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Jahrgang 2004 Nummer 28

Als der Bach-Franz den Jäger Glas erschoss

Eine Wilderer-Geschichte vom Samerberg

Heute steht in der Nähe ein Wegkreuz. Unsere Aufnahme zeigt das Kreuz und Josef Rieder, der die Geschichte vom Verbrechen wach g

Heute steht in der Nähe ein Wegkreuz. Unsere Aufnahme zeigt das Kreuz und Josef Rieder, der die Geschichte vom Verbrechen wach gehalten hat.
Josef Rieder, langjähriger Lehrer am Samerberg, Verfasser der Samerberger Chronik und mit gut 90 Jahren noch immer am örtlichen Geschehen mit beteiligt, erinnert sich noch gut an eine längst vergangene, dramatische Wilderergeschichte mit tödlichem Ausgang. Der Ehrenbürger der Gemeinde Samerberg erzählt die Geschichte vom Franz und vom Jäger; sie geschah am Sonntag, 3. Juni des Jahres 1866, vor fast 140 Jahren:

Wenn man von Grainbach in Richtung Duft fährt (oder geht), dann zweigt nach etwa einem Kilometer rechts die Straße nach Sonnbach (früher Esbaum oder Schneiderei benannt) ab. Nach wenigen Metern führt links ein Sträßchen in eine Viehweide hinein. Hier stieß die Gemeinde Grainbach mit einem zungenförmigen Streifen von etwa 300 Metern Länge und 100 Metern Breite (Nudlbicher Zipfel genannt) in die Gemeinde Törwang hinein. Am Sonntag, dem 3. Juni 1866 nachmittags schaute hier Georg Dingler, Glas von Grainbach, Gemeindevorsteher und Jäger vorbei. Halbwegs im Zipfel sah er am Waldrand teilweise verdeckt durch einen Busch, einen Mann sitzen. Er trat näher. Es war der 21-jährige Franz aus dem Bachner-Häusl, genannt Bach-Franz.

»Ja Franz, was tuast denn Du am Sonntagnachmittag da heraußen?« »Was werde ich scho toa. Schließlich kon i macha, was mir passt«, gab er zur Antwort. »Das kimmt mir aber verdächtig vor«, meinte der Jäger. Es wurden noch ein paar Sätze gewechselt – und der Franz sah sich beim Wildern ertappt. Da holte er den hinter sich versteckten Stutzen hervor und legte auf den Jäger an.

»Tuas nöt!«, konnte der noch rufen, da brach er schon schwer getroffen zusammen. Schnell verschwand der Franz im Wald und überlegte: er müsse ungesehen in einem weiten Bogen um das Dorf in den östlichen Teil der Gemeinde hinüberschleichen, also im Wald die Nudlbichler Ötz entlang, die Häuser hinauf und über den Ebenwald zur Kreider, von da hinab nach Ried, wo er sich sehen lassen könne, und an Lochen vorbei den Feldweg zur Hamper-Kapelle. So könne er jeglichen Verdacht von sich abwälzen. Der Glas kam bald wieder zu sich und konnte sich mit Aufwendung aller Kräfte bis über die Straße vorschleppen. Er sah die Oberschneider Lies am Garten, winkte ihr und versuchte etwas zu sagen. Die Lies merkte, dass etwas passiert ist und eilte zu ihm.

»Der Bach Franz hat mi gschossn, wenn ís ebban nimma sagn kunt«, brachte er mühsam heraus und brach zusammen. Die Lies rannte hinunter zum Haus und schrie schon bei der Türe hinein: »Der Bach Franz hat an Glas gschossn, bei der Straß obn ist er zammabrocha. Mia müassn an Bader, an Vicar und an Gendarm holen«.

Starres Entsetzen auf den Gesichtern. Der alte Schneidermeister beauftragte seinen Sohn Alois: »Laf eine auf Groabach zum Bader. Denn gehst zum Schwager, er soll die Glasin verständigen und den 2. Vorsteher. Laf, was Du lafen kannst, es geht um a Leben«.

