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Jahrgang 2015 Nummer 18

Als die Amis kamen – Einmarsch und Befreiung 1945

Am 3. Mai 1945 wurde Traunstein kampflos den Amerikanern übergeben

US-Panzer in Seebruck

Im Frühjahr 1945 zeigten sich die ersten Vorboten des amerikanischen Vormarsches auf den Chiemgau. Fliegerstaffeln warfen auf dem Rückweg von ihren Einsätzen ungezielt ihre Bombenreserven über dem Chiemsee ab, die vereinzelt auch über Siegsdorf und Haslach niedergingen und erste Todesopfer und Sachschäden forderten.

Die Menschen verloren angesichts der Bombenabwürfe zunehmend jegliche Zuversicht und das Vertrauen in die politische und militärische Führung. Der Bericht der Gendarmeriestation Übersee vom 24. April 1945 gibt mit erstaunlicher Offenheit die Stimmung der Bevölkerung unmittelbar vor dem Kriegsende wieder: »Viele Volksgenossen sehnen die Amerikaner geradezu herbei, weil sie der Hoffnung sind, dass dann wenigstens das weitere sinnlose Morden des Volkes ein Ende nehme. Das ganze gegenwärtige Geschehen wird nur mehr als Wahnsinn bezeichnet. Die Erbitterung über die für die weitere sinnlose Fortsetzung dieses aussichtslosen Krieges Verantwortlichen ist ungeheuer.«(1)

Am 18. und 25. April 1945 folgten die gezielten Angriffe auf Traunstein und schufen vor allem im Bereich des Bahnhofs nach den Worten des evangelischen Stadtpfarrers Ludwig Nicol »ein Bild grauenvoller Verwüstung. Das Bahnhofsgebäude war nur noch ein Trümmerhaufen. Die Gleisanlagen hatten sich in einen wirren Knäuel von verbogenen Eisenbahnschienen und Trümmerstücken aller Art verwandelt. Das bedeutete, dass der Eisenbahnverkehr auf Monate hinaus unmöglich geworden war.«(2) Mehr als einhundert Personen verloren ihr Leben. Unvermittelt wurde die Stadt Traunstein an diesem Tag von den Wirkungen des Krieges eingeholt, sie wurde Opfer der allgemeinen Verwüstung. Traunstein war zum Kriegsschauplatz geworden.

Die Reaktion der nationalsozialistischen Presse ist zusammengefasst in der Klage über den »anglo-amerikanischen Terrorangriff«, und der nationalsozialistische Kreisleiter beschwor beim Begräbnis der Opfer unbeirrt den Glauben an den Führer Adolf Hitler, »dessen Leben in der Hand des allmächtigen Schöpfers gesichert ist und dessen gottbegnadete Persönlichkeit uns durch alle Stürme hindurchführen wird in den sicheren Port einer besseren und glücklicheren Zeit.«(3) Der Kreisleiter konnte nicht ahnen, dass Hitler selbst wenige Tage später sich der Verantwortung für die Zerstörungen durch Selbstmord entziehen würde, und vielleicht wusste er auch nichts vom sogenannten »Nero-Befehl« des Führers, demzufolge alle kriegstauglichen Verkehrs-, Nachrichten- und Versorgungsanlagen zu vernichten waren. Nach Ansicht Hitlers war mit dem Krieg auch das deutsche Volk verloren, auf dessen Lebensgrundlagen keine Rücksicht mehr zu nehmen war. Die Vernichtung des eigenen Volkes war zum Programm des nationalsozialistischen Regimes geworden. Entsprechend ordnete Himmler an: »Aus einem Haus, aus dem eine weiße Fahne erscheint, sind alle männlichen Personen zu erschießen.«(4)

Diese Form des Terrors gegen die eigene Bevölkerung weckte den Widerstand von Wehrmachtsangehörigen und Traunsteiner Bürgern, denen es gelang, Soldaten der Genesungskompanie als nicht kriegsverwendungsfähig zu beurteilen, wehrfähige Soldaten aus dem Heeresdienst zu entlassen und somit die für eine Verteidigung der Stadt vorgesehenen Kampftruppen zu schwächen, darüber hinaus durch gezielte Desorganisation Verteidigungsmaßnahmen hinauszuzögern und Brückensprengungen zu verhindern.

Schließlich veranlassten der Zeitungsverleger Anton Miller, der Forstmeister Dr. Otto Geiß und der Traunsteiner Rechtsanwalt Dr. Karl Merkenschlager den Aushang eines Plakates, das die kampflose Übergabe der Stadt verkündete.

