weather-image
Jahrgang 2015 Nummer 30

Anton Müller-Wischin lebte 42 Jahre in Marquartstein

Der bedeutende Maler hätte heuer seinen 150. Geburtstag gefeiert

Ein Foto von Anton Müller-Wischin, das um das Jahr 1910 entstanden ist.
Das berühmte Gemälde von Richard Strauss, entstanden 1937, das heute im Besitz der Lenbach-Galerie München ist.
Müller-Wischin zeichnete wenig. Hier aber ist eine Zeichnung von ihm und der Marquartsteiner Skatrunde erhalten geblieben. Dargestellt sind von rechts Richard Strauss, Müller-Wischin und Professor Müller, der Bruder Müller-Wischins, und stehend Kaufmann Sester, in dessen Haus und Garten oft gespielt wurde.
Eines der typischen Rosenbilder von Müller-Wischin.
Anton Müller-Wischins Geburtshaus mit Gedenktafel in Weißenhorn.

»Ich rede keinem zu, Maler zu werden, eher ab; Ihnen rate ich, hängen Sie den Lehrerberuf an den Nagel und werden Sie Maler!« Diesen wohlmeinenden Rat gab der Münchner Maler Franz von Lenbach (1836 bis 1904), der berühmteste Porträtmaler seiner Zeit, im Jahr 1900 dem damals 35-jährigen Volksschullehrer Anton Müller. Dieser Ratschlag änderte sein Leben grundlegend. Um Rat gefragt hatte er den hochangesehenen Mann auf den Vorschlag seines Bruders hin, Professor Wilhelm Müller, der Hofgeistlicher im Hause Wittelsbach war, Ehrenkanonikus an der Theatinerkirche und Religionslehrer am Maxgymnasium. Anton Müllers Leben, das bis dahin in ruhigen, gesicherten Bahnen verlaufen war, änderte sich grundlegend.

Volksschullehrer Staudach

Anton Müller wurde am 30. August 1865 als Sohn eines Volksschullehrers und Chorregenten in Weißenhorn bei Neu-Ulm geboren. 1867 wurde sein Vater nach Schrobenhausen versetzt, wo er ein Jahr später starb. Die Mutter musste nun drei Söhne und eine Tochter durchbringen. Die schmale Witwenrente besserte sie auf, indem sie Pflegekinder aufzog. Darunter war auch der spätere Lehrer des Kronprinzen Rupprecht.

Mit 10 Jahren kam Anton Müller aufs Gymnasium, als Domchor-Singknabe in das sogenannte Johanneum nach München, und absolvierte danach das Lehrerseminar in Freising, wo er aufgrund seiner guten Noten sogar einen Freiplatz bekam. Eine Anekdote, die in der Familie erzählt wird: Im Staatsexamen fertigte er für drei seiner Mitkandidaten Examenszeichnungen an, die sämtlich mit der Note »Eins« bewertet wurden. Seine eigene Zeichnung erhielt nur eine »Drei«!

1883 wurde er zunächst Hilfslehrer bei Burghausen, danach Lehrer in Planegg bei München. Aber schon 1892 führte ihn das Schicksal in den Chiemgau. Er wurde mit 300 Goldmark Jahresgehalt als Lehrer nach Staudach versetzt, wo er 80 Kinder zu unterrichten hatte. Wie sich seine Enkelin Barbara Kopf aus Erzählungen erinnert, wusste ihr Großvater sich immer wieder Freiraum für das geliebte Malen zu verschaffen: So gab er den Schülern zum Beispiel im Unterricht öfters als vorgeschrieben ein schönes Aufsatzthema, ermahnte sie, ruhig zu sein, und verzog sich in ein Nebengemach um zu malen.

Anton Müller hatte schon in frühester Jugend eine ausgeprägte Begabung zum Zeichnen und Malen gehabt und viel diesem Hobby gefrönt. Lenbachs Worte spornten ihn an und stärkten sein Selbstbewusstsein. So ließ er sich vom Schuldienst beurlauben, unternahm verschiedene Studienreisen nach Italien und in die Schweiz und besuchte kurz die Privatschule von Professor Heinrich Knirr in München, wo er auch den später berühmteren Kollegen Paul Klee kennenlernte, der ebenfalls die Malschule besuchte. Müller befolgte den Rat Lenbachs, nicht auf die Akademie zu gehen, sondern sich gründlich in möglichst vielen Malerateliers umzusehen und fleißig die Alten Meister zu studieren.

