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Jahrgang 2015 Nummer 7

»Auf dem Felde der Ehre gefallen«

Klemens Thomas – Biographie eines Vergessenen Teil III

Josef Angerer (1882 bis 1918).
Motiv »Sonnenanbeter« aus der Werbebroschüre der Kuranstalt am Klosterberg, 1910.
Von Adolf Kunst entworfenes Georgiritt-Plakat.
Plan des in die Pfarrhofmauer integrierten St.-Georg-Brunnens.

Josef Angerer kehrte 1909 in seine Heimat zurück. »Ein paar Stadthäuser in Traunstein von bemerkenswerter künstlerischer Anlage entstanden nach seinen Plänen, die äußerst glückliche, steinerne Umfriedung des großen Pfarrgartens mit Brünnlein und Ecktempelchen lässt seine Begabung für dekorative Raumgestaltung erkennen, sein Schützenhaus ist geradezu ein Musterbeispiel, wie ein Gebäude der landschaftlichen Umgebung angepasst werden kann. Ein kleines Tälchen, in welches der Bau hineingestellt ist, bot dem erfindungsreichen Künstler überdies Gelegenheit, die vorhandene Felsenszenerie zu einem Naturtheater auszubauen, in welchem auch vor Ausbruch des Krieges bereits fleißig gespielt wurde. Schließlich ist des Rathauses in Laufen zu gedenken, dessen großer Saal durch ihn eine geschmackvolle Umgestaltung erfuhr. Vieles wäre noch von dem Künstler Angerer zu erhoffen gewesen, hätte ihn nicht eine tückische Krankheit frühzeitig am Schaffen gehindert […].«

Gleich Thomas war Angerer kein langes Leben beschieden. Er starb am 7. November 1918 im Alter von nur 36 Jahren. Der bekannte Kunstmaler Ludwig Bolgiano, Verfasser des in Auszügen zitierten Nachrufs, tat sicher gut daran, in zeitgenössischer Verbundenheit zunächst Angerers Kunstsinn hervorzuheben. Aber dessen herausragendes Talent, so zumindest der Eindruck, der sich förmlich aufdrängt, lag auf einem anderen Gebiet. Josef Angerer war ein begnadeter Organisator und Motivator, der Projekte anstieß, immer bemüht, Traunstein zu gestalten, weiterzuentwickeln, nach vorne zu bringen, und dabei die erforderlichen Persönlichkeiten und öffentlichen Stellen begeistern, auftretende Konflikte schlichten und gegensätzliche Positionen zusammenführen konnte. Er »entfaltete aus seinem künstlerischen Gesamtempfinden heraus eine derartig umfassende gemeinnützige Tätigkeit, daß sie ein langes Leben wohl ausgefüllt haben würde. […] Was Angerer bei dem allen an selbstloser Hingabe an die Idee leistete, in welch’ rührender Weise er jede Gelegenheit benützte, um seiner Vaterstadt Liebes zu erweisen, wie er kein Opfer und keine Mühe scheute, wo es nur ging, helfend und rettend beizuspringen, das vermag keine Feder zu schildern. So rührig er war, nie erweckte er den Eindruck des Übergeschäftigen und Selbstherrlichen, nie sprach er von sich, sondern blieb immer voll Anerkennung für die Verdienste anderer, ja, wer sich als Wohltäter Traunsteins erwiesen hatte, der genoß seine unbegrenzte Verehrung.«

1914 wurde Josef Angerer Gemeindebevollmächtigter, ein Amt, etwa einem heutigen Stadtrat vergleichbar. Hätte ihn der Tod nicht so früh ereilt, hätte er nach dem Krieg sein politisches Talent sicher weiterhin dem Wohl seiner geliebten Stadt Traunstein gewidmet, es vielleicht sogar ausgebaut. Doch das bleibt Spekulation.