Der NS-Kreisleiter und die örtliche Wehrmachtsführung reagierten mit einem Gegenplakat: »Ob Traunstein verteidigt wird oder nicht, ist allein Entscheidung der Wehrmachtsführung!« Die Lage war also aufs äußerste gespannt. Die Unterzeichner des ersten Plakates kamen vor eines der fliegenden Sondergerichte, die gegen Defätismus und Wehrzersetzung eingerichtet waren, sie entgingen jedoch glücklicherweise der sofortigen Hinrichtung. Wie groß die Gefährdung war, zeigt das Beispiel aus Eisenärzt, wo der Hauptmann Franz Holzhey eine Rote-Kreuz-Tafel aufgestellt hatte und umgehend auf Befehl eines kommandierenden Generals T. des 82. Armeekorps, der selbst eiligst weiter flüchtete, standrechtlich erschossen wurde.(5)

Noch einmal zeigte das nationalsozialistische System sein wahres Gesicht, als Anfang Mai 1945 Kolonnen erschöpfter und hungernder Menschen durch den Chiemgau zogen: KZHäftlinge, die meisten von ihnen ungarische Juden, auf einem der vielen Todesmärsche, die aus Auschwitz kommend über Buchenwald, Flossenbürg oder Plattling von ihren SSWächtern in Richtung des KZ Ebensee getrieben wurden. Im Pfarrbezirk Schnaitsee wurden 12 KZ-Gefangene, in der Nähe von Obing zwei weitere von ihren SS-Wächtern erschossen. Am 2. Mai 1945 gelangte eine erste Kolonne von Gefangenen nach Traunstein.

In der Erinnerung der damals noch jungen Rosemarie Geiss ergab sich folgendes Bild: »Es war so seltsam still geworden, nachdem zuvor immer ein Fahrzeug- und Menschenstrom sich durch Traunstein nach Osten zu bewegte. In diese Stille fiel das Schlurfen von vielen müden Füßen. Als ich aufschaute, packte mich ein völlig irreales Entsetzen. Da kam ein Zug graugesichtiger, hohlwangiger, zerlumpter Menschen – ich erinnere mich nur an Männer – über den Stadtplatz daher, langsam und wankend. Der Zug wurde flankiert von Uniformierten mit übergehängten Gewehren. Es war wie in einem Alptraum. Und wie in solch einem bösen Traum war ich – die anderen Frauen auch – wie erstarrt, unfähig zu irgendeiner Bewegung oder Lautäußerung. Ja, was hätten wir auch tun können für diese armen Menschen, vor denen ich gleichzeitig Angst hatte? Als ich meinem Vater von diesem geisterhaften Zug erzählte, sagte er mit seltsam gepresster Stimme, das seien wohl KZ-Häftlinge gewesen«.

Auch Sepp Schwankner erinnerte sich: »Die sind durch die Maxstraße gezogen. Sie hatten Sträflingskleidung an, SS vorne und hinten. Sie waren bewacht. Und die Leute haben gesehen, dass die wirklich schlecht drauf waren. Sie haben gebeten: 'Gebt uns was zu trinken oder ein Essen'. Da haben Leute denen Brot gegeben. Da sind die SS sofort hin: 'Das sind Verbrecher, große Verbrecher. Ihr dürft denen nichts geben!' Sie haben gedroht. SS hat uns bedroht. Aber wir haben es trotzdem gemacht. Der Krieg ist an uns vorbeigezogen. Das war tragisch. Das war beschämend. Wir haben gesagt: 'Was macht Ihr mit den Leuten? Kommen sie …?' Sie haben sie durch Traunstein getrieben und dann sind sie da draußen erschossen worden.«(6)

Die Häftlinge wurden von den Umstehenden angestarrt, bemitleidet oder verspottet. Einige wenige versuchten ihnen zu helfen. Fluchtversuche wurden gedeckt oder verraten. Als die Häftlinge Traunstein verlassen hatten, wurden sie nahezu vollzählig bei Surberg von ihren Wächtern hingerichtet. Der Surberger Pfarrer Stefan Wachinger berichtete an das Ordinariat: »Nur bei dem Dorfe Lauter geschah eine entsetzliche Bluttat. Am 1. Mai wurden von einer dort einquartierten SS-Abteilung in einem Wäldchen 69 politische Häftlinge, die aus einem Konzentrationslager hierher getrieben waren, kurzerhand erschossen. Die Bauern des Dorfes haben die Toten nach dem Abzug der Scheusale in fünf Gräbern an Ort und Stelle beerdigt.«

Am gleichen Tag, an dem Traunstein den heranrückenden amerikanischen Truppen kampflos übergeben und somit vor weiterer Bombardierung und Zerstörung bewahrt wurde, endete bei Surberg der Todesmarsch der KZ-Häftlinge. Die Stadt hat am Ende des Krieges das ganze Ausmaß des nationalsozialistischen Terrorsystems erlebt: Rassismus, Menschenverachtung und willkürliche Vernichtung.

