weather-image
11°
Jahrgang 2015 Nummer 6

»Auf dem Felde der Ehre gefallen«

Klemens Thomas – Biographie eines Vergessenen – Teil II

Das erste lenkbare Luftschiff über Traunstein aus Sicht des Künstlers.
Postkarte zum Chiemgau-Sänger-Bundesfest 1910.
Werbemarken waren früher weit verbreitete Massenware; heute sind sie begehrte Sammelobjekte.
Plakat des Freilichttheaters in Ettendorf. Die Vorschläge der Theatergesellschaft zu dessen Gestaltung verwarf der streitbare und wenig kritikfähige Thomas in Bausch und Bogen und bezeichnete sie wörtlich als »Schmarrn«.

Sänger, Schützen und ein Luftschiff

Begeben wir uns nun auf einen kleinen Spaziergang durch Traunstein am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Führen wird uns dabei die im Stadtarchiv gesammelte grafische Hinterlassenschaft von Klemens Thomas.

Seine – nach derzeitigem Kenntnisstand – erste Traunstein-Postkarte warb für das Chiemgau-Sänger-Bundesfest zu Traunstein Pfingsten 1910: Vier singenden Herren in Tracht und Lederhose, Frack und Zylinder. »Die Konzerte, von denen das eine in der Turnhalle des Männerturnvereins, das andere in der Sommerhalle des Sailerkeller stattfand, nahmen, wie schon erwähnt, einen musterhaften Verlauf. Schon lange vor der festgesetzten Zeit, halb 4 Uhr, war die Turnhalle bis zum letzten Platze gefüllt […]. Gegen 11 Uhr war auch das Abendkonzert zu Ende und in voller Befriedigung, wieder einmal Gediegenes gehört zu haben, begaben sich die Gäste nach
Hause. Es war das diesjährige Chiemgau-Sängerfest eine Veranstaltung, wie bisher von den Chiemgausängern wohl noch keines geboten wurde, ein Musterfest in Arrangement und Durchführung […].«

Kaum waren die Sänger abgezogen, marschierte auch schon die königlichprivilegierte Feuerschützengesellschaft auf. Das 600-jährige Jubiläum zur Erinnerung an die Entstehung der Schützengilde, die Eröffnung der neuerbauten Schießstätte am Ettendorfer Weg sowie die Ehrung des Weltmeisterschützen Emil Pachmayer standen an. Vom 29. Mai bis zum 3. Juni sollte daher nach altem Brauch ein großes Schützenfest stattfinden. 300 Mark aus der »Kommunalkassa« erbat man als Zuschuss, der Magistrat hatte bereits sein Plazet gegeben. Doch das Gemeindekollegium genehmigte »lediglich zum Festschießen – nicht Jubiläumsschießen – den Betrag von 100 Mark mit der Motivierung, daß die Gesellschaft vor 32 Jahren das 400-jährige Jubiläumsschießen in nachweisbarer Weise abhielt, während das Kollegium von der 600-jährigen Zeitdauer der Gesellschaft nicht überzeugt ist, vielmehr hieran ohne genauen Nachweis nicht zu glauben vermag«. Ein Jubiläum auf mehr als tönernen Füßen also, aber: Der »Vereinsbayer« feiert halt gerne, die traditionsbewussten Schützen machten da keine Ausnahme. Natürlich wurde am Ende kein »einfaches« Festschießen, sondern ein zünftiges Jubiläumsschießen veranstaltet, natürlich hielt man an den 600 Jahren fest und Thomas gestaltete die offizielle Festpostkarte entsprechend unter Verwendung der Jahreszahlen 1311 und 1910: Vor dem neuen Schützenheim begrüßt der »Lindl am Brunnen« einen Schützen, ein Symbol für den oft und gerne beschworenen Schulterschluss zwischen alter und neuer Zeit. Auch die Festzeitung bereicherte Thomas mit zahlreichen Illustrationen.