Buchschmuck von Klemens Thomas, München

Tatsache hingegen ist: Josef Angerer pflegte zahlreiche Kontakte zu Freunden und Kollegen, Verwandten und Bekannten aus nah und fern. Sein erhaltener brieflicher Nachlass legt darüber ein beredtes Zeugnis ab. Und zu ihnen gehörte Klemens Thomas, dem Angerer ab 1909 Aufträge vermittelte und ihm so oftmals (aber nicht ausschließlich) die Öffentlichkeitsarbeit für von ihm selbst entwickelte und in die Tat umgesetzte Ideen übertrug. Thomas hatte, wovon wir uns schon überzeugen konnten, die entsprechenden künstlerischen Fertigkeiten, dazu Ehrgeiz und auch keinen Mangel an Selbstbewusstsein. Und er hatte, zumindest in den ersten Jahren, offenkundig Bedarf an zusätzlichen Einkünften: »Mein bisheriges Gehalt von 180 Mark geht nun verloren. An der königlichen Eisenbahndirektion bekommen wir Praktikanten nur vier Mark Tagegeld, ausgenommen die Sonn- und Feiertage. Es wäre mir bei der schlechten Bezahlung natürlich sehr lieb, wenn ich durch Nebenarbeiten etwas verdienen könnte. Vielleicht hast du wieder für mich etwas?« Zwischen zehn und zwanzig Mark berechnete Thomas für einen Postkartenentwurf, gutes Geld für einen, zumindest zeitweise, schlecht bis gar nicht besoldeten Architekturpraktikanten, auf dass er das ein oder andere Mal jedoch auch »vergeblich gewartet« hatte.

Aber seine Grafiken beschränkten sich nicht auf Vorlagen für Postkarten, Reklamemarken und Plakate. Seine Palette, wir haben es in Ansätzen schon erfahren, war um vieles reichhaltiger. »[…] bei der neuen Drucklegung den kleinen Hinweis ‚Buchschmuck von Klemens Thomas, München’ nicht zu vergessen«, dieser Bitte wurde weit mehr als nur einmal entsprochen. 1909 gestaltete er den Einband sowie drei Ansichten der Publikation »15 Bilder aus Traunsteins Vergangenheit«. Eine anspruchsvolle Werbebroschüre der »Kuranstalt«, des Kurhauses am Klosterberg, herausgegeben 1910 von dem damaligen Besitzer und Leiter Dr. Georg Wolf (1851-1916), illustrierte er mit bemerkenswert modernen (die Bandbreite reicht vom Tennisspieler über eine Turnerin an den Ringen bis hin zu nackten Sonnenanbetern), aber auch traditionellen Zeichnungen (Dorfbrunnen, Flurkreuz, Schuhplattler).

Im gleichen Jahr finden wir Bilder von ihm in den Ausführungen von Max Fürst »Zur Heimatfrage Tannhäusers«, ein besonderer Ritterschlag des renommierten Kirchenmalers, Heimatforschers und Publizisten für den jungen und aufstrebenden Zeichner und Architekten. 1911 entwarf er eine »Mitgliedkarte« für den »Historischen Verein für den Chiemgau in Traunstein«. Der Titelkopf der vorerwähnten, von diesem ab 1913 als Beilage zum Traunsteiner Wochenblatt herausgegebenen »Heimatbilder aus dem Chiemgau« stammt ebenfalls von Thomas. Treibende Kraft dieses wohl honorigsten Zirkels des Traunsteiner Bürgertums war – Josef Angerer. Ihm ganz persönlich schwebte seit längerer Zeit schon ein Büchlein über Volkssagen vor. Es erschien 1912 mit, wie sollte es auch anders sein, »Buchschmuck von Klemens Thomas«. Hingewiesen wurde bereits auf das Titelbild zu Georg Schierghofers 1911 erschienener Georgiritt- Monographie. In der 1913 folgenden Gesamtdarstellung aller altbayerischen Pferdeumritte findet man ausschließlich volkskundliche Zeichnungen des nunmehrigen Regierungsbaumeisters. Abschließend genannt seien die beiden Motive der 1912-14 in Druck erschienenen »Fremdenliste für Traunstein und den Chiemgau«, Ansichten der Stadt und von Frauenchiemsee. »Wenn möglich, wäre […] ein Preis von 15 Mark […] wünschenswert.

