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Jahrgang 2012 Nummer 34

Almwirtschaft in Oberbayern

Zur Bewirtschaftung ihrer Almen sind die Landwirte auf Senner und Sennerinnen angewiesen

Die Sennerin Irmgard Gutsjahr von der Staudacher Alm bekommt öfter Hilfe von ihrer Enkelin Theresa.
Anna Schmid ist diesen Sommer Sennerin auf der Brachtalm.
Wegweiser zur Vorderalm, Brachtalm und Staudacheralm.

Almwirtschaft wird in Bayern schon seit Jahrhunderten betrieben, die Bauern nutzten die Hochweiden für ihr Vieh und sorgten damit gleichzeitig für die Pflege und den Erhalt der Bergwiesen. Nach wie vor werden in den oberbayerischen Bergen Almen bewirtschaftet, auf denen Jungviehaufzucht betrieben und der Erhalt des Betriebes im Tal dadurch oft gesichert werden kann. Gleichzeitig wird damit die wertvolle Kulturlandschaft erhalten, die von Einheimischen wie Touristen gleichermaßen geschätzt wird.

Als es in der Nachkriegszeit den Menschen sehr schlecht ging, sie nichts mehr hatten, besann sich Georg Fischbacher aus Gmund am Tegernsee auf die Almwirtschaft und gründete 1947 den Almwirtschaftlichen Verein Oberbayern (AVO), um die Almbauern zusammen zu bringen und gemeinsam für die Almwirtschaft einzustehen. »Ohne die Bewirtschaftung der Almen würden uns die Berge regelrecht über dem Kopf zusammen wachsen«, erklärt Geschäftsführer Michael Hinterstoißer vom Almwirtschaftlichen Verein und führt weiter aus: »Die Wanderparadiese in den Bergen würden nach und nach versteppen und alles, was der Mensch in vielen Jahren geschaffen hat, würde wieder verloren gehen. Der Erhalt der Kulturlandschaft in den Bergen ist ein hartes Stück Arbeit.« Der Geschäftsführer weiß, wenn die Beweidung der Gebirgsflächen eingestellt würde, würden die heute bestehenden Freiflächen im Wald versinken und damit viele seltene und geschützte Pflanzen und Tiere, die auf eine offene Landschaft angewiesen sind, ihren Lebensraum verlieren.

Dass die Almwirtschaft auch in der heutigen, modernen Zeit gepflegt wird, ist nicht zuletzt Fördermaßnahmen des Freistaates Bayern zu verdanken. Dank der Weideprämie, weil der Viehbesatz im heimischen Betrieb im Tal verringert und damit die Arbeit erleichtert wird und weil die Aufzucht von Jungvieh auf der Alm einfach die gesündeste ist, entscheiden sich zahlreiche Bauern, einen Teil ihres Viehes im Sommer auf die Alm zu bringen. Die Tiere können sich dort in einer natürlichen Umgebung artgemäß verhalten, durch die Bewegung im Freien bekommen sie eine gute körperliche Konstitution und starke Muskeln, setzen wenig Fett an und kalben leichter. Aufgrund der Hygienebestimmungen und des größeren Aufwandes mit Melken und Kühlen der erhaltenen Milch, sind auf den Almen allerdings nur wenig Milchkühe und dafür zum Großteil Jungtiere anzutreffen.

Wenn die Rinder möglichst jung schon auf die Alm kommen, gewöhnen sie sich auch schnell daran. Wie Susanne Krapfl aus Miesbach betont, kann es dagegen große Probleme geben, wenn Tiere aus dem Stall plötzlich auf der Alm auf einer freien Weide grasen sollen, weil sie es nicht gewohnt sind und schlichtweg nicht können. Seit mehreren Jahrzehnten sind die Zahlen der bewirtschafteten Almen im oberbayerischen Raum und die Zahl der Tiere relativ konstant, wie aus der jährlich erscheinenden Statistik des Almwirtschaftlichen Vereins hervor geht. »Die Alm ist das A und O für manchen Talbetrieb, eine wichtige Futtergrundlage und zusätzliche Fläche, die im Tal fehlt«, weiß die Almfachberaterin Krapfl.

Sennerinnen sind sehr gefragt

Zur Bewirtschaftung ihrer Almen sind die Landwirte auf Senner beziehungsweise Sennerinnen angewiesen, die den Sommer auf der Alm verbringen und sich um das Vieh kümmern.

