weather-image
11°
Jahrgang 2004 Nummer 25

Am 15. Juni 1904 verunglückte die »General Slocum«

Tod vor New Yorks Höllentor – Schiffskatastrophe kostete vielen deutschen Einwanderern das Leben

William Van Schaick, der Kaptiän des abgebrannten und auf Grund gelaufenen Schaufelrad-Dampfers »General Slocum«.

William Van Schaick, der Kaptiän des abgebrannten und auf Grund gelaufenen Schaufelrad-Dampfers »General Slocum«.
Der abgebrannte und auf Grund gelaufene Schaufelrad-Dampfer »General- Slocum« liegt im East River (undadiertes Archivbild). Bei

Der abgebrannte und auf Grund gelaufene Schaufelrad-Dampfer »General- Slocum« liegt im East River (undadiertes Archivbild). Bei dem Schiffsunglück, das sich am 15. Juni 1904 bei einer Flussenge mit dem Namen Hell’s Gate (Höllentor) auf dem East River vor New York ereignete, starben 1021 Frauen und Kinder deutscher Herkunft. Die Glut einer Zigarette hatte während eines Ausflugs des 76 Meter langen und 21 Meter breiten Dampfers einen Brand verursacht, wie eine Untersuchung des Unglücks feststellte.
Die Bordkapelle spielte fast bis zum Schluss, genau wie später jene auf der »Titanic«. Als am 15. Juni vor 100 Jahren das Fahrgastschiff »General Slocum« auf dem East River abbrannte, war das die größte Katastrophe in der Geschichte New Yorks. Die meisten der 1021 Opfer waren Frauen und Kinder deutscher Herkunft.

Lange bewegte das »Slocum Disaster« vor dem Ufer der Bronx bei einer Flussenge mit dem Namen Hell's Gate (Höllentor) die Gemüter - in Amerika ebenso wie in in Deutschland. Es gab eine Untersuchung und ein Aufsehen erregendes Gerichtsverfahren. Präsident Theodore Roosevelt ordnete strengste Sicherheitskontrollen für alle Passagierschiffe an.

Irgendwann aber geriet die Tragödie in Vergessenheit. Erst nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center, bei denen am 11. September 2001 mehr als 2700 Menschen getötet wurden, erinnerten New Yorker Medien kurz an den »Slocum«-Brand - als »die nun nur noch zweitgrößte Katastrophe«.

Dabei zeigte sich, dass die meisten heutigen New Yorker nie von dem verheerenden Schiffsunglück vor der eigenen Haustür gehört hatten. Das will die New York Historical Society nun mit einer Ausstellung und einem Dokumentarfilm über den »Slocum«-Brand und zugleich über »Little Germany« ändern. So wurde vor 100 Jahren jene Gegend an der Lower East Side von Manhattan genannt, die für deutsche Einwanderer die erste Adresse war.

Im heutigen East Village gab es einst die größte Konzentration von Biergärten und Delikatessenläden, Gesangs-, Sport- und Schützenvereinen in ganz Amerika. Gut eine halbe Million New Yorker sprach damals deutsch, und die Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie brachten Woche für Woche Neuankömmlinge.

Ein Zentrum des religiösen Lebens in »Kleindeutschland« war die lutherische Kirche St. Mark an der 6th Street. Einmal im Jahr veranstaltete sie für die Frauen und Kinder eine Dampferfahrt. So auch an jenem verhängnisvollen 15. Juni 1904. Pastor Hass begrüßte alle 1358 Passagiere mit Handschlag, ehe er Kapitän William Van Schaick das Zeichen zum Ablegen gab.

Die Schaufelräder des 76 Meter langen und 21 Meter breiten Schiffes, das auf den Namen des Bürgerkriegshelden General Henry W. Slocum getauft worden war, setzten sich in Bewegung. Auf allen drei Decks herrschte ausgelassene Stimmung. Kinder und Frauen tanzten zu heimatlichen Klängen.

Plötzlich schossen Flammen aus einem Lagerraum. Glut einer Zigarette oder aus der Kombüse hätten unsachgemäß gelagertes Stroh entzündet, stellte die Untersuchung später fest. Löschversuche scheiterten, weil der einzige Schlauch verrottet war und platzte. Auch die Schwimmwesten erwiesen sich als unbrauchbar. Rettungsboote ließen sich nicht aus ihren Verankerungen lösen.

Als der Kapitän den Dampfer endlich vor einer Insel nahe Hell's Gate auf Grund setzte, waren schon etliche Passagiere erstickt. Unfähig zu schwimmen, ertranken hunderte bei schwerem Wellengang, obwohl viele Boote zur Rettung herbeigeeilt waren.

Neben Szenen großen Mutes beobachteten Reporter erschreckende Niederträchtigkeiten. Zu den Helden gehörte ein Polizist, der immer wieder ins Wasser sprang und Trauben von Kindern, die sich an ihm festklammerten, ans Ufer brachte, bis er zusammenbrach. Aber es gab auch Leute in Booten, die zu Tode erschöpften Frauen den Schmuck vom Leibe rissen.

Der Kapitän wurde später zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Für viele Männer, die ihre Frauen und Kinder verloren hatten, war das kein Trost. In den Monaten nach dem »Slocum Disaster« nahmen sich in »Little Germany« etliche Witwer das Leben.

TB



25/2004