Die technische Ausführung lag fast immer bei der Druckerei von Eduard Leopoldseder. Mit dessen Handwerkskunst zeigte sich der sehr kritische Thomas meist zufrieden, manchmal mehr, manchmal auch weniger. Insgesamt aber war man einig im Streben nach dem bestmöglichen Ergebnis. »Herrn L[eopoldseders] Begeisterung hat mich gefreut […].« Gerne ließ ihm Thomas daher »beste Grüße« und »meinen Dank […] für seine Mühe« ausrichten. In Leopoldseders Auftrag entwarf er 1912 auch einen Titelkopf für die »Vereinigung ober- und niederbayerischer Provinz-Buchdruckerei- Besitzer«. Der eingetragene Verein hatte seinen Sitz in Traunstein. Klemens Thomas zeigte sich hier besonders engagiert. »Du und Leopoldseder werden über den Entwurf sehr überrascht sein. Er ist einmal wieder etwas ganz Neues.«

Änderungen und Ergänzungen meinerseits sind ausgeschlossen Etwas Neues. Und dabei fruchtbar, vielfältig und intensiv. So lässt sich die Zusammenarbeit zwischen Traunstein und München ohne Übertreibung zusammenfassen. Einfach aber, das war sie für Josef Angerer mit Sicherheit nicht. Klemens Thomas, dies ist schon mehrfach durchgedrungen, war von sich und seinen künstlerischen Fähigkeiten überzeugt, Kritikfähigkeit gehörte eher nicht zu seinen Stärken. »Lieber Angerer!«, so begannen seine Briefe fast ausnahmslos; man war per Du, ohne sich mit Vornamen anzureden. »Traunsteiner Volkstheater liegt Skizze bei. Ich bitte dich, an die Gesellschaft meine Grüße auszurichten und gleichzeitig ihnen zu eröffnen, daß ihre Idee, zuerst Schrift, dann Stadtbild, dann Gebirge, dann den Kopf, der wie in einem Kasperltheater hinter der Gebirgskulisse auftaucht, kurz gesagt ein Schmarrn ist (vielleicht drückst du dich etwas feiner aus!) und ich meine Idee, wie auf Skizze ersichtlich, vorschlage. Ich bitte zu erwähnen, daß ich ihre Idee nicht ausführen werde, da ich dabei Gefahr laufe, meinen Ruf als Zeichner zu diskreditieren. Wenn sie mit meiner Idee nicht einverstanden sind, muß ich den Auftrag ablehnen.« Was sich der »liebe Angerer« da so manches Mal anhören musste, das waren klare Worte. »Änderungen und Ergänzungen meinerseits sind ausgeschlossen«, so kann man deren Tenor zusammenfassen.

Moderate Töne, verbunden mit sachlichen Argumenten, ja, auch die gab es, dies soll hier nicht verschwiegen werden: »Leider war es mir nicht möglich, ganz genau deinen Vorschlag im Entwurf einzuhalten. […] Meist verlangst du zu viel an verschiedenen Details und Anhängsel, für die bei der Ausführung ohne Schaden für die Hauptmomente nicht der genügende Raum vorhanden ist. Hoffentlich faßt du also die kleinen Änderungen nicht als Eigensinn und Eigenwillen bzw. Besserwisserei auf.« Thomas wusste um seine Schwächen, und er war sich der Hilfe und Unterstützung bewusst, die ihm sein Freund immer wieder zukommen ließ: »Gell, ich bin doch unerträglich mit meinen ewigen Fragereien«? – »Entschuldige, wenn ich dich wieder mit diesen vielen Wünschen belästigt habe.«

