Jahrgang 2009 Nummer 16

Besser als jedes Messer?

Über ganz schön kuriose Spielarten von Lesezeichen

Lesezeichen als Aufschneider und Leselupe (Abb. 1, links); Gratis-Werbemittel der Verlage (Abb. 2, rechts)

Lesezeichen als Aufschneider und Leselupe (Abb. 1, links); Gratis-Werbemittel der Verlage (Abb. 2, rechts)
Buchhandlungen mit Autorenporträts und Repertoire-Motiven (Abb. 3, links); Manchmal selbst gefertigt: Bibliotheks-Lesezeichen (A

Buchhandlungen mit Autorenporträts und Repertoire-Motiven (Abb. 3, links); Manchmal selbst gefertigt: Bibliotheks-Lesezeichen (Abb. 4, rechts).
Wirtschaft und Tourismus im »Zeichen des Lesens« (Abb. 5, links); Jahresbegleiter und Jubiläums-Serien (Abb. 6, rechts).

Wirtschaft und Tourismus im »Zeichen des Lesens« (Abb. 5, links); Jahresbegleiter und Jubiläums-Serien (Abb. 6, rechts).
Biegsam war der elegant gebundene Pappband mit Goethes Gedichten von Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München. »Über allen Gipfeln« hieß er, mit 30 Bildnissen war er geschmückt, im Stil der Zeit um 1900. Zur Auswahl standen: ein »vornehmer Ganzleinenband mit Goldschnitt und Hülse« und eine »Liebhaberausgabe auf kostbarem Papier« in Ganzleder. Für diese Edition – »eines der schönsten und billigsten Bücher der Welt«, wie der Verlag betonte – wurde mit einem Lesezeichen geworben. Mit keinem gewöhnlichen, versteht sich. Rankenwerk im floralen Münchner Jugendstil umgab die Aufschrift der Vorderseite des sorgfältig gedruckten Pappstreifens: »Dieser Aufschneider ‘Münchhausen’ eignet sich besser als jedes Messer zum Aufschneiden des Buches und kann auch als Lesezeichen verwendet werden.«

»Aufschneider« und Lesehilfe

Auch für eine – weitaus kostengünstigere, gleichwohl »mit vielen alten Bildern« versehene – Ausgabe von »Meister Johann Dietz erzählt sein Leben«, Erstveröffentlichung aus der Königlichen Bibliothek Berlin, wurde mit selbigem, wie es heißt, »auch als Lesezeichen« verwendbaren Pappstreifen geworben. Bücher wurden noch vor gut 100 Jahren nicht selten unaufgeschnitten geliefert, so dass ihr Erwerber erst mal ordentlich zu tun hatte, an den Inhalt zu kommen. Das mit dem praktischen »Aufschneider« war, mit Verweis auf den Lügenbaron Münchhausen, doppeldeutig.

Soll im einen Fall das Messer, möge im andern das Auge scharf sein. Für das Bilderbuch »Großwerden und andere Unarten« warb in den 1990er Jahren Sara Middas Verlag mit einer aparten Lesehilfe: Im oberen Drittel hat sie ein quadratisches Fenster, dessen »Glas« das Unterlegte vergrößert. Ein Lupen-Lesezeichen also. Mit allerhand Sprüchen, thematisch zum Bilderbuch passend. Papa zeigt aufs Kleinkind im Gitterställchen, ruft: »Werd’ erst mal groß!« Rückseitig hat Papa den Kleinen mit langem Seil an eine Säule gebunden, auf die Papa sich gestellt hat. Der Bub rennt im Kreis herum, was Papa wahrhaft vom Sockel stürzen lässt. »Was Erwachsene manchmal übersehen und was seelische Nöte von Kindern für Folgen haben können« – so der Begleittext. Das Lesezeichen als unterhaltsam-witziges Spielzeug – von dieser Sorte dürfte es, auch heute, ruhig mehr geben. (Abb. 1)

Witzig, kurios, todernst

Kurios sind sie manchmal, die, doch nur als Buchbeinmerker konzipierten, Lesezeichen. Werbeträger waren sie oft – und sind es noch heute. In erster Linie für die Verlage. Für gewichtige Buchreihen, etwa die »Geschichte der Weltliteratur« des Jesuiten Alexander Baumgartner, war vor rund 120 Jahren der Herderschen Verlagshandlung zu Freiburg im Breisgau ein entsprechend auffälliges, allerdings todernstes Lesezeichen mit peinlich genauen bibliographischen Angaben zu den Einzelbänden wert. Ausschnitte aus bisher erschienenen Rezensionen des bedeutenden Werkes wurden angefügt. Textdominante Lesezeichen dienten ausschließlich der Information. In diese Richtung gehen auch die etwa gleichaltrigen Exemplare beim pädagogisch orientierten Leipziger C. F. Amelangs Verlag, der auf ein und demselben Lesezeichen auf die Titel »Allgemeines deutsches Kochbuch«, »Unsere Pilgerfahrt von der Kinderstube bis zum eigenen Herd« von E. Polko und auf das »Frauen-Brevier für Haus und Welt« verweist.

