Jahrgang 2009 Nummer 8

Bruder Konrad – gelobt, geliebt, gelasert

Vor 75 Jahren wurde der Altöttinger Kapuziner heilig gesprochen

Osterrieder-Brunnenfigur (1930) am St. Konrad-Kloster.

Osterrieder-Brunnenfigur (1930) am St. Konrad-Kloster.
Gemälde von M. Schellerer (circa 1934), München, St. Peter

Gemälde von M. Schellerer (circa 1934), München, St. Peter
Bruder-Konrad-Hof, Zimmer des Johann Birndorfer, original erhalten (19. Jahrhundert)	(Fotos: Hans Gärtner)

Bruder-Konrad-Hof, Zimmer des Johann Birndorfer, original erhalten (19. Jahrhundert) (Fotos: Hans Gärtner)
»Das Kreuz ist mein Buch« – sein Bekenntnis. Nun jährt sich seine Heiligsprechung zum 75. Mal. Sein Wirkungs-Ort war Altötting, Bayerns bedeutendste Marienwallfahrt. Im September vor 160 Jahren klopfte er, Johann Birndorfer, 41 Jahre, aus dem Weiler Parzham im Rottal, an die Klosterpforte von St. Anna. Hier sollte er Dienst tun, mehr als 41 Jahre lang. Als Pförtner erwarb er sich hier den Ruf der Heiligkeit: Bruder Konrad von Parzham.

»Den Pilgern«, so formulierte es Papst Benedikt XVI. am 11. September 2008, »hat er durch seine Güte und Menschlichkeit eine Botschaft geschenkt, die mehr wert war als bloße Worte«. In Silber ließen die Altöttinger Kapuziner diesen Ausspruch hämmern, um die gerundete Tafel, die ein freies Relief ihres Heiligen abschließt, gleich rechts beim Eingang in ihre Klosterkirche an die Säule zu heften.

Das Gegenstück links ruft den umjubelten Altötting-Besuch von Benedikts Vorgänger am 18./19. November 1980 in Erinnerung. Im Kloster verbrachte Papst Johannes Paul II. nicht nur jene denkwürdige Nacht, hier beugte er auch am Morgen seines Abreisetags das Knie vor Tabernakel und Reliquienschrein und betete. Manchem Gläubigen mögen die auf den heiligen Kapuziner bezogenen Sätze des Heiligen Vaters noch nachklingen, gemünzt auf den »demütig-frohen Pförtner« von St. Anna: »Wir sehen ihn in seiner Zelle knien, vor dem Fensterchen, das man ihm eigens durch die Mauer gebrochen hatte, damit er immer zum Altar der Kirche schauen konnte.« Johannes Paul II. schloss seine Abschieds-Ansprache pastoral: »Durchbrechen auch wir mitten im Alltag die Mauern des Sichtbaren, um immer und überall den Herrn im Auge zu behalten.« Diese Mahnung liest der Besucher der Klosterkirche als Pendant zur Würdigung Benedikts XVI., ebenfalls in Silber gearbeitet.

Silbern glänzt der betende Bruder Konrad mit Rauschebart auch in der Gnadenkapelle von Altötting, dicht am Altar der von ihm hochverehrten »Schwarzen Madonna«. Auf Schritt und Tritt begegnet man dem stillen Ordensmann. Eines jeden Wallfahrers Weg führt am Bruder-Konrad-Brunnen vorbei, eine Osterrieder-Arbeit, die Josef Geiselberger in Auftrag gab, um ein bleibendes öffentliches Denkmal an den Seligsprechungstag, den 15. Juni 1930, aufzustellen. Die Linke ein wenig erhoben, gießt die Rechte der Bronzestatue des am 20. Mai 1934 Heilig-Gesprochenen Wasser aus einem Krug. Heilwasser ist es; läuft es doch über eine in der verborgenen Leitung angebrachte Reliquie. Man wäscht sich damit die Augen, streift über die Stirn, bekreuzigt sich. Füllt Fläschchen damit. Der Devotionalienladen der Familie Duffek bietet ein handgemaltes Flakon mit dem Bild des Bruders Konrad an, das in einem kostbar ausstaffierten Kästchen ruht.

Überhaupt: die Bruder-Konrad-Andenken. Sie sind so beliebt wie es der Heilige zu Lebzeiten bei den Armen war, denen er Speise oder Trostworte darbot. Souvenirs: massenhaft. Da sind die Einlegebildchen. Ansprechend ist das des Kapuzinerverlags, das den Greis vor einer Altöttinger Gnadenbildkopie mit Wachsstock und Blumenstrauß den Rosenkranz betend zeigt: lächelnd, demütig, in sich gekehrt. Da sind die porträtgeschmückten Altar- und Haushaltskerzen, die kunstvollen Zinngüsse, die billigen Minifigürchen, gelegt in Kunststoff-Nussschalen, die Gips-Statuetten – nicht anspruchsvoller als die der Fürbitter-»Kollegen« Antonius, Michael, Franziskus, Florian. Klein, aber unübersehbar: die Masse der Plaketten, Anhänger, Medaillons, Täfelchen, Postkarten, Trinkgefäße und Schächtelchen, mit denen der Wallfahrtshandel die Eiligen, weniger auf Kunst Achtenden versorgt. Nicht etwa ausgesägt, sondern gelasert: einen durchbrochenen Aufhänger mit dem Bildnis des »letzten« Heiligen aus der Schar der Erben des Franziskus von Assisi.