Aber Einsicht und Entgegenkommen gewannen selten die Oberhand, sie blieben letztendlich die Ausnahme. Es ist daher sehr schade, dass nur die Briefe an Josef Angerer vorliegen, nicht aber dessen Antworten. Es wäre interessant, wie er Klemens Thomas immer wieder besänftigte und in das gemeinsame Boot zurückholte. Fest steht jedenfalls: Es ist ihm gelungen, im Sinne der Sache und zum Wohle Traunsteins, so, wie es seine Art war. Und er wäre sicher bereit gewesen, diese Freundschaft noch über lange Zeit zu pflegen und den Künstler zu fördern. Das Schicksal hatte es beiden anders bestimmt.

Und was bleibt?

Ein Soldat wird getötet, einer von zehn Millionen. In einer militärischen Gesamtbilanz fällt dies, so zynisch es auch klingen mag, nicht ins Gewicht. Der Einzelne aber hört auf zu existieren. »Fern von der Heimat und von seinen Lieben starb den Heldentod fürs Vaterland […].« Welche Zeitung man im Verlauf des Krieges auch aufschlägt, zahllos sind die Todesanzeigen, deren Inhalt sich stets aufs Neue wiederholt. »Unvergeßlich«, »ehrengeachtet« und »gut«, »tugendsam« und »brav«, »hoffnungsvoll« und »innigst geliebt« waren sie alle, die ausnahmslos nach »treuester Pflichterfüllung« den Tod fanden. Was bleibt, ist das Leid, ist die Trauer der Zurückgebliebenen. Es bleibt die Trauer der Freunde und Kollegen von Klemens Thomas. Es bleibt die Trauer der jungen Witwe. »Daß ich mein Liebstes und Bestes […] hab geben müssen, kann mir selbst im Glorienschein des Heldentodes noch wenig Trost geben. Den unersetzlichen Verlust ein ganzes Leben lang zu tragen ist so furchtbar schwer.« Und es bleibt die Trauer der Mutter. »Mir fehlt mein Klemens überall und kann ich den Verlust nicht verschmerzen.«

Was hätte jedes einzelne Opfer einer verantwortungslosen Politik von »Schlafwandlern« in seinem Leben noch alles leisten, schaffen, Gutes (vielleicht auch Schlechtes) vollbringen können? Wir werden es nie erfahren. Eine Hypothese für den Künstler Klemens Thomas in den Raum zu stellen, und zwar nur für den Künstler, nicht für den Architekten und schon gar nicht für den Menschen, sei aber erlaubt.

»Mein größter Wunsch wäre es natürlich gewesen, […] einmal eine Karte zu zeichnen, die auch in München verkauft werden könnte. Vielleicht übernimmt Leopoldseder das Risiko für eine zweite Karte nach meiner Skizze ohne Traunsteiner Wappen und ohne Stadtsilhouette?« Der Traunsteiner Geschäftsmann scheute offensichtlich trotz aller freundschaftlicher Verbundenheit diesen Schritt. Thomas war, wie er sich zuvor schon einmal sarkastisch ausgedrückt hatte, »glücklich wieder durchgefallen«. Umso stolzer zeigte er sich, wenn er auch einmal in der Presse der Landeshauptstadt und nicht nur in den Traunsteiner Zeitungen lobende Erwähnung fand. »Im Morgenblatt von heute, Mittwoch, den 17. April, der »Münchner Neuesten Nachrichten« steht ein gewiss auch dich interessierende Aufsatz ‚Siegelmarke und Sammelsport’, worin über die Georgimarken gesagt ist: ‚Sehr gelungen in ihrer hübschen Stilisierung sind die Georgirittmarken von Kl. Thomas.’ […]« Thomas, dies wird hier mehr als deutlich, wollte seinen künstlerischen Wirkungskreis nicht auf Traunstein und vielleicht noch den Chiemgau beschränkt sehen. Er wollte der Provinz entfliehen, überregional bekannt werden, »groß herauskommen«. Und das war sicher nicht allein das bloße Wunschdenken eines zeichnerisch begabten Architekten. Denn Beispiele für solche Karrieren gab es.