Einen »Bücherzettel«, ausgefüllt als Drucksache rücksendbar, hängte der Türmer-Verlag, Stuttgart, einem Werbezettel in Lesezeichenform an, mit dem die »Monatsschrift für Gemüt und Geist«, damals seit 26 Jahren existent, zu bestellen war. In diesem Metier waren fast ausschließlich witzlose Papierobjekte, die als Lesezeichen dienten, gefragt. Lustig wird es erst – in Gestalt und Aussage – viel später. Der Berliner Bruno Gmünder Verlag zeigte Mitte der 1990er Jahre mit dem Foto eines durchtrainierten, splitternackten Jünglings die Richtung an, in die er ging. Dem seriösen Wiener Deuticke Verlag hätte man das als Hand geformte fleischfarbene Lesezeichen mit dem Aufdruck »Stopp!« nicht zugetraut. Das Stück macht Sinn; wirbt es doch für das »Handbuch der Gesten« von Kresse und Feldmann: »Ob ‘Victory’ oder ‘Stinkefinger’ - Hände sprechen Bände«. Je jünger das Publikum, das ein Verlag anspricht, desto verspielter das Lesezeichen. Hübsches, gut 20 Jahre altes Beispiel: die vorne und hinten gleiche »Ravensburger Leseratte« mit Lesebändchen als Schwanz. (Abb. 2)

Banal, frivol und selbst gemacht

Was dem Verleger recht, war dem Buchhändler seit jeher billig. Auch er gab (und gibt) Lesezeichen aus. Dem Verleger abgeschaut, selbstredend gratis. Von Wilhelmshaven über Hamburg, Aachen, Frankfurt bis Tübingen reichen die hier gezeigten Exempel von, teils noch bestehenden, berühmten alten Sortimentern. – Die Fotografin Hilde Hirschberger kam neulich darauf, ihre nicht sonderlich künstlerischen Autorenporträts abziehen, auf Papierstreifen zu kleben und diese mit dem Autorennamen zu versehen. Da hat das Autogramm des Autors noch Platz, gegeben anlässlich einer Lesung. – Der Merlin Verlag, Gifkendorf, brachte seinen Starautor Janosch dazu, für Lesezeichen-Zwecke Motive aus dem Repertoire auszusuchen und sie mit Sinnsprüchen (oder Banalitäten) zu versehen: »Kein Baum darf sterben!«, »Wir alle lieben den Osterhasen«. Die selbstklebenden Abziehbildchen taugen für Lesezeichen, aber auch als Brief-, Kuvert- oder Paketaufkleber. – 1994 brachte der Lappan Verlag, Oldenburg, eine Lesezeichen-Serie mit textlosen, ein wenig frivolen Aquarellen von Jutta Bauer heraus. Oben gelocht, kann ein Lesebändchen eingeknüpft werden. (Abb. 3)

Formal verspielt: die Bibliotheken. Leseratten und Bücherwürmer lassen sie in ihren Lesezeichen auftreten. Nicht alle Büchereien können Lesezeichen bei Druckereien in Auftrag geben. Sie lassen sie selbst fertigen, oft von Kindern. Die zeichnen, malen, kleben, applizieren Lesezeichen für Bücherbasars und Literaturtreffs, Autorenbegegnungen, Lesenächte oder Buchvorstellungen. Hier tritt das Lesezeichen als Werbemittels eher in den Hintergrund. Es wird handfester, konkreter Bestandteil einer lustbetonten, handlungsorientierten Leseförderung. Kinder nehmen Lesezeichen, wie Fleißbildchen, als Anerkennungszeichen wahr, sammeln sie und erinnern sich als Erwachsene anhand dieser »Zeichen« an lesefiebrige Kindheits- und Jugendtage. (Abb. 4)