Die Einmarschberichte(7) der Ortspfarrer an das erzbischöfliche Ordinariat vermitteln ein anschauliches Bild von einer Situation des militärischen, wirtschaftlichen, geistigen und moralischen Bankrotts am Kriegsende und von Gefährdung, Widerstand und Rettung.

Ising, Expositus Georg Pfister: »Es war erschütternd, wie in den ersten Maitagen die letzten Soldaten der Deutschen Wehrmacht Dörfer und Straßen durchzogen. Draußen Regen und Schnee, drinnen die Herzen voll Trostlosigkeit und Not. Kein Ziel und keine Heimat, sinnlos die ganze Welt. In dieser Sinnlosigkeit wurden viele kostbaren Güter und Geräte, zahllose Personen- und Lastkraftwagen von den eigenen Leuten in die Luft gesprengt oder unbrauchbar gemacht, und was noch liegen blieb, das wurde von der einheimischen Bevölkerung und besonders der Jugend zerstört und geraubt.«

Trostberg, Pfarrer Jakob Moser: »Alles schien Ordnungssinn und Vernunft verloren zu haben. Dazwischen heulten die Sirenen, Alarm, Voralarm, Vorentwarnung, Entwarnung und im nächsten Augenblick wieder akuten Alarm. Zwei Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner wäre es bald zu Handgemengen zwischen Stadtbevölkerung und SS gekommen. Letztere wollten die Alzbrücke sprengen. Ein Sprengkommando hatte sie bereits geladen. Aber als die Einheimischen eine bedrohliche Haltung annahmen und Tag und Nacht Männer mit Prügeln und Pistolen die Brücke bewachten, zogen die SS unverrichteter Dinge wieder ab. Erst am letzten Abend, als der Feind schon in Altenmarkt eingerückt war, aber wegen der dortigen wenig tragfähigen Alzbrücke mit schweren Panzern nicht nach Trostberg fahren konnte, wiederholten die SS den Sprengversuch, wurden aber wieder vertrieben. … Gegen Mitternacht wurde der SS-Druck nach Sprengung der Trostberger Alzbrücke so stark, dass Amerikaner gerufen wurden. Etwa 2 Uhr früh fuhren die ersten Panzer ein und besetzten die Brücke. Die Übergabe der Stadt war etwa 9 Uhr früh. Es fiel kein Schuss.«

St. Georgen, Pfarrer Sebastian Sprengart: »Donnerstag 3. Mai: Die Straßen wimmeln von Autos, Wagen, Pferdegespannen und dazwischen schieben sich Tausende von Zivilisten und Militärs… Die Straßenbrücke über die Traun sollte gesprengt werden. Der Befehl wurde rechtzeitig wieder zurückgenommen. Nur die Vorbereitung zur Panzersperre wurde getroffen. Mit der Zerstörung der Brücke wäre ein furchtbares Chaos entstanden; denn die bereits in Altenmarkt einmarschierenden Amerikaner hätten zur Vergeltung ihre Panzer auf das Munitionslager gerichtet und einige Treffer dorthin hätten alles Leben zerstört und vernichtet. Es war rechtzeitig noch vereinbart worden, im Umkreis des Lagers soll und darf kein Schuss fallen. … Um die Mittagszeit kreisten über Altenmarkt gegen Stein einzelne Flieger, um die Bevölkerung in gut gemeinter Absicht zur Besinnung zu bringen, die »weiße Fahne« zu hissen. Mit solcher Ausrüstung zogen einige Steiner Bürger – keine Nazi – den Amerikanern über die Traunbrücke entgegen und gleichzeitig stiegen der Pfarrer Sprengart, der frühere Bürgermeister Niederbuchner und noch einige Männer hinauf zum Schalloch, um die Friedensfahne auszustecken. Probatum est. Als wir vom Turm herabstiegen, kamen die ersten Panzer zum Dorf herein.«

