Jahrgang 2009 Nummer 29

Als die Kaiserglocke »Die Stürmerin« ihren Klang verlor

Sie stammt noch aus dem Mittelalter

Die Kaiserglocke »Die Stürmerin«

Die Kaiserglocke »Die Stürmerin«
Die Glocke, im Volksmund »Der Sturmerer« genannt, geht zurück auf Kaiser Ludwig der Bayer, 1314-1347, und die Auseinandersetzung um die Königsherrschaft. Gegenkönig war sein Vetter Friedrich der Schöne von Österreich. Die Schlacht 1322, bei Ampfing/Mühldorf, brachte die Entscheidung zu Gunsten Ludwigs.

Aus Dank wurde die große Glocke »Die Stürmerin«, auch Kaiserglocke, von ihm, seinem getreuen Feldhauptmann Seyfried Schweppermann, dem großem Kastler Abt Hermann, 1322-1356, gestiftet. Sie ertönte zum ersten Male am 6. Januar 1323, vom Turm der damaligen Klosterkirche zu Kastl im Nordgau (bei Amberg). Tags zuvor verlieh Ludwig der Bayer den Ort Kastl das Marktrecht.

An diesen 6. Januar des Jahres 1323 kam Kaiser Ludwig der Bayer, umgeben von einer Schar seiner Tapferen und Getreuen in die Abteikirche des Benediktinerkloster St. Peter Kastl, um den Sieg am 28. September 1322, über seinen Vetter Friedrich den Schönen von Österreich, zu feiern. Ludwig der Bayer weilte öfter und gerne in Kastl. Im Jahre 1319 war er in Begleitung der Familie hier. Die kleine dreijährige Tochter Anna erkrankte und verstarb während dieses Aufenthalts im Kloster. Sie wurde einbalsamiert und ist dort heute als Mumienkind zu sehen.

Im Januar 2007 ist die größte Kastler Glocke gesprungen und durfte nicht mehr geläutet werden, das nach fast 700 Jahren. Bei der Begutachtung des Schadens zeigte sich, dass der Klöppel zu hart und der Läutwinkel zu groß war, sodass eine übermäßige Beanspruchung vorlag. Dies geht wahrscheinlich auf die Jahre 1952/53 zurück, als der felsige Untergrund in Bewegung geriet und der Turm bis zur Höhe der Kirche abgetragen und wieder aufgebaut wurde. Das alte mächtige Gebälk im Glockenstuhl ist damals entfernt und ersetzt worden. Nach einer jetzigen fachlichen Untersuchung wurde eine deutliche Überlastung festgestellt. Die Klosterkirche zu Kastl hatte ursprüngliche Zwillingstürme, wie bei den Benediktinerklöstern üblich. Überraschend stürzte 1264 der nördliche von den Türmen ein (wurde nie wieder aufgebaut) und beschädigte einen Klosterflügel sowie den Chor.

Das Geläut der heutigen Pfarrkirche zu Kastl (seit 1808) besteht aus vier mittelalterlichen Glocken, die den Lauf der Geschichte unbeschadet überstanden. Nur eine kleinere Glocke aus dem 15. Jahrhundert fiel dem Glockenwahn der Nazizeit zum Opfer. Vielleicht verdankte es dem Umstand, dass das Kloster bei der Säkularisation in den Besitz des Landes Bayern kam. Von diesen Glocken stammt die Stürmerin aus dem Jahre 1322, mit 2740 kg Gewicht, die Petersglocke aus dem Jahre 1312 mit 1380 kg, die Marienglocke ebenfalls aus dieser Zeit. Die kleine Glocke mit 250 kg, ist die älteste des Esembles. Aufgrund ihrer Form und Gestalt kann sie sicher in das 13. Jahrhundert datiert werden.

Nach Aussage des Glockensachverständigen der Diözese Eichstätt (in der die Pfarrei Kastl liegt), handelt es sich daher um ein kulturhistorisches herausragendes Glockenesemble, das in der deutschen Glockenlandschaft eine bedeutende Stellung einnimmt. Bestätigt wird diese Einschätzung durch Claus Peter, Mitglied im Beratungsausschuss für das deutsche Glockenwesen und ausgewiesener Experte im Bezug auf historische Glocken und Glockendenkmalpflege. Nach ihm ist das Kastler Geläute, mit seinem vier Glocken, das größte geschlossen erhaltene mittelalterliche Glockenesemble des Süddeutschen Raumes, wahrscheinlich darüber hinaus.

Von diesen Glocken ragt »Die Stürmerin« in besonderer Weise heraus. Sie erinnert heute noch, nach fast 700 Jahren, an die Auseinandersetzung bei Ampfing/Mühldorf im Jahre 1322. Ebenso an Kaiser Ludwig der Bayer und seinen Getreuen Feldhauptmann Seyfried Schweppermann, der in der Klosterkirche zu Kastl begraben wurde. Er stammte aus dieser Gegend. Die Glocken sind früher durch Seile mit der Hand jeweils einer Person, geläutet worden. Bei der »Stürmerin« konnte dies, wegen ihrer Größe und Gewicht, nur ein sehr kräftiger Mann um sie richtig in Schwung zu bringen. Sie war aber auch, durch ein gegenüberliegendes Seil, mit zwei Personen zu läuten.

Zur Entlastung des mittelalterlichen Geläutes soll der Bestand um zwei Glocken erweitert werden. Der Benediktusglocke mit 1500 kg Gewicht, mit der Inschrift »ut in omnibus glorificetur Deus« (damit im Allem Gott verherrlicht werde), sowie die Menschwerdungsglocke mit 480 kg. Eine Familie stiftete dazu die Auferstehungsglocke mit 350 kg. Aus diesem Grund informierte der Glockenfreund Walter Kleinheinz aus Amberg, der schon eine CD vom Kastler Glockenschlag herausbrachte, im Rahmen einer Audienz Papst Benedikt XVI. persönlich von dem Vorhaben. Dieser war vom großen Engagement der Kastler beeindruckt. Er erläuterte bei der Audienz, dass in Kastl wohl bekannt sei, (wahrscheinlich von seiner Zeit in Regensburg). Besonders erfreut war er, dass die größere der beiden neuen Glocken das Patrotinium des Hl. Benedikt vorgesehen ist.

Anfangs April 2009 war der Gerüstaufbau und Wandausbruch der Glockenstube am 20. April Abnahme der Stürmerin und der Petersglocke (diese zum überprüfen) vom Turm der Klosterkirche und Transport in die Glockenschweißerei nach Nördlingen. Mit dem Guss der neuen Glocke wurde die Glockengießerei Bachert, Karlsruhe, beauftragt. Die liturgisch Indienstnahme des Geläutes am Samstag den 25. Juli 2009, wo sie in einer feierlichen Glockenvesperihren Bestimmungen übergeben werden. Mit diesen Maßnahmen hofft man die mittelalterlichen Glocken auch weiterhin erhalten zu können.


Siegfried Moll



29/2009