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Jahrgang 2012 Nummer 3

Alle Schüler wurden in einem Klassenzimmer unterrichtet

Als in der Schule noch gebetet wurde – Landschulpraktikum vor 50 Jahren

Die Wilden waren fast immer die Mädchen

Die Wilden waren fast immer die Mädchen
Die fünf Erstklässler hatten es dem Praktikanten H. G. besonders angetan.

Die fünf Erstklässler hatten es dem Praktikanten H. G. besonders angetan.
»Klassenmutter« Helga mit ihrer »Bande«.

»Klassenmutter« Helga mit ihrer »Bande«.
»Vier Wochen aufs Land« musste ein bayerischer Lehrerstudent vor 50 Jahren noch. Da gab es kein Pardon. Die PH, die Pädagogische Hochschule, schickte ihre Studierenden des Lehramts an Volksschulen auf die Dörfer. Der Student konnte wählen. Aber nicht alle Dorfschulen in Bayern waren in das Netz der »Ausbildungsschulen« einbezogen. Schließlich mussten es ja »Tutoren«, Ausbildungs-Lehrkräfte mit Qualifikation, sein, die den Studenten zeigen konnten, wie das Unterrichten geht.

Im sogenannten Landschulpraktikum – dem einzigen in den PH-Studiengang integrierten Praktikum, das länger als einen Tag (wie das an der PH München-Pasing so genannte Dienstagspraktikum während des Semesters) dauerte – sollten die angehenden Lehrerinnen und Lehrer das Schulleben kennenlernen, erfahren, wie Schularbeit organisiert werden muss, um effizient zu sein, sollten das Unterrichten selbst erproben dürfen – mit allem, was es fordert: Stunden- Vorbereitung, Mitwirkung an der Tages- und Wochenplanung, Erwerb von Lehrplan- und Lehrmittelkenntnis, Umgang mit Schülerinnen und Schülern, Kennenlernen der Lehr- und Lernbedingungen in der Praxis…

Vielen Lehramtsstudierenden ging während oder kurz nach der Ableistung dieses Pflichtteils ihres Studiengangs erst das Licht auf: Tauge ich überhaupt für den Beruf des Volksschullehrers? Trau ich mir zu, ein Leben lang diesen »Job« zu »machen«? Kann ich mit neuem Lehrstoff, mit einer »Klassen-Menge« an Kindern im Alter zwischen 6 und 14 Jahren, mit Kolleginnen und Kollegen, der »Hierarchie « einer (Dorf-)Schule etwas anfangen? Bereichert, besser: erfüllt diese Tätigkeit mein Leben?
*
Student H. G. (4. Semester) suchte sich vor 50 Jahren – vom 18. September bis 14. Oktober 1961 – den Schulort P. im oberbayerischen Landkreis Mühldorf am Inn aus. Für ihn hieß es, früh aus den Federn zu steigen, um pünktlich am etwa 18 km entfernten Schulort anzukommen. Und das hieß damals: 7.45 Uhr einpassieren. Um 8 Uhr begann der Vormittags-Unterricht, um 12 Uhr endete er. An vier Tagen war zusätzlich Nachmittagsunterricht, Mädchen-Handarbeit, Knaben-Werken, Kunst, Turnen, Musik. H. G. fuhr mit der Bahn von M. zum Bahnhof K.. 15 Minuten marschierte er von seiner Wohnung in M. zum Bahnhof M., 9 Minuten fuhr er mit der Bahn, 15 Minuten war er auf dem Weg vom Bahnhof K. zur Volksschule P. Täglich – das hieß seinerzeit noch: Montag bis einschließlich Samstag.

Die Volksschule in P. war »einklassig«: Sämtliche Schülerinnen und Schüler wurden in einem Klassenzimmer unterrichtet. Gemeinsam und gleichzeitig. Sie besuchten das 1. bis 8. Schuljahr. Der etwa 65 Quadratmeter große Klassenraum war elfeinhalb Meter lang, fünfeinhalb Meter breit und drei Meter hoch. H. G. notierte in seinem »Landschulbericht« (den er schriftlich dem PH-Dozenten für Schulpädagogik als Nachweis des Studienpflichtteils »Landschulpraktikum « abzugeben hatte): »Auf jeden Schüler treffen ca. 5,30 cbm Luft.« Hierfür und für Licht sorgten im Schulhaus zu P. sieben große Fenster. »Die Ausgestaltung des Klassenraums durch Bilder und Blumen wirkt freundlich und trägt zu einer familiären Atmosphäre der Klasse ein Gutteil bei.«

