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Jahrgang 2015 Nummer 28

300 Jahre Heiliges Haupt in der Pfarrkirche Siegsdorf

1715 ließ Pfarrer Schübin den neuen Altar errichten – Teil II

Das Heilige Haupt mit Baldachin von Bildhauer Hans Kreuz aus Tettenhausen (Foto von 1969). (Alle Bilder: Markus Döpper)
Das Heilige Haupt ziert seit 1767 ein Bauernhaus bei Adelholzen
Titelseite des Bruderschaftsheftes
Votivbild von Osterham
Bild Jesu in der Pfarrkirche zu Siegsdorf, kolorierter Kupferstich aus dem 19. Jahrhundert

Die Kirche zu Unserer Lieben Frau war damals für den Zulauf der Pilger, die aus allen Himmelsrichtungen das »Abbild des Schmerzhaften Haubt Christi zu Siechsdorff« aufsuchten, viel zu klein. 1769 bat Pfarrer Thomas Hauner erstmals um eine Erweiterung der Kirche. Den vielen Pilgern und nicht zuletzt dem Wirken der Siegsdorfer Kreuztracht ist es zu verdanken, dass die Kosten für den Bau (1779-1782) der heutigen so prächtig ausgestatteten Kirche aufgebracht werden konnten, denn als Vikariat fehlten Siegsdorf die Pfründeeinnahmen einer Pfarrei.

Am 9. September 1786 bemühte sich Kurat Philipp Mayer erneut beim Heiligen Stuhl in Rom um einen Ablass für die Pilger – wieder ohne Erfolg. Es kommt auch zur Gründung einer Hl. Haupt-Gesellschaft, wobei der Zeitpunkt ihrer Entstehung nicht bekannt ist. Es ließen sich viele aus Nah und Fern einschreiben »... zum unwidersprechlichen Beweisthum, daß hier bey dieser heiligen Bildniß viele und große Gutthaten sind erhalten worden, wie sich dann unterschiedliche Personen angemeldet, und zur schuldigsten Danksagung dem heiligen Haupt durch Gott die Ehr gegeben, daß sie in unterschiedlichen schweren Anliegen und Zuständen, absonderlich in Kopfschmerzen und andern solchen Gebrechlichkeiten wunderbare Hilf, Trost und Heil erlanget haben.«

Von der tiefen Verehrung der Bevölkerung zeugt auch ein Brief vom Lehrer Patriz Iblherr, den er am 13. September 1827 an den Siegsdorfer Pfarrer schrieb und in dem er sich um die Lehrer- und Mesnerstelle bewarb:

»Ich habe seit meinem Hierseyn (Ruhpolding) für diesen Platz (Siegsdorf) schon immer eine ganz besondere Vorliebe getragen, und die Mutter Gottes so oft ich sie sah, mit Vertrauen gebeten, sie möchte ihre Augen und Hände auch für mich zum Himmel erheben, damit ich einst würdig werden möchte, dem Heiligen Haupte Diener zu werden!«

Ein bis 1877 geführtes Rechnungsbuch belegt, dass die Bruderschaft Geld an mindestens 22 Personen gegen Schuldscheine verliehen hatte. Der älteste Schuldschein datiert in das Jahr 1789. 1840/41 ließ die Bruderschaft vom Maler Joseph Holzmaier auf zwei Tafeln die Leidenswerkzeuge darstellen. Die Tafeln wurden beidseits des Heiligen Hauptes angebracht. Maler Georg Sollinger aus Traunstein vergoldete diese Tafeln. Ein im Jahr 1850 angelegtes Mitgliederbuch enthält alphabetisch geordnet die Namen und Wohnorte von insgesamt 778 Personen. Es ließen sich aus der Pfarrei viele Ehepaare mit all ihren Kindern in das Buch eintragen; aus benachbarten Pfarreien findet man ebenfalls viele Personen.(3)

Ein Bericht aus dem Ablassbüchlein zur Feier des 1000-jährigen Jubiläums der Filialkirche des Hl. Johannes des Täufers in Vogling im Jahr 1876 beschreibt die Verehrung ganz allgemein: »Es fanden vielfache Gebetserhörungen statt und die Andacht zu diesem Bilde dauert zur Stunde noch ungeschwächt. Besonders wird gegenwärtig diese Andacht dadurch gepflegt und befördert, daß an jedem Freitage in der Pfarrkirche Siegsdorf drei heilige Messen mit Abbetung der Litanei zum Leiden Jesu Christi gelesen und an den höheren Festtagen heilige Aemter nach der nämlichen Meinung gehalten werden. Das feierliche Fest zu Ehren des schmerzhaften Hauptes Jesu Christi und der Erinnerung der Übertragung dieses Gnadenbildes in die Pfarrkirche Siegsdorf wird alljährlich am Sonntage nach St. Laurentii oder an diesem Tage selbst, wenn er an einen Sonntag fällt, gefeiert, wobei zugleich vollkommener Ablaß verliehen ist.« Hier hören wir zum ersten Mal, dass ein Ablass vom Hl. Stuhl gewährt wurde.

