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Jahrgang 2008 Nummer 24

Auf den Spuren des Adels in Bayern

Gedanken zur Landesausstellung in Rosenheim und Aschau 2008

Außenansicht der Burg Hohenaschau

Außenansicht der Burg Hohenaschau
Porzellanzimmer in Hohenaschau

Porzellanzimmer in Hohenaschau
Preysing-Saal Hohenaschau

Preysing-Saal Hohenaschau
»Adel in Bayern« ist das Thema der Landesausstellung des Hauses der Bayerischen Geschichte im Rosenheimer Lokschuppen und im Schloss Hohenaschau. Eigentlich wäre es in den Räumen des Schlosses Hohenaschau eindringlicher nachzuempfinden, wie sich die Adeligen in ihren Schlössern und Burgen eingerichtet hatten; da aber die Burg aus konservatorischen Gründen für einige Ausstellungsobjekte nicht geeignet erschien, wurde der Lokschuppen in Rosenheim als weiterer Ausstellungsort gewählt. In abgedunkelten Räumen sind hier selten gezeigte Kostbarkeiten der bayerischen Geschichte, wie Urkunden, handgeschriebene Bücher und Gemälde zu bewundern.

Ausblicke auf einem Rundgang durch die Ausstellung

In den einzelnen Abteilungen des Lokschuppens sind Zeugnisse aus verschiedenen Lebensbereichen Adeliger zu betrachten. Reliquien waren dem religiösen, Waffen und Rüstungen dem kriegerischen Leben zuzurechnen. Drei Turnierrüstungen sind Glanzstücke der Ausstellung. Das Originaldokument der Ottonischen Handfeste, mit der den Adeligen besondere Rechte übertragen wurden, ist ebenso wie das Buch des Lex Baiuwariorum eine besondere Rarität. In kunstvollen Portraits blicken uns die Vertreter berühmter Adelsgeschlechter an, deren Alltag in verschiedenen Gebrauchsgegenständen lebendig wird. Der letzte Raum, den wir durch eine abwärts führende Treppe erreichen, erinnert an das Ende der Adelsherrschaft, auf das neben den abgeschnittenen Zöpfen auf der Treppe die Verfassungsurkunde von 14. August 1919 erinnert.

Das Schloss Hohenaschau ist schon für sich ein beachtliches Ausstellungsobjekt, das, vom Staat als Ferienherberge genutzt, sonst nicht zu besichtigen ist. So gehen wir bedachtsam über die neu abgezogenen Parkettböden, bewundern die Ölgemälde der adeligen Hausherrn des Schlosses und sind in der »Lauberstube« von der auf Tapeten gemalten Illusionsmalerei von 1675 beeindruckt. Den Höhepunkt der Schlossführung erleben wir im Preysing-Saal, in dem, eingebunden in eine reiche, barocke Stuckdekoration, zwölf überlebensgroße Statuen aus der Ahnenreihe der Preysings stehen. In den Kartuschen darunter sind ihre Verdienste angeführt.

Die Burgherren von Hohenaschau

Ein Blick auf die adeligen Besitzer von Hohenaschau: 1165 haben die Brüder Konrad und Arnold von Hirnsberg im Auftrag der Grafen von Falkenstein das Schloss an der nach Süden führenden Handelsstraße gegründet, um Reisenden Unterkunft und Versorgung zu gewähren. Burgen dieser Art, die dem Burgherrn eine stattliche Einnahme versprachen, waren im frühen Mittelalter häufig anzutreffen.

1508 bis 1565 hat Pankratz von Freyberg als Bergwerksherr und Hofmarschall am Hofe der Wittelsbacher in München die Burg weiter ausgebaut. Als Anhänger der Lutherischen Lehre wurde er verurteilt und mit einer Gefängnisstrafe belegt. Als gebrochener Mann ist er in Hohenaschau gestorben. Der Übertritt zum Lutherischen Glauben wurde in der Folgezeit von vielen Adeligen dazu benutzt, um der unmittelbaren Feudalherrschaft der Wittelsbacher zu entgehen. Sie waren dann nur noch dem Kaiser untergeordnet. Die Grafen Preysing von Hohenaschau waren 1608 bis 1853 Eigentümer des Schlosses. Ihnen folgten die Nürnberger Großindustriellen Cramer-Klett, die das Schloss von 1875 bis 1942 im Besitz hatten. Danach wurde es an die Reichsmarine verkauft und ist heute im Eigentum des Bundes.

