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Jahrgang 2008 Nummer 48

»Auserlesene Gnaden-Geschichten«

Aus alten Aufzeichnungen an Christkindwallfahrten

In Krankheit, Leid und Not wandten sich Gläubige früherer Zeiten vertrauensvoll an die höheren Mächte, von denen sie sich Heilung, Beistand, auch Vergebung der Sünden erflehten. Der Jesusknabe, ob als liegendes, »gefatschtes« Krippenkind oder als stehender »Bambino« im knöchellangen Kleidchen, gehört zu den Gnadenbildern an – vor allem süddeutschen und alpenländischen – Wallfahrtsstätten, die, wie es in einem Text aus der Barockzeit heißt, »außerlesene Gnaden-Geschichten« überliefern: in Mirakelbüchern, auf Votivtafeln, in Pilgerprotokollen, auch in offiziellen Administrationsnotizen.

Folgende Auswahl von Texten zeugt vom ungebrochenen Vertrauen der Menschen auf die höhere Macht, die sich ihnen in dem kleinen Kind Jesus offenbarte ebenso wie von naivem Mitteilungsbedürfnis. Durch das Aufschreiben der erlangten »Gnad« wurde einesteils die Sache publik, andererseits aber selbstverständlich auch für den Wallfahrtsort geworben: Kommt nur hierher, und ihr werdet von euren Lasten befreit! Kirche und Gastronomie profitierten – das muss man nüchtern betrachten – von der Bekanntmachung solch außerordentlicher Ereignisse, wie es Heilungen oder die Bewahrung vor bösem Schicksal zweifellos waren. Man schaue nur nach Lourdes – und schon wird klar, wie wichtig noch heute für einen Großteil der Gläubigen das Wallfahren ist, besonders an Orte, die Genesung von schwerem, oft lebenslangem Leiden versprechen.

Gerade weil heute die Marienwallfahrten die Jesuskindgnadenstätten an Bedeutung weit übertreffen, soll im folgenden auf einige Orte verwiesen werden, die in alter Zeit mit ihrem ganz speziellen »Kindl« die Pilger anzogen – ob in den österreichischen Gemeinden Steyr und Filzmoos, im bayerischen Holzen oder im tschechischen Prag. Das »Prager Kindl« zählt noch heute zu den beliebtesten wundertätigen Jesuskind-Figuren. Es steht »echt«, etwa 60 Zentimeter hoch, aus Holz geschnitzt und im Wachs überzogen, reich gekleidet wie ein Prinz, die Krone auf dem Haupt, die kreuzbesetzte Weltkugel in der Hand, im Mittelpunkt des dritten Seitenaltars rechter Hand in der Prager Kirche »Maria vom Sieg«, 1611/13 erbaut. Kaiser Ferdinand II. hatte sie nach der Schlacht am Weißen Berge den Karmelitermönchen dediziert.

Noch nicht lange ist bekannt, dass die aus Spanien stammende Statue des »Kleinen Königs« von Prag ein Geschenk der Karmeliterin und Kirchenlehrerin Teresa von Avila an eine Freundin war. Deren Tochter hatte vor, nach Prag zu reisen. Sie heiratete Vratislav von Pernstein und vermachte das Erbstück ihrer Tochter Polyxena zur Vermählung mit Adalbert von Lobkowitz. Als dieser das Zeitliche segnete, schenkte Polyxena die Kindl-Figur den Karmelitern in der nach ihnen benannten Prager Gasse für ihre Marienkirche.

Kaum ein Jesuskind-Typus der katholischen Frömmigkeitsgeschichte hat so viele – plastische und graphische – Nachbildungen erfahren wie das »Prager Jesulein«. Die Kopien dienten der privaten häuslichen Andacht und als Beweis für den Besuch der Prager Karmeliterkirche. Für Edith Stein, als Karmeliterin Sr. T. Benedicta vom Kreuz, war »das liebe Jesuskind« bei ihrem Abtransport ein Trostspender. Sie soll, wie aus einem Brief von Alois Schlütter vom 1. Mai 1949 hervorgeht, zuletzt die Worte gesprochen haben: »Was auch immer kommen mag, ich bin auf alles gefasst. Das liebe Jesuskind ist auch hier unter uns.« Die hohe Bedeutung dieses Wallfahrtsbildes gab den Ausschlag für die Illustration dieses Beitrags ausschließlich mit alten Andachtsbildchen des Prager Jesuleins aus der Privatsammlung des Autors.

