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Jahrgang 2020 Nummer 11

Brückenschläger zum Jenseits

In Zeiten einer neuen Epidemie stoßen nicht nur Gläubige auf die alten 14 Nothelfer

Neuötting: Seitenaltar-Relief aus der zum Teil regotisierten Stadtpfarrkirche St. Nikolaus.
Schnabling: Filialkirche St. Ulrich: Votivtafel, 19. Jahrhundert, mit lokalen Nothelfern Florian und Ulrich.
Rabenden: Detail vom südlichen Flügelaltar der Filialkirche St. Jakobus d. Ä., um 1510/15.
Niedertaufkirchen: Seitenaltar der Martinskirche, um 1730/40, davor spätgotische Sebastianfigur.
Sankt Erasmus: Barockes, goldgerahmtes Tafelbild von Sebastian Junckher, Landshut.
Margarethenberg: Unkoloriertes Andachtsbildchen von Ph. Sadeler, 17. Jahrhundert.
Von Tüßling nach Mörmoosen: Andachtstafel am Waldweg in Privatgarten, 20. Jahrhundert.
Maisenberg: Naiv bemaltesWegmarterl aus Stein mit lokalen Nothelfern um den Gnadenstuhl.
Wasserburg am Inn: Werbeprospekt des Tourismusbüros mit St. Nikolaus als Gabenbringer und Stadtansicht.
Grünbach bei Mühldorf am Inn: Detail der Ausmalung der Leonhardskirche, 1. Hälfte 18. Jahrhundert. (Abbildungen: Hans Gärtner)

Einer allein half nicht aus der Not. Es mussten vierzehn sein, die angerufen werden konnten in lebensbedrohlichen Situationen. Vierzehn Nothelfer, zweimal sieben. Exakt so viele Personen, die die Auferstehung Christi bezeugten: elf Jünger, die drei Marien. Es gab, angeblich schon seit dem 9. Jahrhundert, elf männliche und drei weibliche himmlische Fürsprecher. Zu letzteren hatten die Mädchen besonderes Zutrauen. Was in Bayern zu dem Spruch von den drei heiligen Madln führte:

Gretl mitm Wurm,

Bärbel mitm Turm

und Kathi mitm Radl.

Weder Katharina, die aufs Rad Gespannte, noch Barbara, die in ein Turmverlies Gesperrte, noch Margareta, die Enthauptete hatten auch nur den kleinsten körperlichen Makel. Schon ihre exklusive Schönheit nahm für sie ein, ob Mann oder Frau. Geliebt und geachtet ob Glaubenstreue, Mut, erlittenen Martyriums um Christi willen. Katharina von Alexandrien, blitzgescheit und nicht auf den Mund gefallen, sollte allen Redenden die Zunge heil erhalten und lösen, Stumme sprechen, Stotterer störfrei reden und Schwangere glücklich niederkommen lassen. Barbara, wie Margareta eine Legendengestalt, sollte, nach einem Lied auf die Maid, in Not und Gefahr »ihre treue Hilfe geben« und »vor jähem Tod bewahren«. Margareta war in Sonderheit für alle Anliegen der Bauern, Hirten und Gebärenden zuständig.

Ein Kanon der Brückenschläger ins Jenseits

Den drei aus dem Quartett der »Virgines Capitales«, den – mit Maria, der unbefleckt empfangenen Gottesmutter – vier kapitalen Jungfrauen sollte gerade in Zeiten leider nicht zunehmender Frauenfreundlichkeit die Ehre der Erstnennung widerfahren. Ihnen sollen hier, in alphabetischer Reihung, die Herren folgen: Achatius, Ägidius, Blasius, Christophorus, Cyriakus, Dionysius, Erasmus, Eustachius, Georg, Pantaleon und Vitus. Alle 14 schlugen eine Brücke aus dem Jammertal des Diesseits ins versprochene Paradies des Jenseits. Die wenigsten von ihnen sind dem heutigen Menschen geläufig. Ausnahmen: der Jesuskind-Träger Christophorus, Patron der Reisenden und Kraftfahrer, Georg, der sagenhafte Drachentöter und Prinzessineroberer, vielleicht noch Blasius, der HNO-Spezialist.

War Ritter Georg der erste, den man bei Seuchen anrief, sollte der Riese Christoph, der ein Kind sicher durch die Fluten schulterte, vor Unfall und jähem Tod bewahren. Pilger sicherten sich seines Beistands ebenso wie Krieger und Fuhrleute. Wie es dazu kam, dass auch Gärtner und Obsthändler sich in Nöten an ihn wandten, gehört – wie in ähnlich gelagerten Fällen der meisten Kolleginnen und Kollegen – ins Legendenreich.

