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Jahrgang 2015 Nummer 46

Anno Domini 765 – Korbinian von Freising

Am 20. November vor 1250 Jahren wurde der Heilige in den Freisinger Dom überführt

Entwicklung des Frankenreichs unter den Merowingern von 481 bis 614(?) Korbinians Herkunft – der junge Eremit erbaut sich eine erste Klause bei Melun.
Merowingerkönig Dagobert mit Audomar (Otmarus), Bischof von Tarvenna und Gründer des Klosters Saint-Omer, (Nord-Pas de Calais), Miniatur des 9. Jahrhunderts (?)
Bildnis eines fränkischen Grafen – Fresko in St. Benedikt aus dem 9. Jahrhundert, Mals in Südtirol (Vinschgau) (?)
Helm aus einem fränkischen Fürstengrab – 6. Jahrhundert (?)
Taufe eines bekehrten Germanen durch den heiligen Bonifatius (aus dem Sakrament Cod. Theol. 235 der Universitätsbibliothek Göttingen).

»Baiern ist sehr schön und eine Freude es zu betrachten. Reich ist es an lichten Wäldern, gesegnet mit Weingärten. In den Bergen wächst das Eisen und Silber, ja auch das Gold. Die Erde ist fruchtbar und bringt üppige Saat. Überall springen Quellen, fließen Bäche und Flüsse. Die Netze der Fischer zerreißen schier.« Arbeo, 4. Bf. v. Freising, 764-783/84

Korbinian von Freising – Ein Heiliger des Mittelalters

Wer war dieser Korbinian, der in lateinischen Texten Corbinianus genannt wird? Seinen ausgefallenen Taufnamen hatte er von seiner Mutter, Corbiniana, bekommen, die – wie wir aus ihrem Namen rückschließen können –, keltisch-irischer Abstammung gewesen war. Ferner geht der Rufname Corbinianus auf die lateinische Vokabel: corvus für »Rabe« zurück, aus dem sich im althochdeutschen das Wort: »Hraban« entwickelte, das im Mittelalter häufig anzutreffen ist und um die Namensendung -inianus erweitert wurde.

Bei dem ersten bayerischen Geschichtsschreiber und späteren vierten Bischof von Freising, Arbeo (geboren um 723), lesen wir in dessen informativer Biografie über seinen verehrten Lehrer Korbinian (Vita Corbiniani Episcopi, um 770), dass jener um das Jahr 670/80 unweit der alten Handelssiedlung Melun an der Seine – die bereits Julius Cæsar in seinen Aufzeichnungen über den Gallischen Krieg (de Bello Gallico) als Meluneum erwähnt hatte –, circa 50 km südöstlich von Paris, im damaligen Neustrien -– dem nordwestlichen Teil des inzwischen von den dekadenten Merowingerkönigen regierten Fränkischen Reichs (Regnum Francorum) – geboren wurde. Im Osten des seinerzeit noch ungeteilten germanisch-romanischen Frankenreichs lag das heutige Süddeutschland, in dem umherreisende Missionare und sogenannte Wander-, auch Vagantenbischöfe (lat. episcopi vagantes), den christlichen Glauben verbreiteten. Historiker unserer Tage müssen leider konstatieren, dass schriftliche Überlieferungen aus der spätantiken / frühmittelalterlichen Epoche des 5. bis 8. Jahrhunderts selten sind, sodass auch sämtliche Zeitangaben über den Heiligen Korbinian von Freising – Saint Corbinien, wie er in seiner französischen Heimat genannt wird –, ungenau bleiben.

Gewiss ist, dass Korbinian aus einer vornehmen Familie stammt: sein Vater Waltekis (Waldekiso) – der kurz vor der Geburt seines Sohnes verstarb – war ein fränkischer Adliger mit engen Verbindungen zum legendären Stammvater der Karolinger, Pippin dem Älteren (Pépin l’Ancien). Der kleine Korbinian wurde religiös erzogen und zeitig auf ein Priesteramt vorbereitet. Indessen entschied er sich bereits mit 22 Jahren für das entbehrungsreiche Leben eines Eremiten. Beharrlich erfüllte er sich seinen sehnlichsten Wunsch nach einem Rückzug von der materiellen Welt, wobei er sich in der Nähe seines Elternhauses in Arpajon bei Melun eine schmucklose Klause neben einer verlassenen Kapelle erbaute, die einst dem heiligen Germanus – dem als Saint Germain (gestorben 576) bekannten und geschätzten Bischof von Paris und Erzkaplan (ml. Archicapellanus) des merowingischen Frankenkönigs Childebert I. – dem jüngsten Sohn des großen Chlodwig –, geweiht worden war.

