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Jahrgang 2015 Nummer 35

Auf das Image kam es 1520 auch schon an

Musste Meister Cranach sein erstes Lutherbildnis »entschärfen«?

Cranachs erstes Lutherbildnis – ein Individualporträt, 1520.
Der zweite Entwurf – Luther als religiöse Leitfigur, 1520.
Cranachs drittes Porträt – Luther als Autorität, 1521.

Luther wäre, wenn man an seine Herkunft denkt, kaum dafür in Frage gekommen, »konterfeit« zu werden. Dies blieb damals den Kaisern und Königen, den Päpsten, Kardinälen und anderen hochgestellten Persönlichkeiten des Adels und der Kirche oder allenfalls reichen Kaufleuten vorbehalten. Die Verbreitung der 95 Thesen im Oktober 1517, das Verhör durch den Kardinal Cajetan in Augsburg und die Disputation mit dem Ingolstädter Theologieprofessor Johannes Eck in Leipzig hatten Luther aber in der Öffentlichkeit so bekannt gemacht, dass er 1519 auf einem Titelblatt zu einer Predigt abgedruckt wurde, in der er sich gegen den Vorwurf der Ketzerei verteidigt. Dabei handelte es sich um ein Bildnismedaillon, das noch ganz in der alten Bildsprache gehalten war und formelhafte Züge trug.

Da mag es als ein glücklicher Umstand gelten, dass in Wittenberg, wo Luther lehrte, Lucas Cranach d. Ä. als Hofmaler des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen tätig war. Er schuf 1520 einen Kupferstich, der ein Individualporträt von hoher physiognomischer Charakterisierung darstellt und bis heute als das berühmteste Bildnis des jungen Luther gilt. Ernst und energisch wirkt er da: tiefliegende Augen, kräftig hervortretende Kinn- und Backenknochen – eine Physiognomie, in der sich Ausdauer, Unbeirrbarkeit und Entschlossenheit ausdrücken.

Die Zeitgenossen Luthers dürften dieses ausdrucksvolle Porträt wahrscheinlich nie zu Gesicht bekommen haben. Nach Angaben des Baseler Cranach-Experten, Dieter Koepplin, sind von diesem Bild nur drei zeitgenössische Abzüge nachzuweisen. Die anderen etwa dreißig noch vorhandenen Drucke seien, was bei den meisten an den Wasserzeichen zu erkennen ist, erst nach Luthers Tod – etwa 1570 bis 1590 – hergestellt worden. Vielleicht wollte der kursächsische Hof dem Volk nicht einen so energiegeladenen, kämpferisch aussehenden Luther vermitteln. Die Ratgeber des Kurfürsten, allen voran der Hofprediger und kurfürstliche Sekretär Georg Spalatin mussten natürlich darum bemüht sein, Luther ins rechte Licht zu rücken, zumal der Reichstag in Worms bevorstand, von dem sich der Kurfürst eine gütliche Lösung erhoffte.

Für das Volk, das ja zum größten Teil noch nicht lesen konnte, hatten Bilder einen außerordentlich hohen Informationswert. Da war es also weniger wichtig, was Luther geschrieben hatte, sondern welchen Eindruck sein Bild vermittelte. So vermutet Dieter Koepplin, dass Cranachs erster Entwurf vom Hof zurückgehalten und durch ein Bildnis in »würdigerer Aufmachung« ersetzt werden sollte. Vermutlich ist es darum gegangen, Luther mehr als religiöse Leitfigur darzustellen, die friedlich gestimmt ist und Vertrauen erweckt.

In seinem zweiten graphischen Entwurf von 1520 hat Cranach dann die von der Persönlichkeit geprägte Physiognomie zurückgenommen, den ganzen Oberkörper dargestellt und die Gestik der nun sichtbaren linken Hand besonders herausgearbeitet. Als Attribut wurde die Bibel beigegeben. Die Rundbogennische, die man auch bei Heiligenfiguren verwendete, gab einen würdevollen Hintergrund, durch den die Bedeutung des Dargestellten unterstrichen wurde. Dieses Porträt mit dem friedlich aussehenden Luther muss dann wohl die Billigung durch die Verantwortlichen gefunden haben, denn es fand bald weite Verbreitung und wurde somit zum ersten offiziellen Bildnis Luthers. Heute erscheint es jedoch nur noch selten und ist kaum noch bekannt.

Ein Jahr später, 1521, schuf Cranach ein drittes Porträt, das vermutlich noch vor der Abreise Luthers zum Reichstag nach Worms entstanden ist. Dass auch mit diesem Bildnis Absichten verbunden waren und Wirkungen erhofft wurden, ist unverkennbar. Durch die Darstellung im Profil wird Luther vom Betrachter distanziert und mit Autorität versehen. So wurden nur die Mächtigen dargestellt, denen man auch historische Bedeutung zumaß. Dass Wirkungen eine wichtige Rolle spielten, lässt sich auch daraus ableiten, dass der Hintergrund später schraffiert wurde. Auf diese Weise ergab sich ein Hell-Dunkel-Kontrast, der den Eindruck von Monumentalität vermittelt. Nach dem »Bildnis mit dem Doktorhut« hat Cranach nur noch ein graphisches Porträt Luthers, einen Holzschnitt, geschaffen. Es zeigt erstmalig nicht den Augustinermönch, sondern den als »Junker Jörg« verwandelten Luther mit Wams, Vollbart und vollem Haar – so wie er wohl bei seinem Aufenthalt auf der Wartburg ausgesehen hat. Da nur wenige wussten, dass er nach dem Reichstag in Worms aus Sicherheitsgründen dorthin gebracht worden war, gab es mancherlei Spekulationen über sein spurloses Verschwinden.

Wegen der Unruhen, die von den radikalen Reformern um Karlstadt ausgelöst worden waren, kehrte er im März 1522 gegen den Befehl des Kurfürsten nach Wittenberg zurück, um Ordnung zu schaffen. Unmittelbar danach muss wohl auch das Porträt entstanden sein, mit dem bezeugt werden konnte, dass der von manchem schon totgeglaubte Luther dem Volk als ein Neuer wiedergegeben war. So gehört auch Cranachs Bildnis »Martin Luther als Junker Jörg« neben den drei Kupferstichen zu den Porträts von Luther, die als Kunstwerke von Rang gelten und uns auch heute noch einen lebendigen Eindruck von seiner Person vermitteln.


Hans Feist

 

35/2015