Weit entfernt von Buch und Lesen

»Bora macht gute Zigaretten«, Oberammergau ist auch nach dem Passionsspieljahr einen Besuch wert, die Nonne Berta Hummel (vor 100 Jahren in Massing an der Rott geboren) war eine derzeit gerade neu entdeckte Malerin (keineswegs nur von Heiligenbildchen oder pausbackigen Kinderfiguren), Bauwerke »sind nicht nur Zeugen ihrer Zeit und konkrete Beweise menschlichen Geistes, … sie sind lebendig, voll Geheimnis und tiefem Zauber«. Behauptet jemand, der vor Jahren Lesezeichen für die Wiener Städtische Versicherung entwarf, um damit – wie etwa mit der Serie »Türme aus Österreich« vom Kunstmaler Helmut Kies (in Abb. 5: Salzburg, Klosterkirche St. Peter) – für die Schönheit seiner Heimat einzutreten. Tourismus, Museen, Firmen, Wirtschaftsunternehmen (die geografisch leider nicht zu ortende Glimmstängelfabrik »Bora« legte sich mit zwar maschinell, aber reizvoll bestickten Seidenstreifen als Lesezeichen ins Zeug!) gesellen sich zu den buchnahen Einrichtungen wie Verlag, Sortiment, Antiquariat, Bibliothek. Weit entfernt von Buch und Lesen, wissen anscheinend die Unternehmer: Wer Lesezeichen gebraucht, ist nicht nur ein interessierter, bildungsfreudiger Mensch, sondern auch ein potentieller, ernst zu nehmender Kunde.

Ein alter Monat, ein neues Lesezeichen

Lesezeichenkalender (Abb. 6) bringen Kleinverlage heraus. Sie haben neben Büchern allerhand Papeterie-Waren im Programm. Für den Holzkirchener Magdalenen-Verlag schuf E. Stross 2006 einen Wandkalender, dessen abnehmbare Monatsblätter – wie das auch bei anderen ähnlichen Verlagen zutrifft – als Lesezeichen verwendet werden können. Auf abstrakten Farbaquarellen stehen 6 – 10 Zeilen kurze anonyme Denksprüche (»Ein richtiger Abenteurer steigt nicht auf Berge, er klettert über den Zaun des Nachbarn!«) oder Aussprüche Prominenter (»Nach einem guten Essen könnte man jedem vergeben – sogar seinen Verwandten!«) – Texte, die mit Lesen nicht direkt zu tun haben. Gisela Maack bot 2003 »Lesezeichen & Kalender« an, ein gut verschenkbarer Block mit Blumen-Aquarellen. Einen eigenen Lesezeichen-Kalender für Kinder kreierte jahrelang Dieter Hajek für den Baumhaus-Verlag. Die kolorierten Federzeichnungen passen sich dem Monatsgeschehen an: vom Schneemann im Januar über den Badefrosch im August bis zum Weihnachtsmann im Dezember. Nicht 12, sondern 16 Lesezeichen bot 1983 die (inzwischen aufgelöste) Herdersche Buchhandlung am Münchner Promenadeplatz als Päckchen an: »500 Jahre Martin Luther«. Die komplette Serie, deren Bilder und Texte dem bei Herder erschienenen Buch »Martin Luther« von Peter Manns und Helmuth Nils Loose entstammen, führt anschaulich durch das Leben des Reformators. Das oben aufliegende Lesezeichen erinnert mit einem Blick in Johannes Gutenbergs Mainzer Werkstatt, wo um 1450 der Buchdruck seinen Anfang nahm. Nicht nur der schnellen Verbreitung von Luthers Gedankengut diente sie, sondern auch der von – Lesezeichen.

Seit langem sind die »Bookmarkers« oder »Bookmarks« – so heißen die Lesezeichen im angloamerikanischen Raum, wo sie sehr gefragt sind – als Sammelgegenstand beliebt. Wer mit Büchern zu tun hat, ob als Leser, Vermittler, Produzent oder Autor, hat zum Lesezeichen einen besonderen Draht. Überall wo die Bibliophilen hinkommen, halten sie Ausschau nach neuen Angeboten. Die sind nicht immer aus Papier oder Pappe. Metall und Leder, Holz oder (wie in ägyptischen Souvenirläden) Pergamentimitat, Stoff, Stroh oder Zelluloid reichen noch nicht aus, um die Materialien für Lesezeichen zu nennen. Kisten und Schubladen der Sammler füllen sich merklich. Wohl auch ein Zeichen dafür, dass das Buch nicht stirbt, selbst wenn sein Tod schon so oft prophezeit wurde. (Alle hier abgebildeten und beschriebenen Objekte stammen aus der Sammlung des Verfassers.)

Hans Gärtner



16/2009