Die 36 Kinder, 16 Mädchen und 20 Knaben, saßen auf Stühlen an 20 Schultischen: fünf Erstklässler (sie hatten es dem Praktikanten H. G. besonders angetan), drei Zweitklässler, zwei Drittklässler, drei Viertklässler, je sechs Fünft-, Sechst- und Siebtklässler, dazu fünf Achtklässler. Wer nun denkt, die Kinder saßen täglich am selben Platz, täuscht sich. Eintrag im Landschulbericht: »Die aufgezeichnete Sitzordnung ist keineswegs als stabil anzusehen. Besonders die Mädchen verändern gerne ihren Sitzplatz, was geduldet wurde…« Die Kinder sahen zu zwei dreiteiligen Tafeln und zu einem Kreuz an der Wand. Die wichtigsten Einrichtungsgegenstände waren: Lehrerpult, Einbauschrank für Arbeitsbücher, Ölofen, Harmonium.

Schulbusse fuhren vor 50 Jahren noch nicht. Die Kinder erreichten die Schule zu Fuß oder per Fahrrad. Den weitesten Schulweg hatte der Toni aus der Siebten. Mit dem Rad schaffte er ihn in einer Viertelstunde. Tonis »Kurskollegin« Elfriede hatte per Rad die Hälfte von Tonis Schulweg zurückzulegen. Vier Geschwister (3., 4., 5. und 6. Jahrgangsstufe) kamen von einem Bauernhof aus einem Weiler ebenfalls mit dem Rad. Rudi: »Mei, da fetz ma mir oft a sooo!« Der Klaus aus der Zweiten wollte betont haben, dass er »mit‘m Geh‘« eine Viertelstunde zur Schule brauchte, »aber mit‘m Schulpack! « Weitere Berichts-Anmerkung zum Schulweg der P.er Kinder: »Die meisten wohnen im Ortskern und schlendern in ein paar Minuten zum Unterricht. Manche brauchen gar erst um dreiviertel acht Uhr aufzustehen (was man ihnen aber auch an den Gesichtern ansieht!), da sie das Schulhaus vor der Nase haben…«

Das ehemalige Schulhaus in P. trug die Hausnummer 21. Dem Gebäude, das heute als Gemeindehaus dient, in dem sich kirchliche Vereine treffen, merkt man heute nicht mehr an, dass es 88 Jahre lang, von 1880 bis 1968, eine Volksschule war. Im Rahmen von »Geschichtstagen«, die im Oktober 2011 dem Thema »Schule und Bildung « im Landkreis Mühldorf am Inn gewidmet waren, erforschte der Stadtarchivar der Stadt, in die P. heute eingemeindet ist, die Schulgeschichte des damals noch selbstverwalteten Dorfes P.. Dem Archivar ist der Brief eines ehemals in P. unterrichtenden Lehrers aus dem Jahre 1904 bekannt, der die Bitte des Unterzeichneten um einen Tag Dispens vom Schuldienst beinhaltet und als Beispiel dafür stehen kann, wie stark sich bayerische Schulmeister damals (noch bis 1918/19) unter der sogenannten geistlichen Schulaufsicht befanden. Der Brief endet: »Im Vertrauen auf Ihre Güte und mit der Versicherung ehrfurchtsvoller Hochachtung verbleibe ich mit ehrerbietigsten Grüßen Euer Hochwürden gehorsam ergebener Johann Proißl, Lehrer.«

H. G. fand in P. einen »Schulmeister«, dem diese Art Unterwürfigkeit zwar fehlte, aber ein Rest von unbedingtem Obrigkeitsgehorsam noch immer anhaftete. Oberlehrer K. S., damals gefühlte 50 Jahre alt, war ein liebenswürdiger Kinderfreund, präzise in seinen Vorbereitungen, ruhig im Umgangston, gezeichnet von dem noch nachwirkenden Schicksal des Heimatvertriebenen aus dem Egerland. Student H. G., ebenfalls Heimatvertriebener, bewunderte S.s Pflichtbewusstsein, Genauigkeits- und Ordnungsliebe in allen erziehlichen und unterrichtlichen Tätigkeiten, dazu sein Talent, in einem Klassenverband erfolgreich zu wirken, der vom Schulanfänger bis zum Schulabgänger reichte.