Das brandneue Buch zum Thema 14 Nothelfer trägt witzigerweise den Untertitel »Das himmlische Versicherungspaket«. Die Autoren Markus Hofer und Andreas Rudigier, beide Kunstgeschichtler, die den 14 Nothelfern in Vorarlberg nachspürten, bedienten sich der auf einer wohl barocken Memminger Gebetstafel gefundenen Merkverse:

S. Blasius – bringt wegen Halsweh Fürbitt dar

S. Georgius – ist anzurufen in Kriegs-Gefahr

S. Erasmus – für Darm und Leibesschmerzen

S. Vitus – ein großer Freund der Kinderherzen

S. Pantaleon – Patron der Ärzten, bei Gott mächtig

S. Christoph – für Hagl und Wetter beschützt er kräftig

S. Dionysius – in Hauptweh wird gerufen an

S. Cyriakus – von Teufel Beseßnen helfen kann

S. Achatius – dem christlichen Kriegsvolk hilft er behend

S. Eustachius – Betrübniß in der Ehe abwendt

S. Ägidius – hilft zu Erkenntniß heimlicher Sünd

S. Margareta – in Teufelslist ein Zugang findt

S. Katharina – wenn Weisheit im Studiren mangelt

S. Barbara – im Tod die Sackrament erlangt

Zu diesem Kanon des Nothelfer-Kultes – wie dieser sich im 14. Jahrhundert für etwa ein halbes Jahrtausend auszugestalten begann – zählten keineswegs die »Pestheiligen« Rochus und Sebastian. Wo gerade sie doch wie keine anderen nötig gewesen wären angesichts wiederholt wütender Pestepidemien. Rochus und Sebastian wurden eigens verehrt, öffentlich sogar, von Italien bis an die Nordsee. Sie erhielten eine Sonderstellung. Wurden, wie nebenbei im Folgenden nachzuweisen versucht wird, auffällig in Südostbayern, lokal hinzugesetzt: Wolfgang, Magnus, Pantaleon, Leonhard, Florian, Nikolaus. Sogar Ulrich von Augsburg. (In Eresing bei München ist er, mit Monstranz, auf einem Deckengemälde zu sehen, ganz untypisch umgeben von einer Reihe lokaler »Patrone« wie Barbara, Dorothea, Rochus, Sebastian, Konrad und Narzissus. Warum und wie es Ulrich aus dem Schwäbischen ausgerechnet ins Südostbayerische, nämlich ins völlig unbedeutende Schnabling bei Garching an der Alz verschlagen hat, ist eine eigene Geschichte.)

Südostbayerische Lokal-»Patrioten«

Schaut man sich nach den 14 Nothelfern außerhalb des zu Genüge bekannten Dunstkreises der nordostbayerischen Wallfahrt Vierzehnheiligen bei Staffelstein um, also fern von dem von Albert Bichler hervorgehobenen »Zentrum der Nothelferverehrung« – keineswegs allein auf Bayern bezogen, so wird, ausdrücklich in Südostbayern, deutlich: Hier werden lokal bedeutsame, beliebte, volkstümliche Heiligengestalten hinzugenommen, wenn sie nicht gar die ganze »stattliche Einsatztruppe« himmlischer Helfer (Hofer/Rudigier) ersetzen.

In jedem Fall herrscht über die 14 Nothelfer die einzigartige Gottesmutter als Zentralfigur, Abglanz des Mensch gewordenen Gottessohns. Thront sie auf Bildern nicht, mit dem göttlichen Baby im Arm, über der ihr nachgelagerten Heiligen- Elite, steht sie wenigstens in der Mitte des unteren Bildteils. (In Balthasar Neumanns Vierzehnheiligen- Schmuckkästchen überlässt sie ihren Platz dem, beide Arme ausstreckendem, sich als jederzeit handlungsbereit erklärenden Jesusknaben.)

Im zu wenig bekannten Margarethenberg, Landkreis Altötting, wo es bereits im 15. Jahrhundert, gefördert von den Zisterziensern von Raitenhaslach, zu einer sich bis zur Säkularisation fest etablierenden 14-Nothelfer-Wallfahrt kam, sind Maria, Nikolaus, Blasius, Katharina und Margaretha eigene Altäre gewidmet. Die Kirchenpatronin bildet die Mitte der unteren Reihe, zu beiden Seiten Katharina und Barbara. Das zeigt ein Andachtsbildchen von Ph. Sadeler (»S. ma V. Maria et SS. 14 Auxiliatores in monte D. Margarethae prope Alsam miraculis clari« – »alsa«, die Alz) ebenso wie die auf Wolken schwebende skulpturale »Einsatztruppe« des linken Nothelferaltars des famosen Trostberger Gerichtsmaurermeisters Franz Alois Mayr, Mitte 18. Jahrhundert.

Die Anordnung der den Betrachter mit Augen voller Aussicht auf Erfolg seines Ansinnens ins Gesicht schauenden 14 Nothelfer in der neugotisch ausgestatteten Nikolaus-Pfarrkirche von Neuötting unterscheidet sich völlig von der in Margarethenberg. Dieser ähnlich sind die Nothelfer-Darstellungen etwa in dem der Stadt Waldkraiburg nahen Flecken Sankt Erasmus und einer wohl im frühen 20. Jahrhundert entstandenen volkstümlichen Tafelmalerei, welche aufmerksame Spaziergänger von Tüßling nach Mörmoosen in einem Privatgarten finden können.

