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Jahrgang 2007 Nummer 13

Brauchtum am Palmsonntag

Die Palmzweige sollen Segen für Haus und Hof bringen und Krankheiten und Unwetter abwehren

»Fasten und büßen tun das Leben versüßen und lassen es danach wieder richtig genießen«

Mit dieser nicht sehr begeisterten Einstellung hat man sich früher den unvermeidlichen Einschränkungen der Fastenzeit ergeben. Die Hoffnung auf das nahe Osterfest ließ ja das Fasten leichter ertragen.

Die Karwoche - man nennt sie auch die Große oder Stille Woche konfrontiert uns jedes Jahr mit der Leidensgeschichte Jesu Christi. Karwoche leitet sich ab vom althochdeutschen »kar« und bedeutet so viel Trauer.

Die Karwoche beginnt mit dem sechsten Fastensonntag, dem Palmsonntag. An diesem Tag ist die Trauer in der Liturgie der Kirche noch verhalten. Im Mittelpunkt der Feier des Palmsonntags steht der triumphale Einzug von Jesus in Jerusalem, kurz vor seinem Leiden.

Am Sonntag vor dem Passahfest kam Jesus mit seinen Jüngern in Bethanien zusammen, nur eine Wegstunde von Jerusalem entfernt. Er wollte die vorgeschriebene Wallfahrt zum zentralen Heiligtum der Juden mitmachen, und deshalb schickte er zwei seiner Jünger in den nächsten Ort. Dort fanden sie eine Eselin angebunden. Auf ihr reitend, zog Jesus in die Heilige Stadt ein, was die glaubenstreuen Juden als Provokation verstehen mussten.

Die Menschenmassen empfingen ihn, den allseits bekannten Wanderprediger, begeistert. »Da nahmen sie Palmzweige, zogen hinaus, um ihn zu empfangen und riefen: Hosanna. Gesegnet sei der, der da kommt im Namen des Herrn, der König Israels!« So berichtet der Evangelist Johannes über das Geschehen des Palmsonntags, den wir heute am Beginn der Karwoche feiern.

Was da am Palmsonntag in Jerusalem vor knapp 2000 Jahren vor sich gegangen ist, hat schon immer die Fantasie der Menschen bewegt. Gleichsam zur Erinnerung wollte man wieder das vergegenwärtigen, was sich damals in Jerusalem nach dem Bericht der Heiligen Schrift zugetragen hat. Und so kam es schon in den ersten Jahrhunderten zu einer szenischen Feier, wie Jesus in die Heilige Stadt einzog.

Das früheste Zeugnis für unseren heutigen Palmbrauch ist der Reisebericht einer gallischen Pilgerin aus dem späten 4. Jahrhundert. Sie machte eine Wallfahrt nach Jerusalem und erzählt davon, dass die Gläubigen und auch auswärtige Pilger mit Ölzweigen und Palmen in die Heilige Stadt gezogen sind.

Dieser Brauch breitete sich von Jerusalem allmählich in der Ostkirche aus. In Konstantinopel soll an der Prozession sogar der Kaiser teilgenommen haben. Im Abendland taucht ein erster Beleg für einen Palmumzug um das Jahr 700 auf. Mit Palmzweigen in Händen zogen die Gläubigen durch die Stadt zur Kirche.

In unseren Regionen, nördlich der Alpen, traten aus klimatischen Gründen an die Stelle der biblischen Palmen die Zweige der heimischen Salweide. Am bayerischen Hof war man dagegen um echte Palmzweige bemüht. Per Kurier ließ man Ölzweige bis aus Mailand kommen zum Preis von 54 Gulden, wie in einer Hofzahlamtsrechnung von 1566 gewissenhaft vermerkt ist. Aber auch die begüterten Fürstbischöfe beschafften sich echte Palmzweige. In einer Rechnung für den Dom zu Passau sind anno 17978 Gulden für »85 Stück Ölzweig« aufgeführt.

Prozession mit Palmbuschen

Im Mittelpunkt der Feier des Palmsonntags – in der Sprache der katholischen Kirche heißt er »dominica palmarum« – steht seit vielen Jahrhunderten die Weihe der Palmzweige. Und diese werden – regional ver-schieden – zu Palmbuschen zusammengebunden. Die einfachste Form ist ein Büschel, der in der Hand getragen wird. Meist kommt zu den Palmzweigen noch grünes Beiwerk hinzu mit Zweigen von Buchsbaum, Wacholder und Stechpalme.

Damit der Palmbuschen aber was gleich sieht, wird er vor der Weihe in der Kirche noch schön herausgeputzt mit bunten Bändern, rotbackigen Äpfeln, Papierrosen und, wie im Inntal, mit kleinen Fastenbrezen.

In der Tölzer und Garmischer Gegend, aber auch im Inntal und Chiemgau kommt der Palmbuschen an einen möglichst langen Stecken. Die »Palmbesen« sind nicht selten so lang, dass sie fast bis zur Kirchendecke ragen. Vor noch nicht allzu langer Zeit war das Palmbesen-Tragen übrigens ein Privileg der Buben. Im Zeitalter der Frauenemanzipation werden auch kräftige Mädchen toleriert.