Den »Meister des kontemplativen, beschauenden Gebetes, … des selbstlosen, geduldigen Dienens, … der Kreuzesnachfolge und der Kreuzesmystik« feiert Monsignore Günther Mandl mit der Stadtpfarrei St. Philippus und Jakobus in einer Ausstellung in der romanischen Vorhalle der Stiftskirche. Der Lebensweg des Bauernbuben Johann Birndorfer aus Parzham, der sich in die Zeitspanne von 1818 bis 1894 legt, wird nachgezeichnet und gewiss vielfach belegt und veranschaulicht. Die Öffentlichkeit lernt eine Biografie kennen, an Schlichtheit kaum zu überbieten. Wohl auch nicht an naivem Gehorsam, bewundernswertem Gottgefallen, an Verzicht (aufs reiche elterliche Erbe, aber auch aufs eigene Ich, wie sein Ordensbruder Franz X. Hoedl feststellte), an Selbstlosigkeit und Hingabe an die Notleidenden.

Von dieser Haltung zeugt das kleine idealisierende Gemälde von M. Schellerer (um 1934) aus St. Peter zu München: Arme stehen in der Altöttinger Klosterpforte, dicht gedrängt in gebührendem Abstand zum Brot spendenden Frater. Das Haupt vom Heiligenschein umgeben, erhebt er, wie die Brunnen-Figur in Altötting, die rechte Hand halb mahnend, halb segnend. Zwei Kinder empfangen einen Brotlaib, hinter ihnen die Mutter, die Vertrauen und Verehrung dem Wohltäter entgegenbringt.

Auf dem Andenkenbildchen rückseitig das Gebet des Kardinals Pacelli (Papst Pius XII.): »Heiliger Bruder Konrad, du Vorbild eines in Christus ruhenden, in Christus glücklichen, in Christus sich verzehrenden Lebens, eines Lebens der Treue und des Gehorsams, des Gebetes und der dienenden Liebe, erflehe uns, dass wir deinem Beispiel folgend, »so durch die Güter dieser Welt hindurchgehen, dass wir die ewigen nicht verlieren«. Hilf uns durch deine Fürbitte erkennen, dass Christus uns allein der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, für den Einzelnen sowohl wie für die Völker. Du hast einst auf Erden niemand abgewiesen, der an die von dir behütete Pforte klopfte, höre auch unser Gebet in unserer Schwäche und Hilfsbedürftigkeit und öffne dem Volke, das die Ehre hat, dich zu seinen Söhnen zu zählen, durch die Kraft deiner Fürbitte die Pforte zum wahren Frieden, »den die Welt nicht kennt und nicht zu geben vermag«, den Frieden, den nur der Geist von oben geben kann, der mit dem Vater und dem Sohne in gleicher Herrlichkeit lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.«

Die Einweihung des jetzt geschmackvoll und zeitgerecht renovierten »Sankt Konradklosters« ist am 17. Mai 2009: feierlicher Höhepunkt des Heiligsprechungs-Jubiläumsjahres, der Gläubige aus nah und fern anlockt. Von einem – wann auch immer realisierten – zweiten Besuch des aus Marktl nahe Altötting gebürtigen Ratzinger-Papstes geht am Wallfahrtsort die Rede. Sinnvoll wäre, einen Bruder-Konrad-Weg einzurichten: von Altötting nach Parzham, den Geburtsort Johann Birndorfers. Rund 60 Kilometer ist er lang. Zwischenstation ist Aigen am Inn. Hier war es Benefiziat Franz Dullinger, der Birndorfers Berufung in den angestrebten Ordensstand überprüfte, förderte. Alle Wochen, so erzählt man, habe der junge Birndorfer Hans den fünfstündigen Fußmarsch vom Weiler Parzham nach Aigen gemacht, um bei Dullinger zu beichten und die Frühmesse zu hören. Daheim auf dem Venushof, war er lange nicht aus dem Zimmer zu bringen. Ein Abstecher führt nach Weng, zum Birndorfer-Grab und zum alten Schulhaus.

Man kann es sich, wie den ganzen Bruder-Konrad-Hof, anschauen ein schlichter, holzgezimmerter Raum: im behäbig daliegenden Bauernanwesen, als Gedenkstätte und Museum ausgebaut, liebevoll betreut vom vor 40 Jahren gegründeten »Verein zur Erhaltung und Pflege der Geburtsstätte des hl. Bruder Konrad von Parzham e. V.«. Anrührend ist es, Bettstatt und Schrank und Stuhl und Tisch zu sehen, darauf eine Kopie der »Schwarzen Madonna« von Altötting. Original-Mobiliar und -Wandschmuck lassen ebenso wie der knarzende Dielenboden und die niedrigen Zimmer die Gestalt des Heiligen geisterhaft aus der Vergangenheit hervortreten.

Hans Gärtner



8/2009