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Jahrgang 2013 Nummer 24

Alter Ort - junge, 75-jährige Gemeinde

Das jahrzehntelange Ringen von Marquartstein um Selbstständigkeit

Die Burg Marquartstein war über Jahrhunderte hinweg Sitz eines Pflegegerichts mit Rent-, Maut- und Kastenamt.
Eine alte, gezeichnete Postkarte von Marquartstein, die nach 1911 entstanden sein muss, weil die neue Betonbrücke über die Ache schon zu sehen ist. In der Mitte der Gasthof Prinzregent mit Biergarten und neuem Theatersaal. Nur der Zug stimmt nicht, denn der kommt aus Richtung Schleching.
Das Ölgemälde »Brautschau« von Heinrich von Kralik, etwa aus dem Jahr 1938, das Marquartsteiner Bürger zeigt, von links Georg Aigner, Joachim Gregory, Dominik Mittermaier und Nani Hell (Suffl). Die Witwe des Malers schenkte der Gemeinde dieses Gemälde.
Das 1820 erbaute »Neue Schloss«, das seit 1941 das heutige Staatliche Landschulheim beherbergt.
Die 1936 eingeweihte Pfarrkirche in Marquartstein, wie sie heute aussieht.

Mit ihren gerade mal 75 Jahren ist die Gemeinde Marquartstein eine der jüngsten Gemeinden im Landkreis. Der Ort ist natürlich bereits sehr viel älter und war über Jahrhunderte hinweg Mittelpunkt des südlichen Chiemgaus. Die Burg Marquartstein thront schon gut über 900 Jahre auf dem Felskegel am Fuße des Hochlerchs und Schloss Niedernfels ist bereits im Jahre 988 urkundlich erwähnt, sodass man eigentlich vom 1025-jährigen Bestehen sprechen könnte. Dennoch hat es Jahrzehnte gedauert, bis Marquartstein endlich politische Gemeinde werden konnte.

Die Burg Marquartstein war über Jahrhunderte hinweg Sitz zuerst eines herzoglichen, dann eines kurfürstlichbayerischen Pflegegerichts mit Rent-, Maut- und Kastenamt. Sie war damit der Mittelpunkt eines Verwaltungsbezirks, der über das Achental hinaus bis Siegsdorf und Grabenstätt reichte. Nach der Gründung des Königreichs Bayern kam es zu einer Neuordnung der politischen Verhältnisse: das Gericht wurde aufgelöst und kam zum Gerichtsbezirk Traunstein, die Burg in Privatbesitz. 1818 wurde aus den früheren Hauptmannschaften des Gerichtsbezirks Landgemeinden gebildet, und die Kirchdörfer Grassau, Staudach, Unterwössen, Oberwössen, Reit im Winkl und Schleching zu Gemeinden erhoben. Die Burg mit Umland und alles was östlich der Achen lag, gehörte zur Gemeinde Unterwössen und die anderen, westlich der Achen gelegenen Orte, Weiler und Einöden kamen zu Grassau oder Schleching. Die Burg war nunmehr Sitz des Forstamtes und eines Archivamtes. Im Jahr 1808 verlegte man auch das Forstamt nach Traunstein, bis 1822 ein neues Forstamt auf dem Hügel beim Bahnhofsgelände gebaut wurde. Bis 1885 schien jedermann mit dieser Situation zufrieden zu sein.

Bau der Lokalbahn Übersee-Marquartstein

1884 änderten sich die Verhältnisse vor allem dadurch, dass von der Bahnstation Übersee eine Lokalbahn nach Marquartstein gebaut wurde. Der Endpunkt der Bahn lag zwar im Ortsteil Loitshausen der Gemeinde Grassau, aber in den Fahrplänen und Kursbüchern stand der klangvollere Name Marquartstein, sodass die Namen Grassau und Unterwössen gar nicht auftauchten. Wegen der leichten Erreichbarkeit mit der Bahn kamen nun die »Sommerfrischler« in Scharen, und die »besseren Herrschaften« bauten sich Landhäuser und Villen. Der Tourismus setzte ein: Hotels, Gasthäuser, Pensionen machten den Ort zum »Kurort«.

