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Jahrgang 2016 Nummer 27

Beim Meister der »feinen Klosterarbeit«

Mit Reinhard Zehentner in der Benediktinerinnenabtei Frauenwörth

Reinhard Zehentners große künstlerische Arbeit für das Münster Frauenwörth auf der Fraueninsel im Chiemsee: Kopf- und Gebein-Reliquien der seligen Irmengard, Äbtissin von Frauenwörth. (Alle Fotos: Hans Gärtner)
Dank-Votivgabe an die selige Irmengard: eine nach altem Muster erstellte Klosterarbeit mit Irmengard-Bild, bewahrt in der Irmengardkapelle des Münsters.
Doppelreliquie (sel. Irmengard, hl. Clemens) »ORA PRO NOBIS« für den Altartisch der im November 2015 neu gestalteten Chorkapelle.
Reinhard Zehentners Vorzeige-Glanzstück beim Irmengardfesttag: die von ihm gefasste linke Elle der sel. Irmengard.
Andachtsbildchen und Reliquienbriefchen mit am Gebein der sel. Irmengard anberührten Stoffpartikeln, angefertigt von Reinhard Zehentner.
Michael-«Reliquie«, Reliquien-Persiflage für die Benediktiner Erzabtei St. Peter in Salzburg, 2015.

Das mache er immer. Das gehöre sich so. Sagt Reinhard Zehentner am Telefon. Und tatsächlich: Er steht am verabredeten Tag um 13 Uhr am Hauptsteg der Schiffsanlagestelle der Fraueninsel im Chiemsee bereit, um seinen für ein Gespräch angemeldeten Gast zu empfangen. Beide, der eine aus Mühldorf, der andere aus Polling, kennen sich. Sind sich aber noch nie an diesem für beide wohlbekannten, aber auch ungewöhnlichen Ort und noch nie so lange, fast drei Stunden sollen es dann werden, begegnet.

Reinhard Zehentner bewohnt für eine kurze »Auszeit« ein kleines Appartement bei den Benediktinerinnen. Die Benediktinerinnen der Abtei Frauenwörth haben dem Mühldorfer Konservator und Restaurator Reinhard Zehentner, beschäftigt bei der Münchner Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen, einiges zu verdanken. In erster Linie die Neufassung der im Münster von Frauenchiemsee geborgenen Gebeine der Inselschutzheiligen, der seligen Irmengard, Tochter König Ludwigs des Deutschen und seiner Ehefrau Hemma, und Schwester des in Altötting bestatteten Königs Karlmann, etwa 34-jährig 866 gestorben, selig gesprochen 1928.

»Warum ist Irmengard nicht längst heiliggesprochen?« Zehentner hört die Frage. Mit Schlüsselgewalt ausgestattet, führt er seinen neugierigen Besucher zunächst in die Irmengardkapelle im Frauenwörther Münster. Er will ihm seine Hauptarbeit von 2003 zeigen: den neonhell beleuchteten Schrein mit Haupt und Gebeinen der Patronin. Die Frage beantwortet er mit Schulterzucken. Längst, meint er, müsse sie zu den Heiligen Gottes zählen – schon angesichts manchen Wunders, das sie wirkte und der zahlreich erhörten Bitten der sie um Hilfe anflehenden Gläubigen. »Sehen Sie doch: die vielen Zeichen des Dankes der erhörten Bittsteller rund um den Kapellen-Altar!«

Im Altartisch prangt der Schrein mit den von Zehentner gefassten Irmengard-Reliquien. Goldarbeiten auf rein weißer Seide. »Die einzig mögliche Farbe«, sagt Zehentner, »königlich und fein«. »Passioniert«, so ist in der kleinen Broschüre über »Irmengard. Die Selige des Chiemgaus« mit Angaben zur dreifachen Sargöffnung (um 1000, 1631 und 1922) zu lesen, leidenschaftlich also widme Zehentner sich »in seiner Freizeit dem Kunsthandwerk der sogenannten feinen Klosterarbeit«. Er habe, so lobt man ihn, »ein wahres Meisterstück« vollbracht: »Über ein Jahr lang fertigte er neben seiner denkmalpflegerischen Tätigkeit die feinen Blüten, Spangen und Ornamente aus Golddraht und Perlen, mit der die in weiße Seide eingenähten Reliquien verziert wurden«.

