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Jahrgang 2007 Nummer 8

Arznei aus der »Geistlichen Hausapotheke«

Barocke Heilbringer für Mensch und Tier von heute aus betrachtet

Papst Benedikt XVI. als »Eingerichtl«

Papst Benedikt XVI. als »Eingerichtl«
Viehpatron St. Leonhard: Holzplastik aus einem Bauernanwesen nahe Burgkirchen/Alz.

Viehpatron St. Leonhard: Holzplastik aus einem Bauernanwesen nahe Burgkirchen/Alz.
St. Johannes von Nepomuk: Motiv auf einer Fahne (1723) der Pfarrei Margaretenberg.

St. Johannes von Nepomuk: Motiv auf einer Fahne (1723) der Pfarrei Margaretenberg.
Stark ist die Wirkkraft von »Bildern« und »Abbildern«. Unsere Vorfahren wussten das. Sie vertrauten ihnen. Die Hinwendung zu »Bildnissen« lebt heute noch fort. Man denke an den Bereich »Sterben – Tod – Begräbnis«: Wir geben eine oft mit einem Foto oder religiösen Emblem geschmückte Todesanzeige auf, lassen Sterbebildchen drucken und verteilen, geben ein Friedhofs-Grabmal in Auftrag, das nicht selten ein Foto des Verstorbenen auf einem Porzellantäfelchen zeigt.

Die Bilderwelt vor zwei Jahrhunderten war vielfältiger, witziger, ja aberwitziger. Ein Bildchen mit der Graphik eines Heiligen wurde mitgetragen, gerahmt an die Wand gehängt, betrachtet, berührt, berieben, geküsst. Kranken und Sterbenden aufgelegt, wurde es den Toten ins Grab gegeben. In Leinenbeutel wurde es als Schutzmittel eingenäht. Wallfahrtsbildchen waren im Zentrum eines Segenskonglomerats: »Breverl« und »Wettersegen«. Beides eine apotrophäisch intendierte Komposition aus Steinsamen und Metalltiteln, Sebastianspfeilen und Christusnägeln, getrockneten Palmkätzchen und Beinringen, Korallen, wächsernen »Agnus Dei« und bunten Glasperlen, Caravacakreuzen, Pflanzensamen und Wurzeln, Benediktuspfennigen, Trockenblumen, Korallen – umgeben von Reliquien.

Eine »Geistliche Hausapotheke« war in Gebrauch. Die Mini-Kommode verwahrte »geistliche Arzeneyen« wie Skapuliere, Münzen, Oberammergauer Kreuze, Fraisenhäubchen, Heilige Längen, Loretohemdchen, Rosenkränze, Riechfläschchen, Päckchen mit Erde aus dem Heiligen Land oder Holzsplittern vom Sarg des heiligen Bruder Konrad.

Aus einer »Geistlichen Hausapotheke« zu schöpfen, kostete nichts. Das Rezept stellte man sich ebenso eigenhändig aus wie man Dosierung und Mischung selbst bestimmte. Und stets die Hoffnung dazulegte, dass das im Bedarfsfall angewandte Mittel auch wirkt.

Das Sakramentalienwesen der bildversessenen, weil auf die Wirkkraft des Bildes (des hoch verehrten »Vera Icon« in Rom, der zahlreichen Gnadenbilder, vor allem der Gottesmutter in ihren »Spielarten« als Schwarze Madonna, Schmerzhafte Mutter, Skapuliere darreichende Himmelskönigin) voll vertrauenden Kirche der Gegenreformation, gab im Verein mit dem blühenden Devotionalien(un)wesen, das noch in Restformen unsere Wallfahrtsstätten von Kevelaer bis Altötting bestimmt, der Frömmigkeitskultur des Barock ein eigenes Gepräge. Viele »volksfromme« Praktiken jener Zeit entbehren aus heutiger Sicht nicht der Kuriosität.

Man mag heute lächeln über Gepflogenheiten wie das Aufstellen schwarzer Wetterkerzen beim Aufzug eines Gewitter, über an Mariä Lichtmess geweihte Wachsstöckl, über das Besprengen der Osterspeise mit Weihwasser, selbst über das Einlegen eines Heiligenbildchens ins Gebetbuch.

Bei Anwendung weiterer barocker Sakramentalien bleibt es nicht mehr beim Belächeln. Über sie wird der Kopf geschüttelt oder der Zweifel lauthals und erregt geäußert, der da endet mit Ablehnungen wie »Zinnober!«, »Mumpitz!«, »Krampf!« oder »Schmarren!« Für viele, selbst streng Gläubige, grenzt das alles an Aberglauben, Magie und Zauberei. Die Kirche ließ solche Praktiken zu, hieß sie gut und förderte sie.

