Jahrgang 2001 Nummer 5

Auch in Bayern gab es Anhänger der Wiedertäufer

Die bayerischen Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. drohten den Anhängern mit der Todesstrafe

Seine Mutter war Anhängerin der Wiedertäufer: Pankraz von Freyberg, der Schloßherr von Hohenaschau.

Seine Mutter war Anhängerin der Wiedertäufer: Pankraz von Freyberg, der Schloßherr von Hohenaschau.
Hinrichtung der Wiedertäufer in Münster, Postkarte nach einem anonymen Gemälde, um 1900.

Hinrichtung der Wiedertäufer in Münster, Postkarte nach einem anonymen Gemälde, um 1900.
Jan van Leiden wollte in Münster das »Königreich der Täufer« errichten.

Jan van Leiden wollte in Münster das »Königreich der Täufer« errichten.
Unter den verschiedenen religiösen Gruppen, die sich im Zeitalter der Reformation von der katholischen Kirche abspalteten, erregten die Wiedertäufer oder Anabaptisten das größte Aufsehen und wurden sowohl von den Katholiken wie von den Lutheranern streng bekämpft. Die Bezeichnung »Wiedertäufer« geht darauf zurück, daß sie die Kindertaufe als unbiblisch und ungültig ablehnten. Nur ein Erwachsener war nach ihrer Meinung in der Lage, sich ganz bewußt für die Annahme des christlichen Glaubens zu entscheiden – und nur die Empfänger einer solchen Bekenntnis- oder Glaubenstaufe würden das für die nächste Zukunft erwartete Weltende überleben.

Mit dem Bekenntnis zur Erwachsenentaufe verbanden die Wiedertäufer weitere religiöse Reformanliegen: Einführung der Gütergemeinschaft, Errichtung eines Gottesreiches auf Erden, unbedingter Glaube an die Offenbarungen ihrer religiösen Führer. Weil sie auch das Tragen von Waffen ablehnten und zu ihrer Verteidigung nur einen Stab zuließen, wurden sie mancherorts auch die »Stäbler« genannt.

Die bayerischen Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. erließen in den Jahren 1527 und 1530 Mandate gegen das Täufertum und bestimmten für die Anhänger der Sekte die Todesstrafe. Die Wiedertäufer wurden als Ketzer und Aufrührer rigoros verfolgt. Nach dem Historiker Manfred Weitlauff (Augsburg) muß in Bayern mit 70 bis 100 Täuferhinrichtungen gerechnet werden – durch Enthaupten, Ertränken oder Verbrennen am Scheiterhaufen. An die Untertanen erging der Befehl, Wiedertäufer oder ihre Sympathisanten unverzüglich den Behörden anzuzeigen. Denunzianten wurden pro Anzeige mit einer Kopfprämie von 32 Gulden belohnt.

Manche bayerischen Wiedertäufer konnten sich der drohenden Verhaftung durch die Flucht entziehen. Zu ihnen zählt Helena von Münichau, die Mutter des Schloßherrn von Hohenaschau, P. von Freyberg, die sich nach Tirol in Sicherheit brachte. Pankraz von Freyberg selbst, der bei Herzog Albrecht V. eine Vertrauensstellung einnahm und von ihm das Monopol für den Erzbergbau im Landgericht Traunstein erhalten hatte, fiel wegen seiner Sympathie für das Luthertum beim Herzog in Ungnade und es wurden ihm alle Hofämter entzogen.

Zum größten Sammlungsort der Wiedertäufer aus Deutschland und den Niederlanden wurde von 1534 bis 1535 die Stadt Münster, die fanatische Sektenführer zum »Neuen Jerusalem für die Auserwählten Gottes« proklamierten. Die Vertreibung der Ungetauften, Säuberungsaktionen, ein Bildersturm in den Kirchen, die Verbrennung kirchlicher Bücher und Schriften sowie die Vernichtung der städtischen Akten und Siegel sollten Münster auf die Wiederkunft Christi auf Erden vorbereiten. Als das für Ostern 1534 erwartete Strafgericht Gottes ausblieb, standen die Täufer unter dem Zwang, ihre Auserwähltheit nachzuweisen. Hatte zunächst das Neue Testament als Vorbild gedient, so orientierte sich der Prophet Jan van Leiden nunmehr am Alten Testament. Es begann die Herrschaft der zwölf Ältesten, Jan van Leiden ließ sich als König ausrufen und die Vielweiberei wurde eingeführt.

Doch das als »neue Jerusalem« geplante Gottesreich der Täufer entartete in kurzer Zeit zu einer Schreckensherrschaft. Wer sich den Anordnungen der Sektenführer nicht fügte, wurde »im Namen Gottes« aus der Gemeinschaft ausgestoßen und zum Tode verurteilt. Die Stadien dieser Entwicklung und die Akteure dieses blutigen Dramas schildert eine Ausstellung im Stadtmuseum Münster bis zum 4. März unter dem Titel »Das Königreich der Täufer«. Zu der unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Johannes Rau stehenden Ausstellung ist ein zweibändiger Katalog erschienen, der Abbildungen aller Exponate enthält und die Ergebnisse der Forschung über die Wiedertäufer zusammenfaßt (58 Mark). Der Täuferkönig Jan van Leiden enthauptete sogar selbst eine seiner sechzehn Ehefrauen mit dem Schwert, nachdem sie an ihm öffentlich Kritik geübt und einen Fluchtversuch unternommen hatte. Das Treiben der Wiedertäufer ist ein Musterbeispiel dafür, wohin religiöser Fanatismus und Massenwahn führen kann. Daß sich solche schrecklichen Ereignisse wiederholen können, zeigen die Massenmorde radikaler Sekten in den vergangenen Jahren.

Es dauerte fast ein Jahr, bis es dem rechtmäßigen Stadtherrn von Münster, dem Bischof Franz von Waldeck mit Unterstützung fremder Truppen gelang, die Stadt wieder in Besitz zu nehmen. Über die Anführer der Täufer, Jan van Leiden, Bernd Knipperdollinck und Bernd Krechtinck erging im Januar 1536 das Strafgericht. Sie wurden vor dem Rathaus vor einer großen Volksmenge hingerichtet, ihre Leichen zur Abschreckung am Turm der Lambertikirche in eisernen Käfigen aufgehängt. Seit der Restaurierung des Turms vor hundert Jahren sind die originalen Käfige als sichtbares Erinnerungszeichen an das »Königreich der Täufer« am Turm der Lambertikirche zu sehen.

Julius Bittmann



5/2001