Im Berchtesgadener Land wird gleich ein ganzer »Palmbaum« geweiht: Das ist ein großer, möglichst stark verzweigter Ast der Palmweide, der bis zu 1,50 Meter hoch sein kann. Der Palmbaum wird hier auch etwas anders geschmückt, nämlich mit Gschbabert-Bandeln. Das sind lange, bunt gefärbte Holzspäne.

Gewöhnlich lässt der Berchtesgadender Bauer zwei Palmbäume weihen: Einer kommt unter den Dachfirst, damit der Blitz nicht einschlägt. Der andere wird aufs Feld oder in den Garten gesteckt, damit’s eine gute Ernte gibt.

Den geweihten Palmzweigen hat man schon eh und je besondere Segenskräfte beigemessen. Sie sollen Segen für Haus und Hof bringen und Krankheiten und Unwetter abwehren. Und deshalb werden sie sorgfältig aufbewahrt: ein paar kommen an das Kreuz im Herrgottswinkel, ein paar unters Dach, in den Stall und in die Scheune. Die Palmkatzerl sollen eben überall Glück und Segen bringen.

Natürlich hat sich in den Brauch mit den Palmzweigen auch mancher Aberglaube eingeschlichen. So glaubte man, dass es gegen Halsweh hilft, wenn man drei »Maunzerln« verschluckt. Und das war nicht gerade angenehm. Aber man unterzog sich trotzdem dieser Strapaze, weil man ja gesund bleiben wollte. Auch das Vieh hat man nicht vergessen und hat ihm eine handvoll Palmkätzchen ins Futter gegeben, um es gegen die Hex und die Drud zu schützen.

Mancher Bauer trug ein Katzerl als Amulett in seinem Gilettaschl und steckte es in den Geldbeutel. Wenn früher der Knecht für die Bäuerin das »schiache Weib«, die Hebamme, holte, ging er erst auf den Dachboden und nahm sich ein paar Katzerl mit. Die Wöchnerin trug sie nach der Niederkunft beim ersten Ausgang im Schuh und manche Mutter steckte sie der Tochter zu, wenn sie zum Tanzen ging. Und noch heute ist es üblich, dass die Almerin vor dem Auftrieb jedem Tier mit einem geweihten Palmzweig ein Kreuz auf den Rücken zeichnet.

Viele Bauern glauben noch an die blitzabwehrende Kraft der Palmzweige, auch wenn nicht mehr wie früher bei einem heraufziehenden Gewitter ein paar Katzerl ins Herdfeuer geworfen werden. Im Inntal war man überzeugt:

Balst a Palmkatzerl nimmst
und steckst es aufs Haus,
na kimmt dir deiner Lebtag
koa Feuer net aus.
Mei Ahndl hats gsagt,
und i glab, es is wahr:
Wo a Palmkatzerl steckt,
is Brinna glei gar.

Christus auf dem Palmesel

Schon im frühen Mittelalter hat man den Einzug Jesu in Jerusalem, über den die Evangelisten Matthäus und Johannes berichtet haben, szenisch dargestellt. Man wollte veranschaulichen, wie Jesus in die Heilige Stadt einzog. Und so führte man in der Palmprozession einen leibhaftigen Esel mit, auf dem ein kostümierter Geistlicher als Christus ritt. Ein erster Beleg dafür findet sich in der Lebensbeschreibung des Augsburger Bischofs St. Ulrich aus dem 10. Jahrhundert.

Da es aber immer wieder zu unliebsamen Überraschungen mit dem störrischen Esel kam, verzichtete man auf das lebende Tier und ersetzte es mit einem hölzernen Esel, auf den man eine Christusfigur setzte. Der Esel wurde im Mittelalter meist von Stadtknechten oder Schulbuben, aber auch von Honoratioren gezogen, die darin eine Bußübung sahen.

In mittelalterlichen Chroniken wird oft von solchen Umzügen berichtet. Die Kirche stand diesem Brauch zur Veranschaulichung des Bibeltextes zunächst recht wohlwollend gegenüber. Schon bald hat sich in diesen religiösen Umzug freilich so mancher Missbrauch eingeschlichen, so dass er in ein reines Spektakel ausartete und zum Ärgernis wurde.

Der Brauch mit dem Palmesel artete im späten Mittelalter, vor allem aber in der Barockzeit in eine Art Volksfest aus. Der religiöse Sinn ging zunehmend verloren, der Brauch glich immer mehr einer Volksbelustigung. So muss es bei den Umzügen recht feucht-fröhlich hergegangen sein. Wie’s anno 1805 in Landshut war, lesen wir in einer Chronik. Da heißt es: »Die Bäuers- und Wirtsleute gingen dem Palmesel-Convoi mit Kannen voll Bier entgegen, die Bäckersfrauen hingen dem mit Sträußen und Blumen gezierten Christus die besten und schmackhaftesten Eyerkränze um, mit Kindern vor und rückwärts beladen, konnte man den Heiland kaum mehr sehen.« Im Bayerischen Wald hatte sich folgende Unart eingebürgert: Hier zog man mit dem Palmesel zu jedem einzelnen Hof, nahm die Christusfigur ab und legte sie in jedes Bett zum Schutz gegen Krankheit und Seuchen. In manchen Gegenden zogen gar Lehrer und Schüler mit einem lebendigen Palmesel von Haus zu Haus und sammelten Gaben ein. Der religiöse Brauch war zu einem ganz gewöhnlichen Heischebrauch verkommen, der immer wieder Ärgernis erregte.

