Jahrgang 2003 Nummer 3

Auch Mozart spielte im Zahlenlotto

Das Kurfürstentum Bayern hatte Pech mit der Staatslotterie

Der Lottogewinn. Französischer Kupferstich, 1777

Der Lottogewinn. Französischer Kupferstich, 1777
Mozartporträt von J. Lange, 1789

Mozartporträt von J. Lange, 1789
Verbot des Lottospiels im Erzstift Salzburg durch Erzbischof Colloredo

Verbot des Lottospiels im Erzstift Salzburg durch Erzbischof Colloredo
Unser Zahlenlotto ist keine moderne Erfindung. Es entstand schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Italien, und zwar in der damaligen Stadtrepublik Genua. Dort war es üblich, aus 90 adligen Kandidaten jeweils fünf durch das Los zu ermitteln, wenn es nötig war, den »Großen Rat« durch Zuwahlen zu ergänzen. Die Bevölkerung pflegte auf die fünf Sieger Wetten abzuschließen – die Gewinner wurden mit einem Geldpreis belohnt. Daraus entwickelte sich unter der Bezeichnung »Lotto di Genova« das Zahlenlotto indem man statt der Namen nur noch Zahlen einsetzte. Das Glücksspiel »Fünf aus Neunzig« eroberte sich rasch die Städte Neapel, Rom, Venedig, Florenz und Mailand und kam Anfang des 18. Jahrhunderts über die Alpen nach Bayern.

Hier herrschte seit dem Tod von Kurfürst Max Emanuel dessen Sohn Karl Albrecht, der in chronischen Geldnöten steckte. Um eine neue Steuerquelle zu erschließen, führte er in Bayern durch ein Mandat im Jahre 1735 das »Lotto di Genova« ein. Jährlich waren neun Ziehungen vorgesehen. Aber schon zwei Jahre später endete das erste deutsche Lotto mit einem großen Verlust für die kurfürstliche Kasse »unter Hinterlassung eines gewaltigen Misstrauens in der Bevölkerung«, wie es in einem zeitgenössischen Bericht heißt. Im Lande hatte es sich schnell herumgesprochen, dass ein Hauptgewinn in Höhe von 21 000 Gulden nicht ausgezahlt werden konnte, weil zu wenig Geld in der Kasse war. Trotzdem versuchte es der Kurfürst ein zweites Mal per Generalmandat vom Januar 1739 – und erlebte erneut ein Fiasko. Der inzwischen zum deutschen Kaiser gekrönte Karl Albrecht musste vor den Österreichern unter Maria Theresia nach Frankfurt fliehen, Bayern wurde von Panduren und Kroaten aufs ärgste verwüstet, an Glücksspiele war für die nächste Zeit nicht zu denken. Karl Albrecht verfügte von Frankfurt aus die Liquidation des staatlichen Lottospiels.

Mehr Glück mit dem Staatslotto hatte Karl Albrechts Kriegsgegnerin Maria Theresia. Auch sie versprach sich davon eine Aufbesserung des Staatssäckels. Das mit Hilfe des »Lottografen« Ottavio di Cataldi 1751 gegründete österreichische Zahlenlotto fuhr gleich in den ersten Jahren erhebliche Überschüsse ein. Der Autor eines zeitgenössischen Spiele-Ratgebers stellt fest, die Kaiserin habe das Lotto »aus Liebe und Milde gegen die Untertanen und zu deren Ergötzung« ins Leben gerufen, wegen seiner »Vortrefflichkeit und Schönheit« finde das Spiel bei einer Reihe Nachbarländer begeisterte Nachahmer.

Zu diesen Nachbarländern gehörte nicht nur Bayern, wo Kurfürst Max III. Joseph trotz der schlechten Erfahrungen seines Vaters einen dritten – und nur endlich erfolgreichen – Anlauf zur Einführung des Lottos machte, sondern auch die deutschen Fürstentümer bzw. Hochstifte von Würzburg, Bamberg, Coburg, Ansbach und Augsburg. Ein richtiges Lottofieber erfasste ganz Europa und ein Trupp von Agenten – »genannt Lotterie-Collecteurs – durchzog Städte und Dörfer, um Kunden für das schnelle Glück zu werben. Weil sich unter ihnen auch abenteuerlich Existenzen befanden, die gelegentlich einbezahlte Einsätze veruntreuten, kam es immer wieder einmal zu handfesten Skandalen, die das Glücksspiel in Misskredit brachten.