Adolf Kunst, geboren am 8. März 1882 in Regensburg, verstorben am 15. April 1937 in München, studierte ebenfalls Architektur an der Technischen Hochschule und legte dort 1909 die Prüfung für den höheren Staatsbaudienst ab. Seit 1912 wirkte er als Lehrer an der dortigen Baufachschule. Er gehörte zum geschilderten Freundeskreis Angerers und gestaltete so auch einige Traunstein-Grafiken, unter anderem 1913 ein neues Plakat für den Georgiritt. Es war mindestens bis 1926 in Gebrauch. Zur Erinnerung: 1913 war das Jahr, in dem auch Klemens Thomas Postkarten und Reklamemarken für den Ritt gestaltet hatte. Adolf Kunst gelang in der Folge der Aufstieg zu einem viel beachteten Künstler, aus dessen Gesamtwerk vor allem seine mehr als 400 Exlibris-Darstellungen herausragen und der Eingang in den Thieme-Becker gefunden hat.

Klemens Thomas blieb dies alles versagt, er stand aber möglicherweise kurz davor: »Mein lieber Angerer! Verzeihe, wenn ich dich gleich an den Weihnachtsfeiertagen aus deiner Festtagsruhe bringe. Wie du weist, bin ich Mitglied des Vereins der Plakatfreunde Berlin, der die nach meiner Ansicht bis heute künstlerischste und vornehmste Zeitschrift über angewandte Graphik 'Das Plakat' herausgibt. Nun hat der Vorsitzende des Vereins, Dr. H. Hans Sachs, Berlin, für einen demnächst in genannter Zeitschrift zu erscheinenden Aufsatz über ‚Künstlerische Reklamemarken’ mit Beilage von Originalmarken die Aufforderung an die Mitglieder erlassen, ihm für genannten Aufsatz geeignete Reklamemarken zu überlassen. Ich sandte ihm nun je eine Serie der von mir entworfenen Reklamemarken, von denen nun die beiden Marken von Bretzl, Traunstein, und von der ‚Vereinigung des katholischen Kirchenpersonals’ Gnade vor seinem bekannten kritischen Urteil gefunden haben und in der Zeitschrift veröffentlicht werden sollen.« Man kann die Begeisterung förmlich heraushören. »Das Plakat« war tatsächlich das Organ auf dem Gebiet der Gebrauchsgrafik, damals eine bibliophil ausgestattete Kunstzeitschrift, inzwischen ein begehrtes Sammlerobjekt. Einzelne Exemplare werden aktuell mit mehreren Hundert Euro gehandelt, ein vollständig und gut erhaltener Satz wird auf rund 40 000 Euro veranschlagt. Dort vorgestellt zu werden, wäre für Klemens Thomas der lang ersehnte Durchbruch gewesen. Dass er diese Hoffnung hegte, darf man unterstellen, und sie war gewiss nicht übertrieben.