Eigenwillig ist die Aufteilung der doppelten Siebener-Truppe auf einem Seitenaltargemälde des Gotteshauses von Niedertaufkirchen: zwei der großen Virgines dienen hier dem thronenden Christus als Assistentinnen, Christoph ragt aus der zweigeteilten Menge als wohl für wichtig erachtete Zentralfigur heraus – das 19. Jahrhundert erlaubte sich solche Extravaganz? Ach, die gab es schon gut 300 Jahre früher, als die Kirche von Rabenden im nördlichen Chiemgau ausgestattet wurde: unter anderem mit einem Seitenaltar, der den 14 Nothelfern vier hochformatige Altarblätter widmet, zwei mit drei und zwei mit vier Gestalten aus der Schar der 14er-Auswahl, lustig beschriftet: Das sind die für (!) zöhen (!) nodhelfer.

Und der schöne heilige Sebastian? Er wacht, reine Gotik, vor dem nazarenisch anmutenden Nothelfer-Altarblatt. Wohl deshalb, weil Niedertaufkirchens aktueller Bürgermeister diesen Vornamen trägt? Den Pestpatron Sebastian findet man im südostbayerischen Raum ebenso wie den heiligen Bischof Ulrich von Augsburg (in Schnabling bei Garching/Alz) mit der Monstranz in der Hand als Pendant des heiligen Florian mit dem Feuerlöscher auf einer Votivtafel. Dann aber auch auf einem reizvoll gestalteten Marterl in Maisenberg nahe Engelsberg: mit Florian, Bischof Wolfgang und Leonhard, gruppiert um einen etwas blass geratenen Gnadenstuhl.

Solistisch, in fesches Rot getaucht, herrscht St. Nikolaus in der Zweitrolle als Gabenbringer auf einer Werbeschrift, kombiniert mit einer nebeligen Stadt-Ansicht des Wasserburger Burgberges. Dagegen stellt, klar und deutlich, die beachtenswerte Dorfkirche von Grünbach bei Mühldorf am Inn den Kirchenpatron in einem Schriftbogen vor: »S. Leonardus ein Allgemainer Nothhelffer«. Ein Einspringer in jeder Notlage, wenngleich das vorzüglich dem Nutzvieh geltende Patronat des französischen Abts Leonhard, einst als Befreier aus Gefängnis-Enge angerufen, nicht geleugnet wird.

Wer hilft uns aus der Not einer neuen Pandemie?

Krankes Vieh im Stall, eine problematische Geburt, eine Pilgerfahrt mit weittragenden Zwischenfällen, Unwetter, Hochwasserschäden, Feuersbrunst, Hals- und Kopfwehplagen, Epilepsie, Anfechtungen, Zweifel … die »Nöte« der Menschen haben sich kaum geändert. Wir Armen des beginnenden 21. Jahrhunderts leiden weiter. Leiden anders. So wie wir, nach wie vor, weiter um das geringstmögliche Maß von Elend und Verderbnis bangen und betteln, vielleicht auch noch bitten und beten. Irgendwie trifft uns alle der Untergang, wenn auch nicht gleich der oft prophezeite Weltuntergang. Das Corona-Virus, von China ausgegangen und nach Europa geschickt, droht Knall auf Fall, nach Tierseuchen und Tsunamis, Umweltkatastrophen, Verheerungen und Heimsuchungen – mit einer Neo-Variante der uralten Pestilenz.

»Wir befinden uns am Beginn einer Epidemie«, so hören das deutsche Volk und seine europäischen Nachbarn den fürs gesundheitliche Wohlergehen zuständigen Staatsmann warnen. Die guten alten Nothelfer herbeizurufen, wagt er nicht. Wagt keiner von denen, die auf himmlischen Schutz nichts geben, ihn nicht selten lächerlich machen. Nicht einmal daran denken will, wer vielleicht sonst dem Himmel noch vertraut. Heute schreit man wieder – und, so fragt der »kleine Mann«, wann hört das Schreien jemals auf? Das Schreien nach Hilfe aus großer Not. Aus sozialem, länderübergreifendem und grenzensprengendem Elend. Welches Mittel hilft gegen eine Epidemie, gar eine Pandemie? Sind wir dem Untergang näher als wir glauben wollen?

Für diesen Beitrag zu Rate gezogen: Albert Bichler, »Die vierzehn Nothelfer«, Pattloch, Augsburg 1998; Markus Hofer/Andreas Rudigier: »Die vierzehn Nothelfer, das himmlische Versicherungspaket«, Tyrolia, Innsbruck-Wien, 2020; Kilian Kreilinger, »Margarethenberg a. d. Alz«, Schnell & Steiner, München-Zürich, 1977.

 

Hans Gärtner

 

11/2020