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Jahrgang 2001 Nummer 7

Achteckige Räume und uralte Rezepte

In Karin Proellers Laboratorium blubbert es wie zu Zeiten der Alchemisten

Nach den rund 500 Jahre alten Rezepten und Aufzeichnungen des Philosophen Paracelsus werden die »spagirischen Kosmetika« von Kar

Nach den rund 500 Jahre alten Rezepten und Aufzeichnungen des Philosophen Paracelsus werden die »spagirischen Kosmetika« von Karin Proeller hergestellt.
Sie lehrte die Kraft des »Steins der Weisen«, wollte Dreck zu Gold machen und das Leben der Menschen verlängern: Die »Schwarze Kunst« der Alchemie. Bis heute sind ihre Rezepte und Verfahrensweisen überliefert, wenn auch vergraben in staubigen Bibliotheken. Karin Proeller hat sich vor mehr als einem Jahrzehnt an die Arbeit gemacht und die magischen Schriften studiert. Heute betreibt die Donauwörtherin mit ihrem mittelalterlichen Wissen auf einem sonnigen Südhang der norditalienischen Alpen ein altertümliches Laboratorium, in dem es noch blubbert und kocht wie zu Zeiten der Alchemisten.

»Wir produzieren Heilmittel und Kosmetika nach spagirischen Rezepten, einem Zweig der Alchemie«, erklärt Proeller ihr Geschäft. Was das genau bedeutet, fällt ihr nicht ganz leicht zu beschreiben. Es geht um Sonne, Mond und Sterne, um die Einheit des Menschen mit der Natur und auch um Schönheit: »Spagirik ist die Herstellung von pflanzlichen Arzneimitteln und Kosmetika.« Die Cremes und Lotions der Firma Soluna Heilmittel sollen aber nicht nur die Haut pflegen. »Unsere Kosmetika vermitteln auch Wohlbefinden«, behauptet Proeller. Für den Laien klingt das nach Homöopathie. Sie erklärt den Unterschied: »Homöophatische Mittel behandeln in erster Linie den Körper. Uns geht es auch um den Geist und die Seele.«

Bei der Produktion ihrer »spagirischen Kosmetika« beruft sich Proeller auf die rund 500 Jahre alten Rezepte des Arztes und Philosophen Paracelsus. Das Verfahren ist ebenso altertümlich wie aufwendig: Auf jegliche Maschinen wird verzichtet, die Pflanzen werden per Hand gepflückt. »Und zwar dann, wenn ihre Lebenskraft am höchsten ist«, erklärt Proeller die Methode. Kamille zum Beispiel nur am frühen Morgen, Ringelblume stets am Mittag.

Kritiker mögen das Verfahren als Hokuspokus verspotten, Karin Proeller glaubt fest an das uralte Rezept: Entsprechend der Blutmenge des Menschen kommen die Blüten nach der Ernte in Glasgefäße zu genau sechs
Litern. In einem achteckigen »Kraftraum« reifen sie hier eine Woche lang bei exakt 37 Grad, der menschlichen Hauttemperatur. Täglich wird zur Dynamisierung der Pflanzen umgerührt – doch nicht irgendwie, sondern im Rhythmus von Mond und Sonne: morgens 28mal linksherum, abends 33mal rechtsherum.

»Das Verfahren garantiert den optimalen Einklang der Pflanzen mit der Natur«, meint Proeller. Ganz billig ist das natürlich nicht. 55 Mark kostet zum Beispiel eine 30 Milliliter-Gesichtscreme, rund das Dreifache im Vergleich zu einem gewöhnlichen Produkt aus dem Kaufhaus. Insgesamt hat Soluna 26 apothekenpflichtige Heilmittel und 15 verschiedene Kosmetika-Sorten im Angebot.

Proeller trat 1988 in die Firma ein, die von dem 1965 verstorbenen Dichter und Alchemisten Baron Alexander von Bernus gegründet wurde. Heute vertreibt sie ihre Produkte weltweit, die Kundschaft reicht bis nach Amerika und Japan. »Bei all der Industrie sehnen sich die Menschen einfach wieder nach ein bißchen Natur.« Ganz ohne Technik kommt aber auch Proeller nicht aus: Für die magische Kraft ihrer Kosmetika braucht sie Sonne, Mond und Sterne – für den Vertrieb das Internet.

Johannes Keienburg



7/2001