Jahrgang 2009 Nummer 38

Abschied von der Sommerfrische auf der Alm

Um Michaeli ist die Almzeit meist überall zu Ende



Wenn die Tage kürzer und die Nächte länger werden, heißt es für die Almleut, die Sennerin und den Senn, Abschied nehmen. Der Termin, wann das Vieh ins Tal hinunter getrieben wird, ist regional verschieden, hängt aber auch von der Witterung ab. Gewöhnlich fällt der Aufbruch von den Almweiden in den September. Um Michaeli (30. September) ist die Almzeit, die etwa zwölf Wochen dauert, meist überall zu Ende.

Dank für einen guten Almsommer

Wenn der Almsommer glücklich verlaufen ist, wenn keinem Tier etwas zugestoßen ist und niemand in der Familie des Bauern gestorben ist, ist der Almabtrieb ein Festtag, ein Tag der Freude und Dankbarkeit.

Nach altem Brauch wird dann das Vieh »aufgekranzt«: Die Köpfe der Tiere werden mit Kränzen aus Tannengrün und Almblumen, mit bunten Bändern, Flitter und kleinen Spiegeln geschmückt. In den bayerischen und Salzburger Bergen erhalten alle Kühe einen Schmuck, die schönsten einen Kopfschmuck. Im Berchtesgadener Land ist das Hauptstück des Kranzzeuges die »Fuikl«. Das ist ein Fichtenwipfel, dessen Zweige zu einer zwei- bis dreistöckigen Krone nach oben gebunden und mit Bergblumen, Papierrosetten und -bändern und mit eingefärbten Holzspänen, den »Gschabertbandeln« verziert werden. Dabei entstehen wahre Meisterwerke der Volkskunst, die dann über der Stalltür befestigt werden.

Zum Schmuck der Tiere gehören auch die Glocken, die an einem breiten, federkielgesticken Lederriemen am Hals hängen. Meist tragen nur die schönsten und größten Kühe Glocken. Das sind große, schwere oder besonders wertvolle Glocken, die auch »Singerinnen« heißen. Mit dem Geläut sollten nach altem Volksglauben feindliche Dämonen abgewehrt werden, die die Tiere auf dem Weg ins Tal bedrohten. Eine ähnliche Aufgabe erfüllten auch linnene Kopflarven, die dem Vieh übergestülpt wurden.

Im Kopfputz der Tiere, zwischen Sträuchern, Zweigen und Blumen, fehlen aber auch nicht christliche Bilder und Zeichen, Symbole und Monogramme, besonders von den Viehpatronen, allen voran St. Leonhard.

Ist alles für den Abtrieb hergerichtet und die Almhütte, die in Oberbayern auch »Kaser« heißt, winterfest gemacht, bricht die Sennerin zum Weg ins Tal auf, unterstützt von Helfern aus der Familie. Vorne geht die Leitkuh, der erst kurz vor der Ankunft unten im Dorf der besonders schöne Kopfschmuck aufgesetzt wird. Ihr folgen die übrigen Tiere. Ganz am Schluss kommt die Almerin, die aus Anlass des Festtages ihr schönes Dirndl angelegt hat. Im Dorf ist die Freude groß, wenn alle Tiere gut angekommen sind.

Almabtrieb und Viehscheid

Einer der schönsten Almabtriebe in Oberbayern ist der des Graflbauern von der Fischunkelalm am Obersee im Berchtesgadener Land. Das Vieh wird hier zuerst auf zwei miteinander verbundene Flachboote geladen und mit Hilfe von Elektrobooten dann über den ganzen Königssee transportiert. Im Dorf Königssee werden die »Seekühe« von einer riesigen Menschenmenge erwartet. Was einst unspektakuläres Ereignis war, ist zur folkloristischen Attraktion hochstili-siert worden.

Im Allgäu ist der Almbetrieb etwas anders organisiert. Hier sind einem einzelnen Senn die Tiere von mehreren Bauern anvertraut, die er auf einer Genossenschaftsalpe den Sommer über versorgt. Kommt er im Herbst mit den Tieren unten im Tal an, werden diese wieder getrennt und von den Besitzern übernommen. Man spricht man deshalb hier vom »Viehscheid«.

Auf den Allgäuer Alpen, wie hier die Almen heißen, werden zum einheimi-schen Vieh auch viele Tiere aus dem Unterland, aus dem Raum um Kempten, Memmingen und Wangen, geweidet.

Viehscheide gibt es im Allgäu z. B. in Pfronten, Hindelang, Schöllang, Oberstdorf, Oberstaufen und Obermaiselstein.

Das harte Almleben nicht sehr attraktiv

Almabtriebe sind heute überall, wo sie noch in der herkömmlichen Form abgehalten werden, eine Touristen-attraktion, ein Spektakel, das in den Fremdenverkehrsorten alljährlich Tausende von Schaulustigen anzieht. Vielerorts wird die Tradition des Almabtriebs sogar nur wegen des Fremdenverkehrs noch aufrecht erhalten, obwohl man sich den ganzen Aufwand mit Hilfe von Traktor und großen Wagen ersparen könnte. Diese Praktiken werden von Heimatpflegern natürlich recht kritisch gesehen.

Ein festlicher Abtrieb lässt nur allzu leicht in Vergessenheit geraten, dass das entbehrungsreiche Almleben sowie die große Verantwortung, die von einer Sennerin, einem Senn übernommen werden muss für junge Menschen heute nicht mehr sehr attraktiv ist. Auf manche Alm wird nur noch so lange aufgetrieben, wie die alte Sennerin, die es schon seit vielen Jahrzehnten macht, dazu noch imstande ist. So kommt es, dass viele Almen, die in Generationenarbeit mühsam angelegt wurden, heute aufgelassen werden. Die alten Sennhütten verfallen oder werden von Privatpersonen oder Vereinen als Freizeitunterkünfte übernommen. So geht eine jahrhundertealte Almtradition in aller Stille zu Ende.


Albert Bichler



38/2009