Vom »Gnadenreichen Jesus-Kindl in dem Baum«

Ulrich Burgerstorffer Zimmer-Meister von Pichling verlezete Anno 1699 unter der Arbeit ungefähr ein Scheitten das Aug * und vermehrete sich der Schaden * und Schmertzen gantze acht Wochen von Tag zu Tag je mehr und mehr. Ob er schon unterschidliche Mittel unter dieser Zeit zu Hülff genommen * wolte doch keines verfangen. Entlichen der langwirige Zustand eröffnete ihme die Augen* denjenigen zu erkennen * durch Verehrung dessen ihme wurde geholfen werden * nemblichen das Gnadenreiche Jesus-Kindl in dem Baum * disen verpflichtete er sich durch ein Gelübd * bey der Hütten * so über das Christ-Kindl solle gebauet werden * ohne Lohn zu arbeiten * wofern er das Gesicht widerum überkommen werde; worauff ohne Verzug die Schmerzen sich auß dem Aug verlohren * er das gute Gesicht überkommen * und weiteres seiner Arbeit können vorstehen * wie er es selbsten uns unterbracht * da er sein Gelübd bey Erbauung der Hütten erfüllet.
(Mirakelbuch, Steyr/Oberösterreich, 18. Jahrhundert)

Vom Holzener Jesulein

Anno 1745, den 26. September, bekennt Urban Schmidt, Pfründer allhier zur höchsten Ehre des Göttl. Mirakulosen Jesuskindlein, so sich im Altare der 14 hl. Nothelfer befindet, dass als er in seinem 89 Jahre Geschäfts halber auf Zusam reiten wollt, u. in einem auslaufenden Bach zwischen Altmannshofen und Treisheimb sammt dem Pferd gefallen, also zwar, dass zur größten Lebensgefahr das Pferd eine viertel Stund auf ihm im Wasser gelegen, weil er einen Fuß noch im Steigbügel hatte, dieses so lange, bis der bei sich habende Bubn, welcher obwegs den Fußsteig gegangen, zu ihm gekommen u. ihn bei den Füßen herausgezogen, das Pferd aufstehen gemacht u. zum Kloster hereingeritten um einen Karren, den Gefallenen abzuholen, welcher Alters halber, vom Kopf bis zu den Füßen ganz naß, weder stehen noch gehen konnte, also von 9 Uhr bis 12 Uhr auf dem Boden im Morast zitternd vor Frost u. Schrecken gelegen. Allwo er sich dann verlobt zu dem Bemeldten göttlichen Kindlein, ihm unwürdige Custodin des Kindleins Jesu überlassen u. hiezu 20 fl. geliefert. Dieses Opfer ist verwandt worden der göttlichen Kindheit zur Ehre und Zierde des Hl. mirakulosen Bildnisses.
(Mirakelbuch, Holzen/Bayern, 18. Jahrhundert)

Von einem neapolitanischen Christkind

In dem Jahr Christi 1641 zu Neapel im Welschland, da kame zu dieser H. Weynacht-Zeit unter anderen eifferigen Christen-Volck ein Türckischer Sclav in eine Kirchen, das alldorten aufgerichtete Kripplein aus Vorwitz zu besichtigen, und als er nun seine Vorwitzbegierige Augen auf das liebreichste Christ-Kindlein hinwarffe, seht, O Wunder-Ding! Da bewegt sich lehafft das geschnitzlete Jesu-Kind in der Heu-Krippen, und schauet mit einem anmüthigen Blick den Türcken an, deutet ihme so gar mit seinem Fingerlein, er solle zu ihme kommen, weilen sich aber der Türck ob diesem Wunder in etwas entsetzte, ruffet ihme das Christ-Kindlein mit hellen Worten in Anhörung alles anwesenden Volckes zu, catechetisiert und unterweist ihn in den vornehmsten Glaubens-Articulen, befiehlt ihme eilends den H. Tauff anzunehmen, dann er werde nach wenigen Tagen sterben und bey ihme im Himmel seyn. Der arme Sclave über diese Worte gantz erleuchtet, geht Freuden-voll hin, lasset sich tauffen, erkrancket tödtlich, empfanget die letzte Weeg-Zehrung, und stirbt bald hierauf eines seeligen Todts.
(Ignatius Ertl, 1645-1713, bayerischer Barockprediger)

Vom Prager Jesulein

In derjenigen finsteren Nacht / in welcher Christus unser Heyland von denen Henckers-Knechten erbärmlich gefangen worden / verwundere ich mich je länger je mehr / über denjenigen Fall der Soldaten / welche zuruck auf die Erden seynd gewaltig geworffen worden / durch das eintzige Wort / so der Herr zu ihnen gesagt: Ego sum; Ich bins. Nachdem er ihnen aber zugelassen / daß sie wieder von der Erden aufgestanden / und abermal gesagt / sie suchen Jesum; da auch Christus wiederum geantwortet: Ego sum; Ich bins; lese ich hier nicht / daß sie wieder zuruck auf die Erden niedergefallen wären / sondern daß sie ihme alsdann angegriffen / gebunden / und gefangen genommen. Woher / oder warum dieser Unterschied? Zweymal hat Christus geantwortet: Ego sum; Ich bins; und darbey angezeiget / das anderemal zwar / daß er Mensch seye / daß er alleinig der Erlöser der Menschen seye / der da als ein Schlacht-Opffer für selbe soll getödtet werden / und darum lasset er sich auch binden / als wie ein Opffer-Vieh; das erste Mal aber / daß er Gott seye / und eben destwegen seinen Gewalt gegen denen Feinden / seine Liebe aber gegen denen Jüngern erzeige / sie auß denen Händen derselben zu erretten. Nun höre ich mich auf zu verwunderen dann wann Jesus sagt: Ich bis / seinen Göttlichen Gewalt zu erzeigen / so muß nothwendig die Macht der Feinde zerschlagen / der aber an ihn vertrauende Mensch von allen Feinden befreiyet werden.

