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Jahrgang 2007 Nummer 43

An Allerheiligen wird der Verstorbenen gedacht

Über viele Jahrhunderte haben sich abergläubische Bräuche entwickelt

Ein geflochtener Kranz mit Buchs und Wildbeeren hängt um ein Marmorkreuz an einem Grab. Am 1. November feiern die Katholiken das

Ein geflochtener Kranz mit Buchs und Wildbeeren hängt um ein Marmorkreuz an einem Grab. Am 1. November feiern die Katholiken das Allerheiligen-Fest, an dem der verstorbenen Familienmitglieder gedacht wird.
Mit Allerheiligen und Allerseelen beginnt der Trauermonat November. Das Totengedenken und die Vergänglichkeit des Lebens stehen im Zentrum der Novemberfeiertage, wenn nach Allerheiligen der Totensonntag, Volkstrauertag, der Buß- und Bettag kommen und schließlich mit dem 1. Advent die Vorweihnachtszeit beginnt. Die Tage werden immer kürzer, Nebel und feuchtes Spätherbstwetter verstärken bei vielen Menschen, die noch mit der Natur verbunden sind, Ernsthaftigkeit und Trauerstimmung. Kinder erleben den November als düsteren Monat, der nur durch die Lichterprozessionen am St.-Martins-Tag (11. November) ein wenig erhellt wird.

Diese düstere Grundstimmung hat in früheren Jahrhunderten zu einem Seelenkult mit vielen abergläubischen Bräuchen geführt, die in den ländlichen katholischen Gegenden alten Menschen noch heute bewusst sind. So pflegte man den toten Seelen, die an Allerheiligen und Allerseelen aus dem Fegefeuer in ihre Häuser zurück kamen, um sich ein wenig auszuruhen, Speis und Trank bereitzustellen. Ein Überbleibsel sind die »Seelen« im Oberschwäbischen: ein längliches, mit Kümmel und Salz bestreutes Gebäck. Sie wurden nur an Allerseelen gebacken. Der Allerseelenzopf oder Seelenbrote gibt es noch in einigen Regionen. 1855 schilderte Karl von Leonprechting das Brauchtum so: »An Allerheiligen opfert jedes Haus einen Teller von Kernmehl und an Allerseelen einen von Muesmehl, Haber und Kern.«

In den Stuben durften früher an Allerseelen keine gefährlichen Gegenstände herumliegen, damit sich die »armen Seelen« nicht verletzen konnten, etwa an einer verkehrt liegenden Ofengabel oder einem offenem Messer. In der Küche wurde peinlichst darauf geachtet, dass keine leere Pfanne auf dem Ofen stand, in die sich eine arme Seele versehentlich setzen und dabei verletzen könnte. Das Herdfeuer brannte Tag und Nacht, damit sich die Seelen auf ihren »Heimatbesuch« wärmen konnten. Kerzen wurden angezündet, um ihnen zum ewigen Licht zu verhelfen.

Ergänzend zu diesen Bräuchen wurden die Gräber der Toten hergerichtet und mit den so genannten Totenblumen geschmückt. Dazu gehörten vor allem die rote Vogelbeere, Heidekraut und der Buchsbaum. Die meist schlichten Grabkreuze wurde mit Efeu verziert, flackernde Grablichter sollten die Seelen anlocken. Abseits der feierlich geschmückten Grabstätten lagen die Gräber der Selbstmörder, auf denen keine Kerzen entzündet werden durften, weil sonst deren Kinder auch zu Selbstmördern werden würden, herrschte der Aberglaube.

Gruseliges wurde von der Nacht zwischen Allerheiligen und Allerseelen erzählt. Wer sich ins Freie wagte, war in großer Gefahr, denn diese Nacht gehörte den Geistern und Dämonen. Die modernen Grusel-Partys an Halloween haben auch in diesem Mythos ihren Ursprung.

Heute wird an Allerheiligen der gestorbenen Familienmitglieder gedacht. Der Besuch der aufwändig geschmückten Gräber ist zum Ritual geworden. Das Fest selbst ist im Jahr 835 als »Fest für alle Märtyrer und Heiliggesprochenen« unter Ludwig dem Frommen in Deutschland als Feiertag eingeführt worden. Das bäuerliche Wirtschaftsjahr endete an Allerseelen, das neue begann am Martinstag. Das erklärt neben den mythologischen Hintergründen, dass an Allerseelen das Säen von Korn und die Jagd auf Gemsen verboten war. Eine alte Bauernregel heißt: »Allerheiligen klar und helle, sitzt der Winter auf der Schwelle.«

Nikolaus Dominik



43/2007