Ein weiteres, vielleicht das Ereignis im Jahr 1910 datiert auf den 16. September, als sich das Luftschiff Parseval 6 von München auf eine Fahrt in den Chiemgau begab. »Gegen halb 3 Uhr nachmittags dann gewahrten die Beobachter auf dem hiesigen Kirchturme das Luftschiff in weiter Ferne über dem Chiemsee. […] in eleganter, wirklich großartiger Fahrt überflog P. VI. die Stadt. Man konnte ganz deutlich das Surren der beiden Propeller zur Linken und Rechten der Gondel vernehmen. […] Von allen Seiten waren zu Fuß, per Wagen, Rad, Automobil und Eisenbahn zahlreiche Zuschauer herbeigeeilt, das jetzt noch seltene, den meisten überhaupt noch fremde, nur aus Bildern bekannte Schauspiel zu sehen.« Und Klemens Thomas hielt es für die Nachwelt fest in Gestalt einer sitzenden Truna, die durch ihre Körper- und Kopfhaltung im Profil den Betrachter auf die erste Fahrt eines lenkbaren Luftschiffes nach Traunstein hinweist und mit einem Lorbeerkranz die Einmaligkeit dieses Augenblicks betont.

Eine Weihnachts- und einer Neujahrskarte, beide im Stil identisch, beschlossen den Jahreslauf. In idyllischer Winterlandschaft üben klischeehafte Figuren die ihnen zugewiesenen Handlungen aus. Der Nikolaus schreitet, begleitet von einem Engel, mit gefülltem Gabensack auf die Stadt zu, der Nachtwächter mit Lampe und Hellebarde bläst über ihr stehend das neue Jahr an. Der Künstler selbst fand, »daß die Karten nicht besonders gut gelungen sind. Die blaue Farbe ist nichts […].« Selbstverständlich bezog er diese Einschätzung auf die drucktechnische Ausführung – und nicht auf seine zeichnerische Vorlage.

Vornehme Ansiedlungsstadt am Fuße der Alpen

1911 beging die Stadt den 90. Geburtstag des Prinzregenten am 12. März aufwändig in der damals üblichen Art und Weise. Die Bürger waren aufgerufen, ihre Häuser zu beflaggen, es gab eine patriotische Feier der Volksschulen im Rathaussaal, einen öffentlichen Festabend im Höllbräukeller, musikalische Darbietungen der Stadtkapelle, Festgottesdienste in den Kirchen beider Konfessionen, einen zwanglosen öffentlichen Frühschoppen im Kurhaus und als Abschluss ein Festdinner für geladene Gäste im Hotel Wispauer. Man beteiligte sich an der »Huldigungsgabe der Bayerischen Gemeinden«, einem verzierten, »zweitürigen Elfenbeinschrein von 70 cm Höhe zu 50 cm Breite, der von zwei in Eichenholz geschnitzten Löwen auf einem 1,20 m hohen, säulenartigen Untersatz gehalten wird«.

Und – man kann es sich fast schon denken – »zum bevorstehenden 90. Geburtsfest Sr. K. Hoheit des Prinzregenten hat Architekt Klemens Thomas (München) wieder eine künstlerisch fein empfundene, spezielle Traunsteiner Festpostkarte gezeichnet, die als Fünffarbendruck ab heute zum Verkauf gelangt. Die Karte, die uns vorliegt, zeigt in kräftigen Strichen unten ein Gesamtbild der Stadt, mit ihren Wäldern und Bergen im Hintergrund, darüber – Stadt- und Landeswappen zu beiden Seiten – in einem mit Kränzen umwundenen Oval das wohlgetroffene Porträt des Regenten in Jagdkostüm.[…]« Dieser »fein empfundenen« Vorlage wurde scheinbar eine derart hohe Wertschätzung zuteil, dass sie, Jahre nach dem Tod des Künstlers, noch für drei weitere Ereignisse, jeweils mit den passenden Motiven im Oval und entsprechendem Text im unteren Kartenviertel, Verwendung fand; zum 40. Stiftungsfest des Gesangvereins »Bürger Eintracht« am 13. und 14. Mai 1922, bei besagtem Stadtjubiläum 1926 und schließlich anlässlich der »50. Jubelfeier des Frauenvereins vom Roten Kreuz« am 29. Mai 1930.

Ebenfalls 1911 gab der hiesige Kurund Verschönerungsverein die Broschüre »Traunstein – Mein Ruheposten?« heraus, einen »Wegweiser für alle, welche einen gesunden, schönen und ruhigen Ort zur Ansiedelung suchen«. Gedacht war dabei hauptsächlich an begüterte Neubürger, gerne Privatiers, Rentner oder Pensionäre, die ihren Lebensabend in einem gediegenen Umfeld abseits der Hektik von Großstädten oder bekannten Touristenzentren verbringen wollten. »Keine rußenden und lärmenden Fabriken belästigen die Bewohner, dagegen ist die Stadt durch die Sauberkeit ihrer Straßen und ihrer Plätze und ihres Gesamtbildes wohl bekannt und belobt.« Klemens Thomas war für die Ausgestaltung der Broschüre verantwortlich. Daneben lieferte er auch das Titelbild für den zugleich erschienenen »Führer durch Traunstein und Umgebung« (in seiner 4. Auflage). »Wo noch vor 25 Jahren nichts als grüne Wiesen sich zwischen den Haltepunkt des rastlosen Weltverkehrs [gemeint ist der Bahnhof; Anm. de. Verf.] und dem bescheiden seitab liegenden Städtchen breiteten, hat sich eine neue Stadt entwickelt, die mit ihrer offenen Bauart im Villenstil, den hübschen Gebäuden und schattigen Gärten auf den Ankömmling sofort einen günstigen Eindruck macht.«

