Jahrgang 2009 Nummer 50

Am frühen Morgen zum Engelamt

Der vorweihnachtliche Gottesdienst gehört zum adventlichen Brauchtum

Der Advent war früher keineswegs eine so stimmungsvolle, freudvolle Zeit mit vielen Köstlichkeiten, mit denen wir heute in den Tagen vor Weihnachten verwöhnt werden, denken wir nur an die feinen Produkte aus der Weihnachtsbäckerei. Für unsere Großeltern war der Advent eine Fastenzeit, die 40 Tage dauerte und erst in der Heiligen Nacht, nach der Christmette endete. Die heute allerorten angebotenen, vorweihnachtlichen Genüsse waren ihnen fremd. Der Verzicht auf köstliche Speisen sollte die Besinnung auf das bevorstehende Geburtsfest Christi fördern. Der Advent galt als eine Zeit der Buße und Reue. Deshalb waren auch alle lauten Lustbarkeiten, Tanzvergnügungen und Hochzeitsfeiern untersagt. Die adventliche Stille und Besinnlichkeit sollten nicht gestört werden.

Eine gewisse Feierlichkeit brachte in den besinnlichen Advent aber das tägliche Engelamt, das im 15. Jahrhundert in Bayern üblich wurde. Es wurde an allen Tagen des Advents in früher Morgenstunde in der Pfarrkirche gefeiert und schuf die richtige Einstimmung auf das Weihnachtsfest, weshalb es auch bei den Gläubigen sehr beliebt war.

Es war eine ungeschriebene Regel, dass wenigstens ein Familienmitglied täglich zum Engelamt ging. Meistens erfüllten Kinder oder die Großeltern diese Familienpflicht. Seinen Namen bekam das Engelamt durch das Evangelium, das bei diesem Gottesdienst von der Verkündigung des Herrn durch den Engel Gabriel berichtet.

Das Engelamt war ein sehr feierlicher Gottesdienst mit ausgesetztem Allerheiligsten in der goldenen Monstranz, mit Weihrauch und Orgelspiel, erfreute sich bei den Gläubigen großer Beliebtheit, führte es doch zum Weihnachtsfest hin. In vielen Kirchen zündeten die Frauen auf der Betbank mitgebrachte Wachsstöckl an, die die abgedunkelte Kirche schwach erhellten und in der Kälte auch etwas Wärme spendeten.

Beim Engelamt wurden die alt vertrauten Lieder gesungen, in denen sich die Sehnsucht nach dem verheißenen Erlöser ausdrückte, in Anlehnung an die Worte im alttestamentlichen Buch Jesaja: »Rorate caeli, desuper et nubes pluant justum. Tauet, Himmel, von oben! Ihr Wolken, regnet ihn herab!« Das beliebte deutschsprachige Lied: »Tauet, Himmel, den Gerechten, Wolken regnet ihn herab!« durfte deshalb in keinem Engelamt fehlen. In dem überaus populären Lied war die große Vorfreude auf das Kommen des Herrn bei allen Gläubigen spürbar.

Der niederbayerische Heimatdichter Max Peinkofer erinnert sich in seinen Wintererzählungen an den Weg zum Engelamt in Tittling im Bayerischen Wald: »In Scharen kamen die Markt- und Dorfbewohner herbei zum Engelamt, alle dicht in Tücher und Hauben vermummt und viele vorsorglich ausgerüstet mit der hilfreichen Laterne, wenn etwa Mond und Sterne erloschen waren und es so heftig wachelte, dass man kaum drei Schritte weit sehen konnte. Schnee lag auf den Mützen und Tüchern, Reif hing an Bärten und Kleidern. Immer neue dunkle Gestalten huschten hervor aus der Tiefe der Nacht. Von allen Seiten kamen sie, die guten Rorateleute.«

Die nach dem II. Vatikanischen Konzil unterbrochene Tradition der Engelämter wurde in den letzten Jahren in etwas veränderter Form wieder erneuert. Mit Rücksicht auf die veränderte berufliche Situation der Gläubigen wird es meist am Abend gefeiert. Und wie unsere Vorfahren fühlen sich auch heute viele Menschen zu dem vorweihnachtlichen Gottesdienst hingezogen. Er gehört wieder fest zum adventlichen Brauchtum.


Albert BichlerE



50/2009