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Jahrgang 2015 Nummer 16

Befreit und besetzt - der Führergau nach der Kapitulation

Eine Ausstellung in Linz über die Nachkriegsjahre in Oberösterreich

Einheiten der 11. US-Panzerdivision überqueren am 2. Mai 1945 die Mühl bei Neufelden.
Ausgabe von Lebertran an unterernährte Kinder
US-Kontrollposten auf der Nibelungenbrücke
Sowjetischer Kontrollposten vor einem Stalinporträt

Dass das Land Oberösterreich einmal »Gau Oberdonau« hieß, wird nicht jedermann wissen. Die Benennung existierte allerdings nur sieben Jahre lang, von 1938 bis 1945. Nach dem Anschluss an Deutschland hatte Österreich als eigener Staat aufgehört zu existieren und hieß offiziell Reichsgau Ostmark. Für Bezeichnungen wie Oberösterreich und Niederösterreich war nun kein Platz mehr, sie wurden zu Oberdonau und Niederdonau.

Weil Hitler in Braunau am Inn geboren war und in der Region Linz prägende Jahre seiner Jugend verbracht hatte, durften sich Oberdonau »Gau des Führers« und Linz die »Patenstadt des Führers« nennen, und beide erfreuten sich seiner besonderen Gunst. Aus dem Gau Oberdonau kamen auch eine Reihe Männer, die an den Schaltstellen des NS-Machtapparates saßen. Und Oberdonau kann für sich den traurigen Ruhm verbuchen, in ganz »Großdeutschland« der Gau mit den meisten Konzentrationslagern und Arbeitslagern gewesen zu sein.

Die Medien des Dritten Reichs bemühten sich, den Gau des Führers als besonders sehens- und liebenswert zu schildern. Sogar der Völkische Beobachter, das offizielle Nazi-Parteiblatt, entdeckte bei einem Bildbericht über Oberdonau seine lyrische Ader und schrieb im August 1931: »Nur langsam, wie die Seele mancher Menschen, enträtselt sich dieses Land seinem Besucher. Von den Gletschern des Dachsteins bis zum Böhmerwald dehnt sich das Bauernland, die Wildwasser der Salzach und die gischtende Enns furchen es, die Donau scheidet den herben Norden von dem fruchtbaren Süden, der gekrönt ist von den aufsteilenden Felsen des Salzkammergutes… Schlösser und Stifte erwuchsen hier, Zeugen bewegter Epochen, urdeutsches Kulturland tut sich hier auf.« Ein Text, der jedem Reisekatalog Ehre macht.

Die Ostmark teilte nicht nur Hitlers anfängliche Triumphe, sondern natürlich auch das katastrophale Ende. Am 28. April verkündete Gauleiter August Eigruber im Rundfunk: »Der Krieg klopft an die Tore von Oberdonau«. Was ihn nicht hinderte, noch eilig einen ehemaligen Abgeordneten und Regimegegner hinrichten zu lassen. Eine Woche darauf kapitulierte die deutsche Armee. In die Besetzung der Ostmark teilten sich die westlichen Alliierten und die Sowjets. Auf Wunsch Stalins wurde noch eine Korrektur der Besatzungszonen durchgeführt. Im Tausch gegen die russisch besetzte Steiermark bekamen die Sowjets den nördlich der Donau gelegenen Teil Oberösterreichs, das direkt an die Tschechoslowakei angrenzende Mühlviertel, wodurch ein einheitlicher, unter dem Einfluss der Sowjetunion stehender, Block von der Elbe bis zur Donau entstand.

Mit der Ausstellung »Oberdonau 1945 - 1955« unternimmt das Land Oberösterreich den Versuch, das erste Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch anhand von Bildern und Dokumenten nachzuzeichnen. Zentrale Aspekte sind die Befreiung von der NS-Diktatur, die Spaltung des Landes in zwei Besatzungszonen, die Rückstellung »arisierter« Vermögenswerte und der Umgang mit den Opfern der Nazizeit. Ausstellungsorte sind das Schlossmuseum und die Landesgalerie in Linz sowie Schloss Ebelsberg und das Schlossmuseum Freistadt. Erarbeitet wurde die Ausstellung, die bis Ende Oktober zu sehen ist, vom Landesmuseum Oberösterreich in Kooperation mit dem Landesarchiv. »Unser Land wurde 1945 durch die Alliierten von der NS-Terrorherrschaft befreit und anschließend von ihnen besetzt« – so bringt der Flyer zur Ausstellung den Ausgangspunkt des Geschehens auf den Punkt.