1901 heiratete Anton Müller Mathilde Wischin – daher sein Doppelname – die er im Haus des Kaufmanns Sester in Marquartstein kennengelernt hatte. Bei der Hochzeit in München spielte Paul Klee die Geige. 1907 zog die inzwischen vierköpfige Familie mit den Töchtern Sitta und Wiltrud in das neu erbaute Haus in Marquartstein, das auch heute noch nach einigen Umbauten nahe der Burg Marquartstein am Oberen Mühlfeldweg steht.

Um zum Unterhalt beizutragen, führte Frau Mathilde, Tochter eines österreichischen Offiziers und Gutsbesitzers, eine »vornehme Familienpension in unmittelbarer Nähe des Hochwaldes und der Rodelbahn«, wie es in einem alten Prospekt des »Burgflecken Marquartstein« heißt.

Beachtliche Malerfolge

Aber auch Müller-Wischins Bilder hatten inzwischen beachtliche Erfolge zu verzeichnen. 1908 wurden im Münchner Glaspalast zum ersten Mal seine Bilder gezeigt. Von da ab gab es kaum eine größere Kunstausstellung, in der nicht auch Bilder von Anton Müller-Wischin hingen. Viele wurden verkauft. 1913 ließ sogar Prinzregent Luitpold ein Bild erwerben:

»S. K. Hoheit und Prinzregent hat Ihr Bild »Münchner Stadtbild« gekauft und zwar ohne nach dem Preis zu fragen. Um den Kauf im Budget unterbringen zu können, muß ich den Preis auf M 800,- festsetzen. Ich nahm an, daß Sie damit einverstanden sind und habe bereits den Zettel, der den Ankauf durch den Regenten verkündet, unter ihrem Bilde angebracht. Mit vorzüglichster Hochachtung – Walther Zimmermann«.

Diesen Brief schrieb der Geschäftsführer des Königlichen Glaspalastes in München an Müller-Wischin. Im Jahr 1925 verlieh ihm der Freistaat Bayern den Titel »Professor der bildenden Künste«, und ein Jahr später schenkte Kaiser Wilhelm II. seiner Frau Hermine zu Weihnachten das Bild »Waldbild mit Nixe« von Müller-Wischin. Auch König Ludwig III. besaß drei von seinen Bildern, und 1929 hingen schon 26 seiner Gemälde im Glaspalast. Er wurde Juror der Münchner Künstlergenossenschaft, und schon 1921 wurde er Mitglied der »Frauenwörther«, der bekannten Künstlervereinigung auf Frauenchiemsee, und stellte seither regelmäßig im Vikarhaus auf der Fraueninsel aus. 1935 organisierte der Münchner Kunstverein eine Ehrenausstellung zu seinem 70. Geburtstag, und in dem Jahr wurde er auch in die Ankaufsjury der Städtischen Galerie Rosenheim aufgenommen. 1937 malte er das berühmte Porträt des Komponisten Richard Strauss, für das er den Lenbachpreis erhielt und das sich heute im Besitz der Lenbach-Galerie München befindet. Anlässlich des 150. Geburtstages des Künstlers wird das Gemälde demnächst als Dauerleihgabe des Lenbachhauses im Rathaus in Marquartstein hängen.

Gründer des Marquartsteiner Bauerntheaters

Im Privatleben war Müller-Wischin ein sehr geselliger, kontaktfreudiger Mensch. Mit vielen bekannten Persönlichkeiten seiner Zeit verbanden ihn Freundschaften, so mit den Malerkollegen Julius Exter, Ernst Liebermann, Constantin Gerhardinger oder Carl Otto Müller, aber auch mit Musikern wie Richard Strauss und Gelehrten, so dem Münchner Universitätsprofessor Artur Kutscher. Ihn lud er einmal zu einer Aufführung des Marquartsteiner Bauerntheaters ein, das er 1910 im Gasthof »Zum Prinz-Regenten« gegründet hatte. Kutscher schrieb dazu in seinen Memoiren: »Mit Versen Müller-Wischins begrüßt, sahen wir Wilhardts Volksstück 'Mariline oder das Kreuz am Wildsee'. Dann gab es Volksund Nationaltänze der Plattlergruppe Piesenhausen. Ich fand hier das beste Material für meine Lehre vom Volkstanz. Gemeinsam bestiegen wir am nächsten Morgen den Hochgern und rodelten herunter«. Das könnte man heute nicht mehr, da der damalige Hohlweg zu einer Fahrstraße ausgebaut worden ist.

