Jahrgang 2001 Nummer 50

Besiedelten die Hunnen das Achental?

In den Büchern von Wilhelm Jensen und Anna Kroher wird diese Vermutung geäußert

Es war die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, daß man den Chiemgau entdeckte. Zunächst waren es die Maler und auch Schiftsteller. Sie sorgten wesentlich dafür, daß der Chiemgau in der weiteren Welt bekannt wurde und die Fremden an den Chiemsee, auf die Inseln und in den Chiemgau kamen. Einer dieser Schriftsteller, der den Chiemgau auch bekanntmachte, hieß Wilhelm Jensen. Gebürtig war er zwar in Norddeutschland, aber er ließ sich in der Landeshauptstadt München nieder. Im Lexikon ist über ihn festgehalten: »Jensen Wilhelm, Schriftsteller, geb. 1837 in Heiligenhafen, gest. in Thalkirchen bei München 1911, äußerst fruchtbarer Erzähler und Lyriker, der von Storm beeinflußt worden war.« Seine Bücher, insbesondere Romane, erschienen im berühmten Leipziger Reclam-Verlag. Eines davon trug den aufreißerischen Titel »Hunnenblut«, der allerdings hier noch nicht durchblicken ließ, daß man sich damit recht interessant über den Chiemgau informieren könnte, sowohl erdkundlich als auch geschichtlich. Auf jeden Fall wurde es im kaiserlichen Deutschland in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gut verkauft. In diesem Buch schreibt er über die Abstammung der Feldwieser: »Inn und Salzach aus den Alpenbergen hervorbrechend münden weit nordwärts zusammen und halten ein keilförmiges Gebiet, ein Dreieck umschlossen, dessen südliche Basis der Alpenrand zwischen den Städten Rosenheim und Salzburg bildet. Dies Dreieck ist der alte Chiemgau mit dem größten innerhalb Deutschlands gelegenen See, dem Chiemsee. Kelten bewohnten zuerst die an Hügeln und Niederauen, Wäldern und Wiesen reiche Gegend. Sie errichteten ihrem obersten Gotte Bid oder Bel Heiligtümer. Mannigfache aus der Erde gegrabene Überreste haben Kunde davon gegeben. Im Anfange unserer Zeitrechnung drangen die Römer über die Alpenberge vor, unterwarfen die keltische Bevölkerung, mit der sie sich vermischten, legten große Heerstraßen, Lager, Warttürme, Städte und Dörfer an. Fast ein halbes Jahrtausend verblieb das Land unter straffem Soldatenregiment, bis das morschgewordene Römerreich zerbröckelte und es die von Norden herabdrückenden germanischen Völkerstämme nicht mehr aufhalten konnte. Eine Vermischung entstand aus übriggebliebenen romanischen, keltischen und germanischem Blut; die verschiedene Haar- und Augenfarbe der Chiemgauer unserer Tage weist in jene Zeiten zurück. Das siebente Jahrhundert brachte Raub-
einfälle der Slaven, das achte Jahrhundert solche der Awaren hinzu, und beide hinterließen da und dort ihre Spuren in den nachfolgenden Geschlechtern.«

Der Schriftsteller Wilhelm Jensen berichtet dann ausführlich über die Christianisierung und die Klöstergründungen im Chiemgau. Über die Vorfahren der Ansiedler am südlichen Chiemseeufer, die von den Hunnen abstammen sollen schreibt er: »Da kam´s im Beginn des zehnten Jahrhunderts einmal, wie wenn eine am Himmel eine schwarze Wolkenbank heranrückt. Flüchtlinge irrten schreiend und jammernd vor ihm und rissen die Landbewohner des Chiemgaues in panischer Angst mit sich westwärts davon. ...Eine ungeheure wilde Raubmasse aus dem Inneren Asiens, die Hunnen oder Magyaren, Nachkommen der ersteren, dort vor vier Jahrhunderten in Deutschland eingebrochenen waren es; wie sturmgepeitscht jagten sie unzählbar auf sattellosen Pferden heran.« Seitenlang berichtet der Schriftsteller detaillierend über die Brandschatzung der Inselklöster und Ermordung der Klosterbrüder und Nonnen. »... Über Inn und Lech gelangten die Hunnen; dort traf sie die Vergeltung, die Vernichtung. Sie zerstoben und verschwanden.«

Verlassen wir nun den Geschichtsschreiber Jensen, der die Hunnen, die Awaren und die Ungarn blutmäßig zusammenmischt. Die heutige Geschichtsschreibung läßt die Hunnen zwar auch aus Asien kommen und über ganz Mitteleuropa und Südwesteuropa »sengend und mordend« hinwegbrausen. Doch mit Attilas Tod im Jahre 453 löst sich ihr Reich auf. Zur Regierungszeit Karls des Großen kommen aus Asien abermals Reiternomaden, die Awaren, die »blutmäßig« mit den Hunnen nichts zu tun haben, denen dann Kaiser Karl ein Ende bereitet. 100 Jahre später braust das nächste Reitervolk aus Asien herüber und über das heutige Ungarn kommend, freilich auch nicht friedlich, bis ihnen König Otto im Jahre 955 mit der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg endgültig Einhalt gebietet und sie sich im heutigen Ungarn auf Dauer niederließen. Es ist anzunehmen, daß nicht alle damaligen schlitzäugigen Reiter als Gefangene niedergemetzelt wurden, sondern als Zwangsarbeiter weiterleben durften. Hier setzt nun die mündliche Überlieferung an: Sie durften sich hier am südlichen Chiemseeufer, in dem ganz schlechten Filzengrund, ansiedeln und damit »überleben«, die damaligen schlitzäugigen Reiter. Auch vom abgelegenen Schlechinger Tal wußte »man« solches zu berichten.

Leider hat man das nicht aufgeschrieben. Doch 1917 verfaßt Anna Kroher, Tochter des weithin bekannten Staudacher Zementwerkbesitzers Kroher, das Sagenbuch »Im Bannkreis der großen Ache« und in diesem Buch mit über 500 Seiten findet man eine interessante diesbezügliche Niederschrift (Seite 517): »Besiedelt wurde die Feldwies wahrscheinlich erst im 11. Jahrhundert und zwar durch Hunnen und Awaren, die Sieghart III. bei einem Überfall jener feindlichen Heidenstämme 907 gefangen genommen hatte. Er verwendete sie im Tale zu verschiedenen Arbeiten, besonders zum Holzschlag im Schlechinger Gebirge, und nachdem sie sich lange Zeit gut geführt hatten, schenkte ihnen Marquart I. Land zur Ansiedlung ebendort, wo heute die Feldwies liegt. Diese Volksstämme waren kleine und untersetzte, breitschultrige Menschen, die Gesichter grobknochig und breit von dunkelgelblicher oder bräunlicher Färbung mit kleinen, stechenden, schrägstehenden, schwarzen Augen und dunklen, struppigen Haaren.«

Josef Metz



50/2001