Hauptproblem der ersten Nachkriegszeit war der enorme Bevölkerungsanstieg von 900 000 auf vorübergehend zwei Millionen durch den Zustrom von Wehrmachtssoldaten, Kriegsgefangenen, ehemaligen Zwangsarbeitern, Flüchtlingen und Vertriebenen. Sie alle mussten registriert, untergebracht, mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt, um- oder angesiedelt werden. Die meisten lebten in Lagern oder Kasernen unter menschenunwürdigen Bedingungen auf engstem Raum, ihre Situation verbesserte sich nur langsam. Auch die Versorgungslage war kritisch. Im Mai und Juni 1945 betrug die Lebensmittelzuteilung zwischen 535 und 670 Kalorien pro Person und Tag.

Unter den Vertriebenen und Flüchtlingen waren Sudeten- und Karpatendeutsche, Donauschwaben aus der Batschka und dem Banat, Siebenbürger Sachsen, Buchenland- und Bessarabiendeutsche, Balten-, Schwarzmeer-, Wolga- und Wolhyniendeutsche. In der ersten Zeit klagten sie über die zögerliche bis ablehnende Haltung sowohl der einheimischen Bevölkerung wie der Behörden, es gab keine Arbeitserlaubnis und keine Staatsbürgerschaftsverleihungen, ihre Sportvereine blieben aus den österreichischen Verbänden ausgeschlossen.

Problematisch verlief auch die Integration der jüdischen KZ-Opfer, die zunächst in Oberösterreich blieben. Sie gehörten zur Gruppe der staatenlosen DPs (Displaced Persons) und sollten im Herbst 1945 in einem ehemaligen Kriegsgefangenenlager bei Linz zusammengezogen werden. Die halb verfallenen Baracken waren mit Stacheldraht eingezäunt, von Bunkern mit Schießscharten durchsetzt, die Wege vom Regen aufgeweicht. Verständlich, dass die DPs dagegen protestierten, zumal die Lageratmosphäre fatal an ein KZ erinnerte. Der Protest zog weite Kreise bis zum US-Hochkommissar für Österreich. Dieser verfügte ihre Verlegung in die frühere Adolf-Hitler-Siedlung in Linz-Bindermichl. Dort wohnten zum Großteil ehemalige Parteimitglieder, für die nun die Linzer Stadtverwaltung Ausweichquartiere suchen musste. Das neue Wohngebiet für die 2.000 DPs hatte einen exterritorialen Status, die österreichische Polizei durfte es nicht betreten. Die Staatenlosen wurden von der US-Armee mit Sonderrationen verköstigt. Bei der Bevölkerung erregte die Aktion böses Blut und war Wasser auf den immer noch latent vorhandenen Antisemitismus. Mehrfach kam es zu rassistischen Anfeindungen, die Armee ließ das Modell nach wenigen Jahren wieder auslaufen.

Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der NS-Zeit fand in der Wiederaufbauphase nicht statt. Die Amerikaner stellten prominente NS-Funktionäre vor US-Militärgerichte. Im sogenannten Mauthausen-Prozess wurden 43 Personen zum Tode verurteilt, darunter der Gauleiter Eigruber; er starb mit dem zynischen Satz: »Ich empfinde es als Ehre, von den brutalsten Siegern gehängt zu werden…« Viele NS-Täter konnten sich der Justiz entziehen, wurden gar nicht angeklagt oder von Zivilgerichten freigesprochen, während Nazi-Verfolgte oder Personen, die Widerstand geleistet hatten, ihre Ansprüche auf Wiedergutmachung nur schwer und mitunter erst nach Jahrzehnten, durchsetzen konnten. Im Jahre 1952 erließ der Nationalrat eine Generalamnestie für alle ehemaligen Nationalsozialisten und zog damit einen dicken Schlussstrich unter das missglückte »Experiment Ostmark« bzw. »Oberdonau«. Ungeachtet der überwältigenden Zustimmung zum Anschluss an Deutschland im Jahre 1938 bezeichnete sich Österreich fortan als erstes Opfer von Hitlers Aggressionspolitik.


Julius Bittmann

 

16/2015