In seiner spartanischen Zelle konnte Korbinian entsprechend seines Naturells als menschenscheuer Einsiedler ein kontemplatives Leben der Meditation und des Gebets führen. Dementsprechend versorgte er sich nur mit dem Nötigsten und verzichtete auf jeglichen Besitz. Nach dem Tod seiner Mutter verkaufte er alles und behielt nur einige Diener seiner Eltern bei sich, die er nicht brotlos machen wollte. Als heranwachsender Eremit las er die heiligen Schriften und vertiefte sich in die Psalmen. Ganze Nächte blieb er wach und betete. Asketisch und bedingungslos gegen sich selbst, war er jedoch von barmherziger Milde gegenüber Armen und Pilgern, die durch das Land zogen und denen er eine großzügige Gastfreundschaft erwies. Derweil geschah es, dass unbemittelte Kranke nach einem Besuch bei dem Arpajoner Klausner wieder gesund wurden. Notleidende und Hungernde gingen von ihm mit einer bescheidenen Gabe. Bald verbreitete sich der Ruf des noblen Gottesmanns in der Umgebung Meluns. Vom Ohr aufgenommen, von Mund zu Mund weitererzählt und mit verklärten Bildern in der lebhaften Phantasie ausgeschmückt, wurden die wohltätigen Werke des knabenhaften Mönchs von den gläubigen Menschen gerne als Wundertaten des heiligen Mannes gedeutet. Deshalb suchten immer mehr bedürftige Menschen den großherzigen Seelsorger auf, um ihn um Rat zu fragen. Sein Renommee eilte in das ganze Land hinaus, bis zu Pippin dem Mittleren (Pépin d’ Héristal), dem allgewaltigen Majordomus (Hausmeier) von Neustrien und Burgund sowie dux (Herzog) von Austrasien im östlichen Teil des Frankenreichs, das als »Wiege der Karolinger« (fr. »le berceau des Carolingiens«) bezeichnet wird. Pippin lud Korbinian sogar dazu ein, zu ihm nach Paris zu kommen. Demzufolge besuchten den frommen Gottesdiener alsbald fränkische Adelige, die ihn reich beschenkten und ihn baten, für sie zu beten. So betete er mit ihnen, ließ sie jedoch niemals in seine Zelle eintreten, ohne ihnen vorher mit einem Glöcklein ein Zeichen zu geben, da er die Einsamkeit sehr liebte. Je länger der introvertierte Frater in der kargen Zurückgezogenheit verweilte, umso bekannter wurde er. Unaufhörlich strömten ratsuchende Leute zur Einsiedelei und zur schmucklosen Kapelle, wodurch sie ihm das Kostbarste raubten, was er sich erhoffte, nämlich die Stille des Gesprächs mit Gott. Allmählich ängstigten ihn die zahllosen Besucher und mit wachsender Sorge sah er, wie ihm die notwendige Kontemplation verloren ging. Folglich entschloss er sich nach 14 Jahren, sein bisheriges nunmehr mit Unruhe angefülltes Dasein aufzugeben.

Als immer häufiger verzweifelte Hilfesuchende den mitfühlenden Seelenhirten bedrängten, beschloss er um das Jahr 710/14 in die Ewige Stadt zu pilgern, um dem aus Syrien stammenden Papst Konstantin I. seine ihn quälenden Sorgen anzuvertrauen und sich unter den himmlischen Schutz des Apostelfürsten Petrus – des ersten Bischofs von Rom (lat. Episcopus Romanus) und einstigen »Säule« der Jerusalemer Urgemeinde – zu stellen.

