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Jahrgang 2012 Nummer 50

Blumenherz mit Zauberzeichen

Stephan Bachter zeigt seine »magische« Sammlung im Stadtmuseum Waldkraiburg

Grußkarte mit Liebesspruch und Drudenfuß oder Pentagramm
Amulettkasten in Buchform mit Johannes-Evangelium von einer Kanontafel.
Glücksfiguren zum Bleigießen auf eine Karte montiert.
Amulettkreuz auf Holz gezeichnet, ein Haus- und Feldsegen.

Eine gedruckte Grußkarte: weißes Herz, verbrämt mit blauem Vergissmeinnicht und dem Grün der Hoffnung, darauf die Liebeserklärung: »Solang ich lebe / bin ich Dein. / Dein werd ich noch / im Tode sein«. Von Hand ein geometrisches Zeichen in der linken oberen Herzhälfte, ein fünfzackiger Stern. Er ergibt sich aus den Diagonalen eines regelmäßigen Fünfecks. Wissenschaftlich ist es ein Pentagramm, von »penta«, griechisch »fünf«. Ein Zauberzeichen, ein Drudenfuß. Er besteht aus fünf »A«. Ist also etwas Außergewöhnliches, Geheimnisvolles. War in grauer Vorzeit ein Allerwelts- Schutzmittel. Ein Abwehrzeichen gegen alles Böse, auch gegen Krankheit, Siechtum, Tod.

Die Herzkarte mit Vergissmeinnicht ist nur einer von vielen Trägern des Pentagramms. Stephan Bachter, Münchner Volkskundler und Zauberzeichen- Spezialist, lässt es in der von ihm und Claudia Preis kuratierten, neuen Ausstellung im Waldkraiburger Stadtmuseum einige Male auftauchen, auf Schemeln, Steinen, Stalltüren, auf Tonscherben, Wachsstöcken und Amuletten, auf wunderlichen Zetteln, auf Haumessern und Sicheln. Die Sachen, die Bachter aus einer erworbenen Kollektion zog und mit Sammlungsstücken ergänzte, rufen beim Betrachter Staunen, wenn nicht Betretenheit hervor. Groß und schwarz und Furcht einflößend: der Drudenfuß an zwei Wänden des mit Schau-Vitrinen bestückten Museumsraums. Kein Wunder, dass es dem Besucher bei derart geballter Magie, bei so viel Hexenwahn und Zauberei, die den teils schaurig anmutenden Objekten innewohnen, den Atem verschlägt. Er muss an sich halten, wenn er unter dem Drudenfuß liest: »Man schmiert die Warzen mit frischem Speck eines soeben geschlachteten Schweines und vergräbt ihn nachher in der Erde. Wenn der Speck verfault, fallen die Warzen ab.«

Hoffentlich taten sie‘s! Nicht gegen alles, aber gegen vieles, Warzen inklusive, hatte der sich von unheimlichen Mächten bedroht fühlende Mensch vor Jahrhunderten manch probates Mittel. Etwas Scharfes und Spitzes schützte vor Hexen und Druden. Ein Mistherz aus Tierkot und Stroh oder eine tote Fledermaus bewahrte, an die Tür geheftet, das Vieh und Mensch vor Seuchen. Wenn nun ein silberner Sebastianpfeil ins Spiel gebracht wird, der, von einer Wallfahrt nach Ebersberg mitgebracht, im Geldbeutel bewahrt wurde, weil er angeblich die Pest fernhielt, vermischt sich Heidnisches mit Christlichem. Neben den zahlreichen »Profanitäten« aus dem Bereich von Magie und Aberglauben sind »Sacra« und ihnen zugehörige Gegenstände und Zeichen der Volksfrömmigkeit zu goutieren, darunter so anrührend skurrile Stücke wie ein Pater-Pius- Wackelbild, eine Dose mit Schabfigürchen, Kreuzamulette, Heiltumfahrtanhänger, Wallfahrtsmedaillen, Christophorus-Plaketten, Loreto-Madonnen, Andachtsbildchen – bis hin zu einem eindrucksvollen »Arma-Christi«-Kreuz: Jesu »Folter-Werkzeuge wurden zu machtvollen Zeichen des Glaubens umgedeutet, denen besondere Schutzkraft zugeschrieben wurde«, sagt der Volkskundler Bachter. Die Bedeutung des, bei solcher Art Leidenswerkzeug- Kreuzen ungewöhnlichen, roten Korallenstücks kann er nicht eindeutig bestimmen.

Eine ebenso einleuchtende wie schlichte Erklärung gibt er aber zur Unterscheidung des Magischen vom Religiösen: Das Magische meint: »Mein Wille geschehe« und geht stets von der Person aus, die sich der Zaubermacht »verschreibt«, sich von ihr Heil und Segen erhofft. Das Religiöse dagegen sagt: »Dein Wille geschehe, Herr«. Es stellt sich in den Bewahrbereich Gottes. Im Alltag, so Bachter, gehe Magisches und Religiöses ineinander über. Beredtes Exponat ist ein Amulettkästchen in Buchform: rechts diverse Schutzzeichen aus Stein, Metall und Holz, links der liturgisch wichtige Teil des Johannes-Evangeliums, Teil einer sogenannten Kanontafel.

Absicht sei es, mit der in spürbaren Spannungsfeldern stehenden Ausstellung zum eigenen magischen Denken anzuregen, sich als Besucher darüber Gedanken zu machen, wie in früherer, oft entbehrungsreicher Zeit verborgene Kräfte nutzbar gemacht wurden und auch heute noch werden können. »Zauberspruch und Hexenbann. Über Aberglaube, Magie und Volksfrömmigkeit« im Stadtmuseum Waldkraiburg, Haus der Kultur, Braunauerstraße 10 ist außer 24. - 26. Dezember und 31. Dezember sowie 1. Januar bis zum 13. Januar 2013 jeweils Dienstag bis Freitag von 12 bis 18 Uhr und Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet. Weitere Informationen, etwa über Begleitprogramm und Sonderführungen unter www.museum-waldkraiburg.de.

Eine Verbindung zur Übergangszeit zwischen Weihnachten und Neujahr schafft Bachter klug mit einem Blick darauf, den Besucher aus der Härte und Strenge des »Magischen« in seichtere Gefilde zu entlassen: Bunte, heiter stimmende Glücksbringer (vor allem auf Bildpostkarten um die 1900-Jahreswende) werden gezeigt, deren wir uns heute noch bedienen: Schwein, Kleeblatt, Fliegenpilz & Co., aber auch Hufeisen, Marienkäfer, Schwalben und rotwangige, blutjunge Rauchfangkehrer, dazu Talismane, Glaskugeln, Perlenketten, Kastanienschnüre. Trug der Bauer Kastanien im Hosensack, hoffte er gegen Rheuma, Gicht und Ausschlag gefeit zu sein. Was waren das für Zeiten, in denen man auf Trockenfrüchte vertraute, auf Hufeisen und Segensamulette, Heiligenbildchen und – einem Drudenfuß, den ein Verehrer seiner Liebsten


Dr. Hans Gärtner

 


50/2012