Dem Andenken dienen

Er sollte es nicht mehr erleben. Das »Feld der Ehre« erwartete ihn, und es begrub ihn unter sich als einen von zahllosen Gefallenen. Und sein Werk? »Um zu verhindern, dass seine mit so zähem Fleiß und tüchtigem Können geschaffenen kleinen und größeren Arbeiten, welche noch nicht veröffentlicht wurden, vor der Zeit im Familienschoße der Angehörigen seiner jungen, um ihn trauernden Frau ungenützt begraben werden und dem allgemeinen Interesse verloren gehen«, wandte sich der hier schon mehrfach zitierte Münchner Kaufmann Friedrich Liesenberg im Namen aller Freunde an Josef Angerer. »Ob sich also eine kleine selbständige Veröffentlichung ermöglichen lässt […], das entzieht sich meinen Kenntnissen.« Er traf mit seinem Ansinnen auf die offenen Ohren eines Gleichgesinnten und auf den Einzigen, dem man es hätte zutrauen können, den Künstler posthum zu würdigen. Gleichwohl, das schon hoffnungsvoll vorbereitete Vorhaben sollte das Planungsstadium nicht verlassen. Die Kriegszeiten waren schlecht und wurden immer schlechter, man hatte anderes zu tun, als die unbekannten Werke eines Frühverstorbenen zu publizieren und möglicherweise noch eigene finanzielle Mittel dafür aufbringen zu müssen. Und als die Lage sich langsam wieder besserte, da war Josef Angerer Klemens Thomas bereits nachgefolgt. So breitete der Tod den Mantel des Vergessens über dessen Werk.

Hundert Jahre danach hat sich der vorliegende Beitrag zur Aufgabe gemacht, diesen zu lüften und damit das verständliche Versäumnis der Zeitgenossen nachzuholen. »Für jede seiner Sachen eine eigene, unmaßgebliche Verehrung« gleich Liesenberg möchte der Verfasser nicht für sich reklamieren. Er findet Thomas’ Werke einfach nur interessant und hegt zugleich die Hoffnung, dass die Lektüre dieses Aufsatzes vielleicht noch die ein- oder andere unbekannte Thomas-Grafik zum Vorschein bringt.

Was aber hat es nun mit der eingangs angesprochenen Arbeit des Architekten auf sich, die (fast) jeder Traunsteiner kennt, ohne es zu wissen? Nun, es ist ein weiteres Beispiel dafür, dass ein Unvollendeter, noch dazu ein Auswärtiger, gerne übersehen wird. Die »steinerne Umfriedung des großen Pfarrgartens mit Brünnlein und Ecktempelchen« schreibt Ludwig Bolgiano Josef Angerer zu. Dies ist auch richtig, nimmt man den Georgsbrunnen einmal aus. Dessen Pläne fertigte Januar bis März 1914 nämlich nicht Angerer, sondern – Klemens Thomas. 50 Mark hat er dafür kurz vor seinem Tod noch bekommen. Für bleibenden Nachruhm war das natürlich zu wenig. Verschweigen und weiterhin falsch zuordnen aber sollte man die Urheberschaft trotzdem nicht.


Franz Haselbeck

 

Teil I und Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 5/2015 und 6/2015

 

Anmerkung: Die Einzelheiten dieser Arbeit sind umfassend mit Quellenzitaten und Literaturangaben belegbar. Aus Platzgründen wird auf Anmerkungen in Form von Endnoten, nicht aber auf eine summarische Nennung verzichtet. Das Stadtarchiv Traunstein verwahrt die grafische Hinterlassenschaft von Klemens Thomas, zudem (im Nachlass Köstler) Briefe an J. Angerer von K. Thomas, dessen Frau Olga, dessen Mutter Luise und des Freundes Friedrich Liesenberg. »Auswärtige« Quellen fanden sich in den Stadtarchiven Bayreuth, Homburg an der Saar, Kaiserslautern und München, im Kriegsarchiv München (Abteilung IV Bayerisches Hauptstaatsarchiv), in den Archiven der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und der Technischen Universität (TU) München, der Universitätsbibliothek Mainz, im Standesamt Homburg, im Schularchiv des Albert-Schweitzer-Gymnasiums Kaiserslautern sowie im Besitz der Familie Leschhorn. Allen, die Informationen zur Verfügung gestellt und dabei oft zeitaufwändige Recherchearbeit geleistet haben, sei hiermit ein herzlicher Dank ausgesprochen. Alle Abbildungen stammen aus den Sammlungsbeständen des Stadtarchivs Traunstein.

 

7/2015