Korbinians erste Pilgerreise nach Rom um das Jahr 710/14 – die Bären-Legende

Um zu seinem fernen Ziel in das Roma æterna – »das ewige Rom« – zu gelangen, musste Korbinian nicht nur einen weiten Weg vom heimischen Arpajon nach Süden zurücklegen, sondern auch die unwirtlichen Alpen überqueren, die noch durch ehemalige römische Passstraßen einigermaßen gut erschlossen waren. Römische Staatsstraßen (viæ publicæ) waren neben Händlern von Soldaten genutzt worden, von Regierungsbeamten die zwischen Rom und ihren Dienststellen in den Provinzen hin und her reisten und von kaiserlichen Kurieren, die Botschaften und Briefe transportierten (cursus publicus). Es handelte sich um ein engmaschiges Netz von Verkehrswegen, das das gesamte Imperium Romanum umspannt hatte. In der Antike war der Große-St.-Bernhard- Pass (Summus Poeninus, 2469 m) der wichtigste Alpenübergang zwischen den entlegenen Nordprovinzen – Britannia, Belgica, Gallia, Germania (inferior und superior) und Rætia – mit dem Mutterland Italien gewesen. Gleichwohl gab es in den unwegsamen Wäldern reichen Wildbestand und an den zerklüfteten Berghängen lauerten kampfbereite Raubtiere auf Beute. In der rauhen Wildnis der Hochgebirgslandschaft legten sich der junge Glaubensbote und seine treuen Begleiter im Gebiet der romanisierten Breonen im heutigen Tirol zur Nachtruhe nieder. Als alle schliefen, schlich sich ein hungriger Bär aus dem Wald heran, stürzte sich auf das brave Maultier – das die Lasten der Reisegruppe trug –, und zerriss es. Bei Tagesanbruch erwachten die perplexen Reisenden und sahen den gefräßigen Bären, der noch immer an seiner erlegten Beute zerrte. Strafe für diese Untat musste sein, war der erste Gedanke des gallischen Pilgers. Anstatt aber den bärbeißigen Räuber zu töten, vertraute er auf den wohlwollenden Beistand des Himmels. Daraufhin ermutigte er seinen loyalen Gefolgsmann Anseric, den grimmigen Bären zunächst mit der Peitsche zu züchtigen. Anschließend legte Korbinian persönlich dem nun nicht mehr angriffslustigen Tier einen Sattel auf und belud es mit dem Gepäck des toten Maultiers. … und o Wunder: Meister Petz ließ sich dies alles widerstandslos gefallen. Er benahm sich gesittet und trottete als lammfrommes Lasttier willig mit dem rechtgläubigen Jünger und seinen Gefährten über die Alpen, bis nach Rom. In der Heiligen Stadt angekommen, entließ ihn der gescheite Mönch und das Tier trollte sich davon. So erzählt es die Legende. Im übrigen weist die lehrreiche Parabel auf die beherzte Überwindung von Gewalt und auf das couragierte Stiften von Frieden als primäre Aufgaben der Kirche hin.

Auf diese gehaltvolle Erzählung gehen spätere einen Bären abbildende Darstellungen zurück. Bekanntermaßen ziert ein schwarzer Bär als besonderes Attribut das Freisinger Stadtwappen, dessen erster Missionsbischof Korbinian später werden wird (724-30). Eine eingängige Interpretation besagt, dass in der Blasionierung (Wappenbild) der durch die Gnade Gottes gezähmte Bär den Bischof von Freising selbst und im Packsattel die von ihm getragene Last des Episkopats symbolisieren.

Außerdem ist der bezwungene Bär mit seinem schwarz gegürteten und roten Packsattel im Schild des päpstlichen Wappens von Benedikt emeritus abgebildet, der vor seiner Wahl zum Pontifex (2005) als Erzbischof von München und Freising amtiert hatte (1977-82). Neben dem »Bärenwunder« berichtet die illustrative Legende des westfränkischen Heiligen von einem Fisch- und Weinwunder. In jenen Tagen hatte gärender Wein den Zapfen aus seinem Fass getrieben. Das weitere Auslaufen des Rebensaftes verhinderte jedoch der Aufenthalt des geistlichen Herren aus Melun im Hause.

Papst Konstantin weiht Korbinian zum Missionsbischof für Alemannia und Baiern

Nachdem der andächtige Wallfahrer die pulsierende Welthauptstadt am Tiber (caput mundi) betreten hatte, erfüllte er zunächst eine ungeschriebene Christenpflicht und betete am Grab der Apostelfürsten. Der in den überlieferten Quellen als letzter byzantinischer »Vasallenpapst« charakterisierte Konstantin I. (708-15) erteilte Korbinian den Segen für dessen weitere Arbeit, weihte ihn zum Priester und Bischof und verlieh ihm die Insignien. Darüber hinaus bewegte der Heilige Vater jenen dazu, sein geliebtes Einsiedlerdasein zugunsten anspruchsvoller Missionsarbeit in Gallien aufzugeben. Nur schweren Herzens übernahm der gehorsame Knecht Gottes das ihm übertragene Amt und kehrte in seine gallische Heimat zurück. Nach einiger Zeit jedoch befriedigte den unkonventionellen Missionar seine neue Aufgabe nicht mehr, sodass er sieben Jahre später erneut nach Rom pilgerte. Auch diesmal wurde sein innigster Wunsch – wieder als anspruchsloser Eremit zu leben –, nicht erfüllt. Der Papst hatte zu Korbinian gesprochen: »Nein, mein Sohn! das geschieht nicht; das Licht darf nicht unter dem Scheffel bleiben, sondern muss auf den Leuchter gestellt werden.« Abermals beauftragte der Stellvertreter Jesu Christi (Vicarius lesu Christi) jenen als tüchtiger Wandermissionar und -prediger nördlich der Alpen zu wirken. Überdies sollte er nicht mehr an seine heimatliche Seine zurückkehren, sondern jetzt das Gebiet der Alemannen und Baiern – das sich damals bis an die im Pustertal in Südtirol entspringende Drau (lat. Dravus = Drave) erstreckte –, als fleißiger Wanderbischof durchziehen.

