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Jahrgang 2007 Nummer 50

Bayerisches Brauchtum an Lostagen und Rauhnächten

Ein Blick in die Zukunft und die Vertreibung der bösen Geister

Auf dem ersten Blick mag es ungewöhnlich erscheinen, sich mit ländlichem Brauchtum aus Großmutters Zeiten zu beschäftigen. Geheimnisvolle Orakelsprüche, die einen Blick in die Zukunft eröffnen und es dem Menschen ermöglichen sollen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, passen nicht mehr so recht in die von Computertechnik beherrschte Zeit. An Stelle von Orakeln in den Losnächten sind statistische Berechnungen getreten; Zukunftsforschung ist ein etablierter Wissenschaftszweig geworden. Schadensstiftende Ereignisse und Krankheiten werden von der modernen Technik und der Medizin in Schranken gehalten. Das real vorgestellte Böse, das in den Rauhnächten mit Lärm und Feuer vertrieben werden sollte, ist heute nur noch in Sagen und Märchen erfahrbar.

Und doch ist gerade in unseren Tagen eine Neigung der Menschen zu beobachten, sich nicht ausschließlich mit der von Computern messbaren Welt zu begnügen. Wunderheiler und Esoterik haben Hochkonjunktur. In der Medizin haben die schon von alters her erprobten Heilmethoden wieder ihren festen Platz gefunden. Naturheilkunde und Magie sind schon oft ein Bündnis eingegangen. Horoskope, nach denen man den Tagesablauf einrichtet, sind wieder gefragt. Wer hat sich nicht schon selbst dabei ertappt, wenn er der schwarzen Katze aus-weicht, die ihm gerade über den Weg gelaufen ist.

Vielleicht ist es auch eine Sehnsucht der Menschen, in einer Welt, in der alles berechenbar und machbar erscheint, sich in einen mysteriösen Raum nur erahnbarer Wirklichkeit zurückzuziehen. Aus dieser Sicht betrachtet, ist das mit den Rauhnächten und Lostagen verbundene Brauchtum durchaus einer Betrachtung wert.

Zunächst wollen wir die vor allem in ländlichen Gegenden gepflegten Lostage betrachten, die traditionell mit bestimmten Heiligengedenktagen verbunden sind. Als Lostag galt der 30. November, an dem der heilige Andreas als Patron der Liebesleute verehrt wurde. In der Andreasnacht wurde das Orakel besonders von heiratswilligen Mägden befragt. Im Dezember standen der Heilige Abend, der folgende Weihnachtstag und der Sylvester im Blickpunkt christlicher Tradition und waren so als Lostage prädestiniert. Daneben haben sich die Gedenktage für die hl. Barbara (4. Dezember) und den hl. Jodok (12. Dezember) als Lostage erhalten.

Die Thomasnacht (21. Dezember ) ist die längste Nacht im Jahr und galt als schicksalhaft und unheimlich. An diesem Abend klopfte der »blutige Thammerl«, mit einem blutigen Metzgerschurz bekleidet, mit einem Hammer an die Tür. »Der Thammer mit dem Hammer«.Die Vorführung dieses so furchterregenden Bildes dürfte der weltlichen und geistlichen Obrigkeit wohl auch dazu gedient haben, die Untertanen in Schranken zu halten und sie vor Aufmüpfigkeit zu bewahren.

Lostage sind Orakeltage, an denen sich überirdische Mächte den Menschen offenbaren. Die Bezeichnung »Lostage« ist vom althochdeutschen lozen, auch lusen abgeleitet. Das Wort lusen für horchen ist mundartlich heute noch gebräuchlich. - Im Gegensatz zu den Lostagen sind die Rauhnächte einem bestimmten Zeitraum zuzurechnen. In Bayern gilt die Zeit vom 21. Dezember, dem Thomastag, bis Neujahr als die Zeit der Rauhnächte. Die Rauhnächte gelten auch als Zwölfernächte, womit die Zahl der Nächte vom 21. Dezember bis Neujahr angesprochen ist.

Die Herkunft des Wortes ist nicht geklärt. Eine Ansicht ordnet das Wort der in den Winternächten herrschenden »rauhen« Kälte zu. Wahrscheinlicher ist die Deutung, die auf das althochdeutsche Wort »rouh« gleich haarig, mit Fell bekleidet, Bezug nimmt. Damit sind die Perchten mit ihren Fellmasken angesprochen, die in den Rauhnächten umherziehen. In den Rauchwaren für Pelze hat sich Wort bis heute erhalten. Paul Werner erinnert in dem Buch »Weihnachtsbräuche in Bayern« auch noch an die Umbenennung der Rauhnächte in Rauchnächte, die sich nach alter Vorstellung vom Thomastag bis Dreikönig erstrecken. In dieser Zeit wurden Haus und Viehställe vom Priester mit Weihrauch ausgeräuchert.