Angesichts derartiger Auswüchse verwundert es nicht, dass der fromme Brauch mit dem Palmesel zunehmend in die Kritik geriet. In der Reformationszeit und Aufklärungszeit hatte man für das weltliche Spektakel ohnehin kein Verständnis. 1782 verbot Kaiser Joseph II. daher die Palmeselumzüge in Österreich. Bayern schloss man sich bald dem Verbot an. Von seiten der kirchlichen Obrigkeit wurde das staatliche Vorgehen voll gut geheißen, das gläubige Volk beklagte freilich das Verbot.
Nach dem kirchlichen und staatlichen Verbot war die Zeit der hölzernen Palmesel vorbei. Überall kam es nun zu einem großen Eselsterben. Staatliche Kontrolleure zogen durch Stadt und Land und wachten darüber, ob man in allen Kirchen und Klöstern der staatlichen Weisung auch Folge geleistet habe. Wo das nicht der Fall war, legten sie gleich persönlich Hand an, so wie in der Münchner Peterskirche: Es war am 17. März 1806. Der Pfarrer Franz Paul Kumpf wollte ungeachtet der Weisung der Behörde den Palmesel beim Umzug mitmarschieren lassen, was aber einem Eselsmetzger nicht verborgen blieb. Er erschien während des Gottesdienstes und sägte dem in Misskredit geratenen Palmesel einfach den Kopf ab.

Wie dem Palmesel der Münchner Peterskirche erging es den meisten Exemplaren im Land. Wo man die hölzernen Esel schonen wollte, halfen sog. »Eselsmetzger« nach. Sie zerhackten und zersägten die Zeugen einer alten Zeit. Ein trauriges Beispiel liefert der ramponierte Palmesel im Mainfränkischen Museum in Würzburg: Hier wurden dem Christus die Arme abgeschlagen.

Vor zweihundert Jahren ging in Bayern, aber auch in Österreich die Jahrhunderte alte Palmeseltradition zu Ende. Dem alten Brauch wurde aufgrund unerfreulicher Auswüchse den Kampf angesagt. So konnten nur ganz wenige Palmesel bis in unsere Tage überleben. Einige der in Misskredit geratenen Exemplare landeten auf finsteren Dachböden oder in Kirchtürmen oder wurden in Privatwohnungen versteckt. Die wenigen noch erhaltenen Werke der Schnitzkunst sind wertvolle Zeugen einer vergangenen Epoche. Viele haben einen sicheren Platz in Kirchen und Heimatmuseen gefunden. Zu den ältesten Palmeseln in Bayern, die überlebt haben, zählt jener von Petersthal im schwäbischen Landkreis Oberallgäu aus der Zeit um 1300. In der Pfarrkirche Erlach bei Simbach am Inn steht ein kunstvoller Palmesel, den ein Bauer bei der Säkularisation durch Kauf rettete und auf dem Dachboden aufbewahrte. Ein Prachtexemplar von einem Palmesel aus Ottenstall bei Kempten fand im Bayerischen Nationalmuseum einen sicheren Platz. Den einstigen Palmesel des Klosters Frauenchiemsee kann man noch im Heimatmuseum Traunstein antreffen.

Überlebt hat die Stürme der Aufklärungszeit auch der Palmesel von Kößlarn in Niederbayern. Er ist über 500 Jahre alt und blieb vor den Eselsmetzgern unentdeckt. Die Kößlarner hielten sich auch nie an die wiederholten Verbote und führen ihren Palmeselumzug bis heute fast ohne Unterbrechung durch. Nach dem Gottesdienst ziehen hier die Ministranten mit dem Palmesel von Haus zu Haus, sagen ein Sprüchlein auf und werden beschenkt. Insgesamt gibt es 14 Orte in Bayern, wo der Brauch noch lebendig ist. Besonders bekannt ist der Umzug im schwäbischen Kühbach bei Augsburg.

Nicht unterbrochen wurde die Tradition des Palmeselumzuges auch in dem berühmten Krippendorf Thaur beim Solbad Hall in Tirol. Hier wird der Palmesel in einer sehr feierlichen Prozession nach dem Gottesdienst von Ministranten zum Bergkirchlein St. Romedius hinaufgezogen. Dort wird eine kurze Andacht gehalten, bevor es dann wieder zurück geht in die Pfarrkirche. Dieser Umzug hat bis heute nichts von seiner einstigen Feierlichkeit verloren und überzeugt durch die Frömmigkeit, mit der die Bewohner von Thaur den alten Palm-eselbrauch pflegen.

Albert Bichler



13/2007