Geschichte Baierns ab dem späten 6. Jahrhundert – Theodo, ein großer Agilolfinger-Herzog

Noch vor dem Ende des 6. Jahrhunderts waren bajuwarische Siedler – die »Männer aus Böhmen« (lat. Boiohæmum) – wie viele Menschenalter zuvor germanische Kimbern und Alemannen –, über den Brennerpass nach Süden gezogen. Um das Jahr 650 hatten die Baiovarii das Südtiroler Land um die heutigen Städte Bozen, Meran – das antike Castrum Maiense – und Trient im malerischen Tal der Etsch in ihren Besitz genommen.

Zunächst konnten die westgermanischen Franken (lat. »Franci« = die »Mutigen, Kühnen«) – unter der Ägide ihres expansionsfreudigen Merowingerkönigs Dagobert I. – das bairische Volk noch in ein loses Klientelverhältnis zwingen, dauerhaft gelang es ihnen aber nicht. Weil nach Dagoberts Tod (gestorben 19. Januar 638/39) in Épinay-sur-Seine bei Paris das merowingische Frankenreich zwischen seinen politisch schwachen Söhnen – Sigibert III. (Sigibert der Hlg.) in Austrasien und Chlodwig II. (»Le Fainéant«, »der Faule«) in Neustrien und Burgund – aufgeteilt wurde, verfielen deren dezentralisierte Gebiete aufgrund einer ganzen Reihe labiler und inkompetenter Herrscher. Während die späten, oftmals als »Rois fainéants« – (»Faulenzerkönige«) – bezeichneten Merowinger immer öfter zum würdelosen Spielball ihrer hochfahrenden Nobilität wurden, gewannen aufstrebende Adelsfamilien – von denen die einflussreichen Karolinger die bedeutendste waren –, peu-à-peu an Macht und übernahmen mit eiserner Hand die Kontrolle über das gesamte Land. Bis dahin konnten sich die selbstbewussten und freiheitsliebenden Bajuwaren über ihre neu erlangte Souveränität freuen. Ihr Herzog Theodo – Sohn Agilolfs von Baiern, erster bemerkenswerter Agilolfinger (Agilulfinger) und guter Landesvater –, regierte im frühen 8. Jahrhundert wie ein unabhängiger Fürst. In geschickten Verhandlungen mit dem in Rom geborenen Gregor II. (geboren 669) – einem der maßgeblichen Päpste des 8. Jahrhunderts – strebte Theodo II. – dem die völlige Unabhängigkeit von der fränkischen Kirche wichtig war –, sogar eine eigene bairische Kirchenprovinz an. Um diese mutige Politik erfolgreich durchsetzen zu können, riefen der versierte Herzog sowie dessen jüngerer Sohn und Mitregent Grimoald II. den geistlichen Sämann um das Jahr 716 zu sich nach Regensburg (Reganespurc) – in die Agilolfingische Pfalz (Herzogshof am Alten Kornmarkt) und Residenz aus dem 6. Jahrhundert – und erteilten ihm die strikte Order in Trient und deren Region tätig zu werden. Hingegen ließ das keltische Wanderblut – das Korbinian von seiner galloirischen Mutter geerbt und in seinem langjährigen Eremitendasein nur unterdrückt hatte –, ihn in Trient nicht dauerhaft sesshaft werden. Rastlos durchstreifte er das bairische Norditalien und begab sich schließlich um das Jahr 718 noch einmal zum Oberhaupt der Christenheit in die Siebenhügelstadt am Tiberufer.

