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Jahrgang 2007 Nummer 30

Bergknappen brachten Musik nach Inzell

1757 gründeten die Adlgasser-Lehrersöhne eine Blaskapelle

»Musikkapelle 1879«: Das älteste Foto der Musikkapelle Inzell zeigt (stehend v.li.) die Musikanten  Pichler (Duft-Adlgaß), Pichl

»Musikkapelle 1879«: Das älteste Foto der Musikkapelle Inzell zeigt (stehend v.li.) die Musikanten Pichler (Duft-Adlgaß), Pichler (Pommer), Leitner (Schneewinkl), Hans Dufter (Kramer), Josef Mittertrainer (Schuster) sowie (sitzend v.li.) Franz Mittertrainer (Schmölzlbräu), Andreas Mittertrainer (Schuster) und Franz Kastner (Straßenwärter).
Die Musikkapelle im Jahr 1955

Die Musikkapelle im Jahr 1955
Nicht immer ging es tierisch ernst zu in der Musikkapelle, wie diese historische Aufnahme von einem Faschingsball zeigt.

Nicht immer ging es tierisch ernst zu in der Musikkapelle, wie diese historische Aufnahme von einem Faschingsball zeigt.
Zwei ehemalige Holzknechte sind es, die am längsten bei der Musikkapelle Inzell sind, stolze 43 Jahre lang: die Klarinettisten Franz Holzner und Josef Rieder. Wie zu ihrer Zeit Holzknechte und Bauern, so waren es zur Zeit ihrer Vorväter die Bergknappen, die die musikalische Tradition in dem Chiemgauer Dorf begründeten. Heuer feiert die Musikkapelle Inzell ab dem 11. August mit einer Festwoche ihr 250-jähriges Gründungsfest, als älteste Kapelle in Oberbayern und vermutlich sogar in ganz Bayern. Sie zählt heute 35 Musikanten zwischen 14 und 67 Jahren und zwei Musikantinnen.

»Die Musikkapelle Inzell zeichnet sich durch Bescheidenheit aus«, schrieb 1982 beim 225-Jährigen der damalige Landrat Leonhard Schmucker. Denn bereits 1680 ist als Vorläuferin eine »Bergknappenkapelle« nachgewiesen. Wie es in den Gerichtsakten geschrieben steht, ließ der Klosterrichter des Augustiner-Chorherrnstifts St. Zeno in Reichenhall, dem Inzell als Klosterhofmark unterstand, den Musikanten aus Inzell die Instrumente wegnehmen: Sie hatten bei einem zwar ursprünglich gestatteten, dann aber wieder verbotenen Tanz aufgespielt. Die Inzeller zeigten sich nicht nur eigenwillig, sondern auch streitbar: Unter ihrem Anführer Urban Unterlechner stellten Simon Maier und sieben »Bergknappen« Gegenklage wegen Einstellung des bereits genehmigten »Musikmachens« zum Tanz.

Die Ursprünge dürften sogar noch weiter zurückliegen: Mit dem Beginn des Bergbaus am Staufen um das Jahr 1585 und der Einrichtung eines Bleibergwerks am Rauschenberg 1635 kamen nicht nur Bergbauexperten, sondern auch sangesfreudige und musikbegeisterte Bergknappen aus dem benachbarten Tirol ins Inzeller Tal. Sie taten sich zeitweise zusammen und musizierten wiederholt in Inzell und Umgebung bei Festen, kirchlichen Feiern, zum Beispiel »Antlassprozessionen«, und Tänzen.

Den Ausschlag für die eigentliche Gründung der Musikkapelle im Jahre 1757 haben laut Chronist die beiden talentierten Inzeller Lehrersöhne Anton Cajetan und Joseph Adlgasser gegeben. Sie waren geprägt von Pfarrer Cajetan Schiltl, der 33 Jahre in Inzell tätig war und ihre musikalische Ausbildung förderte. Der Ältere der beiden, Anton Cajetan, brachte es bekanntlich bis zum Domorganisten, Hofkapellmeister und Komponisten am Hof des Fürsterzbischofs von Salzburg, noch ehe Wolfgang Amadeus Mozart das Licht der Welt erblickte. Mit dessen Familie war er befreundet, und Wolfgang Amadeus wurde sein unmittelbarer Amtsnachfolger. Cajetan Adlgassers Bruder Joseph wurde immerhin Chorregent an der Stiftskirche in Laufen.