Mit Richard Strauss, der ab 1890 seine Sommerferien in Marquartstein verbrachte, verband ihn zeitlebens eine Freundschaft, wie viele interessierte Chiemgauer wissen, nicht zuletzt durch die Richard-Strauss-Ausstellung in Marquartstein 2014 zum 150. Geburtstag des großen Komponisten und das Festkonzert zum 120. Hochzeitstag. Strauss, Müller- Wischin, Kaufmann Otto Sester und der geistliche Bruder Müller-Wischins, Professor Wilhelm Müller, der selbst auch komponierte, spielten zusammen Skat im Hofwirth zur Post.

Um das gesellige Leben zu pflegen und um kulturelle Anregungen zu bekommen, hatte Müller-Wischin seit 1912 eine zusätzliche Wohnung in der Römerstraße in München, Schwabing, ein paar Straßen weiter auch ein Atelier. Nachdem sein Atelier aber 1942 von Bomben zerstört wurde, zog er sich ganz nach Marquartstein zurück. Schon 1940 hätte ihm zu seinem 75. Geburtstag die Goethe-Medaille verliehen werden sollen. Eine Auszeichnung, die er dann allerdings mit zweijähriger Verzögerung erhielt, weil er kein NSDAP-Mitglied war.

»Wischhin – Wischher«

An die Zeit in den 40er Jahren kann sich seine Enkelin, Barbara Kopf, noch heute gut erinnern. Als kleines Schulmädel durfte sie ihm oft beim Malen zuschauen, wobei er häufig Zigarren rauchte. Die gingen aber schnell aus, weil er vergaß, daran zu ziehen. In München kursierte damals ein Spitzname für ihren Großvater, erinnert sie sich: »Wischhin – Wischher«. Er kratzte nämlich die angetrocknete Farbe vom Vortag mit einem Spachtel ab und trug sie an anderer Stelle wieder auf. Außerdem verrieb er die Farbe nicht nur mit dem Pinsel, sondern auch mit Handballen oder Daumen. Sein nie zugeknöpfter, weißer Malerkittel sei selten verschmiert gewesen - viel eher die Anzüge und oft auch sein weißes Haar oder sein Bart, erzählt Barbara Kopf.

»Ich habe meinen Großvater als großzügigen Menschen in Erinnerung. Was seine Bilder angeht, so konnte es sein, dass er sie auch verschenkte, einfach, wenn jemand in sein Atelier kam und ein bestimmtes Bild halt ganz besonders schön fand«, erinnert sich die Enkelin. Er habe seine Bilder aber auch zum Tauschen benutzt, zum Beispiel gegen Antiquitäten und Teppiche. Ganz besonderes Interesse hatte er an geschnitzten Rahmen, so dass sich schließlich 32 Spiegel im Hause Müller-Wischin befanden.

Wenn er nach seiner Meinung über »die Abstrakten« (Maler) befragt wurde, zuckte er die Achseln und fügte hinzu: »Dabei können die Kerle was!« Auf Paul Klee ließ er nichts kommen, was aber wohl an seiner persönlichen Beziehung zu ihm lag.

Müller-Wischin war weitgehend Autodidakt und hatte nach dem Rat von Lenbach von den Alten Meistern gelernt. Sein häufigstes Motiv ist die Landschaft um den Chiemsee, dazu seine Rosenbilder, die ihm den Beinamen »Rosen-Müller« beibrachten. Selten malte Müller-Wischin Bilder mit kirchlichen Motiven. So waren die Bilder, die er 1940 den Kirchen in Staudach- Egerndach und Marquartstein schenkte, eine Ausnahme. Diese sind Kopien des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald. Etwa ein Jahr vor seinem Tod konnte Müller- Wischin wegen einer Augenkrankheit nicht mehr malen. Er starb am 24. Juli im Alter von 83 Jahren in Marquartstein und ist hier begraben.

Eine Ausstellung zu seinem diesjährigen 150. Geburtstag findet von 9. Mai bis 11. Oktober täglich von 11 bis 17 Uhr in der Torhalle auf Frauenchiemsee statt, außerdem eine persönliche Ausstellung, größtenteils mit Bildern aus persönlichem Besitz ist von 21. bis einschließlich 30. August im Rathaus in Marquartstein. Auch Müller- Wischins Geburtsstadt Weißenhorn, wo eine Erinnerungstafel an seinem Geburtshaus angebracht ist, wird sein Schaffen dokumentieren.

Christiane Giesen


Quellen:
Erinnerungen der Enkelin Müller-Wischins Barbara Kopf. Ausstellungskatalog der Galerie Franz Gailer zur Ausstellung von 21. Mai bis 3. Juli 1988.

 

30/2015