Ab 1891 nahmen die Bemühungen zur Bildung einer selbstständigen Gemeinde in Marquartstein konkrete Formen an. Der Mühlenbesitzer Simon Hell gründete eine Interessengemeinschaft, die bereits am 28. März 1891 einen Antrag an das Bezirksamt Traunstein stellte, alle um die Marquartsteiner Achenbrücke gelegenen Ortschaften aus dem Bestand ihrer Gemeinden zu lösen und zu einer selbstständigen Gemeinde Marquartstein zusammenzuschließen. Neben vielen anderen Gründen (Sitz zweier staatlicher Forstämter, eigene Feuerwehr, eigener Schulsprengel und Vereine) wurde natürlich vor allem mit der Lokalbahn argumentiert: »Marquartstein und Loitshausen sind seit dem Eröffnen der Lokalbahn in stetem Aufblühen begriffen und zählen zu den beliebtesten Sommerfrischen«, heißt es in dem Antrag. Auch die Gründung des Landschulheims im Jahr 1928 durch Hermann Harless ist eng mit den nun günstigen Bahnverbindungen verwoben.

Aber erst einmal stimmte nur Schleching dem Antrag Marquartsteins zu, Unterwössen und Grassau aber nicht. Das verzögerte die Sache erheblich. Das Königliche Staatsministerium des Inneren war im Februar 1892 gezwungen, dem Antrag nicht statt zu geben, »obwohl der Anregung eine gewisse Bedeutung nicht abgesprochen werden könne«.

Die natürliche Entwicklung ließ sich jedoch nicht aufhalten. Die finanzielle Leistungsfähigkeit Marquartsteins wuchs, besonders wegen des zunehmenden Tourismus. Die Einnahmen aber wurden zum großen Teil von den Muttergemeinden abgeschöpft.

Nach 1918 neue Gemeindeordnungen

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 wurde die Monarchie gestürzt, und die Gemeinden im Freistaat Bayern bekamen eine neue Gemeindeordnung. 1919 schon stellten die Marquartsteiner links der Ache an die Ortschaft rechts der Ache den Antrag, darauf hinzuwirken, als selbstständige Gemeinde neu gebildet zu werden. Einer, der die Sache entscheidend vorantrieb, war der Kaufmann Johann Baptist Hecht rechts der Ache, der von 1898 bis 1933 zweiter Unterwössener Bürgermeister war. Er führte nach und nach eine nirgendwo gesetzlich vorgesehene Gemeindeverwaltung in Marquartstein ein, zum Beispiel ein eigenes Dienstsiegel, unter dem er mit den Behörden korrespondierte und das er mit seinem Namen und dem Zusatz »Bürgermeister in Marquartstein« unterzeichnete. 1924 berief Hecht die »Einwohner des Schulsprengels Marquartstein « zusammen, um die »Gründung einer selbstständigen Gemeinde Marquartstein« voranzutreiben. Sich selbst bezeichnete Hecht dabei als »Ortsführer«. Es sollte noch weitere 14 Jahre dauern, bis Marquartstein seine Selbstständigkeit endlich zugesprochen bekam, was sich hervorragend im Artikel der neuen Festschrift »Das Flügelrad als politischer Geburtshelfer« von Hans Daxer, ehemaliger Bürgermeister von Marquartstein, nachlesen lässt.

Grassau und Unterwössen wehrten sich jedenfalls kräftig, Marquartstein aus ihrer Abhängigkeit zu entlassen. 1936 schrieb Dr. Karl Rüdiger Freiherr von Ribaupierre-Rappoltstein nach einem erneuten abschlägigen Bescheid des Bezirksamts Traunstein an Paul Riedinger, den Nachfolger Johann Baptist Hechts, der sich ebenso wie sein Vorgänger für die Selbstständigkeit Marquartsteins einsetzte: »Ich schlage Ihnen vor, trotz des ablehnenden Bescheides des Bezirksamts vom 26. Februar 1936 die Sache nicht liegenzulassen. Schreiben Sie an das Bezirksamt, es handle sich um einen dringenden Fall, bei welchem eine Ausnahme von der Ministerialentscheidung vom 8. Juli 1935 vertretbar ist… Schreiben Sie, Sie hätten einen Abdruck der Eingabe dem Reichsstatthalter unmittelbar zur einstweiligen Kenntnisnahme eingereicht... .«