Gedanken zum Hintergrund der Adelsherrschaft

Wer die Landesausstellung in Hohenaschau und Rosenheim besucht, sollte sich neugierig auf die Suche nach Relikten eines Zeitalters von mehr als 1000 Jahren machen, das vom Adel bestimmt und gelenkt worden ist. Im Schloss Hohenaschau ist die Suche mehr von einer gefühlsbetonten Reminiszenz an eine prunkvolle, adelige Wohnstätte bestimmt. Rosenheim besticht dagegen durch sachliche Informationen über die Lebensumstände des die Gesellschaft beherrschenden Adelsstandes.

Ein Anliegen dieses Beitrages ist es, den Besucher der Ausstellung mit den sozialen Problemen des Adels in seiner Beziehung zu der ihm unterworfenen Schicht der Bevölkerung vertraut zu machen. Bei der Betrachtung der prunkvollen Ausstattung adeliger Räumlichkeiten mögen wir daran denken, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Und auch noch ein anderes den Hintergrund des Adelsstandes hinterfragendes Zitat sei angeführt: »Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?« Damit soll angedeutet sein, dass die Wertschöpfung in der mittelalterlichen Gesellschaft den arbeitenden Menschen, den Bauern, Handwerkern und Händlern oblag und in dem Gegensatz zwischen Herrschenden und Arbeitenden ein Spannungsfeld gegeben war.

Allerdings bestimmte der Adel schon frühzeitig die Geschichte unseres Landes. Die älteste bayerische Rechtsordnung, die Lex Baiuvariorum aus dem 6. und 7. Jahrhundert nennt fünf herausragende Familien als erste Adelige. Die Synode von Dingolfing um 770 unterscheidet »nobiles, liberi und servi«. Auf der Grundlage dieser Unterscheidung zwischen Adeligen, Freien und Unfreien beruht die das Mittelalter bestimmende Feudalordnung.

Der Feudalstaat als fest gefügtes Herrschaftssystem

Der Feudalstaat war ein Lehensstaat. Die Erhebung in den Adelsstand war in der Regel mit der Vergabe eines Land- oder Gutsbesitzes verbunden. Das dem Namen zugefügte »von« deutet auf die Verbindung mit einem Landbesitz hin. Der Beliehene war dem Lehnsherrn gegenüber zu Treue und Beistand verpflichtet und schuldete ihm Abgaben und persönliche Dienste, etwa den Einsatz im Krieg. In der Feudalordnung erhielt der Adel die Überlegenheit über die anderen Schichten, die teils in weitere feudale Stufen unterteilt oder als Untertanen außerhalb des Lehensverbandes standen.

Im Feudalstaat gab es eine soziale Stufenleiter. An oberster Stelle stand der König, der seine Macht von Gott empfangen hatte und »von Gottes Gnaden« regierte. Wenn er seine Macht Untergebenen verlieh, bedeutete dies, dass er seine Macht grund-sätzlich behielt und nur ihre Ausübung den Untergebenen übertragen hat. Die Herzöge mit einer autonomen, erblichen Territorialherrschaft gehörten ebenso wie die Fürsten als Inhaber von Reichslehen oder als hohe Beamte dem Hochadel an. Die Landshuter Reichen Herzöge und die Fürsten von Thurn und Taxis in Regensburg sind hierfür Beispiele.

Zum niederen Adel zählten Grafen, Freiherrn und Barone. Der Graf hatte als königlicher Beamter eine Mark an der Ostgrenze des Reiches - Markgraf - oder als Burggraf eine strategisch wichtige Verteidigungsanlage zu verwalten. Zum niederen Adel zählte dann auch noch der Freiherr, für den sich später die Bezeichnung Baron durchgesetzt hat. Auch dem Freiherrn gehörte in der Regel ein Gut, ein Schloss oder eine Burg.