Papst Gregor beauftragt im Jahre 718 Korbinian ein Kanonikerstift in Kuens zu gründen

Am Heiligen Stuhl erteilte Papst Gregor II. (715-31) Korbinian die Erlaubnis, ein Kloster zu gründen, von dem aus der berufene Geistliche wirken könnte. Auf seinem Weg zurück nach Norden erlebte er – wie so viele Menschen der nördlichen Hemisphäre – die Faszination der Südtiroler Landschaft. Anschaulich schildert uns sein zuverlässiger Biograph Arbeo nicht nur kirchliche und zeitgeschichtliche Ereignisse, sondern – in der Geschichtsforschung jener Zeit durchaus nicht üblich – auch das liebenswerte Terrain und dessen Bewohner.

Aber nicht allein der idyllische Landstrich faszinierte den agilen Vagantenbischof, als er sich in Caines (Kains/Kuens) unweit des einstigen römischen Kastells Maiense – dem heutigen Stadtteil Obermais von Meran – niederließ, das er von dem inzwischen allein regierenden Baiernherzog Grimoald II. übertragen bekommen hatte. Hier im anmutigen Eschtal hatte zudem gut zwei Jahrhunderte zuvor ein anderer Wanderbischof, der heilige Valentin von Passau – der Apostel Raetiens –, missioniert und gelebt (gestorben 475 in Mais). Den heilsgewissen Apologeten der Völkerwanderungszeit verehrte Korbinian besonders stark, weshalb er sich obendrein für jene pittoreske Gegend entschieden hat. In Kuens gründete der vitale Kirchenmann um das Jahr 718 ein Kanonikerstift mit Mairhof, das er den beiden Glaubensboten Valentin von Rätien und Bischof Zeno von Verona weihte. Unermüdlich kultivierte Korbinian das Gebiet. Er ließ Obstbäume pflanzen, Weinberge anlegen, Bewässerungen installieren, Korn gut ausmahlen, Böden gründlicher düngen, besseres Gerät benutzen und widerstandsfähiges Vieh züchten, wodurch er die bescheidene Lebenssituation der Menschen verbesserte. Recht bald glich das Südtiroler Stift einem landwirtschaftlichen Musterbetrieb, einer autarken Produktions- und Konsumgenossenschaft.

Gründung der Asamkapelle auf dem Weihenstephaner Berg in Freising

In Baiern hatten sich neue politische Verhältnisse entwickelt, nachdem Theodo II. 717/18 gestorben war. Von seinen vier Söhnen überlebten den alten Herzog lediglich die jüngeren Theodebert (Hzg. v. B.-Regensbg.) und Grimoald. In Folge dessen wurde das selbstständige, erbautonome Stammesherzogtum geteilt, wobei Grimoald II. von seiner mauerbewehrten und mit Türmen geschützten Burg oberhalb der Isar aus sein Teilherzogtum Baiern-Freising regierte. Er rief den gallischen Missionar wieder nach Baiern zurück, weil der als Apostel der Deutschen bekannte Heilige Bonifatius (eigentl.: Wynfreth od. Winfried) im Auftrag von Papst Gregor II. ein Bistum vorbereitet und diesem schon eine rechtliche Struktur gegeben hatte, das nun mit Korbinian an der Spitze weiter eingerichtet werden sollte. Im Zuge dessen errichtete jener um das Jahr 724 über einem kleinen Gewässer am Südhang des Weihenstephaner Bergs im Westen von Freising eine schlichte Klause (Asamkapelle), die als Vorläufer der namhaften Benediktinerabtei Weihenstephan gilt. Die ansehenswerte Ruine der Kapelle St. Korbinian ist erhalten und kann über weitläufige Promenaden an der Südseite besichtigt werden. Eine alte Erzählung berichtet, dass deren glaubensstarker Schirmherr auch für den Ursprung der Quelle verantwortlich ist. Bis dahin hatte die geistliche Gemeinschaft ihr benötigtes Wasser auf den Berg schleppen müssen. Auf einem Spaziergang entlang des Berghanges soll der fränkische Oberhirte nach einem Gebet seinen knorrigen Wanderstock in den Boden gestoßen haben, woraufhin kristallklares Wasser hervor sprudelte. Infolgedessen erhielt die munter moussierende Quelle auch seinen erlauchten Namen: »Korbiniansbrünnlein«.

Tödlicher Zwist im allerchristlichen Agilolfinger-Haus

Der kontinuierliche Ausbau des bereits bestehenden und zu Ehren des Archidiakons und Erzmärtyrers der urchristlichen Gemeinde in Jerusalem, Stephanus (gestorben 39/40), geweihten Klosters Weihenstephan schritt unter Korbinian voran.