Von seinem Ausbildungslehrer zu lernen, bereitete dem Studenten H. G. tagtäglich neue Freude. Er erfuhr beispielhaft die verschiedenen Arbeitsund Organisationsformen der Landschule: Stillarbeit, Allein-, Gruppenund Partnerarbeit, Abteilungsbildung – im Sachunterricht, im Rechnen, Singen, im Fach Deutsche Sprache (Lesen, Schreiben, Rechtschreiben, Aufsatz, Sprachlehre), im Zeichnen und Werken, in Leibeserziehung und in der Biblischen Unterweisung. In diesem, nicht von einem Geistlichen, sondern vom Klassenlehrer unterrichteten Fach zum Beispiel wurde die 1. Jahrgangsstufe allein geführt, die Jahrgangsstufen zwei mit vier bildeten die zweite, die Jahrgangsstufen fünf mit acht die dritte »Abteilung«. Besondere didaktisch- methodische Begriffe wie Jahresreihen, Helfersystem, Konzentrationsformen, außerschulisches Lernen wie Unterrichts-, Lehr- und Beobachtungsgänge, Schulwanderungen füllten sich für H. G. in den vier Wochen seines Praktikums mit Leben.

Freilich wusste der PH-Student aus den Vorlesungen und Seminaren, was didaktische Konzentration heißt. Aber im Landschulpraktikum erlebte er, wie sie funktionierte: Breitenkonzentration, Längenkonzentration, Höhenkonzentration. Landschulkinder, die eine »einklassige« Volksschule besuchten, lernten anders (und anderes) als Stadtschulkinder, die in eine Klasse mit Gleichaltrigen gingen, die also eine mehr oder weniger homogene Gruppe waren.

Vom Helfersystem lebte die Landschule und zehrte sie. Von Nutzen war das Helfersystem dem Schüler, der Hilfe brauchte und dem Schüler, der Hilfe brachte. Selbstverständlich auch dem Klassenlehrer; war es ihm doch schier unmöglich, sich um jeden Einzelnen seiner Anvertrauten zu kümmern. Er hatte den ständigen Wechsel von »mittelbarem« und »unmittelbarem« Unterricht zu meistern. Allein diese Aufgabe forderte vom Klassenlehrer der ungeteilten Landschule ein hohes Maß an Könnerschaft.

Nachhaltigen Eindruck machte das »freie Lernen« in der Praktikumsschule auf den Studenten. Hierzu bemerkte er im Bericht: »… erlebte ich bei zahlreichen Unterrichtsgängen und bei einer Schulwanderung deutlich, welch positiven Einfluss freie Unterrichtsformen auf das Kind hatten: Die sonst wortkargen Kinder reden auf einmal frei und viel und freudig. Jedes Kind weiß etwas über eine Sache, gibt sein Wissen weiter. Dabei wird es innerlich frei und gelöst. Es gibt sich so wie es seinem Wesen nach ist und denkt. Es kann sich körperlich ungehindert betätigen durch Gehen, Wandern, Spielen, Singen, Vorspielen etwa eines Arbeitsvorgangs – beim Unterrichtsgang in eine Waschküche macht ein Mädchen allen vor, wie die Wäsche eingeweicht, gereinigt, gestampft, zum Trocknen aufgehängt wird. Alle Sinne werden dabei beansprucht. Kopf, Herz und Hand (J. H. Pestalozzi) führen ineinandergreifende Funktionen aus. Viel mehr Bereitwilligkeit und Aufgeschlossenheit für den (geschlossenen) Unterricht im Klassenzimmer wird erreicht.«

Die kleine Schule in P. war gar nicht schlecht ausgestattet. Als Studiosus an der »Lehrerhochschule« musste H. G.

vor 50 Jahren genau Bericht erstatten darüber, welche Lehr- und Lernmittel an seiner Praktikumsschule zur Verfügung standen. Dem Bericht ist zu entnehmen: 314 Wandbilder und Lehrtafeln für den Sachunterricht der Oberstufe, 19 Landkarten, 58 Bild-Wort-Tafeln, Lesekasten für den Erstunterricht, Globus, Umriss-Stempel zur Anfertigung von Länderskizzen in den Arbeitsheften, 20 Geschichtsjahresreihen, 34 Bildstreifen für Geschichte, eine Mineraliensammlung, zwei Körper-, fünf Hohlmaße, eine Prozentkreisscheibe, Rechengeld und -scheibchen, eine Wand-Rechenmaschine, die der Lehrer aber nie einsetzte, Bildtafeln für den Bibel-Unterricht (gemalt von Gebhard Fugel). 468 didaktischmethodische Handbücher umfasste die Lehrer-, 58 Bücher für die Unterstufe, 68 Bücher für Oberstufe die Schul-, sowie 204 Sachbücher und Nachschlagewerke die Schülerarbeitsbücherei. Vor 50 Jahren wurde an bayerischen katholischen Bekenntnisschulen noch regelmäßig gebetet. Student H. G. verfasste denn auch seine (als Nachweis geforderte) wissenschaftliche Abhandlung über »Die Praxis des Schulgebetes in der Landschule zu P.« Teile daraus veröffentlichte er später in einer von ihm redigierten Zeitschrift. Vorgeschrieben war auch, einen »Lehrnachweis« für jede in P. erlebte, mitgestaltete Schulwoche zu erbringen, und zwar nach Fächern, hier wiederum nach Jahrgangsstufen, gegliedert. Es ging um heimatkundlichen Anschauungsunterricht (1./2. Jg.), Heimatkunde (3./4. Jg.), Deutsche Sprache, Erdkunde bzw. Geschichte, Naturkunde, Sozialkunde…, Rechnen und Raumlehre, Singen, Zeichnen/ Werken, Leibeserziehung, Biblische Geschichte. Für die Volksschuloberstufe waren kurz vor Antritt des Landschulpraktikums, im Juli 1961, neue Richtlinien des Kultusministeriums erlassen worden. Keine Frage, dass Oberlehrer K. S. sich daran hielt.