Chieming, Pfarrer Nikolaus Brandmayer: »Der Einmarsch der Amerikaner in Chieming am Freitag, den 4. Mai 1945, vormittags 9 Uhr vollzog sich kampflos. In den vorausgehenden Tagen hatten sich hier viele Truppen angesammelt, mit den hier weilenden Flaksoldaten etwa 2 bis 3000 Mann. Aber diese waren bereit, sich kampflos zu ergeben, nachdem auch die Führung, General von Axthelm, Chef des Generalstabes der Flak, einer Abteilung des OKW, und der Standortkommandant Dubrau erklärt hatten, dass sie sich nicht verteidigen werden. Viele Soldaten vernichteten daher ihre Waffen und Munition und warfen sie in den Chiemsee. Am 3. Mai früh trafen jedoch SS-Truppen ein, welche sich im Dorf festsetzten und erklärten: 'Wir werden uns verteidigen. Wir wollen uns nicht gefangen nehmen lassen.' Sie verhinderten daher auch das Hissen der weißen Flagge. Als ihnen aber Benzin für ihre Autos zur Verfügung gestellt wurde, fuhren sie weg und Chieming war vor Zerstörung bewahrt. Die Übergabe der Truppen ging dann ganz ruhig und geordnet vor sich. In Laimgrub wurde ein Gefangenenlager errichtet, wo circa 3000 Mann zusammen kamen. Der Bevölkerung wurde gestattet, den Kriegsgefangenen Lebensmittel, vor allem warme Getränke, zu bringen, wofür diese sehr dankbar waren. So sind diese Tage für die Pfarrgemeinde glücklich vorübergegangen: niemand, weder Soldaten noch Zivilpersonen, wurden dabei verletzt oder getötet; auch Häuser wurden nicht beschädigt, der Gottesdienst wurde in keiner Weise gestört, die heilige Messe wurde in der Pfarrkirche zur gewohnten Stunde gehalten; nur die Maiandacht am Abend fiel an einigen Tagen wegen der Unsicherheit und wegen der Ausgangssperre aus.«

Bergen, Pfarrer Georg Stöffl: »Bewegter wurde das Leben in den letzten Wochen und Tagen vor Einmarsch des Feindes durch die aus dem Norden zurückflutenden Truppen der Wehrmacht und insbesondere durch die Horden der SS. Zwangseinquartierungen oft sogar unter Gewaltandrohungen fanden zu jeder Tageszeit statt. Insbesondere die SS hatte die Absicht, sich in Bergen und Umgebung festzusetzen und dem Feinde Widerstand zu leisten. … Der Bürgermeister, der die Weisung gegeben hatte, dass nicht geschossen werden dürfe, musste fliehen und sich mehrere Tage verborgen halten, während sein Anwesen bei Tag und Nacht von der SS bewacht und belagert wurde. Als am Morgen des 3. Mai bekannt wurde, dass die Panzerspitzen der Amerikaner auf der Autobahn bis nach Traunstein und Siegsdorf vorgestoßen waren, verschwanden plötzlich die SS und Polizeitruppen aus dem Dorfe und flüchteten unter Zurücklassung ihrer mit Proviant aller Art voll gepfropften Autos in die nahen Berge. Die Autos aber wurden in den folgenden Tagen von der Bevölkerung gründlich geplündert.«

Siegsdorf, Pfarrer Anton Kotz: »Schon wochenlang lag die Spannung wie eine Gewitterschwüle über unserer Pfarrei, was wohl die nächste Zukunft bringen würde. Überall wurden Panzersperren errichtet, eine auch an der Friedhofmauer, fünf Meter von der Kirche. Dann wurden sie wieder abgebrochen, um wenige Stunden später wieder aufgerichtet zu werden. Niemand wusste, ob unser Gebiet zum Kriegsschauplatz werden würde oder ob der Sturm vorüber gehen würde. In der Nacht vom 2. (auf den) 3. Mai kamen die SS-Truppen nach Siegsdorf, während in den vorausgehenden Tagen ein Truppenteil den anderen ablöste. Im alten Schulhaus beim H.H. Benefiziaten war ein Sprengkommando untergebracht mit dem Auftrag, alle Brücken der Auto- und Eisenbahn von Bergen bis Siegsdorf zu sprengen. Der Befehl kam glücklicherweise nicht mehr zur Ausführung. Schon am frühen Morgen des 3. Mai rückten die Amerikaner an.«

