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Jahrgang 2020 Nummer 32

Burg Tittmoning als Sicherheitstrakt

Immer wieder Fluchtversuche der britischen Offiziere

Die Burg, das imposante Wahrzeichen von Tittmoning.
Kontrolle der Betten im Burghof.
Ansicht der Burg, gezeichnet von einem inhaftierten Offizier.
Tittmoning im Jahre 1572, Lithographie von Geog Petzold. (Fotos: Bittmann)

Seit dem Jahr 1940 befand sich in der Burg von Tittmoning ein Lager für gefangene britische Offiziere, vom Leutnant bis zum Stabsoffizier. Die offizielle Bezeichnung lautete abgekürzt »Oflag« – Offiziersgefangenenlager. Die britischen Offiziere gehörten dem sogenannten Expeditionskorps an. Dieses war im Jahre 1939 von der Regierung von Großbritannien nach Frankreich geschickt worden, um dem französischen Bündnispartner im Kampf gegen die deutschen Invasionstruppen beizustehen. Doch als sich schon nach wenigen Tagen ein deutscher Sieg abzeichnete, entschloss sich das britische Korps zum Rückzug, was auch den meisten, wenn auch ohne Ausrüstung, gelang. Ein nicht unerheblicher Rest musste sich den Deutschen ergeben und gelangte in Gefangenschaft.

Für die Belegung mit Kriegsgefangenen musste die Tittmoninger Burg zunächst entsprechend hergerichtet werden. Wie Fritz Schmitt, der Museumsleiter und langjährige Stadtheimatpfleger von Tittmoning, berichtet, wurde besonderer Wert darauf gelegt, die Burg ausbruchssicher zu machen, an allen Ecken wurden MG- und Gewehrposten stationiert, Gitter an den Fenstern und Stacheldraht als Zaun und als Stolperhindernis angebracht. Rund um die Burg kam ein Postengang mit Laufstegen für die Wachmannschaften, im Zwinger, nördlich des Westtores, befanden sich acht Boxen für die Wachhunde und eine eigene Hundeküche. Scheinwerfer tauchten die Burg nachts in grelles Licht und beleuchteten den gesamten inneren Burghof. Dass trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen immer wieder Fluchtversuche unternommen wurden, sollte sich in der Zukunft erweisen.

Natürlich waren für das Lager auch entsprechende Versorgungseinrichtungen erforderlich. Eine Küche mit Kartoffelschälraum und Kantine befand sich im Erdgeschoß des Kavalierstocks, desgleichen der Kohlenkeller und der Kartoffelkeller. Heizungs- und Kokslager waren in dem Gewölbe des Getreidekastens, ebenso die Abortanlagen und 12 Duschen. Der darüberliegende Schüttboden war in einzelne Stuben unterteilt für die Wohn- und Schlafräume der Offiziere. Generäle, Ärzte und Geistliche wohnten in den gegenüberliegenden kleinen Häusern. Die Burgkapelle diente als geistlicher Versammlungsraum der einzelnen Konfessionen. Ein für die Inhaftierten sehr wichtiger Raum war im Haus Nummer 9 die Poststelle mit der Paketabgabe. Ein- und ausgehende Post wurde in der Postüberwachungsstelle kontrolliert. Im gleichen Haus waren die Fernsprechvermittlung, die Zahlmeisterei und im 2. Stock die deutsche Lagerverwaltung, im Haus daneben das Krankenrevier und der Zahnarzt. Lagerkommandant war ein Offizier im Majorsrang.

Dienstplan für die Bewacher

Alle Besucher, auch die unten in der Stadt wohnenden deutschen Offiziere und Wachmannschaften, mussten sich am Kontrollfenster im Osttor anmelden. Das Wachpersonal bestand aus 18 Polizisten, 6 Schließerposten, Begleitposten und 3 Hundeführern. Für den Ernstfall standen schwere und leichte Maschinengewehre und Handgranaten zur Verfügung, die aber nie zum Einsatz kamen. Wie ernst die Bewachung der gefangenen Offiziere genommen wurde, zeigt die jedem Wachsoldaten ausgehändigte Wachvorschrift, in der es heißt:

Die Bewachung eines kriegsgefangenen Offiziers ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe und erfordert Selbstzucht, schärfste Aufmerksamkeit, absolute Unbestechlichkeit, Strenge, rückhaltslose Hingabe an den Dienst und im gegebenen Fall letzten persönlichen Einsatz. Der Verkehr mit den kriegsgefangenen Offizieren ist auf das Allernotwendigste zu beschränken, ausserdienstlich kein Gespräch und keine Unterhaltung zu führen, keinen Gruß oder Händedruck zu geben, keine Geschenke abzugeben oder entgegegenzunehmen. Von der Schußwaffe ist ohne Anruf Gebrauch zu machen: 1. bei Übersteigen des Drahtzaunes, 2. bei Dunkelheit, wenn sich jemand an derDrahtumzäunung zu schaffen macht und 3. bei Nichtbeachtung dreimaligen lauten Anrufens.

Die Belegungsstärke des Lagers betrug anfangs knapp fünfzig Gefangene und stieg im Laufe der Monate auf 180. Dazu kamen 30 Ordonanzen, nach Meinung der Offiziere viel zu wenige, wie sie mehrfach beanstandeten. Ein Dienstplan regelte den Tagesablauf, Fixpunkte waren Zählappelle und die Essenszeiten. In Arbeitsgemeinschaften berichteten Experten über verschiedene Wissensgebiete, Bunte Abende sorgten für Unterhaltung, im Burghof fanden Ballspiele statt. Im Sommer ging es unter strenger Bewachung zum Baden an den Leitgeringer See. Als zweischneidige Sache erwies sich der Sportplatz an der Salzach. Dieser wurde mehrfach dazu benutzt, um unter Baumwurzeln oder im Gebüsch Kassiber zu verstecken, garniert mit Schokostückchen und anderen Süßigkeiten. Spaziergänger sollten – so die Bitte – im Gegenzug Landkarten der Umgebung hinterlegen.