Im Übrigen konnte er sich seinen missionarischen Aufgaben solange erfolgreich widmen, bis Herzog Theodebert in Regensburg – das Arbeo Radasbona nennt –, verstarb (725?) und dessen ungestümer Sohn Hugibert (Hucbert) jenem dort als Teil-Stammesherzog nachfolgte. Um sich pro forma für die Regierung ganz Baierns zu legitimieren, heiratete Grimoald Pilitrud (Biltrud), die kaltherzige Witwe seines früh verstorbenen älteren Bruders Theudebald (Theodold), womit er seinem ehrgeizigen Neffen die Erbfolge streitig machen wollte. Aus diesem Grund sprach Korbinian bei seinem einstigen Förderer und Freund Grimoald vor – während auch Pilitrud zugegen war – und forderte den Freisinger Landesherren auf, sich von der ehernen Frau zu trennen. Wenngleich die Ehe mit der verwitweten Schwägerin nach römischem Recht erlaubt war, so war sie doch nach kirchlichem verboten. Insofern beschimpfte die bösartige Herzogin lautstark Korbinian als »Britannus«, womit sie deutlich machen wollte, dass er als machtloser Wanderprediger und ohne die Legitimation eines festen Bischofssitzes kein Recht besaß, ihr strenge Vorschriften zu machen. Außerdem stand sie mit einem ruchlosen Bauernweib in Verbindung, das der Zauberei beschuldigt wurde. Diesem gottlosen Weibe begegnete der heilige Mann, als er eine Kirche betreten wollte. Korbinian trat näher und ermahnte das Weibsbild, ihren bösen Lebenswandel aufzugeben. Jene aber blieb verstockt und beklagte sich bei Pilitrud, die daraufhin plante, den gallischen Apostel zu ermorden. Da Grimoald sich nun von seiner herrischen Gemahlin trennen wollte, beschloss die infame Herzogin ihr Attentat jetzt auf den friedliebenden Frater durchzuführen. Korbinians jüngerer Bruder Erembert entdeckte das hinterhältige Mordkomplott jedoch noch rechtzeitig – das Pilitruds Geheimschreiber Ninus ausführen sollte –, als er jenen in Regensburg besuchte, woraufhin beide Brüder vor den heimtückischen Racheplänen der Tyrannin in die sichere Abtei nach Kains flohen.

In Baiern war nun mit der anstehenden Entscheidung über die zukünftige Alleinherrschaft im Herzogtum der casus belli im Hause der Agilolfinger gegeben. Weil Hugibert eine Auseinandersetzung mit seinem listenreichen Oheim scheute, wandte er sich an den mächtigen karolingischen Majordomus Karl Martell (lat. martellus = Hammer), der sich just mit seiner bewaffneten Streitmacht in Schwaben befand, um ad hoc gleich zweimal in Baiern einzufallen. Da beide Feldzüge nicht den gewünschten Erfolg erbrachten, wurde Grimoald durch gedungene Meuchelmörder getötet, die wahrscheinlich durch den omnipotenten Karolinger zu ihrer frevelhaften Bluttat beauftragt worden waren. Aufgrund dieses skrupellosen Coups hatte sich Karl Martell – der in Ermangelung eines charakterlich bedeutsamen Merowingerkönigs de facto als uneingeschränkter Souverän über die Franken herrschte (dux et princeps Francorum) – die Oberhoheit über Baiern gesichert, indessen Hugibert das gesamte Herzogtum in seiner Hand vereinigen konnte (circa 728-36). Im Verlauf des gewissenlosen Husarenstücks bemächtigte sich Charles Martel auch der abgesetzten Regentin Pilitrud – die nur noch einen Esel besaß, auf dem sie ritt –, und deren junger Nichte Swanahild (Sunnihild), die als seine betörende Friedelfrau [mhd. Friudiea] sehr bald immensen Einfluss auf den alternden Karolinger auszuüben begann. Aus Martells Friedelehe entsprang ein Sohn namens Grifo (Griffon), der später gemeinsam mit Sachsen und Thüringern gegen die karolingische Macht rebellieren wird. Obendrein wiegelte er die tapferen Baiern zu einer blutigen Revolte auf. Nachdem sie zusammengebrochen war, fand Grifo im Jahre 753 im burgundischen St-Jean-de-Maurienne den Tod.