Gefährdung, Angst und Schrecken gingen in der Regel nicht von den vorrückenden Alliierten, sondern von den SS-Truppen aus, die zu sinnlosen Rückzugsgefechten entschlossen waren und die Dorfbewohner daran hinderten, die weiße Flagge zu hissen. In Weißbach, Haslach und Eisenärzt wurden Brücken gesprengt. An mannicht chen Orten kam es zu Schusswechseln, vielfach aber gaben die SS dem Drängen der Ortsbewohner nach, verzichteten wie in Seebruck auf Sprengungen und setzten eiligst ihre Rückzugsbewegung in Richtung der Berge fort oder ließen sich gefangen nehmen. Daher erfolgte der Einmarsch der amerikanischen Truppen in den Chiemgauer Landgemeinden überwiegend ohne Kampfhandlungen und meist auch ohne Personenschäden. SS-Aktionen in Siegsdorf und Weißbach führten allerdings zu insgesamt 33 Todesopfern. Mehrheitlich betonen die Ortspfarrer in ihren Einmarschberichten, dass die amerikanischen Soldaten sich ihnen gegenüber anständig verhalten hätten und auch die Pfarrhöfe von Räumungen und Plünderungen verschont hätten. In Ausnahmefällen wie in Engelsberg wurden aber auch Pfarrer mit Erschießung bedroht oder mussten den Pfarrhof für Einquartierungen freigeben, zum Beispiel in St. Georgen. In der Regel zeigten die weißen Fahnen an, dass der Ort nicht verteidigt wurde. Amerikanische Panzer rückten vor, sicherten die Wege für die nachfolgenden Truppen, beschlagnahmten und zerschlugen die in den Häusern aufgefundenen Waffen, nahmen Wehrmachtsangehörige, NS-Parteiführer und kommunale Amtsträger in Haft und sicherten mit ersten Ankündigungen und Befehlen ihre Macht als siegreiche Besatzer.

Unvermeidbare Begleiterscheinungen der alliierten Eroberung des Chiemgaus, an der neben amerikanischen auch französische Einheiten teilnahmen, waren jedoch Räumungen, Plünderungen und an vereinzelten Orten wie Siegsdorf, Bergen, Surberg und Vachendorf auch Vergewaltigungen. Geraubt wurden vor allem Radios, Uhren, Schmuck, Fahrräder, Motorräder, Fotoapparate und alkoholische Getränke. An den Beutezügen beteiligten sich jetzt auch ehemalige Zwangsarbeiter, die sich für erlittene Unterdrückung rächen wollten, und manche Einheimische und Evakuierte, die sich mit Wehrmachtsgut, Wäschestücken und Nahrungsmitteln bereicherten.

Die chaotische Lage spiegelt sich im Bericht des Traunwalchener Pfarrers Ludwig Laubender: »Nun die Kunde: die Amerikaner kommen. Verteidigung von der SS geplant. Aufstellung von einigen Maschinengewehren und Kanonen, Flakgeschütze, also ganz frontartig. Bevölkerung sehr erregt, einige Nazis verlangen Widerstand bis zum Äußersten, die Mehrheit dagegen, der Volkssturm zieht nicht. Überall redet man vom Hissen der weißen Fahne. Endlich erscheinen Panzerautos, überall atmet die Bevölkerung auf. Es geht alles ziemlich eifrig, bis Einquartierung kommt, die freilich nicht sehr rücksichtsvoll vorgeht. Aber sofort beginnt das Plündern von den aus dem Muna-Lager Entlassenen, aber auch von den Pfarrangehörigen. Mit Wägen ziehen die Bauern zentnerweise die Lagerbestände heim. Kleider, einfach alles, was zu erwischen ist, wird geraubt. Sogar das Holz (Papier- und Stammholz) wird gestohlen; die Amerikaner werfen Handgranaten in die Braunau und fangen so die Fische, am Tage bis zu 30 und 40 Pfund. Seither ist noch keine Ruhe; jede Woche in irgendeiner Ortschaft Überfall und Raub. Menschen und Tiere sind geplagt. Wird bald Ordnung?«

Die amerikanischen Militärbehörden suchten den kriminellen Auswüchsen Herr zu werden, indem sie Vergewaltigungen mit Haft und gar mit umgehender Hinrichtung bestraften, Plünderungen und illegalen Waffenbesitz unter Standrecht stellten und so nach und nach einen hinreichenden Sicherheitszustand herstellten.