Bleiben wir bei der noch gebräuchlichen Bezeichnung der Rauhnächte, in denen unheimliche, in Pelzen bekleidete Gestalten durchs Dorf zogen. Es ist die von den bösen Geistern und von der wilden Jagd beherrschte Zeit, in der sich die Menschen den Mächten der Finsternis ausgeliefert sahen. Durch Feuer und Lärm versuchten sie, sich davor zu schützen. Germanische Mythen scheinen hier durch, in denen Gott Wotan mit seiner Geisterschar über den nächtlichen Himmel reitet. Vom Christentum überlagert und in religiöses Brauchtum übernommen, ist so eine Spur bis auf urzeitliche Quellen verfolgbar. Ein noch heute geübter Brauch ist das »Goaslschnalzen«. Junge Burschen verstehen ihre Peitschen so durch die Luft zu schwingen und anschließend auf den Boden krachen zu lassen, dass es zu einem lauten Knall kommt.

Lostage und Rauhnächte sind nicht zufällig in die Zeit zwischen Weihnachten und der Jahreswende verlegt. Es ist die Zeit, in der sich die Menschen am stärksten von den Mächten der Finsternis bedroht fühlen und sich in Orakelsprüchen die Zukunft deuten lassen. In dieser Zeit der Wende folgt dem kürzesten Tag die längste Nacht. Aber die Zeit der Dunkelheit schließt auch die Gewissheit mit ein, dass das lebensspendende Licht bald wieder die Oberhand gewinnen wird. »Neujahr einen Hahnenschrei, Dreikönig einen Hirschensprung und Lichtmess eine ganze Stund« In dieser Volksweisheit kommt der die Welt zu neuem Leben erweckende Aufstieg des Lichts deutlich zum Ausdruck.

Wir spüren hier den Puls der Zeit, den Rhythmus des Lebens. In der tiefsten Dunkelheit, in der Zeit der Depression dürfen wir wieder auf das Licht hoffen. Dunkelheit und Licht, Tiefgang unserer Seele und der Flügelschlag im überirdischen Licht bestimmen maßgeblich unser Leben. In den Lostagen bestürmen wir die überirdischen Mächte, uns den Weg zum Licht zu zeigen. In den Rauhnächten versuchen wir uns gegen ihren Schadenszauber zu wehren. Das Befragen des Orakels zur Zukunft, die uns in verschiedenen Zeichen kundgetan wird, war in erster Linie bei den unverheirateten Mägden beliebt. Während für die Tochter aus dem Bauernhaus der Bräutigam schon frühzeitig bestimmt wurde, war für die Mägde die Zukunft meist ungewiss.

Vielleicht ist aus dieser etwas naiven Vorstellung der Mägde auch die Eigenart vieler Orakelbräuche in den Lostagen zu erklären. Paul Werner zählt einige davon auf. Zur Mitternacht an den Lostagen versuchten die Mägde im Wasserspiegel des Brunnens das Bild ihres Zukünftigen zu erkennen. Holzscheite aus dem Schuppen wurden zur Mitternacht in die Stube getragen und paarweise nebeneinander gelegt. »Hatten die letzten beide Scheite keine Äste war der Bräutigam ein Junggeselle; hatten sie viele, so war er ein Witwer.« Selbst im Hühnerstall war das Orakel zur mitternächtlichen Stunde noch zu befragen. »Schreit der Hoahn, dann krieg ich an Moan; gackert die Henn, krieg ich kenn.« Wesentlich komplizierter war da schon das Pantoffelwerfen. Dabei legte sich die Magd rücklings mit dem Kopf zur Tür auf den Stubenboden und warf den Pantoffel über die Schulter. Die zur Tür zeigende Schuhspitze deutete auf einen schon bald zur Tür hereinkommenden Bräutigam. Die zur Stube gerichtete Spitze zeigte der Magd den Platz, den sie noch ein Jahr lang behalten wird.

Ein Bild von Franz Kollarz aus dem Jahr 1884 zeigt Mägde in der bäuerlichen Stube beim Bleigießen. Über eine Pfanne mit einem Feuer hält eine Magd einen Löffel mit heißem Blei. In eine Wasserschale gegossen, entstehen Figuren und Formen, die mit einiger Phantasie sich als Gestalten und Gegenstände deuten lassen, die mit zukünftigen Ereignissen in Verbindung zu bringen sind. Während die Mägde am Tisch die Szene mit gespannter Aufmerksamkeit beobachten, lassen zwei andere Mägde durch abweisende Handbewegung oder den vom Tisch weggerückten Stuhl ihr offensichtliches Desinteresse erkennen. Ein deutlicher Hinweis: Nicht alle Mägde waren von der Orakelsucht eingenommen.