Das betrifft vor allem die »inwendig genommenen Gweichtln«: benedizierte Gegenstände, die wie Nahrung internalisiert wurden. Verrührt ins (alkoholfreie) Getränk und mit ihm, Augen zu, hinunter gekippt! Nicht anders als eine flüssige oder in Wasser lösliche Arznei. Hierfür kam dreierlei in Frage: benediziertes Brot, das Abgeschabte von Heiligenfigürchen und sogenannte Schluckbildchen.

Als Gabe zur Genesung an Leib oder »Seel« und heilsame Wegzehrung auf der »letzten Reise« fungiert noch heute der Verzehr des Nicolaus-Brotes. St. Nicolaus von Tolentino/Italien war Augustinereremit.

Am 10. September, seinem Festtag, wurde, wie in Regensburg (»Erhardibrot«) oder in Weißling im Dachauer Land (»Notburgabrot«, in das Erdkrumen vom Grab der Bauernheiligen von Eben in Tirol verbacken war), Brot benediziert und den Gläubigen gereicht. Auf beigelegten Gebetszetteln standen Gebrauchsanweisung und Nutzen: Ins Feuer geworfen, löscht es »die Brunsten«. Ins Wasser gebröselt, »stillet (es) die Wällen und Ungestümmigkeiten«. Vor Donner und Blitz bewahrt es. Das Fieber vertreibt es, »auch andere Krankheiten«. Nehmen es Schwangere, sehen sie sorglos der Geburt entgegen. Gibt man es dem Vieh ein, »so es krank oder verzauberet«, wird dieses gesund. »Ist letztlich«, so heißt es auf einem Gebetszettel der Sammlung Kriß (BNM) mit dem Kupferstich des St. Nicolaus de Tolentino, »ein starkes Waffen wider den leidigen Satan, und ein liebreiches Gnaden-Brod zu der ewigen Seligkeit«.

Der Usus, Partikel von sogenannten Schabfigürchen mit dem Messer abzuraspeln und diese, in die Speise eingerührt, zu verzehren, von Mensch und Nutzvieh gleichermaßen, ist ausgestorben. Speziell gepresst, bestehen sie aus poröser Keramikmasse. Ephemera, die – wie die Schluckbildchen – sind, findet man sie äußerst selten noch im Handel. Die als Einzelstücke fast nie angetroffenen Minifiguren waren vorzüglich der Gottesmutter dediziert, weshalb sie, ungeachtet des Motivs, »irdene Frauen-Bildlein« hießen. Sie waren »absonderlich wider die Zauberey sehr nutzlich«. Es gab auch Schabfigürchen des Wiesheilands und der Schutzpatrone Sebastian, Johannes von Nepomuk, Antonius von Padua.

Neben die Schabfigürchen sind die Schluckbildchen (Esszettel) zu legen. Sie repräsentieren für den barock-frommen Christen das heilige Konterfei als Gnadenmittel. Für eine rasche Anwendung der Esszettel war es wichtig, sie lose zu bekommen. Bevorzugte Motive: das Landshuter Bild der »Maria mit dem geneigten Haupt«, beide Maria Zeller Bilder, die drei Schwarzen Madonnen von Altötting, Einsiedeln und Loreto, das Immerhilfbild von Rom, Maria Hilf Passau oder Genazzano. Man kaufte die höchstens briefmarkengroßen Schluckbildchen kaum einzeln. Auf gedruckten Papierbögen bot sie der beflissene Devotionalienhandel feil. Davon schnitt oder riss der Kunde ein Bildchen ab, faltete es so klein wie möglich und warf es, auch ungefaltet, aber nie nur Teile davon, in Speis und Trank für Mensch und Vieh.

Vom geschluckten Bildchen erhoffte man sich mehr als den davon ausgehenden Segen. Innerlich sollte die »Arznei« wirksam werden, so wie die Erdkrümel vom Grab der Rattenberger Heiligen, die im »Notburgabrot« verbacken waren. Dem Gnadenbild und auch seiner Kopie (namentlich dem der »himmlischen Ärztin« Maria, des »Heils der Kranken«, wie wir in der Lauretanischen Litanei beten) wurde förderliche, das Böse bannende Kraft zugemessen. Sie war durch die priesterliche (übrigens nie laienhafte) Weihe und im »Anberührtsein« am Gnadenbild – die Schleierbildchen von Altötting und Loreto mögen als Beispiele ausreichen – geradezu garantiert.

Hans Gärtner



8/2007