Die Reaktion der Bevölkerung auf den Einmarsch der amerikanischen Truppen war trotz der Todesopfer, Räubereien und Zerstörungen vor allem Erleichterung: »In den Nachmittagsstunden des 3. Mai rückten die ersten Einheiten der amerikanischen Armee vorsichtig in Traunstein ein. An vielen Häusern sah man weiße Fahnen. Bürgermeister Seufert war, von Justizoberinspektor Desch begleitet, den amerikanischen Streitkräften entgegengefahren und hatte ihnen die Stadt übergeben. Für Traunstein war damit das Ende des Krieges gekommen, freilich anders als man es einst gehofft hatte. Aber es überwog doch das beglückende Gefühl, endlich von dem schweren Druck befreit zu sein, unter dem man so lange Zeit gelebt und gelitten hatte.« So formulierte Pfarrer Ludwig Nicol seine Beobachtungen und Empfindungen. Und in der Chronik des Zeitungsverlegers Miller heißt es: »Vorüber war die Zeit, dass man jedes Mal, wenn abends oder nachts die Hausglocke schellte, befürchten musste, die Polizei holt mich, oder dass man jeden Schutzmann, der das Geschäft betrat, mit Bangen abwartete, was er wollte. Man war seines Lebens wieder sicher.« Das frohe Gefühl überwog, dass der schreckliche Krieg endlich vorbei war, dass nicht mehr Fliegeralarm und Bombenangriffe zu befürchten waren. Eine Zeitzeugin erinnert sich: »Die innere Spannung war weg und diese Angst. Wir hatten ja alle Angst. Wir mussten ja Angst haben. Der Schnitzer, unser Nachbar, hatte mal irgendetwas gesagt; er war deshalb ja im KZ, hat später aber nie etwas gesagt, wie es ihm ergangen ist.« Auch Stefanie Wittauer, die als Schwesternhelferin des Roten Kreuzes im Lazarett in Ruhpolding ihren Dienst leistete, berichtet: »Man konnte wieder freier atmen – die Angst vor den braunen Terroristen, die besonders uns zwei gequält hatten, meine Schwester und mich, war vorbei und damit auch die Sorge um unsere Eltern. Da unser Vater aus seinem Hass gegen das Naziregime keinen Hehl gemacht hatte, liefen unsere Eltern Gefahr, noch in letzter Minute verhaftet und hingerichtet zu werden.« Und der Expositus von Kammer, Franz Back, fasste im Bericht an das erzbischöfliche Ordinariat seine Eindrücke mit den Worten zusammen: »Vom größten Teil unserer Bevölkerung wurde das an sich unselige Kriegsende als die Befreiung vom Joch des Nationalsozialismus begrüßt.«

Es kann keinen Zweifel geben, dass der Einmarsch der amerikanischen Truppen zuallererst und mehrheitlich als Befreiung empfunden wurde: ein Ende der Kampfhandlungen, des immer wiederkehrenden Fliegeralarms, der tödlichen Bedrohung, aber vor allem ein Ende des nationalsozialistischen Zwangs, der Unfreiheit und Unterdrückung. Für viele nahm ein Leben in Furcht ihr Ende: Furcht vor einem System des Bösen, Furcht vor den Folgen eines freien, eines unbedachten Wortes, Furcht vor Denunziation, Furcht vor der Gestapo und den SS-Standgerichten. Befreit waren auch die Überlebenden der Konzentrationslager und die ehemaligen Zwangsarbeiter, Franzosen, Ungarn, Polen, Russen, Rumänen, Letten und Ukrainer, die aus ihren besetzten Heimatländern verschleppt worden waren. Das BMWAußenlager in Trostberg, in dem die Häftlinge in der Produktion von Flugzeugmotoren eingesetzt waren, wurde erst im April 1945 aufgelöst.

Doch die Phase des Aufatmens fand ein baldiges Ende. Den amerikanischen Besatzungstruppen folgten örtliche Militärregierungen, zuerst in Traunstein und in Trostberg. Ab Ende August 1945 fiel das gesamte Kreisgebiet in den Zuständigkeitsbereich der Traunsteiner Militärregierung. Im Rahmen erster Entnazifizierungsmaßnahmen wurden Bürgermeister und NS-Funktionsträger abgesetzt bzw. in den automatischen Arrest verbracht, Betriebsleiter und Beamte verloren ihre Stellungen. Zwangsräumungen wurden angeordnet, Zeitungen verboten, Lizenzen erteilt oder verweigert, Wohnungen und Nahrungsmittel für KZ-Überlebende und ehemalige Zwangsarbeiter (Displaced Persons) angefordert.

