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Jahrgang 2004 Nummer 36

Ältester Hut aus Bayern bei Landsberg gefunden

Eine kunstvoll gearbeitete Kopfbedeckung aus der Jungsteinzeit

Originalgetreue Nachbildung des Hutes von Pestenacker

Originalgetreue Nachbildung des Hutes von Pestenacker
In diesem Hausfundament wurden die Hutreste entdeckt

In diesem Hausfundament wurden die Hutreste entdeckt
Rekonstruktion des Hutes durch das Landesamt für Denkmalpflege

Rekonstruktion des Hutes durch das Landesamt für Denkmalpflege
Über fünftausend Jahre alt sind die Überreste einer kunstreich geflochtenen Kopfbedeckung mit Baststreifen als Regenschutz und einer mit Fransen verzierten Lederspitze aus der Jungsteinzeit, die bei Ausgrabungen in Pestenacker im Landkreis Landsberg am Lech freigelegt wurden. Wie die Versteifung des Hutkegels beweist, handelt es sich bei dem Fund nicht um eine Mütze, wie man sie vom »Ötzi« kennt, sondern um einen so genannten Spitzhut, dessen Form an einen Ulanenhelm erinnert.

Das Fundstück befand sich in der Brandschicht im Fundament eines in Blockbauweise errichteten Hauses. Die Brandschicht geht aufgrund dendrochronologischer Untersuchungen auf das Jahr 3490 vor Christus zurück. In dieser Periode der jüngeren Steinzeit hatte der Mensch begonnen, den Boden zu bebauen, um Kulturpflanzen wie Weizen, Gerste und Erbsen für die tägliche Nahrung zu züchten und aus angebautem Flachs Textilfasern zu gewinnen. Als Haustiere kannte man Hund, Rind und Ziege. Werkzeuge und Waffen wurden aus Feuerstein hergestellt und sehr sorgfältig bearbeitet. Den Mittelpunkt des Hauses bildete die aus Steinen errichtete Feuerstelle.

In Pestenacker hatte ein Grabungs-team des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege schon im Jahre 1992 in einer Brandschicht ein Kleidungsfragment, zwei kleine Taue und Reste eines Teppichs entdeckt. Der Neufund vom November vergangenen Jahres wurde ganz in der Nähe in einem nassen Wiesenstück geborgen.

Die feuchte Bodenbeschaffenheit war die Voraussetzung dafür, dass die Hutrelikte nach einer so extrem langen Zeit von über sechstausend Jahren überhaupt erhalten geblieben sind. Den Hauptgrund für die Konservierung sehen die Wissenschaftler im Brand des Blockhauses; erst das Feuer schafft für Textilien in Feuchtbodensiedlungen optimale Voraussetzungen gegen die Verwesung. Denn beim Brand fallen Textilien in der Regel zu Boden.

Sofern sie nicht zur Gänze verbrennen, werden sie durch das Feuer gehärtet, anschließend kurzfristig durch den Brandschutt luftdicht versiegelt und so vor weiterer Zerstörung geschützt., Später sorgt das Ansteigen des Grundwasserspiegels oder das Überwachsen mit Torf für eine langfristige Konservierung.

Der Neufund wurde im Block geborgen und beim Landesamt untersucht. Zwei kleine Geflechtstücke, die als erste freigelegt wurden, erwiesen sich als eben begonnene Flechtarbeiten von äußerst dekorativem Charakter. Offenbar hatte das Feuer die Hausbewohner überrascht, dass sie alles stehen und liegen ließen, um ihr Leben zu retten.

Zwei nach der Fundlage zusammengehörige Einheiten sahen zuerst nicht anders aus als eine Schaufel voll Abfall. Doch gerade hier kam der bemerkenswerte Befund zum Vorschein, der sich als »Spitzhut« entpuppte, wie er auch auf prähistorischen Felszeichnungen zu erkennen ist.

Die Restauratoren behandelten die Reste noch in der Brandschicht mit Chemikalien, sonst wären sie zu Staub zerfallen, fixierten sie durch Konservierungsmittel und legten sie in ein Gipsbett zur Aufbewahrung. Für Ausstellungszwecke sind derartige Originalfragmente nicht geeignet. Erst eine originalgetreue Nachbildung vermittelt eine Vorstellung davon, wie aufwändig der Hut gestaltet war, nicht anders, als eine heutige Hutkreation. Der Steinzeithut besteht aus einem zeitüblichen Geflecht in Zwirnbindung, die an der Außenseite herabhängenden Baststreifen aus Baumrinde bildeten einen Regenschutz und die mit Fransen versehene Spitze aus Leder wirkt ausgesprochen dekorativ. Die steinzeitliche Hutmacherin – oder war es ein Mann? – verdient unsere uneingeschränkte Bewunderung.

JB



36/2004