Beide Publikationen waren nicht zuletzt eine Reaktion auf das bevorstehende Ende der Saline. Daher ist es nur folgerichtig, dass Thomas 1912 mit der Postkarte Traunstein (Oberbayern) – Militärpensionisten-Stadt am Fusse d. Alpen, 2 Std. v. München = ½ Std. v. Salzburg »nachlegte«. In die Vermarktungskerbe schlugen auch die Reklamemarken. Thomas-Motive bewarben, jeweils als Serie in verschiedenen Farben, die Vornehme Ansiedlungsstadt am Fuße der Alpen, dazu die Kuranstalt, das Wildbad in Empfing und den Georgiritt. »Von der Ansiedelungsmarke wurde innerhalb eines halben Jahres 25 000 Stück abgesetzt« – eine gewaltige Verkaufszahl, die auch die anderen Ausgaben 1912 mühelos erreichten.

Das Kriegsgespenst geht um

Tatsächlich? Angesichts der Jahreszahl ist diese Feststellung sicher richtig. Dennoch ist man geneigt, ungläubig nachzufragen, wenn man das bisherige Geschehen Revue passieren lässt. Die sich anbahnende Katastrophe war in Traunstein wie in vielen anderen vergleichbaren Orten keinesfalls allgegenwärtig. In der Heimatzeitung war die schwelende Krise auf dem Balkan natürlich ein Thema, aber nicht das alles beherrschende. Und von überschäumender Kriegsbegeisterung war die Berichterstattung auch nicht getragen. Schon eher konnte, wer wollte, kritische Töne vernehmen: »Immer noch geht das Kriegsgespenst um, nun schon seit mehr als einem halben Jahre. Und neuerdings reckt es sich wieder einmal zu bedrohlicher Höhe empor und hält in jeder Hand einen Doppeladler, einen silbernen montenegrinischen und einen schwarzen österreichischen, die mit Schnäbeln und Klauen auf einander los wollen. Und dann sollen Rußland und Deutschland, Frankreich, England, Italien und der Rest von Europa auch losschlagen, und 400 Millionen Menschen sollen sich in Vernichtungsleidenschaft gegen einander erhitzen. Lauter Völker, die sich ‚christliche’ nennen und den Prediger der Nächstenliebe ihren Herrn heißen, jetzt aber tun sie, als ob nicht Liebe, sondern Haß ihr Lebenszweck sei. Und lauter Völker, die den Anspruch erheben, zivilisierte Nationen zu heißen, die sich aber rüsten, als wäre es ihre Aufgabe, Zivilisation und Kultur vom Erdboden zu vertilgen! So möchte es die Kriegsfurie. Was sollen wir dazu sagen?«

Der Stadt und ihren Menschen, man darf, nein, man muss dies sogar feststellen, ging es gut oder zumindest nicht schlecht. Viele Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur konnten auf den Weg gebracht und verwirklicht werden. Der Ausbau des Hochdruck-Wasserleitungs- und des Abwasser-Kanalnetzes (1892-1912 bzw. 1895-1913), ein neuer Waldfriedhof außerhalb der Stadt (1908) und das moderne Krankenhaus an der Cuno- Niggl-Straße (1912-1914) sind nur einige Beispiele. Und die Vielfalt des sozialen Lebens, der gesellschaftlichen Ereignisse, die zahlreichen Feiern und Feste zeigen die Illustrationen unseres Künstlers eindrucksvoll. Auch 1913 sollte sich daran wenig ändern.