Die deutsche Bevölkerung wurde registriert und kontrolliert und sah sich in ihrer Handlungs- und Bewegungsfreiheit eingeengt. Sie litt unter dem Mangel an Nahrungsmitteln und Sachgütern, vor allem an Brennmaterialien zum Schutz gegen die Winterkälte. Sie richtete ihr Augenmerk auf die Sicherung der Lebensgrundlagen und raschen Wiederaufbau und suchte die eigene Verwicklung in das NS-System durch Beschönigung und Verdrängung herunterzuspielen. Evakuierte zögerten in die zerstörten Städte zurückzukehren, sie fürchteten um Nahrung, Wohnung und Arbeit. Soldaten gerieten in häufig langjährige alliierte Kriegsgefangenschaft. Zahlreiche Familien trauerten um die gefallenen Angehörigen oder warteten ungeduldig auf Nachrichten vermisster Soldaten. Hinzu kamen die Ströme der Flüchtlinge und Vertriebenen, die Unterkunft, Verpflegung und Arbeit benötigten und das Kriegsende keineswegs als Befreiung, sondern als Bedrohung, Zerstörung, Verlust und mörderische Strapaze erlebt hatten. Die Einwohnerzahl der Stadt Traunstein war während des Krieges um rund die Hälfte angewachsen, durch Verwundete, Kriegsgefangene und Evakuierte. Nach dem Kriegsende wurden diese nach und nach durch die Opfer von Flucht und Vertreibung abgelöst. Der Kreis Traunstein verzeichnete im Oktober 1946 eine Gesamtzahl von mehr als 20 000 Flüchtlingen. Ihre wirtschaftliche, politische und soziale Integration in die einheimische Gesellschaft wurde zum Hauptproblem der folgenden Jahre.

Das Gefühl der Befreiung verschwand immer mehr unter der alltäglichen Erfahrung von Hunger und Not, der Anschauung der zerstörten Städte, der Trauer um die Opfer und der Erinnerung an erlittenes Unrecht. Die Schrecken der Nazizeit wurden verdrängt. Der Traunsteiner Bürgermeister Rupert Berger bekannte gegenüber einem amerikanischen Journalisten: »Die Leute hier haben vergessen, dass sie den Krieg verloren haben. Sie verlangen nach schnellerem Wiederaufbau und wollen Kleidung und Wohnungen. Sie klagen, dass sie im III. Reich besser gelebt hätten.«(8) Die wirtschaftliche Armut brachte sogar das erklärte politische Ziel der Amerikaner in Verruf: den Aufbau einer demokratischen Staats- und Gesellschaftsordnung. Das Wort »Demokratie« wurde zeitweise zum Unwort und in Verbindung gebracht mit Not und Unfähigkeit: »Es gibt eine wachsende Ablehnung der Besatzungskräfte, die als Urheber des Wortes betrachtet werden.«(9) Das Kriegsende wurde im Chiemgau wie im Bundesgebiet im Bewusstsein der Bevölkerung zum Moment der totalen Niederlage und zur Stunde Null.

Die Deutung des 8. Mai geriet in der Folgezeit zum propagandistischen Instrument des Ost-West-Gegensatzes. Während im Jahre 1955 im Bundesgebiet nur in einigen stillen Feierstunden der bedingungslosen Kapitulation gedacht wurde, feierten die Ostberliner Machthaber in ideologischer Verbundenheit mit der sowjetischen Schutzmacht mit großem Aufwand den »Befreiungstag«: »Mit Aufmärschen, Kundgebungen und einem Staatsakt, an denen Delegationen der Ostblockstaaten teilnahmen, feierte die Sowjetzonenregierung am Wochenende in Ostberlin den zehnten Jahrestag der Befreiung des deutschen Volkes vom Faschismus.«(10) Die bundesdeutsche Regierung und Öffentlichkeit sahen dagegen die Sowjetmacht als Aggressor, der zunächst mit dem Nazi-Regime paktiert hatte und nach dem deutschen Angriff auf die SU unter der Parole der »Befreiung« die osteuropäischen Staaten und die von ihr besetzte Zone Deutschlands seinem Machtbereich eingegliedert und unter seine Ideologie gezwungen hatte. Nach einem Bericht der Traunsteiner Nachrichten vom 8. Mai 1965 herrschte in Bad Godesberg helle Aufregung, dass die Stadtverwaltung die stadteigene Stadthalle an den Bonner Sowjetbotschafter Smirnow zu einem Empfang anlässlich der Feier des »20. Jahrestages des Sowjetvolkes im Großen Vaterländischen Krieg« vermietet hatte. Die eingeladenen Bundestagsabgeordneten und westlichen Botschafter nahmen an dem Empfang nicht teil. Das Ereignis beleuchtet die Spannungen des Kalten Krieges.