Der Ritter im Kriegseinsatz und auf Turnieren

Ritter wurde ein Adeliger durch den zeremoniellen Ritterschlag, der ihn nach einer als Knappe bestandenen Probezeit in den Ritterstand erhoben hat. Der Ritter war ursprünglich ein Berufskrieger, der seinem Herrn auf Feldzügen Folge zu leisten hatte. Im frühen Mittelalter wurde der Ritter einer gehobenen, meist adeligen Schicht, und damit einer gesellschaftlich geachteten Klasse zugerechnet. Außerhalb von Kriegseinsätzen sah man den Ritter auf Turnieren, die aus der Landshuter Hochzeit bekannt sind.

Der Stahlpanzer der Rüstung wog einen Zentner und wurde in der Plattnerwerkstatt gefertigt. Die Länge der Turnierlanze betrug vier Meter. Die Rüstungen aus der Plattnerwerkstatt war für das Turnier vorgesehen, während die Kampfrüstung nach anderen Kriterien gefertigt wurde. Eine reich verzierte Turnierrüstung war das Markenzeichen des Ritters und diente dazu, seinen gesellschaftlichen Rang zu betonen. Schon im 14. Jahrhundert kam es zum Niedergang des Ritterstandes, die vor allem durch die Änderung der Waffentechnik bedingt war. 1322 gab es bei Mühldorf die letzte Ritterschlacht.

Die Ritter wurden von der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung ihrer Zeit überrollt. Viele gerieten in wirtschaftliche Not und konnten sich der neuen gesellschaftlichen Situation nicht ausreichend anpassen. Sie wurden zu Raubrittern. Heinz von Stein, der in der Höhlenburg hoch über der Traun sein Unwesen trieb, ist ein historisch nachweisbares, aber in der Sage überhöhtes Beispiel.

Leibeigene und Blaublütige

Grund und Boden wurden in der feudalen Gesellschaft vom Landesherrn unter den Adeligen und den Klöstern aufgeteilt. Er wurde verliehen. Der Bauer und sein Gesinde wurden als Zubehör der verliehenen Grundherrschaft angesehen. Die den Adeligen Untergebenen waren weitgehend rechtlos. Im Rahmen der Leibeigenschaft war eine Veräußerung oder Schenkung der Leibeigenen rechtlich zulässig. Eine Urkunde von 1377 bezeugt die Schenkung einer verheirateten Frau mit ihren Kindern an das Kloster Frauenchiemsee. Daraus wird die absolute Machtstellung des Adels über die Untergebenen deutlich.

Dass Adelige den Standesunterschied zu betonen wussten, zeigen einige noch heute erhaltene Redensarten: Der Untergebene war der »Gescherte«. Die adeligen Gutsherren trugen das Haar lang, was für die die tägliche Arbeit verrichteten Bauern höchst unpraktisch war. Sie trugen kurzes, geschertes Haar. – Adelige galten als die »Blaublütigen«. Im Gegensatz zu den Landarbeitern waren sie nicht oder nur wenig der Sonne ausgesetzt. Ihre nicht gebräunte Haut erschien blass, wofür sich der Ausdruck »blaublütig« erhalten hat.

Der ungleiche Machtkampf in den Bauernkriegen

Der Gegensatz zwischen Adel und den Untergebenen eskalierte in den Bauernkriegen 1524-25. Als geistiger Hintergrund der bewaffneten Aufstände der Bauern ist die Reformation zu sehen, die zusammen mit dem Humanismus zu einer revolutionären Änderung des Weltbildes führte. Luthers Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« hatte bei den Bauern die Erwartung geweckt, dass sie den Grundherrn nicht rechtlos ausgeliefert seien und dass ihnen an den von ihnen gewonnenen landwirtschaftlichen Produkten Rechte zustünden. Luther lehnte später den Aufruhr der Bauern ab und forderte die Landesherrn auf, »die Bauern wie tolle Hunde totzuschlagen.«

Dies ist dann auch so geschehen. In den Scharmützeln erwiesen sich die mit Sensen und Dreschflegeln ausgerüsteten Bauern dem Adeligen gegenüber unterlegen. Mehr als 100 000 Bauern fanden in den Bauernkriegen den Tod. Letztlich bedeuteten die Bauernkriege eine Stärkung der adeligen Landesherrn. Unter ihrer Führung entstanden die Landeskirchen. Später oblag es dem Landesherrn zu bestimmen, welche Religion in seinem Herrschaftsgebiet zu gelten hatte.