Beginnen wir die Zusammenschau mit den im Traunsteiner Wochenblatt vom 22. März publizierten Details zu den »Andenken an den Georgi-Ritt. Die mit der Abhaltung des Georgi-Rittes alljährlich verbundenen, nicht unbedeutenden Auslagen veranlassen den St.-Georgs-Verein, zum Verkaufe der in seinem Verlage erschienenen Postkarten etc. wie bisher vor der Pfarrkirche einen Stand zu errichten. Heute sei schon gebeten, durch Abnahme von Karten usw. obigen Verein etwas unterstützen zu wollen. Durch die Verkaufsstelle […] sind zu beziehen: […] 5. Neu! – Karte nach Zeichnung von Klemens Thomas, München, à 10 Pfennig. […] Drucksachen: 1. Der Oster- oder Georgi-Ritt in Traunstein. Eine volkskundliche Studie von Georg Schierghofer (illustriert), à 30 Pfennig [hier stammt das Titelbild von Thomas; Anm. d. Verf.]. 2. Reklamemarken vom Georgi-Ritt, gezeichnet von Klemens Thomas, München, in 5 Farbenvarianten, Einfarbendruck, 12 Stück 10 Pfennig. 3. Neu! – Propagandamarken vom Georgi- Ritt, gezeichnet von Klemens Thomas, München, in 6 Farbenvarianten, Zweifarbendruck, 4 Stück 5 Pfennig. […] Alle am Verkaufsstande vor der Pfarrkirche gekauften Karten werden auf Wunsch mit einem von Klemens Thomas, München, entworfenen Vereinsstempelabdruck versehen, um einer von Sammlern offizieller Festkarten wiederholt gegebenen Anregung zu entsprechen.«

Thomas-Karten begleiteten darüber hinaus (in zwei Varianten) die Enthüllung des Gabelsberger-Denkmals am 1. Juni und das Jubiläumsschießen des Chiemgau-Bundes vom 3. bis zum 5. August. Das absolute Highlight des Jahres war aber ohne Zweifel die Eröffnung der Wandelhalle an der Haslacher Straße am 7. August, verbunden mit dem auf deren Grünanlagen am 17. August veranstalteten »1. Ballonaufstieg in Traunstein«. Man hatte den etwa 100 Meter langen und acht bis zehn Meter breiten hölzernen Bau von der Nachbarstadt Bad Reichenhall gebraucht erworben, um die eigenen Ambitionen in Richtung Kurstadt weiter voranzutreiben. Wegen des heftigen Windes konnten zwar die Fesselballonfahrten, für die eine große Anzahl unter den mehr als tausend Besuchern bereits Karten gelöst hatte – »darunter auch einige Damen«, wie der Berichterstatter explizit vermerkte –, nicht durchgeführt werden. Die vom Bayerischen Aero-Klub München angebotene Fahrt über die Alpen aber startete planmäßig. »Ein lautes Bravo erscholl aus Hunderten von Kehlen und unter dem Wunsche zur glücklichen Fahrt stieg der Ballon über die Zuschauer hinweg. Als der Ballon die Mitte der Stadt erreicht hatte, wurden aus demselben viele Hunderte von Reklamezetteln […] in die Luft gesetzt und einer gewaltigen Schar von Vögeln ähnlich flatterten dieselben über die Stadt hernieder.« Die bildliche Gestaltung zweier von drei verschiedenen Flugblättern lag in den Händen von – Klemens Thomas.

Als Illustrator so verdient

Schließlich eröffnete man 1913 auch noch die neue Freilichtbühne am Ettendorfer Weg. Und ein weiteres Mal treffen wir auf Thomas. Das Standardplakat des Theaters, in das man per Hand die jeweilige Aufführung eintragen und so publik machen konnte, ziert ein Bildmotiv aus seiner Zeichenfeder. Die Gestaltung zeigt deutliche Anklänge an die Prinzregenten- Karte von 1911, wobei hier anstelle »Seiner Königlichen Hoheit« verständlicherweise Thalia (Thaleia), die Muse der Komödie und des Lustspiels, Beschützerin aller Theaterspielstätten, mit ihrer Maske auf Wolken über Traunstein schwebt.

