Jahrgang 2009 Nummer 14

Als die Blutenburg noch Blütenburg hieß

In ihren Mauern lebten die Münchner Herzöge Albrecht III. und Sigismund

Schloss Blutenburg, Lithographie von Carl August Lebschée, 1830.

Schloss Blutenburg, Lithographie von Carl August Lebschée, 1830.
Die Schlosskapelle Blutenburg.

Die Schlosskapelle Blutenburg.
Das im Westen von München gelegene Schloss Blutenburg verdankt seine Entstehung dem einstigen Wildreichtum der umliegenden Wälder sowie dem Fischreichtum der Würm und anderer kleiner Gewässer. Es war ursprünglich ein Jagdschloss der Münchner Wittelsbacher Herzöge, zu dem der alte Name Blütenburg viel besser passte als die später zu Blutenburg verballhornte heutige Bezeichnung.

Kern der Schlossanlage ist die Hauptburg, die von einer zweigeschoßigen Ringmauer mit vier Wehrtürmen geschützt wird. Zwischen den beiden Türmen im Vordergrund schirmt ein Wohngebäude die Hauptburg ab, der sogenannte Ostbau. Im Gegensatz zu den anderen zinnenbekrönten Wehrtürmen trägt der rechte Turm des Ostbaus ein Zeltdach, unter dem sich die alte Burgkapelle befand. Türme und Satteldach des Ostbaus verdecken ein weiteres Wohngebäude, das heutige Herrenhaus mit seinem mächtigen Walmdach. Ostbau und Herrenhaus waren die Wohngebäude von Herzog und Hofstaat, was ihren wehrhaften Charakter verständlich macht.

Auch die Vorburg umfasst mehrere Bauteile. Sie war ursprünglich durch einen quer verlaufenden Wassergraben von der Hauptburg getrennt. Der langgestreckte Ökonomietrakt hat nicht nur Fensteröffnungen, sondern auch Schießscharten und ist von zwei zinnenbekrönten Türmen begrenzt. Hinter dem langen Satteldach des Wirtschaftstraktes erhebt sich der fünfgeschoßige Torturm. Er wird überragt vom Turm und dem steilen Satteldach der Kapelle des heiligen Sigismund, der Blutenburger Schlosskapelle. Außerhalb der Schlossmauern liegt vor dem Torturm das Anwesen des Hofbauern, der den zum Schloss gehörenden Grund und Boden bewirtschaftete.

Die erste urkundliche Nennung der Blutenburg stammt aus dem Jahre 1432 und steht in Zusammenhang mit dem Herzogsohn Albrecht, dem späteren Herzog Albrecht III. von Bayern-München, der durch seine Liebe zur Straubinger Baderstochter Agnes Bernauer in die Geschichtsbücher eingegangen ist. In einer Urkunde aus dem Jahr 1433 ließ er der Bernauerin ein Anwesen aus Kirchenbesitz in Untermenzing überschreiben, wohl als Geschenk an die ihm heimlich angetraute Gemahlin. Vermutlich hat das junge Paar die Blutenburg als Zufluchtsburg gewählt, nachdem Albrechts Vater Herzog Ernst es strikt ablehnte, dass sein einziger Sohn und Thronerbe eine Bürgerliche zur Frau nahm, denn die Kinder aus einer solchen Verbindung wären nicht erbberechtigt gewesen. Das hätte letztlich das Ende des oberbayerischen Teilherzogtums bedeutet – es wäre unter die ungeliebten wittelsbachischen Verwandten in Ingolstadt und Landshut aufgeteilt worden. Um das zu verhindern, nutzte Herzog Ernst einen Besuch Albrechts im fernen Landshut zu einer schrecklichen Tat. Er ließ Agnes Bernauer, die ihrem Mann zwei Kinder geschenkt hatte, wegen Hexerei zum Tode verurteilen und in der Donau ertränken.

Unter Albecht wurde die Blutenburg ausgebaut und erweitert. Albrecht erwarb vom Kloster Wessobrunn mehrere Güter im nahen Menzing und fasste Obermenzing und Pipping zur Hofmark Menzing zusammen. Schloss Blutenburg, nun meist Schloss Menzing genannt, bildete den Mittelpunkt und den Verwaltungssitz. Als autarke Hofmark konnte der Besitz künftig je nach Bedarf zur Ausstattung eines Familienmitglieds oder als Ruhesitz, aber auch als Pfand in Notzeiten dienen.

