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Jahrgang 2004 Nummer 51

Bodenfunde dokumentieren die Stadtgeschichte Salzburgs

Im Museum Carolino Augusteum ist die Ausstellung »Schatzgräber und Bauforscher« zu sehen

In Salzburg wurde im Jahre 1986 die Stelle eines eigenen Stadtarchäologen geschaffen, die mit Wilfried Kovacsovics, dem wissenschaftlichen Archäologen des Museums Carolino Augusteum besetzt ist. Sein Aufgabenbereich ist weit gespannt, denn das Gebiet der heutigen Salzburger Altstadt reicht auf sehr alte Siedlungsstrukturen zurück und fast jedes Gebäude, ob Bürgerhaus oder Kirche, steht auf einem weit älteren Vorgängerbau.

»Wir interessieren uns einerseits für die unter Tage verborgenen Bodendenkmäler und andererseits für die bestehenden Bauten mit einer historisch wertvollen Bausubstanz«, sagt Wilfried Kovacsovics. Schwerpunkte sind dabei die Erforschung der römischen Stadt Iuvavum sowie Entstehung und Ausbreitung der Stadt im frühen Mittelalter. Wo immer ein Abriss oder ein Umbau eines Gebäudes erfolgt, ist der Stadtarchäologe mit seinem Team zur Stelle, um Spuren zu sichern. Besonders ergiebig für die Forscher waren in den letzten Jahren die früher kaum beachteten Funde in ehemaligen Abfallgruben und Kloaken, aus denen man wertvolle Aufschlüsse über Handelsbeziehugnen und Ernährungsgewohnheiten vergangener Zeiten gewinnen kann.

Um der Öffentlichkeit einen Einblick in die Arbeit der Salzburger Stadtarchäologie zu vermitteln, sind bis Mitte April 2005 repräsentative Funde im Haupthaus des Salzburger Museums Carolino Augusteum unter dem Titel »Schatzgräber und Bauforscher« ausgestellt. Die Exponate sind teils chronologisch teils nach den Fundorten angeordnet. Geräte aus Holz, Stein und Metall, Keramikgefäße, Gläser und Schmuck vermitteln einen repräsentativen Einblick in die Alltagskultur von drei Jahrtausenden.

Wie die Grabungen im Toscanatrakt der Residenz, im Hof des Kaptelhauses und an mehreren Stellen in der Getreidegasse ergeben haben, reichte die erste römische Besiedlung bis in die augusteiische Zeit – und nicht in die tiberisch-claudische Zeit, wie bisher angenommen wurde – zurück. Sie entstand zu Beginn der Okkupation des Norischen Reichs ab dem Jahre 15 vor Christi und ist damit eine der frühesten Anlagen der Römer nördlich der Alpen. Das alte Iuvavum hatte zwei Siedlungsschwerpunkte zu beiden Seiten der Salzach. Das Zentrum lag am linken Salzachufer und bestand aus einer Wohnstadt mit teilweise luxuriös ausgestatteten Villen im heutigen Kaiviertel sowie einem Handwerkerviertel im Bereich der Alten Universität und im Festspielbezirk. Das Forum, neben dem Kapitol das politische Zentrum jeder römischen Stadt, dürfte sich an der Stelle des Domes befunden haben.

Die archäologischen Grabungen der letzten Jahrzehnte haben auch unsere Kenntnis vom Salzburg im Früh- und Hochmittelalter verbessert. Danach steht fest, dass unter Kaiser Valentinian im 4. Jahrhundert auf der höchsten Stelle des Festungsberges ein Kastell gebaut wurde, der Vorläufer der im 11. Jahrhundert von Erzbischof Gebhard errichteten Festung Hohensalzburg. Außerdem fand man Reste der beiden unter Erzbischof Konrad I. (gestorben 1147) gegründeten Klöster, dem Stift der Augustinerchorherren und dem Kloster der Domfrauen nördlich der Franziskanerkirche.

Außerdem brachten die Untersuchungen neue Einblicke in die Bautätigkeit des umstrittenen Erzbischofs Wolf Dietrich von Raitenau, dem die mittelalterliche Stadt Salzburg ihren Umbau in eine barocke Residenzstadt verdankt. Grabungen vermitteln einen Eindruck davon, welche mittelalterlichen Stadtteile abgetragen wurden, um Salzburg mit formstrengen Palästen und Stiftungshäusern zum »deutschen Rom« zu machen. Damals entstanden nicht nur die vier großen Plätze im Umkreis des Domes, sondern auch der Straßenzug vom Sigmundplatz durch die Hofstallgasse, die Franziskanergasse über den Domplatz und den Kapitelplatz zur Kapitelgasse. Damit lag in den Grundlinien das städtebauliche Konzept vor, das im 18. Jahrhundert unter Erzbischof Johann Ernst Thun durch Fischer von Erlach als »barockes Gesamtkunstwerk« vollendet wurde und bis heute die Altstadt von Salzburg bestimmt.

Wie Stadtarchäologe Kovacsovics erläutert, gehörten zu den wichtigsten Unternehmungen der vergangenen zwanzig Jahre die Grabungen im Toscanatrakt der Residenz (1986), im Hof des Kapitelhauses (1988), im Hollbräu in der Judengasse (1990), im Hauptgebäude der Alten Residenz (1997) und im Objekt Getreidegasse 3. »Die verschiedenen Funde sind von großer Vielfalt und zeigen ein überaus facettenreiches Spektrum«, zieht Kovacsovics Bilanz. In seiner Gesundheit ist das Fundmaterial ein wertvolles Archiv, das uns weit leichter als schriftliche Dokumente eine lebendige Begegnung mit der Geschichte der Stadt Salzburg erlaubt.«

JB



51/2004