Durch geschickte Werbung sollte das Spielinteresse der Bevölkerung wach gehalten werden. Taschenbücher und Kalender mit Angaben günstiger Lostage sowie Traum- und Zauberbücher zur Ermittlung der Gewinnzahlen warben für das Glücksspiel. Auch in der Literatur, in der bildenden Kunst und in Gerichtsprotokollen hat die Spiellust der Aufklärung und frühen Biedermeierzeit Spuren hinterlassen. Eine Auswahl derartiger Bild- und Textdokumente kann man bei einer Ausstellung bewundern, die noch bis 2. Februar im Barockmuseum in Salzburg mit dem Titel »Glück im Spiel -Lotterien der Mozartzeit« zu sehen ist. Die Exponate stammen von der Internationalen Stiftung Mozarteum, der Universitätsbibliothek Salzburg und privaten und öffentlichen Sammlungen.

Das geistliche Fürstentum Salzburg hatte selbst zu keiner Zeit ein eigenes Lottounternehmen, war aber in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von lottospielenden Ländern umgeben. Jeder Interessent konnte bei den im Erzstift tätigen Agenten Lose für das Zahlenlotto in Wien und München, aber auch in Prag, Ansbach oder Würzburg erwerben. Die Ziehungslisten wurden in den Zeitungen veröffentlicht und hingen öffentlich in den Cafehäusern aus.

Dass auch die Familie Mozart Lotto gespielt hat, geht aus Nannerls Tagebuch ebenso hervor wie aus einigen Zahlenkombinationen auf Mozarts Notenblättern, die den Musikwissenschaftlern lange Zeit Rätsel aufgaben, bis man sie als Lottozahlen identifizierte. Und auf seiner Italienreise interessierte sich der junge Mozart in einem Brief aus Mailand für eine ungewöhnliche Zahlenreihe. »Wenn wir diese Nummer gesetzt hätten, hätten wir gewonnen«, schreibt der Fünfzehnjährige an die Schwester. »Weil wir aber gar nicht gelegt haben, so haben wir weder gewonnen noch verloren, sondern nur die Leute ausgelacht.« Später in Wien musste Mozart jahrelang jeden Tag an der bekannten Lottokollektur auf dem Stephansplatz vorbeigehen. Sollte er da bei seinen chronischen Geldnöten nicht auch zuweilen »in das Lotto gesetzt« haben? Offenbar hatte er Pech im Spiel, von einem Gewinn ist nichts bekannt geworden.

Dem gestrengen Vater Leopold war das Glücksspiel ein Dorn im Auge. Der Versuch, auf die Laune des Zufalls statt auf Fleiß und Einsicht zu bauen, widersprach seiner Lebensauffassung. So begrüßte er es als »vernünftig und heilsam«, als im Jahre 1771 in Salzburg das Lottospiel für alle Untertanen generell verboten wurde; den ausländischen Agenten wurde im Erzstift Salzburg jede Tätigkeit untersagt. Grund für die Maßnahme war die Veruntreuung eingezahlter Gelder durch einen Vertreter des Würzburgischen Lottos. Der Betrüger war in der fürsterzbischöflichen Hofkanzlei angestellt, das Gericht verurteilte ihn zur Rückzahlung der Schadenssumme. Ein nicht unerwünschter Nebeneffekt des Verbots bestand sicher darin, dass dadurch ein beträchtlicher Geldtransfer ins Ausland unterbunden wurde.

Aber die Bevölkerung befolgte das Lottoverbot offenbar nicht so strikt, wie das die Obrigkeit wünschte. Denn sechzehn Jahre später sah sich Schrattenbachs Nachfolger, Erzbischof Colloredo, veranlasst, eine neue, verschärfte Lotto-Verordnung zu erlassen. Die »Begierde zum Lottospiel« ziehe die verderblichsten Folgen nach sich, stellt das Edikt fest. Anstatt ernsthafter Arbeit nachzugehen, gebe man sich täuschenden Hoffnungen hin und setze manchmal den ganzen Verdienst aufs Spiel, ganze Familien seien durch die Spielwut ins Elend gestürzt worden.

Sowohl das Lottospielen als die Vermittlung oder Entgegennahme von Einsätzen stellte die Verordnung unter Strafe. Anstelle der Geldstrafe trat »bei Uneinbringlichkeit eine angemessene Leibesstrafe«. Denunzianten wurde volle Anonymität zugesichert und ein Drittel des Bußgeldes als Prämie versprochen. Aber lange brauchte die Bevölkerung Salzburgs auf das Lottospiel nicht zu verzichten. Die Säkularisation brachte das Ende des geistlichen Fürstentums. Der größte Teil des Erzstiftes Salzburg kam zu Österreich, der kleinere Teil, der Rupertiwinkel, zu Bayern. In beiden Ländern galt das Zahlenlotto als erlaubtes Glücksspiel, das keinen Beschränkungen unterlag.

JB



3/2003
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