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Jahrgang 2007 Nummer 14

Bieberl, Blumen, blasse Damen

Vor 100 Jahren gefielen bei uns Fotopostkarten zum »frohen Osterfest«

Erstkommunion im Schafstall?

Erstkommunion im Schafstall?
Der Galan entsteigt dem Osterei

Der Galan entsteigt dem Osterei
In kindlicher Unschuld mit Osterhasen

In kindlicher Unschuld mit Osterhasen
»Fröhliche Ostern« oder »Ein frohes Osterfest« wünschte man in Altbayern vor 100 Jahren fernen Verwandten, Freunden und der Allerliebsten vorzüglich per Bildpostkarte. Bildhafte, »Herzliche Ostergrüsse« gingen da auf Reisen. Begleitet waren sie von Bieberl (in manchen Gegenden, die »Küken« bajuwarisierten, hießen die Nachkommen des Hühnervolks auch »Singerl«), den ersten Frühlingsblumen und selbstverständlich körbchenweise Eiern, ganzen oder zerbrochenen.

In Mode kamen um 1900 – neben den farbig lithographierten Osterkarten – immer mehr die Fotopostkarten. Sie verzichteten auf Kolorierung, gaben sich fesch, dennoch nicht abstrakt oder auf Ostersymbolik beschränkt. In der Regel wiesen sie herzlich wenig oder meistens überhaupt keine religiösen Bezüge auf: Sie tendierten eher in Richtung – »heidnische« Frühlings-Begrüßung. Auf kaum einer der damals gern verschickten Fotopostkarten fehlte eine reizende, attraktive Schöne in vornehmer Blässe. Das volle Haar onduliert und mit Blumen besteckt, wenn nicht von einem weißen Spitzenhäubchen, von dem lange Seidenbänder herabhingen, locker bedeckt, in Festtags-Make-up, gut gelaunt und in freudiger Erwartungshaltung wurden sie dargestellt. Die Kleider der gut gewachsenen, keineswegs aber zaundürren Models waren lang, duftig, verspielt und von kostbarem Gewebe. Das Dekolleté wurde kühn frei dargeboten, höchstens von Blumen umrankt, künstlichen oder echten, je nachdem.

Die Damen läuteten mit ihrem anzüglichen Lächeln den Frühling ein. Mit gespielter Unschuldsmiene versuchten sie, verführerisch wie die Sirenen, den (männlichen) Betrachter für sich einzunehmen. Dass Sie mit ihrer dekorativen Aufmachung bei den weiblichen Betrachtenden nichts als Neid weckten, scheint den »Girlies« von damals gleichgültig gewesen zu sein. Das personifizierte Frühjahr auf der bürgerlichen Fotopostkarte von Anno Dazumal punktete mit Jugendlichkeit und Liebesversprechen. Unverhohlen deutete sie auf den Wunsch nach Zweisamkeit mit einem gut aussehenden, jungen Mann. Auf manchen Fotos entsteigt ein solcher, auf Anhieb als wohlsituiert zu erkennen, gerade einem überdimensionalen zersprungenen Hühnerei. Freilich nicht in Arbeitskluft, sondern im Smoking mit steifer, blütenweißer Hemdbrust und dem »Mascherl« im gleichen leuchtenden Farbton, einen Gratulationsstrauß in Händen und den Nachweis männlichen Charmes zwischen Nase und Oberlippe tragend. Das lange Warten der schmachtenden Geliebten hat ein Ende, nicht länger wird sie, die lolitahaft am kleinen Finger ihrer rechten Hand nuckelt, auf dem Stuhl sitzen müssen; entsteigt doch der Galan soeben seiner Schalenbehausung – aufgeknackt ist diese bereits, und das darf man ganz wörtlich nehmen, was da gezeigt wird: Der Mann wird die Holde »knacken«, sie in die durch Vorhänge und Tapeten angedeutete Welt des Luxus führen, den der Fotograf durch üppiges Dekor sinnfällig anzudeuten wusste.

Die Fotopostkarte vor 100 Jahren pfiff offensichtlich auf den Ostergedanken der Erneuerung, der Verwandlung zum »neuen Menschen« oder der Auferstehung, die dem Gläubigen verheißen ist durch die Auferstehung Jesu Christi aus dem kühlen Grab. Was in Resten an das neutestamentarische Geschehen, den erhabenen Ostersonntag mit seinen Geheimnissen der Beschenkung des Menschen mit neuem Leben deuten mag, das zeigt eine der hier ausgewählten Fotopostkarten beispielhaft: Eine kleine Erstkommunikantin – der Weiße Sonntag als Königstermin der ersten Ladung an den »Tisch des Herrn« ist ja nicht weit – lagert lässig auf ins Fotostudio gestreutem Heu – Futter für zwei »echte« Schafe, deren Schur wohl erst wenige Wochen zurückliegen mag. Christus das Lamm, das sich für uns geopfert hat ... Fleisch von Lamm und Schaf und Hammel – ein Osteressen, wie es noch heute in manchen Familien üblich ist. Wer genau hinschaut, sieht in dem listigen Blick der Kleinen in Unschuldsweiß von Kopf bis Fuß Verbindungen zu den Postkartenmotiven mit den »reifen« Damen.