Korbinians Rückkehr und Tod in Freising im Jahre 730

Herzog Hugiberts Ruf ging nach Kuens und der gottgefällige Vagantenbischof kehrte freudig nach Freising (lat. Frisinga) zurück, wo er vom einfachen Volk enthusiastisch empfangen wurde. In den wenigen Jahren, die ihm noch blieben, steckte er seine gesamte Energie in den weiteren Ausbau des Klosters Weihenstephan – in dem 1040 die sicherlich älteste Brauerei der Welt entstand (!) –, und in die kontinuierliche Missionierung des Umlands des Herzogsitzs. Hart gegen sich selbst, verlangte er auch dieselbe Härte von seinen Mönchen, die er zur strikten Einhaltung der benediktinischen Regel (Regula Benedicti) anhielt, deren Motto: ora et labora (bete & arbeite) lautet. Wenngleich der päpstliche Legat für Germanien, der Heilige Bonifatius (gestorben 754/55), erst acht Jahre nach Korbinians Tod in Freising offiziell zum Bistum erhob, so wäre dies kaum ohne dessen unermüdliche Vorarbeit möglich gewesen. Saint Corbinien starb an einem 8. September, wahrscheinlich im Jahre 730. Ein langer Erdenweg und eine unermüdliche Kraftanstrengung im Dienste des Herren hatte damit einen würdigen Abschluss gefunden. Wie es aber bei vielen Heiligen der frühchristlichen Zeit in Bayern der Fall ist, so müssen wir gleichsam hinter Korbinians Todestag und -jahr ein deutliches Fragezeichen setzen. Zumindest sein gebotener Gedenktag wurde auf den 8. September festgelegt. Nunmehr avancierte Erembert – der Arbeo ausgebildet hatte –, als erster Nachfolger seines älteren Bruders zum zweiten Bischof in Freising (739?).

Korbinians Gebeine werden nach Kuens gebracht

Seinem tiefem Wunsch entsprechend war Korbinians Leichnam zunächst nach Kuens gebracht worden, da er gleichermaßen im Tode seinem hochverehrten Vorbild, dem heiligen Valentin nahe sein wollte. Mit dieser fernen Begräbnisstätte in der Zeno von Verona geweihten Kapelle am Platz der sich auf einem Felshügel am Eingang des Passeiertals erhebenden Zenoburg war Bischof Arbeo nicht zufrieden, weil jetzt das offizielle Freisinger Bistum nicht nur das stille Gedenken (memoria), sondern auch die Reliquien seines großen Vorbereiters benötigte. Mittelalterliche Menschen glaubten an die Existenz des Übernatürlichen und daran, dass diejenigen, die eine Reliquie sahen und berühren durften, auch an deren magischer Heilskraft partizipierten. Ferner war Arbeo persönlich daran interessiert, die sterblichen Überreste seines geschätzten Mentors zurückzuholen, um ihm nachträglich Dank abzustatten, da jener ihn einst als Bub vor dem Ertrinken gerettet hatte. Somit veranlasste er im Jahre 765 die Rückführung der Gebeine des Heiligen in seine alte Heimat nach Freising (Translation).

Korbinians Translation glich einem Festzug. Städte, die an dessen Fahrtroute lagen, schätzten sich glücklich. Unter den Tausenden – die den Wagen umringten, um ihn zu berühren –, geschahen die ersten Wunderheilungen. Dieses feierliche Ereignis begeht die altehrwürdige Isarstadt durch die langen Jahrhunderte an jedem 20. November. Am gleichen Novembertag ist in den orthodoxen Kirchen ebenfalls sein Gedenktag verzeichnet und das Hochfest des oberbayerischen Apostels wird begangen. Auf seinem Sarkophag im imposanten Freisinger Dom – dem Mariendom – steht ein neuromanischer Reliquienschrein, der im Auftrag von Erzbischof Gregor von Scherr 1861 durch den bekannten Münchner Goldschmied Ferdinand von Harrach angefertigt worden ist. Binnen kurzem begannen Pilger an Korbinians Grab zu wallfahren. Eine Predigt zu seinem Fest aus dem 10. Jahrhundert weist auf zahllose Mirakel an seiner Ruhestätte hin. Gleichermaßen liegt uns ein Wunderbericht aus dem 12. Jahrhundert vor. Bis ins 16. Jahrhundert hinein wurde die Berührung seines Grabes praktiziert, die Hilfe in Nöten versprach. Fromme Pilger schmückten und küssten seine Bilder, seine Statuen, die Reliquiare und opferten ihm Geld und Kerzen. Korbinian steht dem Gemüt der einfachen Menschen sehr nah. Sein Leben und sein Schicksal sind bestens bekannt. In ihm hat das Volk für seine bedrückenden Nöte einen würdigen Helfer gefunden.