Dieses sakrale Juwel – so soll der Besucher auf seiner Führung durch teilweise öffentlich nicht zugängliche Räumlichkeiten erfahren – ist allerdings nicht das einzige, das in Frauenwörths Mauern auf Zehentners Kunst zurückgeht. So fertigte der Künstler unter anderem jüngst eine Klosterarbeit als Dankesgabe mit einem kolorierten Irmengard-Stich. Eine Bruder-Konrad-Reliquie fasste er in ein 90 Jahre altes Holzrelief des Vaters von J.-M. Neustifter für die Taufkapelle und eine Altartisch-Doppelreliquie »B. Irmengardis Abb.« und »S. Clemens M.« für die im November 2015 neugestaltete, wunderschöne Chorkapelle.

Das Reliquiar in Zehentners Privatgästezimmerchen trägt er, schwarz gekleidet und mit weißen Handschuhen, nicht ohne Stolz beim festlichen Einzug in die Kirche am Irmengardfest, jeweils am Sonntag vor oder nach dem 16. Juli. So stellt er selbst die von ihm neu gefasste, linke Elle der seligen Irmengard zur Schau. Am reich verzierten, golden strahlenden Holzkasten hängen zusätzlich drei kaum sichtbare Reliquienkapseln Zehentners.

Heiligen-Reliquien – seit Kindertagen lassen sie Reinhard Zehentner nicht los. Der gebürtige Altöttinger erwarb, mit Eltern und Schwester auf Fraueninsel-Urlaub, als Sechsjähriger ein Reliquienbriefchen am Schriftenstand des Münsters. Dieser ersten eigenen Reliquie sollten später viele weitere folgen. Er sammelt fortan Reliquien, fasst aber, als autodidaktisch gebildeter Reliquien-»Versteher«, auch welche: vor 20 Jahren die ersten, nämlich die Gebeine der seligen Gisela von Ungarn. Ein paar Jahre – und Zehentner legt mit einem nach altem Vorbild für »Schöne Arbeiten« erstellten Golddrahtwickel-Maschinchen los, nach barocker Manier künstlerisch zu werkeln. Der Umgang mit Textilien und ihrer Auszier lag in der Familie: Reinhard Zehentners Schwester Monika Speckmaier ist, wie früher seine Mutter Isabella Zehentner und seine Großmutter Lisa Greiner, als Hutmacherin in Mühldorf tätig. Reinhard Zehentner erlernte das Kirchenmaler- Handwerk, bevor er 1977 zum Landesamt für Denkmalpflege kam.

Auf dem Spezialgebiet des Reliquienfassens ist der 61-Jährige ehrenamtlich tätig. Er fasste bereits, wie er scherzhaft bemerkt, den gesamten himmlischen Heiligen-Adel Bayerns – von Gisela bis Graf Tilly, Nardini und P. Rupert Mayer. Große Freude machte es ihm, nach dem linken Mittelfinger auch den Mittelfußknochen des hl. Konrad von Parzham zu fassen – die Reliquie wurde für die Weihe des neuen Altars der 2012 renovierten Altöttinger Basilika St. Anna benötigt. Nicht unbedingt gebraucht, aber willkommen sind heute kleine Irmengard- Andachtsbilder, geschmückt mit einer Berührungsreliquie der Seligen oder Briefchen für den Geldbeutel mit Stoffresten von der früheren Umhüllung der Irmengardgebeine – ähnlich den ebenfalls von Zehentner gefertigten Berührungsreliquien-Brieferl für Altöttinger Gnadenbildverehrer am Aschermittwoch.

Die schönste Geschichte erzählt Zehentner, nach einem anregenden Gespräch mit Schwester Magdalena Schütz, die als 80-jährige Archivarin mit Zehentner arbeitet, dem Gast auf dem Weg zum Hauptsteg. Anfrage der Erzabtei St. Peter zu Salzburg bei Zehentner nach einer Reliquie des Patrons der St. Michaelskirche am Mozartplatz. Der mit einer erklecklichen Portion Humor gesegnete Gefragte sagte eine solche Reliquie (die es ja in echt nie geben kann) zu. In der Tat übergab er eine verzierte Stoffunterlage mit einer darauf befestigten weißen Feder einer Laufente vom Chiemsee-Gestade und der »Cedula« (Zettel)-Aufschrift FECIT IN COELO. Das rare Exemplar einer Michael-»Reliquie« wurde in Salzburg unter schallendem Gelächter entgegengenommen.


Dr. Hans Gärtner

 

27/2016