»Drei Gemeinden amputiert«

Am 5. März 1936 schickte Riedinger das Gesuch ab, ein gutes Jahr später, am 12. Juli 1937, kam die Antwort des Reichsstatthalters: »Betreff: Neubildung einer Gemeinde Marquartstein. Aufgrund der §§ 10 und 15 DGO. verfüge ich: 1. Mit Wirkung vom 1. April 1938 werden ausgegliedert und zu einer neuen Gemeinde zusammengeschlossen…«. Verkürzt dargestellt wurden aus der Gemeinde Unterwössen die Ortsfluren Marquartstein, Hängthal und Freiweidach mit einigen kleinen Ausnahmen der neuen Gemeinde Marquartstein zugeordnet. Aus der Gemeinde Grassau die Ortsflur Loitshausen, Pettendorf und Piesenhausen sowie die zum Bahnhof gehörenden Grundstücke der »Deutschen Reichsbahn«, aus der Gemeinde Schleching die Ortsfluren Lanzing, Mooshäusl, Süssen, Vogllug, Donau, Oed, Entlehen, Holzen, Dicking, Streunthal, Loitshausen, Laimgrub und Wuhrbichl sowie Teile der Ortsflur Raiten.

Die Traunsteiner Zeitung, das heutige Traunsteiner Tagblatt titelte damals »Drei Gemeinden amputiert, eine vierte neu gegründet«. Die neue Gemeinde hatte damit eine Gemarkungsfläche von 380 Hektar und insgesamt 980 Einwohner. Anders waren die Abgrenzungen der kirchlichen Gemeinde. So gehört der Ortsteil Niedernfels noch heute zur katholischen Pfarrgemeinde Grassau.

Die politische und rechtliche Lage 1937 verbot es den Muttergemeinden, gegen diese Entscheidung anzugehen. Allerdings musste sich Marquartstein nach dem Ende des »Dritten Reiches« den Vorwurf anhören, sie sei eine »Nazi-Missgeburt«. »Die Revision der Gemeindegründung, die damals vereinzelt in die Diskussion geworfen wurde, fand allerdings nicht statt«, schreibt Hans Daxer in der Festschrift zum 75-jährigen Jubiläum der Gemeinde Marquartstein, das an diesem Wochenende im Festzelt hinter dem Rathaus gefeiert wird. Am 1. April 1962 wurde auch noch Niedernfels nach Marquartstein umgemeindet.

Am 12. April 1938 fand die erste offizielle Gemeinderatssitzung unter Leitung von Karl Rüdiger Freiherr von Ribaupierre statt. Er hatte am 1. September 1937 ein Schriftstück vom Bezirksamt Traunstein gesandt bekommen, das ihn »…bis zur ordnungsgemäßen Berufung der Amtsträger der neuen Gemeinde als Beauftragter bestellt, der alle Aufgaben der Gemeinde wahrzunehmen hat.«. Die erste Sitzung des Gemeinderats befasste sich ausschließlich mit der Erhebung von Steuern, angefangen von der Biersteuer, über Hundesteuer, Vergnügungssteuer etc. Die erste Bürgerversammlung, damals noch Gemeindeversammlung bezeichnet, gab es dann am 15. Mai 1938. Schon damals beschäftigte man sich mit dem Für und Wider von »Lichtreklame«, setzte einen sogenannten »gemeindlichen Baumwart« ein und errichtete eine »gemeindliche Müllabfuhr«, mit Hilfe des Fuhrunternehmers Aigner.

 

Christiane Giesen


Quellen:
Festschrift zum 50-jährigen Bestehen
der Gemeinde Marquartstein und Festschrift
zum 75-jährigen Bestehen.
Die historischen Fotos sind der Häuserchronik
der Gemeinde Marquartstein
von Sepp Bock entnommen.

 

24/2013