In den Jahren darauf muss wohl der Pilgerstrom erheblich zurückgegangen sein und der darauf folgende Erste Weltkrieg trug das Seine dazu bei.

»... um den ersten Eifer wieder zu beleben und Siegsdorfs Heiligtum in seine Vollehre zurückzuführen, wurde im Jahre 1920 (von Pfarrer Stelzle) der Versuch gemacht, die kanonische Errichtung dieser Hl.-Haupt-Gesellschaft als Bruderschaft vom Hl. Haupte unseres Herrn zu erreichen, was am 30. Mai eben dieses Jahres gnädigst bewilligt wurde, unter gleichzeitiger Aggregation der neuerrichteten Bruderschaft an die Erzbruderschaft vom hl. Antlitz unseres Herrn in Tours.« Mit oberhirtlicher Druckerlaubnis wurde zu diesem Anlass ein fünfzehnseitiges Heft gedruckt mit dem Titel: »Das Heilige Haupt in der Pfarrkirche zu Siegsdorf – Geschichte und Statuten der Bruderschaft vom Heiligen Haupte unseres Herrn«.

Durch die Bedrängnis während der NS-Zeit und später durch die Veränderungen aufgrund des 2. Vatikanischen Konzils, wo so vieles der Volksfrömmigkeit »vor die Tür gestellt« wurde, fiel die Wallfahrt und die Verehrung unseres Gnadenbildes in einen tiefen »Dornröschenschlaf«. Jahrzehntelang gab es nicht einmal mehr einen Kirchenführer über die Pfarrkirche und somit auch keine Beschreibung vom Gnadenbild.

Vergleicht man die Wallfahrtsorte Altötting, Maria Kirchenthal oder Maria Eck miteinander, so ist es schon höchst verwunderlich, dass all die Votivgaben und -bilder aus über 200 Jahren Wallfahrtsgeschichte spurlos verschwunden sind. Bereits 1920 existierten nur noch zwei Votivbilder in der Kirche – ein Bild aus dem Jahr 1734 stammte von Zuhausen und ein Bild aus dem Jahr 1760 von Osterham. Über den Verbleib des ersten Bildes gibt es nur noch ein Gerücht und das zweite Bild ist wieder in Besitz der Familie in Osterham. Anton Bichler (verstorben im Jahr 2000), hat erzählt, dass er als Elfjähriger mit seinem Vater das Bild wieder zu sich genommen hat, um ein Verschwinden des letzten Bildes zu verhindern. Tatsächlich ist dieses Votivbild das Einzige von einstmals sicher über tausend Stück, das in der Gemeinde heute noch vorhanden ist. Die Texte der beiden Tafeln sind uns Titelseite des Bruderschaftsheftes erhalten:

»Zü dem schmerzhaften H. Haupt zu Siechstorff hat sich Catarina Zellnerin auß der Siechsdorffer Creuztracht auff Zuesprochen Anna Obermayrin verlobt, willen sie ein Baindl geschlunckhen ünd solches 6 Wochen in Hals gestögt, daß die letzern 13. Täg nicht einmall wasser und Koch geniessen können, auch der Badter mit kein Instrument weder herauff noch hinab bringen können woll aber nach getonen gelibt von sich selbst herauß gangen. Gott sey Ewigen Dankh gesagt. 1734.«

»Maria Bäuerin allta hat sich zu dem Schmerzhafften H. Haubt verlobt wegen inerlich gehabt ser großen schmerzen mit verrichtung eines neintägigen RoßenCranz und aufopfferung gegenwertiger Votif Taffl hab allso auf gemachtes gelibt, meine gesundheit erhalden dem Schmerzhafften H. Haubt Jesu sey unentlich ewigen Dankh gesagt. 1760.«