Mehrere Fluchtversuche

Fritz Schmitt berichtet, dass die Gefangenen trotz der strengen Bewachung eine Reihe von Fluchtversuchen unternahmen und dabei eine erstaunliche Geschicklichkeit an den Tag legten, auch wenn sie letzten Endes meist wieder erwischt wurden. So ließen sich Ende August 1940 vier Gefangene mit dem aus dem Turm entwendeten Glockenseil vom Wehrgang zum Zwinger herab und erreichten durch eine unbewachte Stelle das Freie. Unter Umgehung der Städte Laufen und Salzburg kamen sie bis Hallein, marschiert wurde bei Nacht, den Tag verbrachten sie in Scheunen und Heustadeln. Erst in Hallein griff sie nach vier Tagen ein Brückenposten auf.

Pech hatten drei Offiziere, die sich mit einem Dietrich Eingang ins Kommandanturgebäude verschafft hatten und über den Ziergarten die Burg verlassen wollten. Sie hatten aus Decken genähte Zivilkleidung an und die Schuhe mit Lappen umwickelt. In ihrem Gepäck befanden sich neben Werkzeug und Landkarten jede Menge Lebensmittel wie drei Kommissbrote, zwölf Pfund Schokolade sowie Kekse, Rosinen, Vitamintabletten und Tabak.

Ebenfalls in Verkleidung, und zwar als deutscher Wachmann versuchte ein gefangener Leutnant mit einem angeblichen Häftling die Burg durch das Haupttor zu verlassen, indem er einen gefälschten Ausweis vorwies und passieren konnte. Zu spät wurde der Ausweis als Fälschung erkannt, die Ausreißer hatten sich inzwischen in Sicherheit gebracht. Ein anderes Mal versuchte ein als deutscher Offizier verkleideter Häftling ganz forsch den WachtpostenamTor zu passieren. Über seinem selbstgeschneiderten grauen Anzug trug er einen mit Tusche schwarz gefärbten Regenmantel aus Wachsleinwand, Hoheitszeichen und Eichenlaub waren täuschend ähnlich aus Holz geschnitzt und mit Stanniolpapier überzogen. Als der Wachtposten nach dem Ausweis fragte, schnauzte ihn der Ausreißer ungnädig in deutsch an: »Was wollen Sie denn vonmir?« und ging weiter. Er wurde festgenommen. Bei seinerUntersuchung fandman unter dem Mantel zwei Taschen mit Lebensmitteln, Landkarten und einen Kompass.

Gerade noch vereitelt wurde ein Fluchtversuch, für den ein fünf Meter tiefer Schacht gegraben worden war, von dem es waagrecht in die Ponlachschlucht gehen sollte. Den Abraum hatten die Gefangenen in unbenutzten Klaminen gelagert, den Einstieg durch aufgestapelte Ziegelsteine getarnt. Auch der Versuch zweier Offiziere, sich unter dem Müll zu verstecken, der auf einem Bulldog-Anhänger aus dem Lager weggebracht wurde, schlug fehl. Beim Ausgraben aus dem Unrat wurden sie gefangen genommen und zurückgebracht.

Postverkehr und Besuche

Mehrfach erschienen in der Burg deutsche und internationale Delegationen, um die Verhältnisse im Lager zu inspizieren. Beim Besuch einer amerikanischen Gruppe Mitte Mai 1941 wurden acht Kranke gemeldet, davon sechs mit Sportverletzungen. Zu ihren Beschwerden über das deutsche Militärbrot wurde festgestellt, es sei schmackhaft und einwandfrei. Bemängelt wurden von den Häftlingen die hygienischen Verhältnisse, es gebe zu wenig Waschbecken und WC-Anlagen. Fürs wissenschaftliche Arbeiten wünsche man sich Fachliteratur, für Hobbykünstler Ölfarben und Leinwand. Das Gesamturteil über das Lager fiel sehr positiv aus – ein himmelweiter Unterschied zu sowjetrussischen Lagern für deutsche Offiziere.

Einer strengen Kontrolle unterlag der Post- und Paketverkehr von Angehörigen wie von Hilfsorganisationen. Vor Festtagen erreichte die Paketflut ihren Höhepunkt. So kamen am 23. Dezember 116 Pakete in das Lager, am Tag darauf nochmals 119 und am Heiligen Abend 629 Gemeinschaftspakete einer britischen Hilfsorganisation, die ein LKW aus München brachte. Der Christliche Verein Junger Männer spendete ein Piano und ein Grammophon mit Platten sowie weitere Musikinstrumente und Sportgeräte.

Im Herbst 1941 wurde das Lager aufgelöst und die britischen Offiziere wurden in verschiedene andere Orte verlegt. Damit ging ein kurzes, aber interessantes Geschichtskapitel für die Burg Tittmoning zu Ende. Wer heutzutage an der imposanten Burganlage vorbei fährt, mag daran denken, dass hier vor 75 Jahren an die 200 gefangene Offiziere ein für die damalige Zeit vergleichsweise geruhsames Leben geführt haben, während ihre Kameraden an der Front Gesundheit und Leben auf das Spiel gesetzt haben.

 

Julius Bittmann

 

32/2020