Der Sohn des Klosterkochs von St. Zeno war es, der die Musikkapelle bereits ein Jahr nach der Gründung unter seine Fittiche nahm: Er kam als Pfarrmesner nach Inzell und erlernte auch das »Orgelschlagen«. Zwei besonders eifrige Förderer der Kapelle sind aus dem 19. Jahrhundert bekannt. Sie bestand aus neun Musikanten, als Pfarrer Ferdinand Atzinger, der als vortrefflicher Musiker galt, 1837 nach Inzell kam. Der Lehrer und Chorregent Jakob Rußegger, der ab Mitte des 19. Jahrhunderts 42 Jahre lang in Inzell wirkte, kümmerte sich sehr um den Nachwuchs. Ein Zeitgenosse bescheinigt ihm, dass er neben seinen sonstigen »vorzüglichen Fähigkeiten besondere Geschicklichkeit in der Musik besitzt« und fast täglich mehreren Schülern unentgeltlich Musikunterricht gab.

Dank solcher Idealisten und der Beständigkeit von Bauernfamilien verstummte die Inzeller Blasmusik auch in schwierigen Zeiten nicht. In einigen Inzeller Familien wurde die Musikbegeisterung seit besonders langer Zeit von Generation zu Generation weitergegeben, unter anderem in den Familien Mittertrainer, Kastner und Dufter (Sotter).

Eine Tradition war die Musik auch im Elternhaus von Josef Rieder: »Bei uns waren die Instrumente da, ein Flügelhorn und zwei Klarinetten, eine mit dem Böhm-System und eine mit dem deutschen System«, erzählt der Inzeller. »Beide Onkel waren bei der Militärmusik. Sie sind aber nicht zurückgekommen aus Russland.« Im Haus befand sich auch ein amerikanisches Saxophon aus dem Jahr 1934, eine echte Rarität. »Das habe ich herrichten lassen. Ein Händler in einem Musikgeschäft hat mir gesagt: ›Gib es ja nicht her, so einen Klang kriegst du nicht mehr.‹« Auf dem Instrument ist die Inschrift »King 1934« eingraviert. Ab und zu spielt er darauf, einfach zum Spaß. Das Saxophon ist ja ähnlich zu spielen wie seine B-Klarinette, die er bei der Kapelle bläst.

Zusammen mit Franz Holzner und Jakob Grill, nur »Jockei« genannt, arbeitete Rieder im Wald als Holzknecht. Der Franz und der Josef hatten vorher schon Zither gelernt. Als er den »Jockei« bei einem Fest mit der Klarinette jubilieren hörte, war Franz Holzner so begeistert, dass er sofort auch Klarinette lernen wollte. Er nahm Unterricht bei Georg Nistler, dem früheren Ruhpoldinger Musikmeister. Im Herbst 1964 fing er gleichzeitig mit Josef Rieder im Blasorchester an, wo er S-Klarinette spielt.

Ganz anders ist die Geschichte des dritten »Oldtimers«, Dieter Kirmse (Bariton). Er ist schon 53 Jahre in Blaskapellen aktiv und in Inzell seit 41 Jahren. »Wir sind 1954 von der ehemaligen DDR abgehaut. In Thüringen habe ich Klavier gespielt.« Er kam nach Salzburg, weil seine Mutter Salzburgerin war, und hatte kein Klavier mehr. »Da habe ich mit der Blaserei angefangen.« Der gelernte Bau- und Kunstschlosser begann bei der Musikkapelle Aigen und bei der Postmusik Salzburg und heiratete 1965 nach Inzell, wo er im Elektrogeschäft seines Schwiegervaters mitarbeitete. Einmal holte er sich zur Brotzeit ein Hendl. »Da saß der Schlagzeuger der Musikkapelle gerade da und sagte, er muss jetzt zur Probe. Da habe ich ihm erzählt, dass ich Tenorhorn gespielt habe.« Das sprach sich in Windeseile im Dorf herum, bis zum damaligen Musikmeister Jakob Kastner. »Der hat zu mir gesagt: ›Mia brauchan di. Aber du muaßt umlerna auf Bariton.‹« Franz Holzner erinnert sich genau an die Einführung des Neulings: »Der Kastner hod zu uns gsogt: ›Do kimmt iatzt oana, der mecht mitspuin.‹«