Viel ist es nicht, was aus dieser doch so bedeutsamen Epoche Siegsdorfs noch geblieben ist. Zeugnis gibt noch der »steinerne Pandur« am Pfarrerberg (Kardinal-von-Faulhaber-Platz 3), der ja eigentlich als »Pinkelstein« für die Hunde seine Bestimmung hatte, zur Verhöhnung der feindlichen Soldaten für das Erlittene im Erbfolgekrieg. Einige Grabmäler, das Kriegerdenkmal sowie das Dach des Kirchenschiffes tragen das Hl.-Haupt-Bildnis. An der Martersäule am Forstmeisterberg (Reichenhaller Straße), an einem Bauernhaus bei Adelholzen (St.-Primus-Straße), an der Haustüre des früheren Gasthauses in Höpfling (heute Pension Ober, Höpfling 38) und daneben am früher dazugehörigen Zuhaus findet man noch Abbildungen des Hl. Hauptes. Das Pandurenkreuz (links vom Haupteingang) in der Pfarrkirche ist eine Stiftung der Vogelwalder Bauern zum Dank, dass sie bei dem Pandureneinfall verschont blieben. Früher war es an der Untereckerbrücke aufgestellt und kam 1919 in die Pfarrkirche. Es gibt auch noch anderswo Zeugnisse der Wallfahrt, wie z. B. in der Pfarrkirche in Oberneukirchen (Landkreis Mühldorf). Dort befindet sich ein Eccehomo- Bildnis, das beim Betrachten sofort an Siegsdorf denken lässt. Bei meinen Nachforschungen stellte sich heraus, dass durch eine Siegsdorfer Wallfahrt nach Altötting auch Oberneukirchen auf das Hl. Haupt aufmerksam wurde. Ebenso findet man am linken Seitenaltar der Salinenkirche in Traunstein eine Darstellung des Heiligen Hauptes.

Überliefert ist auch, dass z. B. die Pfarrei Lofer regelmäßig nach Siegsdorf pilgerte. Da hieß es dann beim früheren Oberwirt (heute Gasthof Neue Post): »Doats den Senf vo de Tisch weg, weil de san so arm, de kaffn se bloß s´Brot und dauchans an Senf ei.« Laut Aussage des dortigen Heimatpflegers wird in Lofer auch heute noch gerne Brot mit Senf gegessen, was nichts mit Armut zu tun hat.

Auch drei Fahnen der Krieger- und Soldatenkameradschaft Siegsdorf tragen das Bildnis des Heiligen Hauptes.

Zu den Zeugnissen in der Pfarrkirche zählen außer dem Gnadenbild selbst das Deckengemälde, die Tafel unter der Empore, die Hl.-Haupt- Fahne zu den Prozessionen, das nachgeschnitzte Haupt für Fronleichnam, ein Hl.-Haupt-besticktes Velum, sowie die wertvolle mit alten Talern und Silberherz bestückten Votivkette, die das Hl. Haupt am Hl.-Haupt-Fest ziert. Und nicht zuletzt ziert eine Votivkerze mit dem Bild des Hl. Hauptes den Altarraum in Maria Kirchenthal (gefertigt von Frau Haman, Siegsdorf, anlässlich der 300. Wallfahrt im Jahr 2001).

Der Platz für das Gnadenbild über dem Tabernakel am Hochaltar ist seit etwa 1790 bis heute der gleiche. Jedoch hat man um das Haupt herum immer wieder Veränderungen durchgeführt. Von der Vorgängerkirche zu Unserer Lieben Frau ist uns vom Hl.-Haupt-Altar nichts mehr erhalten. Ebenso aus der Zeit der Errichtung des heutigen Hochaltars 1791 bis zum Jahr 1844 ist nicht bekannt, wie das Hl. Haupt angebracht war.

Im Jahr 1844 fertigten der Münchner Hofschreiner Johann Bapt. Hemmer und der Münchner Bildhauer Franz Sickinger einen spätklassizistischen Tabernakel und einen Hl.-Haupt-Kasten. Dieser ist auch auf dem Bruderschaftsheft dargestellt. Das Haupt wurde links und rechts von den Leidenswerkzeugen eingerahmt (geschnitzt und blattvergoldet). Im Jahr 1919 wurde von der Familie Knerr ein neuer Tabernakel und ein Hl. Haupt-Schrein (mit Glasscheibe als Schutz vor Staub) gestiftet, die Prof. Waldemar Kolmsperger schuf. Zusätzlich wurden noch zwei Engel (die jetzigen Putten) mit angebracht.

Bildhauer Hans Kreuz aus Tettenhausen schuf 1954 für das Heilige Haupt einen geschnitzten Baldachin mit Strahlenkranz und Goldener Krone. Kasten und Leidenswerkzeuge wurden wieder abgenommen. Auch die drei kleinen Puttenengel, die das Bild seit mindestens 1760 zierten, wurden entfernt und sind bis heute spurlos verschwunden.