Aus G.s »Stundenplan« geht hervor, dass die Schulkinder damals fünf Stunden Sachunterricht (bzw. Heimatkunde, heimatkundlichen Anschauungsunterricht), sechs Stunden Rechnen, acht Stunden Deutsch, drei Stunden Handarbeit und so weiter, aber nur zwei Stunden Turnen und nur eine Stunde Musik pro Woche hatten. Dienstags endete der Unterricht um 17 Uhr, mit einer Stunde Mittagspause.

Überhaupt: die Große Pause! Sie war, meistens beaufsichtigt von OL K. S., manchmal auch von »Klassenmutter« Helga, jedes Mal ein kleines Fest der unbeschwerten, ein wenig lärmigen, aber nie zügellosen Bewegung im Freien. »Fang-a-Mandl« wurde gespielt, »Verstecks di«, und in ihre Reigen- und Singspiele schlossen die Mädchen ganz selbstverständlich die Buben ein, die H. G. in der Pause nie raufend oder wild tobend erlebte.

Die 24 Praktikumstage waren von herbstlichem Schönwetter gesegnet, und OL K. S. duldete es nicht, dass auch nur ein einziges Kind während der großen Pause im Schulzimmer blieb. Die »Pause«, so wurde kurz die kleine leibliche Stärkung genannt, brachte sich jedes Kind von daheim mit: belegte oder geschmierte Wurstbrote, Käsesemmeln, Obst, Trinkmilch. Schleckereien? Der heute 72-jährige Landschul-Praktikant von damals kann sich nicht erinnern, je ein Kind Gummibärchen, Schokolade oder »Guatln« lutschen gesehen zu haben. Keines der Mädchen kam in Hosen, alle trugen lange Kleider, viele noch eine Schürze über dem Rock, dazu Wollstrümpfe. Die Buben hatten lange Hosen an. Die Pullis und Jacken der Kinder waren hausgestrickt.

Für die Schulkinder von P. waren die beiden Praktikanten im Herbst des soeben begonnenen Schuljahres 1961/62 keine unbekannten Schulbesucher – vorher waren bei ihnen auch schon »Lehrerstudenten« zu Gast. Die Kinder wussten jedoch genau, warum die beiden jungen Männer aus München hier waren. »Dasst lernst, wie‘s geht, wennst a Schullehrer bist, gell?«, fragte schnippisch die Kathi, eine Vorwitzige, und machte, sobald sie ihre Vermutung ausgesprochen hatte, auf dem Absatz kichernd kehrt. Es war klar, dass die Anrede mit »Du« gebräuchlich war. Auch wenn der Ausbildungslehrer anfangs versuchte, die Kinder auf ein »Sie« für die Praktikanten einzuschwören.

H. G. führte damals Tagebuch. Letzter Eintrag: Samstag, 14. Oktober 1961: »Der Höhepunkt des Landschulpraktikums war der heutige letzte Tag. Auf diesen fiel nämlich mein ‘Schulhalbtag‘. Schon die Vorbereitung zeigte, dass es nicht einfach ist, für eine ungeteilte Volksschule einen soliden, ausgeglichenen, guten Unterricht zu geben. Viel Arbeit und Ausdauer, besonders für die Stillarbeit, sind dazu nötig. Ganz zu schweigen von der Anspannung und Überforderung des Lehrenden während des Unterrichts selbst. Manchmal hatte ich den Eindruck, als sei der zu vermittelnde Stoff nur Nebensache und die Organisation und geschickte Darbietung desselben im ständigen Wechsel von mittelbarem und unmittelbarem Unterricht die einzig gültige und gefragte Hauptsache… Zum Abschied brachten die Kinder Blumen, sprachen ein Gedicht und sangen ‘Wahre Freundschaft soll nicht wanken, wenn sie auch entfernet ist…‘.«


Dr. Hans Gärtner



3/2012