Alle drei bedauern, dass sie die legendäre Mexiko-Fahrt der Kapelle 1967 um ein paar Jahre verpassten. In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren die Musikanten besonders reiselustig. Bereits 1963 fuhren sie auf Einladung der Stadt München anlässlich einer Wirtschaftswerbung ins schwedische Stockholm und im selben Jahr nach Holland. Drei Mal reisten sie zwischen 1964 und 1971 auf die »grüne Insel« Irland zum Bierfestival der Stadt Kilkenny. Beim dritten Mal war das Ältesten-Trio dabei. »Das war das erste Mal fliegen«, erinnert sich Kirmse. Die Iren sorgten für alles, sogar für eine eigene Bierleitung auf die Bühne. »Aber das Bier war so warm, das hat geschmeckt wie ein kalter Kaffee«, klagen die Klarinettisten. Der Bariton-Spieler denkt am liebsten an die Reise nach Atlanta (USA) 2001 zurück. Da wäre die fröhliche Schar in einem Stausee durch unvorsichtige Fahrmanöver fast untergegangen. Statt der erlaubten acht saßen zudem elf Mann im Boot, sieben vorn und drei hinten. Als eine heftige Flutwelle ins Boot schwappte, wurden ein paar von ihnen käsweiß im Gesicht.

Durch die wechselnden Aufgaben wurde es den Bläsern auch daheim nie langweilig. Als vor rund 100 Jahren immer mehr »Fremde« zur »Sommerfrische« nach Inzell kamen, waren die Musikanten für die Unterhaltung der Gäste immer mehr gefordert. Auch zu Zeiten des ab 1935 staatlich gelenkten Fremdenverkehrs waren Heimat- und Begrüßungsabende und natürlich Standkonzerte feste Bestandteile des wöchentlichen Gästeprogramms. Nicht lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann wieder das Musizieren. Bei der ersten größeren Veranstaltung nach dem Krieg, dem 40-jährigen Gründungsfest des Trachtenvereins »D Falkastoaner«, das wegen der Währungsreform um ein Jahr auf 1949 verlegt worden war, war die Inzeller Blaskapelle die Festkapelle – wie bei vielen anderen späteren Feiern und Jubiläen der Ortsvereine. Die Zahl der Erholungssuchenden nahm am Ort immer mehr zu. Es begann die Zeit der vielen Heimatabende im alten Postsaal und der Standkonzerte vor dem alten gusseisernen Dorfbrunnen, der neben dem alten Schulhaus stand. 1961 wurde der Musikpavillon im Kurpark, dessen Bau der damalige Geschäftsleiter der Gemeinde und spätere Bürgermeister Ludwig Schwabl vorantrieb, feierlich eingeweiht. Weitere Einweihungen mit viel Musik folgten, etwa des neuen Rathauses mit Haus des Gastes 1966 und die Festwoche mit Freibad- und Sportplatzeröffnung im Jahr 1972. Eine große Ehre für das Ensemble war 1971 die Verleihung der »Pro-Musica-Plakette«. Diese hohe, 1968 ins Leben gerufene Staatsauszeichnung erhielt sie als eine der ersten Kapellen überhaupt.