Eine Sennerin, die quasi auf der Alm aufgewachsen ist, ist Irmgard Gutsjahr, die seit den 1970-er Jahren die Staudacher Alm im Hochgerngebiet in den Chiemgauer Alpen bewirtschaftet. Sie hat die Aufgabe von ihrer Mutter übernommen, mit der sie schon von klein an immer auf die Alm ging. In all den Jahren hat sich einiges verändert, wie Irmgard Gutsjahr erzählt: »Vieles ist einfacher geworden. Heute kann ich mit dem Auto zur Alm hochfahren und auch die Tiere im Anhänger rauf bringen.« Früher musste alles, was auf der Alm benötigt wurde, raufgetragen werden. Auch habe es die Trennung Wald/Weide nicht gegeben, es wurde nichts eingezäunt und die Tiere mussten oft weit verstreut wieder zusammen gesucht werden. Heute hat Irmgard Gutsjahr auf der Staudacher Alm 17 Kälber, zwei Milchkühe und Hühner samt Gockel. Die Milchkühe machen natürlich mehr Arbeit, weil sie zweimal am Tag gemolken werden müssen. Und außerdem ist dann die Milch zu verarbeiten. Die Sennerin vom alten Schlag macht daraus selber Butter und Frischkäse, backt auf der Alm frische Kuchen für ihre Gäste und bietet almtypische Brotzeiten an. Denn die Bewirtung von Gästen gehört für sie zum Almleben dazu. Wenn es einmal ein paar Tage ruhiger ist, gehen ihr die Wanderer schon ab, mit denen sie gerne einen kleinen Ratsch hält. Früher war auch das anders, da konnte sie den Bergsteigern, die sich an ihrer Hütte ausruhten, nur ein Glas Milch und ein Butterbrot anbieten. Heute hat sie Speck und Käse sowie Kaffee und Kuchen.

Seit er in Rente ist hilft auch Irmgards Mann auf der Alm mit, »den hab ich für die grobe Arbeit«, und am Wochenende sind auch ihre Kinder und Enkelkinder öfter da und packen mit an, wenn die Bänke rund um die herrlich am Fuße des Hochgern gelegene Alm wieder einmal voll besetzt sind.

Um einiges jünger und erst seit fünf Jahren auf wechselnden Almen in den Chiemgauer Bergen im Einsatz ist Sennerin Anna Schmid, die diesen Sommer auf der Brachtalm verbringt. Die gelernte Hauswirtschaftsmeisterin und Betriebshelferin wollte schon immer auf die Alm, »das ist so ein Kindheitstraum von mir«. Ihre Eltern haben daheim in Neukirchen einen Hof, den sie einmal übernehmen will. Urlaub war in ihrer Kindheit nicht drin und so träumte sie immer von einem Aufenthalt auf einer Alm. »Arbeiten bin ich gewohnt, das macht mir nichts aus«, sagt die junge Sennerin. Sie kennt sich bestens mit den Tieren aus und hat auf den Almen, auf denen sie die letzten Sommer über war, auch gemolken und Käse hergestellt. Für Anna Schmid gehen die Tiere und ihr Wohl auf der Alm vor der Betreuung der Gäste vor. Auf der Brachtalm, wo nur Jungtiere und vier Pferde zu betreuen sind, fühlt sie sich daher ein wenig unterfordert. Nur für die Gäste da zu sein und sie zu bewirten ist ihr eigentlich zu wenig. An der Arbeit als Sennerin gefällt der jungen Frau unter anderem auch die Tatsache, dass sie ihr eigener Chef ist, arbeiten und werkeln kann, wie sie es sich selber einteilt. Und sie genießt die Ruhe und Stille auf der Alm. Sie kann es auch gut verstehen, wenn jemand für ein halbes Jahr aus seinem Alltag raus will, Abstand zum Berufsleben sucht und ein paar Monate auf der Alm verbringt. Als Sennerin finde man bei aller Arbeit, die zu verrichten ist und die nicht immer einfach ist, doch auch Ruhe und Gelassenheit.

Große Nachfrage stellt der Almwirtschaftliche Verein seit einigen Jahren bei Sennern und Sennerinnen auf Zeit fest. »Wir können oft gar nicht alle auf eine Alm vermitteln«, erklärt Susanne Krapfl. Eine bestimmte Ausbildung sei dafür nicht erforderlich: »Man muss halt arbeiten können, sich was zutrauen und mit dem Vieh umgehen können.« Allerdings sollte man nicht zu blauäugig an die Sache herangehen, es sei nicht immer ein Zuckerschlecken. Das bestätigt auch Marianne Eberhard, die beim Almwirtschaftlichen Verein die »Almpersonalvermittlung« übernimmt. 200 und mehr Bewerber meldeten sich bei ihr jedes Jahr, wobei von »18 bis 80« alles vertreten sei. Auch die Berufe seien sehr vielfältig vom Rechtsanwalt über den Designer bis zur Krankenschwester. Sehr häufig verbringen nach ihren Angaben aber auch junge Absolventinnen der Hauswirtschaftsschule oder der Winterschule einen Sommer auf der Alm, ehe sie ein Studium oder eine feste Arbeit beginnen. Unter den Bewerbern sind laut Marianne Eberhard einzelne, die wirklich ihre Ruhe haben und sich nur um das Vieh und die Alm kümmern wollen. Andere gäben gleich bei der Bewerbung an, dass sie gerne auch Gäste bewirten wollen, dass sie sich wünschten, es solle sich was rühren auf der Alm.

Statistik: Laut Almwirtschaftlichem Verband Oberbayern waren im Jahr 2011 auf 710 Almen in den Landkreisen Berchtesgadener Land, Traunstein, Rosenheim, Miesbach, Bad Tölz - Wolfratshausen und Garmisch-Partenkirchen/Weilheim insgesamt 20 632 Rinder, 589 Pferde und 2371 Schafe und Ziegen. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Rinder um 1,9 Prozent zurück gegangen. Den Großteil unter den Rindern machen mit 13 837 Stück die Kalbinnen aus, dazu kommen 4105 Jungrinder, 545 Kälber, 558 Stiere oder Ochsen und 1587 Kühe sowie Mutterkühe.

 


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