Jahrgang 2010 Nummer 16

Aubenham, ein Mekka der Geologen

Bedeutende Fossilfunde in einer Tongrube bei Ampfing

Die Landschaft von Aubenham vor neun Millionen Jahren.

Die Landschaft von Aubenham vor neun Millionen Jahren.
Versteinertes Blatt eines Silberahorns.

Versteinertes Blatt eines Silberahorns.
Unterkiefer eines Hirschvorläufers.

Unterkiefer eines Hirschvorläufers.
Der kleine Weiler Aubenham in der Gemeinde Oberbergkirchen unweit von Ampfing ist ein Mekka für Geologen und Paläobiologen, denn hier befindet sich der einzige bayerische Fundort aus der Zeit vor neun Millionen Jahren. Ein kleines Museum und ein Wäldchen mit Sträuchern und Bäumen aus der damaligen Zeit vermitteln eine Vorstellung davon, wie unsere Gegend vor neun Millionen Jahren ausgesehen hat.

Die Entdeckungsgeschichte von Aubenham begann mit dem Hobby-Sammler Heinz Josef Unger aus Erding, der in der Tongrube Holzner auf fossile Blattreste stieß. Ihr Alter ließ sich ganz allgemein in das Tertiär vor 60 bis zweieinhalb Millionen Jahren datieren. Das ist die Zeit zwischen dem Aussterben der Saurier und dem Beginn der Eiszeit. Erst als im Jahre 1982 die planmäßige Grabung in der Tongrube und deren wissenschaftliche Auswertung erfolgten, war eine exakte Zeitbestimmung möglich. Nach dem Urteil des Experten Hans-Joachim Gregor (Olching) stammen die Fossilien aus der Zeit vor neun Millionen Jahren.

Damals sah die Landschaft zwischen den Alpen und dem Schwäbischen und Fränkischen Jura völlig anders aus als heute. Sie war geprägt von einem gewaltigen, hunderte Kilometer breiten Flusssystem. Der Hauptstrom wälzte sich aus der Region des heutigen Bayerischen Waldes nach Westen und mündete im Gebiet des Rhonetales ins Mittelmeer. Die Geologen nennen ihn Molassissippi, in Anlehnung an den Mississippi, den größten Fluss Amerikas; das Wort Molasse stammt aus dem Schweizerischen und bedeutet soviel wie weiche, nicht verfestigte Ablagerungen. Die Molasse bildet meterdicke Schichten, die im Tertiärzeitalter teils vom Meer, teils von Flüssen und Seen abgelagert wurden. Dementsprechend gibt es sowohl eine Süßwassermolasse wie eine Salzwassermolasse mit entsprechend unterschiedlichen Fossilien. Flüsse wie Isar, Lech oder Inn existierten damals natürlich noch nicht, und die Alpen waren noch weit davon entfernt, ein Hochgebirge zu sein.

Der in eine Vielzahl von Nebenarmen und Altwässern aufgegliederte Molassissippi konnte bei Hochwasser um zehn Meter ansteigen. Sank der Wasserspiegel wieder, dann ließ die Transportkraft des Stromes nach und es blieben meterdicke Ablagerungen zurück. Durch diesen sich Jahr für Jahr wiederholenden Vorgang entstanden die gewaltigen Molasseschichten, die heute meist unter späteren Ablagerungen verborgen liegen.

Im Uferbereich des Molassissippi war die Landschaft entweder versumpft oder von Auwäldern bedeckt. Das Klima war subtropisch warm mit einer mittleren Jahrestemperatur von 14 Grad Celsius. Jährlich fielen an die 2000 Millimeter Niederschläge. (Zum Vergleich die heutigen Werte für Bayern: Jahresmittel der Temperatur 9-10 Grad, Niederschläge 1000 Millimeter.) Zu den häufig vorkommenden Pflanzen gehörten vor neun Millionen Jahren Sumpfkiefer und Götterbaum, Zelkowie, Flügelnuss, Amberbaum, Balsam-Pappel, Ahornblättrige Platane, Zerreiche und Elsbeerbaum. Heute findet man diese Pflanzenarten, aus denen teilweise Medikamente gewonnen werden, vor allem in Amerika und im subtropischen China. Typisch für die damalige Tierwelt waren Elefanten, Krokodile sowie primitive Hirsch- und Pferdearten.

Zwei in Aubenham gefundene, fossile Paradestücke stellen der Beckenknochen eines Urelefanten und der Unterkiefer des Hirschvorläufers Euprox dar. Ein merkwürdiger Fund sind die Bauten von Larven einer Eintagsfliegenart, wie sie heute nur noch in Nordamerika im Mündungsgebiet des Mississippi vorkommt.

Die wichtigsten Fossilfunde aus der Aubenhamer Tongrube sind in der Ausstellung »Tertiärwelt Aubenham« in einer zehn Meter breiten Außenvitrine im verglasten Durchgang zwischen der Grundschule und der Turnhalle von Oberbergkirchen allgemein zugänglich. Didaktisch äußerst geschickt werden den meisten fossilen Pflanzenresten heutige Vergleichsarten aus Amerika und Asien gegenübergestellt.

Am sonnigen Südhang der nahegelegenen Lehmgrube wurden Anfang der 90er Jahre der Tertiärwald von Aubenham mit Bäumen und Sträucher angelegt, wie sie vor neun Millionen Jahren hier heimisch gewesen sind, darunter die Ahornblättrige Platane, Amberbaum, Gingko, Kaukasische Flügelnuss, Blumen-Hartriegel und Hopfenbuche. Die Suche nach solchen Vergleichsarten gestaltete sich für Dr. Hans-Joachim Gregor und seine Mitstreiter nicht einfach, denn diese aus heutiger Sicht exotischen Gewächse stellen an Klima und Boden ganz besondere Ansprüche. Umso erfreulicher, dass das Experiment der Wiederanpflanzung gelungen ist und dass die Besucher im Anschluss an die Ausstellung durch einen kleinen Wald wandern können, wie er in ähnlicher Zusammensetzung vor neun Millionen Jahren Teile des Alpenvorlands bedeckt hat.

Julius Bittmann



16/2010