Nach dem Tod der Bernauerin versiegen für einige Jahre die Blutenburger Archivquellen. Erst als sich Albrecht mit seinem Vater wieder versöhnt hatte und die standesgemäße Anna von Braunschweig heiratete, liest man von weiteren Bauarbeiten im Schloss. Zunächst dürfte Albrecht mit seiner zweiten Frau zumindest zeitweise in Blutenburg gewohnt haben. Doch schon ein Jahr nach der Hochzeit starb der Vater und Albrecht musste seine Nachfolge antreten. Die zwei Kinder aus seiner ersten Ehe wuchsen am herzoglichen Hof in München auf. Der Sohn wurde Geistlicher und Domherr in Freising, die Tochter ging eine Ehe mit einem herzoglichen Leibarzt ein.

Die Blutenburger Schlosskapelle ist heute das Ziel vieler Kunstinteressierter und eine beliebte Kirche für Trauungen. Sie wurde erst von Albrechts Sohn, dem Herzog Sigismund, im Jahre 1488 gebaut. Er war ein großer Bauherr, der auch den Grundstein für die Münchner Liebfrauenkirche legte. Die Kapelle in Blutenburg sollte die Hauskirche Sigismunds werden. Hier ließ er »mit einem eigenen Klerus und mit Chorsängern festliche Gottesdienste feiern und die kirchlichen Tagzeiten singen«, wie Ulrich Füetrer schreibt. Um die Kapelle in die Vorburg zu integrieren, musste die nordwestliche Wehrmauer an dieser Stelle abgebrochen werden. Der Baukörper mit dem steilen Satteldach ist durch Strebepfeiler gegliedert. Auf der Eingangsseite im Süden haben sich Reste der alten Bemalung erhalten. Die Ausstattung der Kapelle gilt als eine der besterhaltenen des späten Mittelalters. Der Hochaltar ist ein Flügelaltar, die zwei Seitenaltäre sind Bildaltäre. »Hochgipfelndes ästiges Sprengwerk über Kielbogenrahmen ist allen Altären gemeinsam, die sich zu symmetrischen Dreiheit verbinden und sich blickfangend dem Eintretenden entgegenwenden« (Alexander von Reitzenstein).

Das Hochaltarbild zeigt die heilige Dreifaltigkeit in der Form des sogenannten Gnadenstuhls: Gott Vater mit der Taube auf der Schulter hält den geliebten Sohn in den Armen. Auf den Seitenflügeln sind die Taufe Christi und die Krönung Mariens dargestellt. Die Seitenaltäre zeigen die Verkündigungszene und Christus als König. Die Gemälde stammen aus der Künstlerwerkstatt des in München und Freising tätigen polnischen Malers Jan Polack. Äußerst qualitätvolle Arbeiten sind die freistehenden Apostelfiguren an den Wänden des Altar- und Kirchenraums, wie sie in dieser Zeit sonst nur in Bischofskirchen und großen Klosterkirchen vorkommen. Ihr Künstler ist unbekannt, die frühere Zuschreibung an Erasmus Grasser wird heute aus stilistischen Gründen nicht mehr vertreten.

Sowohl an der Außenwand wie an den Innenwänden der Kapelle finden sich zahlreiche Wappenschilder des Hauses Wittelsbach und verwandter europäischer Herrscherhäuser. In ihrer Gesamtheit bilden sie eine repräsentative Selbstdarstellung der Familie, eine Art sakraler Wappensaal. Ohne Zweifel hat Sigismund dieses Bildprogramm für die Schlosskapelle persönlich entworfen. Am rechten Außenflügel des Hochaltars ist er selbst dargestellt, wie er an einem Betpult kniet und zu St. Sigismund, seinem Namenspatron, um Fürbitte fleht.

Die Blutenburg war Sigsimunds bevorzugter Aufenthaltsort, und als er nach nur sieben Jahren zugunsten seines Bruders Albrecht IV. auf die Regierung verzichtete, wählte er das Schloss zu seinem Alterssitz. »Hier war’s ihm wohl mit schönen Frauen und mit weißen Tauben, Pfauen, Meerschweinchen, Vögeln und allerlei seltsamen Tierlein, auch mit Saitenspiel«, schreibt der zeitgenössische Chronist Veit Arnpeck. Eine bereits verabredete Ehe mit der Tochter des Kurfürsten von Sachsen konnte Sigismund infolge Geldmangels nicht eingehen, dafür lebte er in einer festen Verbindung mit einer Bürgersfrau, die verheiratet war und drei Kinder hatte.

Nach dem Tod Sigismunds im Jahre 1501 fiel das Schloss an Albrecht IV. zurück, der es wie seine Nachfolger als Jagdschloss nutzte. Einige Jahrzehnte lang befand es sich im Besitz eines Hofbeamten, im Jahre 1825 wurde es verstaatlicht. Weitere Besitzer waren die Englischen Fräulein und die Schwestern des Dritten Ordens. Seit 1983 beherbergt Schloss Blutenburg nach gründlicher Renovierung die Internationale Jugendbibliothek.

Julius Bittmann



14/2009