Dieses haben erfahren drey Geistliche unsers allhiesigen Closters; dann als sie im Jahr 1650. den 3. Martii nacher Lojowitz zu der Gnädigen Frau von Pernthal verreiset / um von selber Bretter für die Sacristey zu bettlen / seynd sie bey stockfinsterer Nacht / in einem dicken Wald / von einer grossen Rott der ketzerischen wohl-bewaffneten Räuber und Mörder / unversehens überfallen worden / welche gäntzlich entschlossen waren / auch schon die Waffen ergriffen / die arme Patres erbärmlich zu tödten; besonders triebe selbe zu solcher That an der grosse Zorn und Rach / so sie hatten wider alle Geistliche / wegen außgegangenen Kayserlichen Decret, vermög dessen alle Ketzer / entweder sich müsten zum Catholischen Glauben bequemen / oder aber auß dem Königreich entfliehen.

In dieser augenscheinlichen Gefahr des Tods / nahmen die für Schrocken schier entseelte Patres ihre eintzige Zuflucht und Vertrauen zu unsern Kindlein Jesu / mit einem Gelübd / ein Heil. Meß zu Ehren dessen zu singen / sofern sie auß dieser Gefgahr errettet wurden; fangen darauf an miteinander mit heller Stimm die Litaney vom süssesten Nahmen Jesu zu bethen; siehe O grosses Wunder! es schiene / als wolte das Kindlein Jesu / seine Macht zu zeigen / sagen: Ego sum, Ich bins; dann die Mörder wurden gleichsam von einem Donner getroffen / also gäh und sehr erschröcket / daß sie alles im Stich liessen / und nur suchten mit schnellster Flucht sich zu salviren / als wären sie von einem gewaltigen Kriegs-Heer verfolget. Auf diese Weiß seynd also wunderbarlich die drey Geistliche durch das Gnadenreiche Kindlein Jesu auß denen Händen derer Mörder errettet worden.
(P. Emmerich a S. Stephano: »Pragerisches Groß und Klein«, 1737)

Vom Filzmooser »Glöckl-Kindl«

Anno 1753. In Februario wurde zur grösserer Ehr des heiligen Kindl angegeben, daß Johann Ponholzer, Dienstknecht am Rottenegg sich hieher verlobt, da er sehen müssen, und nicht zu helfen im Stand ware, wie Joseph Rosenkranz Dienstknecht am Knäbl Gut im Neuberg bey sehr tieffen Schnee unter den Stief gefallen / und fast gänzlich erdruckt worden. So bald aber das Gelibd geschehen, ist er der Gefahr entronnen, und frisch nach Haus gekommen.

Den 18. Merzen bekennt Georg Hundsalzer von der Taurach, daß er sich 3. Flächsen in der Hand ungefehr habe abgehauet. Auf beschehene Verlobnuß hieher ist er in 14. Tag geheilt worden.

Den 22. May verrichtete ihre Danksagung allda Frau Maria Paumgartnerin Würthin zu Werfen wegen ihren halbjährigen Kind Anna Maria, welches voller Geschwär-Aiß, und Beulen war, und anderst nicht hat können hergestellt werden, bis sie sich hierher verlobt hat.

Den 16. Junii kame dankbar mit einer Votiv-Tafl hieher Peter Niderkufler, Bauer am Joosen Bichl zu Wagrain: weil ihn das Göttliche Kind von einer recht langwiehrigen Krankheit hat hergestellt…

Den 2. October dankten dem Göttlichen Kind Peter Habersather, und Barbara Felserin, am Mayrlehen in der Löbau nächst Radstadt, daß sie ihr Kind von 2. Jahren, David mit Namen, so sie verlohren, und in Wald lang umsonst gesucht, endlich aber auf gethane Verlobnuß hieher von weiten schreyen gehört, und auf einen hohen Zaun, wo es ohnmöglich von sich selbst hätte hinauf können, auf 3. Haagstangen ligend gefunden haben.
(Filzmooser Wallfahrtsbüchlein, 1772)

Hans Gärtner



48/2008