1969 wurde der bis dahin in Weiß, Blau und Blattgold gefasste Baldachin mit den Bildern von Maria Eck, St. Johann und der Pfarrkirche neu überarbeitet und mit dem Schriftzug versehen: »O Heiliges Haupt / Du Opfer des Krieges / Du Bringer des Friedens / 1704 1969«.

Mit der Innenrenovierung 1991 kehrten der Hl.-Haupt-Schrein und die beiden Engel wieder an seinen Platz zurück.

Obwohl die Bruderschaft die letzten Jahrzehnte nur noch auf dem Papier existiert hat, ist das Interesse an ihr nicht gestorben. Es wird berichtet, dass immer wieder Menschen aus Nah und Fern an das Pfarramt schreiben und in die Bruderschaft aufgenommen werden wollen.

Die Tradition der Feier des Hl.-Haupt-Festes am zweiten Sonntag im August wurde bis 2007 beibehalten. Jetzt wird an diesem Termin nicht mehr festgehalten. Alljährlich erinnert das Fest an die Inthronisation des Gnadenbildes am Altar in der Pfarrkirche und zugleich ist es auch das Hauptund Titularfest der Bruderschaft, das mit einem vollkommenen Ablass versehen ist.

In der Schrift der Bruderschaft vom Hl. Haupte unseres Herrn anlässlich der kanonischen Errichtung von 1920 stehen die Worte: »Mögen die Hoffnungen, die sich an dieses Ereignis knüpfen, reichlich in Erfüllung gehen und so die Bruderschaft vom Hl. Haupte unseres Herrn in Siegsdorf der Pfarrei selbst und darüber hinaus dem ganzen Chiemgau zum Segen werden!«

Viele gläubige Menschen hat das Hl. Haupt an sich gezogen, egal ob katholisch oder evangelisch. Beim Betrachten des dornengekrönten Heilandes gibt es keine Glaubensunterschiede. Bekanntlich steht ja auch vor dem Lied – O Haupt voll Blut und Wunden – ein Ö (für Ökumene).

Unter den vielen, die vor dem Hl. Haupt gebetet haben, waren auch zwei, die später Nachfolger des hl. Petrus wurden, nämlich Eugenio Pacelli, später Papst Pius XII. und Josef Ratzinger, jetziger emeritierter Papst Benedikt XVI. Von Papst Pius XII. ist der Ausspruch überliefert, dass man in dieser Kirche gut beten kann. Von Papst Benedikt XVI. gibt es einige Begebenheiten, von denen eine noch zu erwähnen ist. An einem Hl.-Haupt- Fest-Nachmittag (Jahr ist nicht mehr bekannt) betete eine kleine Schar den Rosenkranz zum Fest in der Kirche. Plötzlich ging die Türe auf und Kardinal Ratzinger, sein Bruder Georg und seine Schwester (verstorben) kamen herein und beteten bei der kurzen Andacht mit.

Zu den wohl bemerkenswertesten Persönlichkeiten in der Geschichte von Siegsdorf gehört der Brunnenbauer und Hellseher Alois Irlmaier. Von ihm ist eine Prophezeiung mündlich überliefert. Diesen Worten sollte man sich abschließend hoffnungsvoll anschließen: »Es wird amoi a Zeit kemma, da wird im Chiemgau a vergessener Wallfahrtsort wieda zu Ehren kemma.« Mögen sich viele wieder auf dieses große Heiligtum besinnen, den Weg in die Wallfahrtskirche finden und in das Angesicht des dornengekrönten Heiligen Hauptes schauen und bekennen wie damals der Hauptmann Longinus auf Golgota: »Wahrlich dieser ist Gottes Sohn gewesen!« (Mt 27,54-55).


Markus Döpper

 

 

Literatur:
Albert Rosenegger, »... waß uns durch Feur und Schwerdt aufgetragen worden«, in Chiemgau-Blätter Nr. 33 und 34, vom 14.08. und 21.08.2004. Gründlicher Bericht von der gnadenreichen Bildniß des schmerzhaften Haupts Jesu Christi, gedruckt bei Jakob Lutzenberger, Burghausen 1785. Ablaß-Büchlein, Buchdruckerei Miller, Traunstein 1876. Geschichte und Statuten der Bruderschaft vom Heiligen Haupte, Oberbayer. Genossenschafts- Druckerei, Traunstein 1920. Dr. Peter von Bomhard, Baugeschichte der Pfarrkirche Siegsdorf, Prien 1952. Otto Kögl, Schulchronik von Siegsdorf, Hammer, Eisenärzt und Prüll (Vogling), Rosenheim 1958.

Anmerkungen:
3) Pfarrarchiv Siegsdorf A 173/4-2 und A 173/4-3.

 

Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 27/2015


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