Eine andere Kostbarkeit des Mariendoms bildet ein farbenprächtiges Fresko aus dem Jahr 1724 von Cosmas Damian Asam – einem der wichtigsten Maler und Architekten des süddeutschen Spätbarocks – auf dem zu sehen ist, wie Korbinians sterbliche Hülle in Mais bei Meran aus der Gruft gehoben wird. Sein Leib soll seinerzeit unversehrt, das Antlitz noch rot gewesen sein. In summa ist das erfüllte Leben Saint Corbiniens auf weiteren 20 Fresken im majestätischen Dom dargestellt. Auch nach dessen Tod entwickelten sich die ursprünglich romanische Pfeilerbasilika, spätere Bischofskirche und heutige Konkathedrale »St. Maria und St. Korbinian« sowie deren Diözese weiter. In der Zeit von Ordinarius Arbeo erblühte der Domberg – der sogenannte »Gelehrtenberg« – zu einem einzigartigen Bildungszentrum. König Ludwig II., der Deutsche, und Ludwig IV., das Kind, waren Schüler an der berühmten Freisinger Domschule, der Salierkaiser Konrad II. übergab seinen erstgeborenen Sohn Heinrich III., den Schwarzen von Bayern, zur sorgfältigen Erziehung in die Obhut des kultivierten Bischofs Egilbert von Moosburg (17. Bf v. Freising, 1005-39). Ebenso gehört der 22. Bischof – der Selige Otto von Freising (1137-58) – wegen seiner von ihm verfassten und noch heute studierten Weltchronik (Chronica sive Historia de duabus civitatibus) zu den interessantesten Historiografen des Hochmittelalters.

Korbinians gewissenhafter Biograph Arbeo (gestorben 784) förderte aber nicht nur die Domschule und die bereits im 8. Jahrhundert gegründete Bibliothek mit ihren heute weit mehr als 100 000 Inkunabeln und Bänden, sondern er gilt zudem als fundierter Verfasser des ersten lateinisch-deutschen Wörterbuchs. Überdies ist es sein löblicher Verdienst, zahlreiche Bibeltexte ins Althochdeutsche übersetzt zu haben. Als Bischof übte der Fürstbischof von Freising die geistliche Leitung und die Aufsicht über das Bistum aus, als Fürst regierte er über sein weltliches Herrschaftsgebiet, das Hochstift, das 1802/03 im Zuge der napoleonischen Kriege säkularisiert worden ist.

Viele Besitztümer der Kirche – unter ihnen sämtliche fürstbischöflichen Residenzen – wurden zu jener Zeit enteignet. Sie gelangten an weltliche Landesherren, wie das bis dato reichsfreie geistliche Fürstentum Freising, das der allseits beliebte Kurfürst Maximilian IV. Joseph von Bayern erhielt, der seit dem frühen 19. Jahrhundert im Volksmund gerne: König Max genannt wird (gestorben 1825).

Mehrere Gotteshäuser im Erzbistum München und Freising – wie die neubarocke Kirche im Münchner Stadtteil Untersendling, die gotische Pfarrkirche im oberbayerischen Rechtmehring, die Pfarrkirche in Schwaig (Gem. Oberding) und die im romanischen Baustil erbaute Chorturmkirche in Unterhaching – führen den tugendhaften Gottesdiener als Schutzpatron (Patrozinium). Außerdem ist die dreischiffige Basilika und Stiftskirche in Innichen in Südtirol den Heiligen Candidus und Korbinian geweiht. Sie gilt als bedeutendster Sakralbau romanischen Stils im Ostalpenraum. Obendrein ist die in den 1990er Jahren neuerbaute Bischofskirche in Évry (Cathédrale de la Résurrection d’ Évry) – in deren Diözesangebiet Korbinians Geburtsort liegt –, dem glaubensstarken Kleriker geweiht. Sie besitzt eine wohlgeformte Bronzestatue des selbstlosen Apostels. Darüber hinaus widmeten Gläubige die 2011 neu errichtete Kirche San Corbiano im Stadtteil Infernetto in Rom dem Andenken des Heiligen.

Freising besitzt eine hübsche mittelalterliche Bogenbrücke über die Isar aus dem 14. Jahrhundert – die Korbinianbrücke –, die nach dem menschenfreundlichen Einsiedler aus Melun benannt ist und die in Unterscheidung zur flussabwärts gelegenen Luitpoldbrücke auch Alte Isarbrücke genannt wird. Eine alte Bauernregel zu seinem Gedenktag am 20. November besagt: »An Korbinian fängt das Frieren an!«


Christian Klam

 

46/2015