Der Unterschneider, der auf den Ruf der Lies herübergekommen war, schickte nach Törwang zum Vicar und Gendarm. Auf einer Behelfstrage brachte man den Glas zum Oberschneider und bettete ihn auf das Kanapee. Nach kaum einer halben Stunde erschien der Bader und untersuchte den Patienten. 12 Posten waren in den Unterleib gedrungen (Schrotkugeln). Der Glasin, die mit dem ältesten Sohn Josef und der Tochter Maria (24 und 19 Jahre alt) abgehetzt gekommen war, konnte er keine Hoffnung mehr machen. Man wartete noch den Versehgang des Vicars ab, den der Mesner Buchauer begleitet hatte. Gegen Abend brachte man den Glas heim. In der Nacht wachten auch Nachbarinnen und Nachbarn abwechselnd bei ihm.

Im Dorf lief die Kunde vom Verbrechen von Haus zu Haus. Ja ein Taugenichts und Schulschwänzer war er immer schon, mit der Arbeit habe er es nie recht gehabt, Diebereien schrieb man ihm zu, das Wildern hätte man ihm wohl noch nachgesehen. Aber dieses Verbrechen! Wahrscheinlich würde er im Schutz der Dunkelheit heimschleichen. Man beobachtete aber doch das Häusl am Bach vom Wirt herunter, vom Hamper blickte man heimlich hinüber.

Unerwartet tauchte der Franz bei der Hamper-Kapelle auf, schlenderte gemütlich wie ein Spaziergänger auf das Häusl zu und verschwand darin. Nach einer Weile kam er wieder heraus im Sonntagsgewand die Pfeife in der Hand, machte es sich auf der Hausbank bequem und blies den Rauch in die Luft. Den Toten würde man nicht vor Sonnenuntergang suchen, dachte er, vielleicht erst morgen finden. Auf ihn könne kein begründeter Verdacht fallen. Dem Huis in Ried hatte er von einem prächtigen Rehbock vorgelogen, den er oben auf der Riesenau beobachtet habe. Da riss ihn ein Pfiff aus dem Sinnieren: der gleichaltrige Wolflinder-Knecht stand halbwegs zum Wirt und rief: »Mia brauchan an vierten Mann zum Schafkopfen. Hast dawei? Kimmst aufi kon Bada?« »Ja, glei«, war die Antwort. Nichts Auffälliges, saß er doch öfter am Sonntag mit Spezln beim Kartenspiel.

Man ließ am Ecktisch erst den Franz hinterrücken, dann nahmen die drei anderen Platz und auf gings. Anfangs saßen nur zwei Bauern am Tisch an der Türe. Als später der 2. Vorsteher und drei Männer erschienen, schweigend Platz nahmen ohne etwas zu bestellen, aber den Blick auf ihn richteten, da wurde es dem Franz unheimlich.

Nach einem Spiel stand er auf und sagte: »I muaß jetzt hoam die Goaßn fuadarn«.
Da sprangen die drei Mitspieler auf einer rief: »Hocka bleibst, bis der Gendarm kimmt!«.
Die sechs anderen Männer erhoben sich geradezu feierlich und schritten auf den Ecktisch zu. Sie nahmen auf Stühlen Platz und bildeten einen undruchdringlichen Ring. Dem Franz war klar: irgend etwas ist anders gelaufen als er es sich ausgedacht hatte.

Das Kartenspiel war die Falle, in die man ihn gelockt hatte. Kreidebleich sank er zurück auf die Bank. Der Gendarm ließ nicht lange auf sich warten. Er kam herein und setzte feierlich seine Dienstmütze auf. »Im Namen des Gesetzes bist Du verhaftet. Außer Bürschei, auf dich hamma scho lang passt«. Er legte dem Delinquenten die Handfesseln an und ab gings nach Rosenheim, wo man vor Einbruch der Dunkelheit das Gefängnis erreichen wollte. 15 Jahre Zuchthaus verpasstem ihm die Richter.

Am Montag holte man noch den Dr. Glaßer von Neubeuern, der auch keine Rettung bringen konnte. So ist der Glas langsam und qualvoll innerlich verblutet. Um 8 Uhr abends bimmelte das Ziglöckei auf dem Kirchturm und verkündete den Tod. Die außergewöhnlich große Teilnahme am Requiem und an der Beerdigung konnte der Witwe, die mit fünf Söhnen (der jüngste Sebastian war 9 Jahre) und mit zwei Töchtern am Grab stand, wenig Trost geben.

JR



28/2004