Der wirtschaftliche Aufschwung, die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in die westdeutsche Gesellschaft, die wachsende Aufklärung über das nationalsozialistische Unrechtssystem (Auschwitz-Prozess) und schließlich die Entspannungspolitik in den siebziger Jahren ermöglichten eine wachsende Rückbesinnung auf die zentrale Bedeutung des Kriegsendes als Befreiung vom nationalsozialistischen Terror. Jedenfalls erkannte Bundeskanzler Helmut Schmidt 1975 aus Anlass des Jahrestages die territorialen Verluste und die Teilung Deutschlands als Konsequenzen des 8. Mai 1945 an und schloss zugleich – im Geiste der Schlussakte von Helsinki – jegliche gewaltsame Korrektur der Grenzen aus.(11)

Schließlich stellte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 in seiner weithin beachteten Rede(12) zum 40. Jahrestag des Kriegsende klar:

❍ dass der Krieg von Deutschland ausging, nicht von der Sowjetunion,

❍ dass zunächst andere Völker zum Opfer dieses Krieges wurden, bevor das deutsche Volk selbst zum Opfer wurde,

❍ dass der erzwungenen Wanderschaft der Deutschen Millionen Polen und Millionen Russen folgten, »Menschen, die Unrecht erlitten haben, Menschen, die wehrlose Objekte der politischen Ereignisse wurden« und

❍ dass schließlich auch die ideologische und politische Spaltung Europas nicht ohne den Krieg gekommen wäre.

Der Bundespräsident nannte den 8. Mai 1945 einen Tag der Befreiung und verband mit diesem Bekenntnis die Mahnung: »Wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Kriege führte.« In der Konsequenz dieser Gedanken forderte Weizsäcker die Anerkennung der östlichen Grenzen als Beitrag zu einer europäischen Friedensordnung: »Gewaltverzicht heute heißt, den Menschen dort, wo sie das Schicksal nach dem 8. Mai hingetrieben hat und wo sie nun seit Jahrzehnten leben, eine dauerhafte, politisch unangefochtene Sicherheit für ihre Zukunft zu geben. Dies heißt, den widerstreitenden Rechtsansprüchen das Verständigungsgebot überzuordnen.« Die Rede des Bundespräsidenten war ein bedeutender Schritt zur Überwindung der europäischen Spaltung.

Die Singularität des nationalsozialistischen Vernichtungswillens und unmenschlichen Unrechtssystems zwingt uns auch heute zu der Feststellung, dass das Ende des 2. Weltkrieges ungeachtet der Kapitulation, der Zerstörungen, des Leides und der Trauer in erster Linie Befreiung vom Nationalsozialismus und Chance zum Neuanfang in Freiheit bedeutete.


Gerd Evers

 

Quellen:
1 LRA TS 040/1-7
2 Ludwig Nicol, Die Evang. - Lutherische Kirchengemeinde Traunstein 1930 - 1948, S. 112 f.
3 Traunsteiner Zeitung vom 23. April 1945
4 zitiert nach Eberhard Aleff, Das Dritte Reich, 9. Aufl. 1970, S. 237
5 Der General wurde 1954 wegen Totschlags zu drei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt, in der Revisionsverhandlung vor dem Schwurgericht beim Landgericht Traunstein in der Sitzung vom 3. Juni 1960 jedoch freigesprochen.
6 Die Zeitzeugenberichte wurden 2005 gesammelt und liegen im Stadtarchiv Traunstein.
7 Die Einmarschberichte sind veröffentlicht in: Peter Pfister (Hrsg), Das Ende des Zweiten Weltkriegs im Erzbistum München und Freising, 2 Bde., Regensburg 2005
8 Kommentar von Maurice Early im »Indianapolis Star« 1946 in IfZ: OMGUS 10/78-2/4
9 Annual Report 1948, OMGUS 10/78-2/4
10 Traunsteiner Nachrichten vom 10. Mai 1955
11 Traunsteiner Wochenblatt vom 9. Mai 1975
12 Bundeszentrale für politische Bildung (Hrg.), Ansprache am 8. Mai 1985 in der Gedenkstunde im Plenarsaal des Deutschen Bundestages, Bonn 1985.

 

18/2015