Klemens Thomas! Thomas, Thomas und noch einmal Thomas. Sein Name zieht sich wie ein roter Faden durch die Jahre 1910-13. Und es waren beileibe nicht die unbedeutenden Ereignisse, die man seiner Phantasie und Ausdruckskraft anvertraute, nein; es waren Höhepunkte des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Sicher, man begegnet auch anderen Künstlern, wenn man die Gebrauchsgrafiken der damaligen Zeit betrachtet, hiesigen wie auswärtigen, aber keinem in dieser geballten Häufigkeit und auch keinem, der Thomas in seiner Extravaganz und seinem Ideenreichtum nahe kommt. 1914, im Jahr seines Todes, tritt er uns nur noch einmal, ein letztes Mal, entgegen. »Die der heutigen Nummer unseres Blattes beiliegende Nr. 11 der »Heimatbilder aus dem Chiemgau« enthält: [...] Die Burgstätte Vachenlueg. Nach R. v. Koch-Sternfeld. Die auf Seite 85 wiedergegebene, zur Erinnerung an das 500jährige Jubiläum der Gnadenkapelle und der Burgruine Vachenlueg gezeichnete Karte war die letzte künstlerische Arbeit des für Traunstein und den Chiemgau als Illustrator so verdienten Münchner Architekten Klemens Thomas […].« Er offenbarte bei dieser einzigen bislang von ihm bekannten Postkarte, die ein Jubiläum im Umland zum Gegenstand hat, nicht nur noch einmal sein zeichnerisches Vermögen, sondern auch ein tiefes historisches Verständnis bei der Umsetzung des ihm vorgegebenen Themas. Hoch zu Ross blickt Ritter Mert (Martin) von Haunsberg, der 1414 die Burg erbaut hatte, von einer Anhöhe auf ihre Ruine und die 1848 neu errichtete Gnadenkapelle.

Josef Angerer – Förderer und Freund

Wie aber kam ein Architekt aus München dazu, sich ausgerechnet in Traunstein künstlerisch zu verwirklichen, wo er doch eigentlich hier nichts zu schaffen hatte? Und zwar nur in Traunstein, denn bislang sind (fast) keine überregionalen Arbeiten bekannt.

»Diesen überaus befähigten, uneigennützig schaffenden Künstler, der sich auch um unsere Vereinigung mancherlei Verdienste erworben hat, wird die Traunsteiner akademische Studiengenossenschaft in bleibender, dankbarer Erinnerung behalten.« Der Verfasser dieser Zeilen ist zugleich die Antwort auf die zuvor gestellte Frage. Und die Antwort lautet – die Überschrift nimmt es vorweg: Josef Angerer! Das Ausrufezeichen ist hier durchaus berechtigt, denn der Traunsteiner Wirtssohn ist dem geschichtsbewussten Bürger immer noch geläufig, geht doch auf ihn die Stiftung des Heimathauses in den Räumlichkeiten des Gasthauses »Zum Ziegler« am Stadtplatz, seinem Geburtshaus, zurück. Angerer hatte sich ein Jahr vor Klemens Thomas an der Technischen Hochschule für das Studium der Architektur immatrikuliert. Wann die Freundschaft ihren Anfang nahm, wissen wir nicht, dass sie bestand und weit über die Oberflächlichkeit des studentischen Kennens hinausging, steht außer Zweifel. Der von Angerer 1906 ins Leben gerufenen geselligen Runde von Traunsteiner Studenten und Akademikern, die es nach München verschlagen hatte, war Thomas daher gerne mit grafischen Diensten behilflich.

 

Franz Haselbeck


Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 5/2015 und Teil III in den Chiemgau-Blättern Nr. 7/2015

 

Anmerkung: Die Einzelheiten dieser Arbeit sind umfassend mit Quellenzitaten und Literaturangaben belegbar. Aus Platzgründen wird auf Anmerkungen in Form von Endnoten, nicht aber auf eine summarische Nennung verzichtet. Das Stadtarchiv Traunstein verwahrt die grafische Hinterlassenschaft von Klemens Thomas, zudem (im Nachlass Köstler) Briefe an J. Angerer von K. Thomas, dessen Frau Olga, dessen Mutter Luise und des Freundes Friedrich Liesenberg. »Auswärtige« Quellen fanden sich in den Stadtarchiven Bayreuth, Homburg an der Saar, Kaiserslautern und München, im Kriegsarchiv München (Abteilung IV Bayerisches Hauptstaatsarchiv), in den Archiven der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und der Technischen Universität (TU) München, der Universitätsbibliothek Mainz, im Standesamt Homburg, im Schularchiv des Albert-Schweitzer-Gymnasiums Kaiserslautern sowie im Besitz der Familie Leschhorn. Allen, die Informationen zur Verfügung gestellt und dabei oft zeitaufwändige Recherchearbeit geleistet haben, sei hiermit ein herzlicher Dank ausgesprochen. Alle Abbildungen stammen aus den Sammlungsbeständen des Stadtarchivs Traunstein.


6/2015