Bündnis von Adel und Kirche

Im Mittelalter berief sich der Adel auf den auf dem feudalen Herrschaftssystem beruhenden Machtanspruch. Dazu ist der Adel ein Bündnis mit der Kirche eingegangen. Nicht nur in den Bauernkriegen hat sich die Allianz zwischen den Fürsten und dem Klerus bewährt; auch schon in den Jahrhunderten vorher bestand ein enges Bündnis des Adels mit den Klöstern. Adelige wurden zu Vögten der Klöstern und damit deren weltliche Schutzherrn. Sie hatten so auch Zugriff auf die von den Klöstern erwirtschafteten Einkünfte.

Adelige Klosterstiftungen gab es aus verschiedenen Anlässen. Das Kloster Seligenthal gründete Ludmilla zur Festigung der Herrschaft der Wittelsbacher in der Hauptstadt des Herzogtums. In einigen Klöstern ist schon in der Gründungsurkunde festgelegt, dass nur Adelige aufgenommen wurden. Die adeligen Eigenklöster galten schon im Mittelalter als Symbol für die Einheit von Adel und Kirche. Reichsklöster unterstanden dem Kaiser und waren auch von diesem gegründet worden. Als Beispiel ist hier das Kloster Ottobeuren anzuführen, dessen Gründung die Legende bis auf Karl dem Großen zurückführt. Die Gründungsgeschichte des Klosters Fürstenfeld ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert. Ludwig der Strenge bezichtigte seine Gattin der ehelichen Untreue und ließ sie ermorden. Nachdem sich die Unschuld der Gattin herausgestellt hatte, stiftete der das Kloster Fürstenfeld.

Adelige Stiftungen zur Sicherung des Seelenheils der Betroffenen waren im Mittelalter üblich. Adelige übereigneten dem Kloster Grund und Boden. Oft gehörten zur klösterlichen Stiftung mehrere Ortschaften, wie wir dies aus der Stiftungsurkunde für das Kloster Seligenthal nachvollziehen können. Zu den Zuwendungen aus adeligem Besitz gehörten auch sakrale Kunstgegenstände, wie Messkelche und geistliche Gewänder. Die Beziehung des Adels zu den Klöstern hat sich auch nach der Säkularisation als besonders eng erwiesen. So hat König Ludwig I. sich für die Wiedererrichtung zahlreicher in der Säkularisation ausgeplünderter Klöster eingesetzt. Seligenthal und Frauenchiemsee sind hier zu nennen.

Die Aufklärung und das Ende der Adelsherrschaft

Die soziale und politische Machtstellung des Adels fand schon mit der Aufklärung ihr Ende, womit sich eine grundsätzliche Umorientierung der Staat und Gesellschaft bestimmenden Werte ergab. Während bisher staatliche und damit auch adelige Herrschaft von einem religiös-theologisch geprägten Menschenbild ausgingen und durch den Glauben an die göttliche Offenbarung bestimmt waren, erklärte nun die neue Weltsicht die menschliche Vernunft zum einzigen und letztgültigen Maßstab menschlichen Handelns.

Die obrigkeitliche Herrschaft beruhte aus dieser Sicht auf einem Gesellschaftsvertrag, in dem dem Regierenden seine Macht und Befugnis von allen Mitgliedern der Gesellschaft übertragen wurde. Wenn das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland bestimmt, dass alle staatliche Gewalt vom Volk ausgeht, dann knüpft dies an den Gedanken des Gesellschaftsvertrages an. Entscheidend für die gesellschaftliche Stellung des Adels ist nun, dass dieser seine Machtbefugnis nicht mehr von oben, von einem Lehnsherrn, ableiten und sich nicht mehr allgemein auf eine von Gott gewollte Ordnung berufen kann.

Dieser gesellschaftliche Strukturwandel war nicht nur für die soziale Stellung des Adels von Bedeutung; er hat bis heute eine eminente sozialpolitische Bedeutung. Die Einführung von Volksentscheiden und die Mitbestimmung im Arbeitsrecht sind Beispiele für diese Umorientierung der Gesellschaft. Mit der Verfassungsurkunde des Freistaates Bayern vom 14. August 1919 wurde der Adel abgeschafft. Allerdings dürfen bayerische Staatsangehörige, die bisher Adelsbezeichnungen zu führen berechtigt waren, diese als Teil ihres Namens weiterführen.

Dieter Dörfler



24/2008