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Jahrgang 2016 Nummer 49

Barbara-Zweige wurden als Orakel benutzt

Ein Sinnbild für die »edle Braut« – Vorbedeutung für die Liebenden

Am 4. Dezember, dem Tag der Heiligen Jungfrau Barbara, holt man Zweige von Kirschbäumen in die Zimmer und stellt sie in mit Wasser gefüllte Gefäße. Unter Feuchtigkeit und Wärme schwellen und treiben die Knospen, und um Weihnachten – bisweilen am Weihnachtstag selbst – bricht die liebliche weiße Blüte hervor, die an den Spross aus der »Wurzel Jesse« erinnern soll.

Die blühenden Zweige wurden vom Volk als Orakel benutzt. Die Leute glaubten, Verborgenes sehen zu können, wenn die Zweige zur Christmette mit in die Kirche genommen wurden. Aus der Zahl der Blüten schloss man nicht nur auf ein fruchtbares Jahr, sondern auch auf sonstiges Glück. War aber ein Zweig nicht zum Blühen gekommen, dann musste, so glaubte man, im kommenden Jahr jemand im Hause sterben.

Uralt ist die Meinung, dass die blühenden Zweige von besonderer Bedeutung für die Liebenden sind. Diese Anschauung hat der deutsche Dichter Martin Greif (1839-1911) mit den sehnsüchtigen Worten eines liebenden Mädchens in die schönen Verse gefasst:

Am Barbaratage holte ich drei Zweiglein vom Kirschenbaum.
Die setzt' ich in eine Schale: drei Wünsche sprach ich im Traum.
Der erste, dass einer mich werbe, der zweite, dass er noch jung,
Der dritte, dass er auch habe, des Geldes wohl genung.
Weihnachten vor der Mette zwei Stöcklein blühten zur Frist;
Ich weiß einen armen Gesellen, den nähm ich, wie er ist!

In dem lieblichen Brauch sind christliche Gedanken mit Vorstellungen der germanischen Naturreligion vermischt worden. Drei Monate wurde die Licht und Wärme spendende Sonne von den Schatten der Unterwelt bedrängt, ehe sie zur Weihnacht zu neuem Segenslauf emporstieg und der Sonnengott seine Werbung um die in böser Winternot harrende Göttin des Wachstums begann.

Darum der dreiwöchige, germanische Advent, darum die dreitägige Weihnachtsfeier, bei der dem Sonnengott zu Ehren der dreiteilige Kienspan brannte, den man das Jullicht nannte nach hjoul (= Rad), dem Sinnbild der Sonne. Darum aber auch die auf drei begrenzte Zahl der blühenden Zweige, die genau drei Wochen vor der Weihnacht geschnitten wurden, am Tag der lieblichen Sonnenbraut, als deren Sinnbild sie galten.

Nachdem Christus als das »wahre Licht« und die »Sonne der Gerechtigkeit« das Heidentum verdrängt hattte, wurde das schöne Sinnbild auf Barbara, die »edle Braut« der alten Gebete und Lieder, übertragen, die im 4. Jahrhundert lebte und Jugend, Schönheit und Reichtum, ja selbst ihr zartes Leben um höherer Güter willen opferte.

Aber gedanklich tiefer und bedeutsamer ist die Übertragung des Sinnbildes auf Maria, die mit einem aus der Wurzel Jesse entsprossenen Reis verglichen wird und »mitten im kalten Winter« das mit einem Blümlein verglichene Christkind hervorbrachte. Und so tönte es schon seit Jahrhunderten zu der Heiligen Nacht:

Es ist ein Reis entsprungen aus einer Wurzel zart:
Wie uns die Alten sungen, aus Jesse kam die Art,
Und hat ein Blümlein bracht,
Mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht!

 

49/2016