Wenn auch die Zukunftsdeutung in den Losnächten vorrangig den Mägden vorbehalten blieb, so wurde auch der Bauer selbst oft nicht von der Neugier verschont. Die Kunde von den in der Heiligen Nacht redenden Ochsen ließ ihn die Christmette versäumen und in den Stall schleichen, um zur Mitternacht die Ochsen reden zu hören. Die Sage, die in verschiedenen Fassungen überliefert ist, kommt jedes Mal zu dem Schluss, dass der Bauer seine Neugier mit dem Leben bezahlen musste. In der aus Haslbach bei Burghausen überlieferten Sage wurde der Bauer gerade von dem Ochsen tödlich am Kopf verletzt, der ihm vorher den Tod verkündet hatte(Schinzel-Penth »Sagen aus dem Chiemgau«).

In der Zeit der Wintersonnenwende mit den kürzesten Tagen und den längsten Nächten im Jahr stand nach germanischen Mythen das Rad der Zeit still. So durfte man das Spinnrad nicht drehen. Noch heute wird in dieser Zeit keine Wäsche gewaschen und verschiedene Arbeiten im Hause ruhen. In den mit Kienspan nur schwach erleuchteten Stuben wollten die Abendstunden nicht vergehen. Wenn dann draußen der Wind durch die Bäume strich und an den Fens-terläden rüttelte, legten sich dunkle Gedanken auf die Seele der Menschen, die auch das Walten finsterer Mächte mit einschlossen. So versuchten die Menschen, mit Feuer und Lärm die bösen Geister zu vertreiben. Dem Feuer wurde eine reinigende Kraft zugeschrieben, die »Böses vernichtet und Hexen und Dämonen auflöst.« (Knaurs Lexikon der Symbole). Riten, mit denen schon in vorchristlicher Zeit bei der Jahreswende die bösen Geister vertrieben wurden, haben sich oft unter anderem Vorzeichen, meist auch mit christlichem Inhalt, erhalten. Wenn zu Silvester die Feuerwerke den nächtlichen Himmel erhellen und lautstarke Kracher vermischt mit dem Klang der Kirchenglocken das Neue Jahr verkünden, denkt wohl niemand mehr an die Absicht, die bösen Geister zu vertreiben.

Wenn an Dreikönig Haus und Hof mit dem Rauchfass gesegnet werden, schreibt man mit geweihter Kreide C M B neben der Zahl des neuen Jahres an die Tür. Die drei Buchstaben bezeichnen nicht die Heiligen Drei Könige, sondern gelten als Segensspruch in Latein »Christus mansionem benedicat« Christus segne das Haus. Das Bestreben der Menschen, sich durch äußere Zeichen vor dem Eindringen des Bösen zu schützen, ist uralt. Einst diente ein Drudenfuß an die Stalltüre oder vor dem Bett dem gleichen Zweck.

Weihwasser, Salz und Kreide gelten allgemein als gebräuchliche Mittel, den Schutz des Himmels zu erflehen und Haus und Hof gerade in den gefährlichen Zeiten der Rauhnächte zu schützen. Das Wasser ist nach christlicher Vorstellung das reinigende Element, das schon in der Taufe die Erbsünde abwäscht. Salz ist nach der Bibel das Mittel der Bindung zwischen Gott und den Menschen. Dämonen sollen das Salz verabscheuen und damit zu vertreiben sein. Geweihte Kreide galt als Gegenstück zu der mit Blut getränkten Feder, mit der der Teufelspakt zu unterschreiben war. Knauers Lexikon der Symbole.

Viele dieser alten Bräuche sind heute in Vergessenheit geraten und scheinen auch nicht mehr so recht in unsere moderne Welt zu passen, in der Neonlichter die Angst vor der Dunkelheit erst gar nicht aufkommen lassen. Alte Sagen und das Nachdenken über ihren Sinn und Ursprung können aber auch in unserem Alltag eine Bereicherung sein.

Benutzte Literatur:
Paul und Richilde Werner »Weihnachtsbräuche in Bayern« Plenk Verlag 1975. Simon Aiblinger »Vom echten bayerischen Leben« BLV Verlag 1999.

Dieter Dörfler



50/2007