Im Eisschnelllaufdorf Inzell verlieh die Kapelle, die ihr Können regelmäßig auch in Konzerten bewies, natürlich auch sportlichen Höhepunkten einen würdigen Rahmen. 1968 und 1972 wurden die Olympiasieger im Eisschnelllauf, Erhard Keller und Monika Pflug, mit der ganzen Mannschaft am Flughafen München empfangen und daheim in einem Festzug zum Rathaus geleitet. Knapp 30 Jahre später gilt es, Anni Friesinger, nahezu Jahr für Jahr, als Olympiasiegerin oder Weltmeisterin ebenso glanzvoll zu begrüßen und zu feiern. Bei den vielen internationalen Veranstaltungen im Eisschnelllauf seit 1969, den Wettbewerben um den »Goldenen Schlittschuh der Gemeinde Inzell« und den jährlichen Eisspeedwayrennen geht die Jubelkapelle beim Einmarsch an der Spitze der Sportler und Delegationen – auf dem Eis des Inzeller Stadions.

Glanzlichter ihrer Geschichte waren ihre Mitwirkung bei der 800-Jahr-Feier der Gemeinde Inzell vor 30 Jahren sowie bei der konzertanten Aufführung von »Pietas in Deum« von Anton Cajetan Adlgasser im Jahr 2005 in der Pfarrkirche, zusammen mit Chor und Orchester der Stiftsmusik St. Peter aus Salzburg.

Ab dem Jahr 1870 sind alle Musikmeister der Kapelle, die wesentlich zu ihrem 250-jährigen Bestehen beitrugen, namentlich bekannt: Sie sind in der Festschrift, die zum Jubiläum erscheint, aufgeführt. Eine Musikantenfamilie stellte sogar drei Kapellmeister: Großvater Andreas Mittertrainer (1870 bis 1887), Vater Andreas Mittertrainer (1890 bis 1898) und Sohn Andreas Mittertrainer (1903 bis 1912). Um den Musikleiter bei den Organisationsaufgaben zu entlasten, wird seit 1955 ein Vorstand gewählt. Aus der Zeit des Dirigenten Ignaz Buchner (1967 bis 1975), ein Ruhpoldinger, der ursprünglich als Aushilfe kam, wissen die drei langjährigen Musikanten einige Anekdoten zu berichten. »Bei der Schwimmbadeinweihung hat er den Marsch ›Böhmische Grüße‹ aufgelegt. Den haben wir vorher noch nie probiert. Den hat kein Schwein gekonnt«, erzählt Josef Rieder. Einige Jahre später bei der Veteranenwallfahrt nach Maria Eck war das »falsche Einsagen« des Organisators schuld an einer Pannenserie: Während der Pilgerzug dahinbetete, spielte die Kapelle einen Marschiermarsch, und zum Kirchenzug erklang ein Trauermarsch. In den 80ern passierte bei einem eigentlich traurigen Anlass auch Komisches: Bei der Beerdigung des ehemaligen Gauvorstands Paul Gambs war es so kalt, dass beim Marsch alle Instrumente einfroren. »In der Kirche haben wir sie wieder aufgetaut, damit wir wenigstens am Grab spielen konnten«, schildert Franz Holzner.

Zwei Unterschiede zu früher stellen die drei über 40 Jahre Aktiven fest: Früher rauchte fast jeder, heute fast keiner mehr. Und »früher hat man mehr Zeit zum Zusammensitzen gehabt. Die Jungen haben heute mehr Freizeitstreß.« Eine Besonderheit ist, dass man »ohne Noten in vielen kleinen Gruppierungen spielen konnte. Das ist bis heute so«, sagt Holzner. Jeder spielt bei irgendeiner kleinen Musi, manchmal auch bei einer »zusammengewürfelten«. Dabei werden Stücke angestimmt, die nirgends aufgeschrieben sind. »Die hört man irgendwo und spielt sie nach«, erklärt Rieder. Das ist eine Tradition gerade bei der Klarinettenmusi.

Die drei Inzeller erinnern sich auch deshalb so gern an ihre erfüllte Musikantenlaufbahn, weil es eine Zeit der Harmonie innerhalb der Bläserschaft war. »Wir haben die ruhigste Zeit erlebt«, meint Franz Holzner schmunzelnd und fügt hinzu: »Früher ist ja andauernd gestritten worden.«

Veronika Mergenthal



30/2007