mit Tränen in den Augen.

»Auf den Knien danken dürft Ihr nur jenem, dessen heiligen Namen Ihr soeben ausgesprochen,« erwiderte ein stattlicher, junger Herr, welcher unbemerkt in den Saal getreten war. »Ja, aber sonsten«, erwiderte die arme Frau, »wer ist denn eigentlich das gute, liebe Possenhofer Lisl, und wer ist denn der Herr, der uns herbestellt hat, und wer ist denn hier das schöne gute Mädchen – und wer sind Sie, gnädiger Herr?«

»Ihr wollt zwar viel wissen, liebe Frau, aber trotzdem will ich eure Neugierde befriedigen. Das Possenhofer Lisl, das ist die heute am Heiligen Abend geborene Prinzessin Elisabeth von Bayern, und der euch herbestellt hat, ist ihr Vater, der Herzog Max Joseph in Bayern; hier das Mädchen, welches euch die Geschenke reicht, ist die Schwester des Christkindleins, die Prinzessin Amalia, und ich, nun, wenn Ihr's wissen müsst, ich bin der Prinz Luitpold von Bayern.«

Regelmäßige Besuche bei der Familie Gangelhuber

Der 24. Dezember 1837 war für die Familie Gangelhuber in Mairingen ein wahrer Glücks- und Segentag, denn von da an war die Armut für alle Zeit aus ihrer Hütte gewichen. Als das Possenhofer Lisl älter geworden, unternahmen die beiden Prinzessinnen gar oft einen kurzen Ausflug hinüber nach Mairingen und besuchten dort die Gangelhuber'sche Hütte; ja, sie veranlassten, dass deren fünf Kinder auf den herzoglichen Gütern Anstellung und Unterkunft fanden, und noch später, als das schöne, jugendliche Haupt des Possenhofer Lisls schon längst die Krone der Kaiserin von Österreich und das ihrer Schwester die Krone des Königreichs Neapel zierten, unterließen es die beiden Schwestern niemals, bei ihrer Anwesenheit in Possenhofen auch in der Gangelhuber'schen Hütte zu Mairingen vorzusprechen. Das liest sich so schön, und 's Possenhofer Lisl war so gut und lieb.

Aber gleichwohl ist sie eine unglückliche Frau geworden, eine von schwerem, nagendem Leid heimgesuchte Fürstin, die auf den glänzenden Höhen des Lebens dessen dunkelste Schatten und herbste Schickungen kennenlernte. Wer möchte nicht, vom innigsten Herzeleid überwältigt, ihrem Andenken eine Träne des Mitgefühls und ein Gebet für ihre Seelenruhe weihen? Die Possenhofer gewiss!« (»Augsburger Postzeitung«)

 

Susanne Mittermaier

 

52/2020

Einstellungen