In reicher Fülle ist das Ei – das Ostersymbol schlechthin – auf den schwarz-weißen Fotopostkarten vorhanden. Wenn eine Dame einen Weidenkorb, am hochbogigen Henkel geschmückt mit frischen Weidenkätzchen, verführerisch schultert, will sie damit reichen Segen andeuten, das Leben »in Fülle« demonstrieren, das ihre reiche Nesternte birgt. Die Hühnereier sind bemerkenswerter Weise unbemalt und nicht verziert, sondern wohl für den unmittelbaren Verbrauch bestimmt. Die Dame könnte eine Herrschafts-Köchin sein, die sich fein gemacht hat für das Festtagsfrühstück, an dem sie vielleicht inmitten der österlich gestimmten Brotgeber-Familie ausnahmsweise teilnehmen darf. Ob sie die »Gackerl« kocht oder pochiert, als Ochsenaugen in die Pfanne schlägt, mit Milch und Salz rührt oder für einen Kaiserschmarrn oder Nachmittags-Osterkuchen verwendet? Sie verrät es nicht.

Ebenso rätselhaft erscheinen die beiden als Erwachsene verkleideten Kinder, die »Ein frohes Osterfest« wünschen. Das Mädchen kommt mit der bauschigen Kopfbedeckung aufgedonnert daher. Neckisch hat der Fotograf das Minikleidchen ein wenig geschürzt, so dass das Kind viel Bein zeigen kann. Unter ihm kriecht der Osterhase aus dem zerbrochenen großen weißschaligen Ei, die Löffel unternehmungslustig aufgestellt. Der Bub ignoriert das alles, blickt, wie Mäderl und Haserl, unverwandt auf die Linse des noch von einem schwarzen Tuch abgedeckten Atelier-Fotoapparats. Was er, in knielange, von einer Schärpe gehaltene weiße Stoffhosen gesteckt, in Händen hält, sind eher großväterliche oder Pensionärs-Requisiten: Parapluie (unter ihm hätte eine vierköpfige Familie Platz) und Tabakspfeife. Der Zylinder auf dem Lockenkopf erinnert an die Aufmachung Johannes Heesters, wenn er als Danilo in der »Lustigen Witwe« ins Maxim geht. Diese männlichen Attribute machen den kleinen Jungen nicht maskuliner, dessen Gesichtchen mädchenhaft-unschuldig schimmert.

»Wünsche dir fröhliche Osterfeiertage, dass du selbe lustig und vergnügt zubringst«, schrieb eine gewisse Marie Hartmansgruber an das »Frl. Kathi Simeth / Pflegerin / Gabersee / b/Wasserburg a Inn«, ließ auch die »Pathin« der Adressatin, Marie Scheingraber, auf der Karte unterschreiben und bestellte »viele Grüße« von ihrer »Mama« dazu. Die »Carte postale« des Weltpostvereins (dreizehn weitere Sprachen weisen auf die »globale« Bedeutung des Objekts auf der beschrifteten Seite) wurde in Grattersdorf (heutige Postleitzahl: 94541) aufgegeben. Es dürfte sich um das Datum des 29. März 1908 handeln. Der Stempel auf der grün-weißen 5-Pfennig-Briefmarke »Bayern« gibt die Datums-Angabe nicht deutlich genug preis.

Die allesamt in vorbildlicher Handschrift mit brauner Tinte versandten Osterwünsche der fünf Postkarten aus der eigenen kleinen Sammlung richten sich durchwegs auf das Vergnügliche, das die Osterfeiertage den Empfängern und deren Angehörigen bereiten mögen: »... dass du sie sehr lustig zubringst mit deinem Schatzerl E.«, ist auf einer Karte, das Augenzwinkernde des vorderseitigen Motivs aufgreifend, zu lesen. Ein Blick auf das Datum dieser und einer weiteren Postkarte aus dem Quintett an dieselbe Person verrät, dass das Vergnügen mit dem »Schatzerl E.« allem Anschein nach gefruchtet hatte; ein Jahr später ist aus der Gaberseer Anstaltspflegerin »Frl. Kathi Simeth« die Kraiburger Schäfflermeistersgattin »Wohlgeboren Frau Kathie Neumeier« geworden ...

Hans Gärtner



14/2007